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Colum McCann – Verschwunden

Die Grenzen der Sprache verlaufen an Erfahrungen entlang, für die es kaum adäquate Worte gibt. So fehlt in den meisten Sprachen ein Wort für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Das Hebräische bietet ,Sh’khol’ an, das nicht nur ,umschattet’ bedeutet, sondern auch der Originaltitel von Colum McCanns Erzählung vom Verschwinden eines Kindes ist. Übersetzerin Rebecca Barrington lebt mit ihrem Adoptivsohn Tomas seit kurzem im irischen Galway nahe der Küste. Der Junge ist dreizehn Jahre und aufgrund pränataler Schädigungen durch den Alkoholkonsum seiner leiblichen Eltern taub. Als er sechs war, adoptierte ihn Rebecca in einem Waisenhaus in Wladiwostok. Nun verbringen die beiden das erste Weihnachten gemeinsam in der neuen  Heimat. Unter den Geschenken für Tomas ist in diesem Jahr auch ein etwas zu groß geratener Neoprenanzug für Schwimmausflüge. Am Weihnachtsmorgen probieren die beiden ihn aus, Tomas watschelt in Chaplin-Manier ins flache Wasser und ist zufrieden. Fast schwimmt er zu weit auf See, Rebecca kann ihn gerade noch zur Umkehr bewegen. Und das, obwohl er sie nicht hören kann. Am nächsten Morgen ist Tomas plötzlich spurlos verschwunden. …