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Doris Knecht – Wald

Als erfolgreiche Modedesignerin hatte Marianne – genannt “Marian”, geheimnisvoll und androgyn – alles, was sie sich wünschen konnte. In Angesicht der Wirtschaftskrise verliert sie alles, nicht nur ihr sprichwörtlich letztes Hemd und muss in ein dörflich gelegenes Haus am Wald ziehen. Es wird eine Reise von der Selbstverständlichkeit hin zur Dankbarkeit. Es war einmal selbstverständlich, der Putzhilfe Geld dafür anzubieten, sich ein dem heimischen Dinner angemesseneres Kleid zu kaufen. Es war selbstverständlich, einer Diva der lokalen Theaterbühne für den Opernball ein Kleid auf den etwas üppigeren Leib zu schneidern. Selbstverständlich waren außerdem: Fußbodenheizung, Panoramafenster, Reisen, teurer Champagner, das Gefühl, zwar privilegiert, aber nicht unsäglich versnobt zu sein. Ein bisschen exzentrisch, aber nicht exaltiert. Wie brüchig und instabil all diese Selbstverständlichkeiten sein können, erfährt Marian nicht nur im Zusammenbrechen ihrer Partnerschaften, sondern auch im Zusammenbrechen der globalen Finanzwirtschaft. Stück für Stück verliert sie erst ihren eigenen Laden, ihre unnötigen Besitztümer, dann das Notwendigste, schließlich ihre Wohnung in bester Lage. Um sich nicht der Mildtätigkeit und Güte ihrer Freunde und Bekannten auszusetzen, flieht sie in den Wald. …