Alle Artikel mit dem Schlagwort: identität

Peter Stamm – Nacht ist der Tag

Peter Stamm ist ein Schweizer Schriftsteller. Seine ersten literarischen Gehversuche waren mühsam und von vielen Absagen geprägt, Sein Roman Agnes wurde erst sechs Jahre nach Beendigung veröffentlicht. Er begann, Anglistik zu studieren, wechselte dann ins Studienfach Psychologie und war Praktikant in verschiedenen psychiatrischen Kliniken. Ab 1990 war Stamm auch als Journalist für die NZZ, den Tages-Anzeiger und die Weltwoche tätig. 2013 stand er auf der Shortlist des Man Booker Prizes. Es ist eine Lebensweisheit, die jeder kennt, aber wenige tatsächlich am eigenen Leibe erfahren (müssen) – wir lernen erst zu schätzen, was wir, manchmal unwiederbringlich, verloren haben. Erst in der Abwesenheit zeigt sich die Wertigkeit dessen, was wir immer für selbstverständlich genommen haben. Gillian ist eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, sie steht in der Öffentlichkeit und mit beiden Beinen fest im Leben und ist im medialen Kulturbetrieb ein bekanntes Gesicht. Mit ihrem Glanz überstrahlt sie bisweilen sogar ihren Freund Matthias, der mitunter nur noch als schmückendes Beiwerk an ihrer Seite fungiert. All das jedoch wird Gillian mit einem Autounfall abrupt genommen und was zunächst den Anschein erweckte …

Die Poesie der Gyde Callesen

An dieser Stelle ein ungewöhnlicher Artikel. Ungewöhnlich insofern als er den üblichen strukturellen Rahmen einer Rezension sprengt und eher als Tipp zwischendrin daherkommt. Das hängt einerseits damit zusammen, dass meine Lektüre schon einige Jahre zurückliegt, andererseits aber auch mit der Tatsache, dass ich mich im Falle Gyde Callesens nicht nur auf ein einziges Werk beschränken will. Gyde Callesen, geboren 1975 in Flensburg, ist eine deutsche Autorin, deren Poesie und Wortgewalt beeindruckend, deren literarische und metaphorische Feinfühligkeit sehr besonders ist. Seit 2000 arbeitet Gyde Callesen als freie Schriftstellerin. Im Besonderen möchte ich mich mit zwei ihrer Werke beschäftigen – Maya mein Mädchen, erschienen 2003 und Käfer sind ungerade, erschienen 2006. Maya mein Mädchen erzählt fast schmerzhaft intensiv von der Identitätssuche und Vergangenheitsbewältigung einer jungen Frau. Sie ist Künstlerin und bemerkt mit wachsendem Alter immer mehr, wie sehr sich ihre Wahrnehmung und ihr Empfinden von dem anderer unterscheidet. Sie scheint viel intensiver wahrzunehmen, scheint Schwierigkeiten zu haben, sich als Mensch und Individuum in den großen Zusammenhang einzuordnen. Sie ist sich fremd, rinnt sich selbst immer wieder wie …

Björn Bicker – Was wir erben

Björn Bicker ist ein deutscher Autor. Er studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen und Wien und arbeitete als Dramaturgieassistent und Dramaturg am Wiener Burgtheater und den Münchner Kammerspielen. Er schreibt Theaterstücke, Essays und Hörspiele. Bereits 2009 veröffentlichte er ,Illegal – wir sind viele. Wir sind da‘, eine Schrift über das Leben illegaler Einwanderer in Deutschland. Was wir erben, ebenso wie Illegal, ist im im Kunstmann Verlag erschienen. Wir alle stellen uns früher oder später die Frage, woher wir kommen. Inwiefern unsere Vergangenheit und die Menschen, denen wir begegnet sind, uns beeinflusst haben. Wir fragen uns, was wir erben, von unseren Eltern, unseren Großeltern, dem Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und das für uns lange Zeit den wichtigsten Bezugspunkt unseres Lebens dargestellt hat. Was aber ist, wenn wir diesen Bezugspunkt um jeden Preis vergessen, unsere Vergangenheit am liebsten von uns entkoppeln würden? Theaterschauspielerin Elisabeth führt ein, von außen betrachtet, geordnetes Leben. Mit Holger, einem erfolgreichen Chirurgen, verbringt sie Tage und Nächte, ohne viel über ihre Kindheit und Jugend nachzudenken. Das ändert sich schlagartig, …

Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst

Jonas Bengtsson ist ein dänischer Autor. Für seinen ersten Roman Aminas Briefe wurde er 2005 mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet. 2007 folgte sein zweiter Roman Submarino, der von Thomas Vinterberg verfilmt wurde. Wie keiner sonst ist sein dritter Roman. Frank Zuber übersetzte ihn aus dem Dänischen ins Deutsche. Dieser Roman ist, da wird er seinem Namen zweifellos gerecht, in der Tat wie keiner sonst, den ich in der letzten Zeit gelesen habe. Es war mein erster Roman von Jonas Bengtsson, doch es kostet nicht viel Zeit, herauszufinden, dass Bengtsson eine Vorliebe für Geschichten vom Rande der Gesellschaft hat, Geschichten von Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist, die sich längst abgewandt haben von dem, was man gemeinhin unter Normalität versteht. In seinen Romanen geht es um Gewalt, um Schmerz, um Krankheit und Sucht. Stets dreht es sich um die Suche nach Halt und Geborgenheit unter denkbar schlechtesten Bedingungen. So auch in seinem neuesten Roman Wie keiner sonst, erschienen im Kein & Aber Verlag. Wir begleiten einen siebenjährigen Jungen und seinen Vater in ein völlig …

Marjorie Celona – Hier könnte ich zur Welt kommen

Marjorie Celona ist eine kanadische Autorin. Sie lebt in Cincinnati, wo sie an der Universität lehrt. Ihre Kurzgeschichten erschienen bereits verschiedentlich in Magazinen, Hier könnte ich zur Welt kommen ist ihr Debütroman. Ich klappe das Buch zu und spüre, wie die Geschichte in mir nachhallt. Nicht zuletzt, weil sie auch mein Leben auf eine bestimmte Weise berührt, mich daran erinnert, dass auch ich einen Elternteil nicht kenne. Ich meine, mich in Shannon und ihre Suche irgendwie hineinfühlen zu können, glaube, in ihrer Orientierungslosigkeit ein Stück meiner eigenen zu entdecken. Shannon ist ein Findelkind. Sie wird im Morgengrauen von ihrer Mutter, die selbst gerade achtzehn und noch fast ein Kind ist, in ein graues Sweatshirt gehüllt vor dem örtlichen YMCA-Gebäude abgelegt. Schnell verschwindet die junge Frau im blauen Overall wieder in der Dämmerung, nicht ohne ihrem neugeborenen Kind noch einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Doch sie wurde beobachtet. Von einem Mann, der viel beobachtet, was er eigentlich gar nicht wissen will. Der Mann wünscht sich so sehr, ich läge nicht da, dass er es …