Alle Artikel mit dem Schlagwort: dbp15

Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Es ist der vermutlich irrsinnigste Roman dieses Jahres: “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”, der rund 1000-seitige Geniestreich des Grazer Autors Clemens J. Setz. Kürzlich erst mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet, präsentiert Setz ein Potpourri aus Neurose und Wahnwitz, das in beklemmender Detailgenauigkeit die Welt auf eine völlig andere Weise illustriert als wir sie kennen. Es ist kein Roman für viele, aber für die wenigen, die sich ihm hingeben können und wollen, ein intensives Erlebnis weit über die bloße Rezeption des Textes hinaus. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die einundzwanzigjährige Natalie Reinegger, die als Betreuerin ihre Arbeit in einem Wohnheim für geistig und körperlich Behinderte beginnt. Natalie ist keineswegs gewöhnlich, vielmehr bildet sie mit ihrer vielschichtigen Wahrnehmung die Basis des Romans. Sie ist Epileptikerin, Synästhetikerin – d.h. ihre reichhaltigen Sinneseindrücke weisen einem Gefühl schonmal Scharfkantigkeit zu oder einem bestimmten Wort eine spezielle Farbe – und hat einige Zeit in einer Sekte zugebracht. Sie lebt allein mit ihrer Katze, geht noch zu Beginn des Romans regelmäßig “streunen” (womit sie vergleichsweise wahllosen Oralsex mit unterschiedlichsten Männern versteht), mischt …

Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

In Heinz Helles neuem Roman “Eigentlich müssten wir tanzen” ist die Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen geraten. Sie gleicht einem zerstörten Kriegsgebiet, wenn die Ursache der verheerenden Zerstörung auch im Unklaren bleibt. Für die fünf jungen Männer, die ihr Wochenende auf einer Berghütte verbringen, ist dieser Ausflug lebensrettend. Aber wie lebt es sich in einer Welt, die nur noch aus Zerstörung, Elend und Einsamkeit besteht? Was bleibt übrig von Mensch, Kultur und Zivilisation? Ein eindringliches, lakonisches und trotz aller Ödnis sehr intensives Buch. Kürzlich ließ ein Wetterdienst verlauten, in naher Zukunft könnte ein Meteorit die Erde auslöschen. Die Ankündigung des nahenden Weltuntergangs hat Tradition, auch wenn sie überwiegend friedfertig belächelt wird. Die Welt ist selbstverständlich, solange wir nicht vom Gegenteil überzeugt werden. So wie Drygalski, Fürst, Gruber, Golde und der Ich-Erzähler in Heinz Helles “Eigentlich müssten wir tanzen”. Eigentlich wollten sie auch nur ein Wochenende auf einer verschneiten Berghütte verbringen und retten sich damit unwissentlich, ja zufällig ihr Leben. Als sie die Hütte verlassen, um den Nachhauseweg anzutreten, sehen sie das Dorf …

Gedanken zur Shortlist

Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 hat das Licht der Öffentlichkeit erblickt – und muss sich jetzt den zahlreichen Kritikern stellen. Denen, die etwas vermissen. Denen, die sich Verkäuflichkeit und Zugänglichkeit erwarten. Denen, die höchste literarische Kunstfertigkeit schätzen und besonders dann für preiswürdig halten, wenn die anvisierte Leserschaft sich auf einen möglichst erlauchten Kreis an Menschen mit profundem Fachwissen beschränkt. Diskussion haben Long – wie Shortlist schon seit jeher ausgelöst und das ist wahrscheinlich einer der positivsten Nebeneffekte dieser Preisverleihung: es entsteht ein Gespräch über Literatur, über Maßstäbe, Erwartungen und Prioritäten. Manch einem mag dabei aufstoßen, dass sich dank sozialer Medien und engmaschiger Vernetzung nun auch Diskutanten einschalten, die Literatur vornehmlich danach beurteilen, wie lesbar sie ist. Insgesamt aber profitieren Diskussionen sicher von der Vielstimmigkeit. Diese Shortlist ist sperrig. Sämtliche vergleichsweise leicht lesbare Titel wie „89/90“ (vermutlich wollte man nicht wieder DDR-Thematik auszeichnen), „Bodentiefe Fenster“, „Baba Dunjas letzte Liebe“ oder „Applaus für Bronikowski“ sind aus dem Rennen, genauso wie die hochpoetischen Weltuntergangsszenarien von Valerie Fritsch und Heinz Helle. Clemens Setz, bereits mehrfach für den Buchpreis …

Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen

Der neue Roman von Jenny Erpenbeck ist so aktuell, dass man meinen könnte, er sei in weiser Voraussicht für diese Tage geschrieben worden. Tage, in denen Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen, in denen wieder einmal Unterkünfte brennen. Tage, in denen sich eine große Solidarität zeigt, aber auch Extremismus und Menschenhass. Ist er aber deshalb auch lesenswert, bloß weil er den Finger in eine Wunde legt, die uns alle angeht? Richard ist nun Emeritus, ehemaliger Professor für Alte Sprachen und nach seinem Ausscheiden aus dem universitären Betrieb vor allem mit einer schier unüberschaubaren Fülle freier Zeit konfrontiert. Er macht sich viele Gedanken, über sich, sein Leben, die Vergänglichkeit und darüber, was wirklich wichtig ist und einmal übrig bleibt. Seine Frau hat er bereits vor einigen Jahren verloren, zu seiner einstigen Geliebten hat er keinen Kontakt mehr. Richard ist in der DDR aufgewachsen und sozialisiert, im Westen Berlins kennt er sich noch immer nicht besonders gut aus. Seine Familie ist ihrerseits von Schlesien nach Deutschland übergesiedelt und um ein Haar wäre er auf einem überfüllten Bahnsteig von …

Longlist des Deutschen Buchpreises 2015

© Rainer Rüffer; Die Jury von links nach rechts: U. Sárkány, C. Kramatschek, M. Hinterhäuser, U. Kloke, R. Keussen, B. Schulte, C. Schmidt Die Jury des Deutschen Buchpreises 2015 hat entschieden und wieder einmal zwanzig Romane herausgepickt, die die besten des Jahres sein könnten. Fraglos keine leichte Aufgabe, unter 167 Titeln 20 auszuwählen, die diese Ehrung vermeintlich verdienen und die die literarische Öffentlichkeit in den nächsten zwei Monaten mit Spekulationen, Kritik und Analysen beschäftigt halten können. Nichtsdestotrotz, alea acta est, hier sind sie nun, mit einem jeweils kurzen Kommentar: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe Gerade erst erschienen und schon der Sprung auf die Longlist. Ein lohnens – und lesenswerter Roman über die alte Baba Dunja, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl aller Warnungen zum Trotz in ihr ehemaliges Heimatdorf zurückkehrt. Eine Rezension findet ihr hier, außerdem habe ich kürzlich ein kleines Interview mit der Autorin veröffentlicht. Ralph Dutli – Die Liebenden von Mantua Bereits 2013 stand Ralph Dutli mit ,Soutines letzte Fahrt‘ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. In seinem neuen Roman geht es …