Alle Artikel mit dem Schlagwort: dörlemann verlag

Colum McCann – Verschwunden

Die Grenzen der Sprache verlaufen an Erfahrungen entlang, für die es kaum adäquate Worte gibt. So fehlt in den meisten Sprachen ein Wort für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Das Hebräische bietet ,Sh’khol’ an, das nicht nur ,umschattet’ bedeutet, sondern auch der Originaltitel von Colum McCanns Erzählung vom Verschwinden eines Kindes ist. Übersetzerin Rebecca Barrington lebt mit ihrem Adoptivsohn Tomas seit kurzem im irischen Galway nahe der Küste. Der Junge ist dreizehn Jahre und aufgrund pränataler Schädigungen durch den Alkoholkonsum seiner leiblichen Eltern taub. Als er sechs war, adoptierte ihn Rebecca in einem Waisenhaus in Wladiwostok. Nun verbringen die beiden das erste Weihnachten gemeinsam in der neuen  Heimat. Unter den Geschenken für Tomas ist in diesem Jahr auch ein etwas zu groß geratener Neoprenanzug für Schwimmausflüge. Am Weihnachtsmorgen probieren die beiden ihn aus, Tomas watschelt in Chaplin-Manier ins flache Wasser und ist zufrieden. Fast schwimmt er zu weit auf See, Rebecca kann ihn gerade noch zur Umkehr bewegen. Und das, obwohl er sie nicht hören kann. Am nächsten Morgen ist Tomas plötzlich spurlos verschwunden. …

David Garnett – Dame zu Fuchs

Bereits 1952 schon einmal im Rowohlt Verlag als “Meine Frau die Füchsin” veröffentlicht, geriet David Garnetts kafkaeske Erzählung schließich wieder in Vergessenheit. Ebenso wie David Garnett, geboren 1892, Buchhändler und Verleger. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: als die frisch vermählten Mr. und Mrs. Tebrick eines Tages in einem Wäldchen spazierengehen, verwandelt sich Mrs. Tebrick unerwartet in einen Füchsin. Das stellt ihr Zusammenleben und ihre Liebe auf eine harte Probe. David Garnett hatte eine Vorliebe für Geschichten mit Tieren. In “A Man In The Zoo” erzählt er von einem Mann, der sich im Tierpark ausstellen lässt. Sein Erstlingswerk jedoch ist das enigmatische Kleinod “Lady Into Fox”, das erstmals 1922 veröffentlicht wurde. Es erzählt von dem Ehepaar Tebrick, dessen Ehe durch die Verwandlung von Mrs. Tebrick in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr Fuchswerden geschieht plötzlich, grundlos, völlig unerwartet. Zwar sei ihr Name vor der Hochzeit Fox gewesen, darüber hinaus habe aber nicht das Geringste auf ein solches Schicksal hingewiesen. Benimmt sich Mrs. Tebrick zunächst noch sehr menschlich – sie lässt sich einparfümieren, ankleiden, isst am Tisch und …

Pierre Bost – Bankrott

Bankrott gehen kann man auf ganz unterschiedliche Weise – ganz klassisch finanziell, aber auch persönlich, moralisch. In Pierre Bosts ursprünglich 1928 erschienenen Roman gerät Zuckerfabrikant Brugnon in einen Strudel des Scheiterns, der in einer ganz umfassenden Weise sein bisheriges Leben wie ein zerstörerischer Strom mit sich reißt. Am Ende ist er persönlich und finanziell ruiniert. Das Wort Bankrott geht ursprünglich auf den italienischen Ausdruck “banca rotta” zurück, der soviel wie “zerschlagener Tisch” bedeutet. Dem zahlungsunfähigen Schuldner wurde zur Zeit der Renaissance der Tisch zerstört, an dem Geldwechsler ihre Dienste anboten, wenn er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Um Verpflichtungen geht es auch Bosts Protagonist Brugnon in erster Linie. Er übernimmt als Nachfolger seines Vaters den Familienbetrieb und macht sich schnell als windiger, gelegentlich ungestümer Unternehmer einen Namen, dem in der einschlägigen Boulevardpresse der Ruf vorauseilt, verrückt zu sein. Oder psychisch wenigstens verhaltensauffällig. Schon sein Vater hatte Brugnons Eifer nie dämpfen oder in die Schranken weisen können; er ist das, was wir heute einen Workaholic nennen. Stets auf seinen Erfolg bedacht, diszipliniert, bis zur vollständigen …

Sigismund Krzyzanowski – Der Club der Buchstabenmörder

Im Club der Buchstabenmörder treffen Männer unter der Prämisse zusammen, ihre kreativen Einfälle und literarischen Fantasien auf keinen Fall in schriftlicher Form zu Papier zu bringen. Gewissheit tötet Freiheit, Tinte auf Papier Ideen. Indem sie ihnen eine Leine um den Hals legt und sie damit in eine strenge Form nötigt. So treffen sich also diese Herren unter der Schirmherrschaft eines einstmals bekannten und gefragten Schriftstellers samstäglich in trauter Runde, um sich nach Boccaccio-Manier Geschichten zu erzählen. Die Werke Sigismund Krzyzanowskis sind, trotzdem er seinerzeit einige bekanntere Fürsprecher hatte, bis heute den meisten unbekannt. Sie werden aufgrund ihrer phantastisch-düsteren Färbung häufig verglichen mit Kafka, Poe, E.T.A. Hoffmann oder Borges, was sich im Mitte der 1920er geschriebenen „Der Club der Buchstabenmörder“ deutlich widerspiegelt. Durch den Tod seiner Mutter gezwungen, den Großteil seiner Privatbibliothek zu veräußern, um zur Beerdigung zu reisen, sieht sich ein Schriftsteller plötzlich mit der inspirierenden Kraft der Leere konfrontiert. Während er anfangs noch versucht, bekannte Geschichten wie Cervantes’ Don Quijote so gut es geht vor dem leeren Regal zu rekapitulieren, entwickeln seine Fantasien ein …

Bitte übernehmen Sie, Jens Steiner!

© Marc Wetli Das Schreiben begann für mich.. als ich begriff, dass Lesen allein die Schlaflosigkeit nicht lindert. Ein Buch muss.. mir zeigen, wie die Dinge sind, aber auch, dass sie anders sein könnten. Ich möchte, dass ein Buch mir von der Veränderlich- und Veränderbarkeit des Lebens erzählt, von den sich wandelnden Bedingungen der Liebe, des individuellen und kollektiven Glücks, des Heranwachsens, des Altwerdens, des Sterbens. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. mich endlich wie ein rechter Schweizer verhalten und anständig Geld verdienen. Ein Kindheitstraum von mir war.. Fliegen. Unsichtbar sein. Ein Däumling sein. Ein Riese sein. Sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen können. Kinetische Fantasien hege ich immer noch, allerdings hat das Leben ihnen die Flügel gehörig gestutzt. Heute träume ich höchstens davon, ein guter Slackliner zu werden, vor meinem vierzigsten Geburtstag nochmals den Kopfsprung vom Dreimeterbrett zu schaffen, einmal einen ganzen Hang nur auf dem linken Ski hinunterzubrettern. Wenn ich nicht schlafen kann.. schreibe ich. Völlig unterschätzt wird.. connectedness, die sich aus offline ergibt. Online winkt dein Hirn Input auf Input an deinem …

Jens Steiner – Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit

In Jens Steiners neuem Roman überstürzen sich die Dinge nicht selten in loriot’scher Zimmerverwüstungsdynamik. Eines greift unwillentlich ins nächste, was ursprünglich eine politische Aktion war, wird plötzlich zur unfreiwilligen Familienzusammenführung. Und zwischen allem und jedem: Schopenhauers Pudel und ein descartscher Homunkulus. Dieses Tableau an Skurrilitäten ist zwar genauso absurd wie es klingt, macht deshalb aber mitnichten weniger Spaß. Eigentlich ist Paul Kübler ein ganz normaler Philosophiestudent. Gemeinsam mit seinem Freund Magnus bildet er gewissermaßen eine eigene Einheit innerhalb der Studentenschaft. Die beiden nehmen ihr Studium und seine Inhalte nicht ganz so verbissen, lesen statt Parmenides auch Perry Rhodan und tun sich gelegentlich mit manch scharfsinniger Betrachtung ihres Umfelds hervor. Ihr größter Coup soll ihnen aber gelingen, als Medienmogul Henri Kudelka sich für einen Vortrag auf dem Universitätsgelände ankündigt. Er, dem nachgesagt wird, dass er mehrere Zeitungen besitzt und kontrolliert, will zur Zukunft der Printmedien im 21.Jahrhundert referieren. Das stachelt die beiden Sonderlinge zu einer politisch-motivierten Aktion an, die beweisen soll, wes Geistes Kind Kudelka tatsächlich ist. Nämlich einer, der Macht hat und Macht nutzt, um …

Michael Frayn – Streichholzschachteltheater

Michael Frayn hat Humor. Das weiß man spätestens seit ,Willkommen auf Skios‘. Er schreibt auch für die Theaterbühne, wurde 2004 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Für seine Aufarbeitung bedeutender Ereignisse deutscher Zeitgeschichte. Mit ,Streichholzschachteltheater’ präsentiert Michael Frayn nun dreißig ,zündende’ Unterhaltungen, weniger für die Bühne als für den Kopf, unheimlich komisch und hochintelligent! Man stelle sich nur einmal vor, man säße im Nobelpreiskomitee in Stockholm und müsse den jeweiligen Gewinnern auf ihrem Fachgebiet die freudige Nachricht überbringen. Eigentlich nichts, was in unserer Vorstellung Komplikationen hervorriefe. Nähmen wir aber weiterhin an, jeder dieser zukünftigen Preisträger legte bereits nach den Worten ,Ich wollte Ihnen mitteilen, dass sie gewonnen haben ..‘ pikiert auf, weil er den Anrufer mindestens für unseriös hält. Eine solche Situation enthält überraschend viel Komik, die Michael Frayn in einem seiner Dialoge brilliant herauszuarbeiten versteht. Überhaupt liebt Frayn das Absurde, das alltäglich Banale, das von Zeit zu Zeit an einen Loriot-Sketch erinnert. So werden wir als “Zuschauer” der zündenden Dialoge Zeuge zweier Ehepaare in einem Café, von denen sich eines über in der Vergangenheit besuchte …