Alle Artikel mit dem Schlagwort: frankreich

Gila Lustiger – Erschütterung

Etwas über drei Monate sind seit den Pariser Terroranschlägen vom November 2015 vergangen, bei denen knapp 130 Menschen starben. Einer der Attentäter, Salah Abdeslam, ist nach wie vor auf der Flucht. In ihrem Essay “Erschütterung” beleuchtet die Wahlpariserin Gila Lustiger die Ursprünge des Terrors. Was bringt im Westen sozialisierte junge Männer zu Taten wie diesen? Wo liegen politische Versäumnisse? Und kann man in Zukunft solche Katastrophen verhindern? Nach Paris war Fassungslosigkeit. Lagen tiefe Trauer und trotziger “Jetzt erst recht”-Hedonismus nahe beieinander, zeigten sich gar als zwei Seiten derselben Medaille. Auch Gila Lustiger, Autorin und seit 1987 in Paris lebend, trafen die Anschläge tief und unvermittelt. In den Tagen unmittelbar danach kann sie, wie sie schreibt, kaum Abstand von den Nachrichten gewinnen. Sie liest alles, was zu den Anschlägen und den Attentätern veröffentlicht wird, ob wackelige Spekulation oder bestätigte Tatsache. Alles in der Hoffnung, durch mehr Informationen auch zu mehr Verständnis zu gelangen. Je mehr Fakten auf dem Tisch liegen, desto mehr kann man sich überzeugend einbilden, die Lage zu überblicken und die Ungeheuerlichkeit mit kühlem …

Eugène Ionesco – Die Nashörner

Eugène Ionesco (1909-1994) war ein französisch-rumänischer Schriftsteller, der sich zum Surrealistischen und Absurden hingezogen fühlte. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des absurden Theaters. Ionesco reagierte mit dem oben genannten Stück unter anderem auf den zusehends unreflektiert ausbrechenden Patriotismus und Rassismus, die in Frankreich zur Zeit des Algerienkrieges aufkamen. Ionesco erklärte später selbst, die vorliegende Geschichte sei eine Kritik an Massenbewegungen im Allgemeinen, die sich nicht auf bestimmte Ideologien bezöge. In Deutschland hatte man die Aufführung leichtfertig als Persiflage auf den Nationalsozialismus interpretiert. Ionesco beschreibt in seinem Stück die schrittweise Verwandlung einer ganzen Stadt in schnaubende und wütende Nashörner. Es beginnt mit den Protagonisten Behringer und Hans, die an einem Sonntagnachmittag in einem Café sitzen. Hans kritisiert den gelangweilten und etwas derangierten Behringer wegen seines Alkoholkonsums und versucht, ihn zu einerVeränderung zu bewegen, als plötzlich ein Nashorn panisch über den Marktplatz galoppiert. Während die meisten anderen umstehenden Personen völlig konsterniert sind und ihren Augen nicht trauen, scheint Behringer das ganze Spektakel recht wenig zu verwundern, im Gegenteil, er versucht sogar rationale Begründungen für die …

Guy de Maupassant – Bel Ami

Guy de Maupassant (1850-1893) war ein französischer Romancier des 19.Jahrhunderts. Maupassant war ein Jugendfreund Gustave Flauberts, der besonders für seinen Roman Madame Bovary bekannt sein dürfte. Maupassant begann ein Jurastudium, was er allerdings niemals beendete. Abgesehen von seinen literarischen Texten verfasste Maupassant auch regierungskritische Artikel in einigen Pariser Zeitungen. Maupassants zunehmender Drogenkonsum, vermutlich auch vor dem Hintergrund der Gewissheit, sich mit Syphilis infiziert zu haben, führte zu erheblichen gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen und Halluzinationen. 1892 unternahm Maupassant einen Selbstmordversuch, den er zwar überlebte, woraufhin er aber in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, in der er schließlich starb. Bel Ami ist einer der späteren Werke, dennoch aber nicht zu vernachlässigen, wenn man über Maupassant spricht. Es erzählt die Geschichte George Duroy, der einigermaßen mittellos im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts herumstreunt. Er hat nichts, ist ungebildet und nach seinem Ausscheiden aus militärischen Kreisen eigentlich eine eher unbedeutende Gestalt, bis er eines Tages zufällig auf der Straße seinen alten Kameraden Forestier wiedertrifft. Der arbeitet bei der La vie française, einer bekannten französischen Tageszeitung. Vielleicht um der …

Émile Zola – Germinal

Émile Zola (1840-1902) war ein französischer Schriftsteller und gehört neben Balzac und Maupassant zu den bedeutendsten französischen Romanciers. Drüber hinaus war Zola sehr aktiv als Journalist tätig und beteiligte sich rege am politischen Leben. Zola konzipierte seine Werke jeweils als Teile des 20-bändigen Zyklus Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire, so auch Germinal. (die Geschichten kann man allerdings auch problemlos unabhängig voneinander lesen) Germinal bedeutet  Keimmonat und entspricht etwa dem April des französischen Revolutionskalenders. Der Titel nimmt Bezug auf das Aufbegehren der arbeitenden Bevölkerung, das dem Keimen eines Samens gleicht. Germinal erzählt als Roman von den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Bergarbeiter zur Zeit der Industrialisierung gelebt und gearbeitet haben. Wir erleben mit, wie in den Bergwerken geschuftet wird, während zuhause kein Essen auf dem Tisch ist, wir erfahren von der körperlich sehr auszehrenden und anstrengenden Arbeit, die die Bergarbeiter jeden Tag leisten und wir sehen die, die, trotzdem sie nicht wirklich viel arbeiten, wesentlich mehr auf dem Tisch haben. Eine Problematik, die ja auch heute nicht veraltet ist, wenngleich …

François Lelord – Das Geheimnis der Cellistin

François Lelord werden die meisten entweder im Zusammenhang mit psychiatrischer Praxis oder aber durch seine Hectorromane kennen. (Hector oder die Suche nach dem Glück 2003, Hector und die Geheimnisse der Liebe 2005, Hector und die Entdeckung der Zeit 2006, Im Durcheinandertal der Liebe 2008, Hector und die Geheimnisse des Lebens 2010). Lelord arbeitete jahrelang als Psychiater sowohl in öffentlichen Krankenhäusern als auch in seiner Privatpraxis. Mit Christophe André schrieb er überwiegend Fachbücher zu psychologischen Themen. Mit Das Geheimnis der Cellistin, ursprünglich 1993 erschienen, gibt Lelord Einblick in seine psychiatrische Praxis. In mehreren leicht verständlichen Kapiteln werden die Symptomausprägungen verschiedenster Störungen beschrieben. Es finden sich Abhandlungen über Agoraphobie, Autismus, Depression, Schizophrenie, Bulimie und akute Stressreaktionen. Lelord unterwirft hier seine damaligen Schriften einem prüfenden Blick und gibt nicht nur Einsicht in die Hirnforschung und etwaig vorhandene genetische Dispositionen, sondern er zieht auch einen grundsätzlichen Vergleich zwischen damaligen und heutigen Behandlungsmethoden. Nicht immer hat sich viel verändert, ab und an bemerkt man aber doch den Fortschritt der heutigen Psychiatrie. Hier sehe ich den ersten, allerdings einzigen Kritikpunkt. Man merkt …