Alle Artikel mit dem Schlagwort: buchhandel

Lübecks Prosa

Seit Mai 2017 liegt in der Lübecker Dr-Julius-Leber-Straße 42 eine kleine Oase. Die Straße gehört sonst nicht unbedingt zu den kopfsteingepflasterten Flaniergässchen wie Lübeck ja einige hat. Etwas grau ist sie und durch das im oberen Drittel gelegene Stadtteilbüro durchweht von einem Hauch kommunaler Bürokratie. Wer diese Straße entlang geht, der hat in der Regel ein festes Ziel vor Augen, stadtin- oder auswärts. Seit nicht ganz eineinhalb Jahren kann das Ziel nun auch Prosa – Der Buchladen heißen – der Name ist Programm. Prosa ist von übersichtlicher Größe, die bekanntlich im Falle eines Buchladens praktisch nichts über seine inneren Werte aussagt. Betritt man den Laden, wird zweierlei sehr schnell deutlich: 1) Hier wird handverlesen, was den Sprung in die Regale meistert, 2) Frontalpräsentation von Büchern ist eine Verführungskunst. Kein Buch bei Prosa dreht den Kund*innen den Rücken zu, jedes Cover kommt in seiner ganzen Breite zur Geltung. Und jaja, don’t judge a book by it’s cover, ich weiß, trotzdem bleibt das Auge immer wieder hängen, an diesem und jenem. Man geht aufmerksamer die Regale entlang, …

Torsten Woywod – In 60 Buchhandlungen durch Europa

Torsten Woywod, Buchhändler, hat getan, was wohl die wenigsten von uns jemals tun werden. Er hat erschreckend spontan seine Wohnung und seinen Job gekündigt, um sich einen Traum zu erfüllen. Zu sämtlichen Buchhandlungen der Welt wolle er reisen, sich dort umsehen und andere Literaturbegeisterte treffen, die an vorderster Front für das Buch kämpfen. Auf der Facebookseite Around the World in 100 Bookshops konnte man ihm wenigstens aus der Ferne dabei zusehen. Den europäischen Teil dieser Reise gibt es nun in Buchform. Buchhandlungen sind ein Sehnsuchtsort. Sowas wie eine bedrohte Tierart, deren Schönheit und Kraft man erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, da sie von der Bildfläche zu verschwinden drohen. Plötzlich spielen unzählige Romane in kleinen, urigen Buchhandlungen mit diesem ganz eigenen unbeugsamen Charme. Nicht nötig zu erwähnen, dass solche romantischen Fantasien in aller Regel wenig mit der Realität zu tun haben, ja, nicht selten eine Form von Buchhandlung heraufbeschwören, wie sie heute nur noch selten überleben könnte. Nichtsdestotrotz haben Buchhandlungen aber eine besondere Anziehungskraft, wohnt da ein gewisser Zauber in ihnen. Das wird kaum jemand …

Woanders: Der Deutsche Buchpreis im Ausland

© Mike Birdy. Stocksnap. Mit dem Deutschen Buchpreis wird seit 2005 der “beste Roman des Jahres” ausgezeichnet. Jedes Jahr zieht die Verkündung der Longlist hitzige Diskussionen über die Auswahl der Titel und den Preis im Allgemeinen nach sich. Wie Jörg Sundermeier jüngst in einem Artikel herausstellte, gehören auch diese Diskussionen unweigerlich zum Geschäft. Sie beleben das Gespräch über Literatur, legen Kriterien und Schwachpunkte jeder Juryentscheidung – für welchen Preis auch immer – bloß und rücken Titel in den Fokus, die gerade weil sie (unverdientermaßen) nicht zu den Nominierten gehören, einen Blick wert sind. Was aber bewirkt der Deutsche Buchpreis im Ausland? Es gibt wohl keine Buchpreisträgerin, deren Roman mehr Auslandslizenzen verkauft hat, wie die 2007 prämierte Autorin Julia Franck. Insgesamt 33 Auslandslizenzen von “Die Mittagsfrau” wurden verkauft, damit ist der Roman auch nach acht Jahren noch ungeschlagener Spitzenreiter. Und das, obwohl er sich in den zwei Monaten nach der Preisverleihung in Deutschland selbst z.B. deutlich schleppender verkaufte (266.000 Exemplare) als Tellkamps “Der Turm” (450.000), der mit nur 11 Auslandslizenzen eher im unteren Drittel angesiedelt ist. …

Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis

Innenansicht von cohen + dobernigg, Hamburg Nicht mehr ganz zwei Wochen und die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 wird bekanntgegeben. Ich habe das zum Anlass genommen, bei Buchhändlern nachzuhaken: wie stehen sie zum Buchpreis? Was assoziieren sie damit? Haben sie Tipps für die Longlist? Das Stimmungsbild ist überwiegend positiv, wenn auch nicht unkritisch. Auch im elften Jahr seines Bestehens wird der Buchpreis nicht frenetisch gefeiert. Die einen schimpfen ihn Marketingpreis ohne literarische Aussagekraft, die anderen empfinden die jährliche Auswahl als zu publikumsfern, zu verkopft. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo dazwischen. Angelika Abels, Angelikas Büchergarten (Ruppichteroth) Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis? Bücher die ausgezeichnet werden, weil sie etwas “Besonderes” sind. Für mich sind das Bücher die aus der “Norm” fallen, sei es sprachlich oder thematisch. Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle? Da ich erst letztes Jahr im September eröffnet habe, kann ich dazu noch nicht viel sagen. Ich habe jedoch vor, die Bücher der Longlist in meiner Buchhandlung zu präsentieren. Sehen Sie eine Veränderung über …

Wildkatzen im Rudel

Stephan Porombkas Plakat war zweifellos eines der am meisten fotografierten Motive Am Samstag war es dann endlich soweit. Fans, Unterstützer, Liebhaber, Leser und andere Buchmenschen trafen in der Berliner Brunnenstraße 181 zusammen, um für den Erhalt ocelots zu kämpfen. Als vor kurzem bekannt wurde, dass der Laden Insolvenz anmelden musste, schwappte eine Solidaritätswelle gigantischen Ausmaßes durch’s Internet. Landauf, landab wurde zur Unterstützung aufgerufen, es entstand die Facebookseite rettet das ocelot, der Hashtag #supportocelot und eben auch die Idee eines Flashmobs. Teil dessen waren ocelot-Masken, die jeder der Anwesenden zum verabredeten Zeitpunkt überstreifen und damit zum Inbegriff einer bedrohten Art werden sollte. Auch der Lebensraum des Buchkäufers wäre mit der Schließung ocelots erheblich beschnitten, ganz ohne Zweifel. Bereits vom frühen Morgen an saßen die Organisatoren der Aktion an ihren Laptops, bereit den Tag für alle zu dokumentieren, die nicht dabei sein konnten oder sich womöglich später daran erinnern wollten. Patrick Hutsch, Konstantin Seefeldt, Fabian Thomas und Nathalie Schöttler sitzen schon etwas länger an den mit leeren oder halbvollen Kaffeebechern und -tassen bedeckten Tischen, als ich gegen …

Warum wir den Buchhandel brauchen

ocelot – not just another bookstore in Berlin, Foto: Klappentexterin Mitte dieser Woche gab es traurige Nachrichten aus Berlin. Die Szene – und Vorzeigebuchhandlung ocelot hat Insolvenz angemeldet und sucht nun nach einem Investor. Für die Branche ein schwerer Schlag, galt der 2012 eröffnete Laden doch als großes Vorbild im Hinblick auf die Verschmelzung von digital und analog, als ein Vorzeigeprojekt für zukünftige Neulinge, die noch so wagemutig sein könnten, mit der Idee einer Buchhandlung ihren Lebensunterhalt bestreiten zu wollen. Die Anforderungen an Buchhändler haben sich verändert, längst genügt es nicht mehr, Titel vorrätig oder aber mithilfe der Barsortimente schnell zur Hand zu haben. Der Buchhändler muss heute auf vielen Hochzeiten tanzen. Er muss online vernetzt und mit digitalen Inhalten vertraut sein, er muss professioneller Leser und Kulturveranstalter sein, offen für Neues, ohne sich dabei zu verzetteln. Er muss, wie die meisten von uns, immer erreichbar sein; sei es nicht im Laden, so doch aber online. Das Anforderungsprofil hat sich mit amazon und den zahlreichen Möglichkeiten von Social Media und E-Commerce gewandelt. Nicht jeder macht …

Die Lange Nacht der Literatur

Am 30.08. findet in Hamburg zum ersten Mal die Lange Nacht der Literatur statt. An unterschiedlichen und über die Stadt verteilten Veranstaltungsorten gibt es Lesungen und Diskussionen, die Stadt steht im Zeichen der Literatur. Das Programm könnt ihr hier einsehen, – mit dabei sind u.a. Saša Stanišić, Volker Weidermann, John von Düffel, Benjamin Lebert und Kim Leine. Mit Lea Streisand und Kirsten Fuchs sind auch bekannte Poetry-Slammer mit von der Partie. Im Nochtspeicher findet eine Nacht der Independent-Literatur statt, auf der u.a. Florian Wacker aus seinem Erzählband ,Albuquerque’ lesen wird. Es ist ein bunt gemischtes Programm, vielfältig und spannend. Zum Abschluss diskutieren Rainer Moritz und Denis Scheck im Literaturhaus über prägende Kindheitserinnerungen, schöne Buchhandlungen und literarische Vorlieben. Christiane Hoffmeister ist Inhaberin des Bücherecks Niendorf Nord und, neben dem Literaturhaus Hamburg, Mitinitiatorin der Langen Nacht. Sie war so nett, mir zu dieser Veranstaltung ein paar kurze Fragen zu beantworten. 1.Christiane, du bist, neben dem Literaturhaus Hamburg, Mitinitiatorin der ersten Langen Nacht der Literatur in der Hansestadt. Wie kam es dazu? Ich hatte so den Gedanken, dass das, …

Immer auf die Kleinen

Knapp einen Monat ist es jetzt her, dass ich die Aktion “Die Kleinsten werden die Größten sein” ins Leben gerufen habe. Die Resonanz war überraschend. 267-mal auf Facebook und 24-mal auf Twitter verbreitet, das schien mir ein ganz guter Schnitt zu sein und ich war ganz begeistert, wie viele diesen Aufruf für eine gute Idee hielten. Mich erreichten aber auch enttäuschte Nachrichten, Erfahrungen aus Buchhandlungen, die so natürlich Ressentiments schüren. Abschätzige Blicke von Buchhändlern, die eher im Literarischen beheimatet sind, eine Art von Nostalgie und Rückwärtsgewandtheit, die ein Verschließen gegen gewisse Veränderungen in der Branche bedeutet. Ich habe mir die kleinen und großen Nöte angesehen und versucht, zu einem neuerlichen Besuch einer anderen Buchhandlung zu raten. An anderer Stelle – und nicht im Rahmen meiner Aktion – wurde dem Buchhändlerberuf gar attestiert, völlig überflüssig und nutzlos zu sein. Auch im Berufsalltag höre ich auf mein freundliches Angebot “Ich kann Ihnen das Buch aber gern zu morgen bestellen” ein fast pikiertes und kaltschnäuziges “Das kann ich auch selber.” Vielerorts scheint die Auffassung Fuß zu fassen, dass …

Die Kleinsten werden die Größten sein

Wir lieben sie. Die kleinen, charmanten Buchläden, die zum Verweilen einladen. Wir lieben den Geruch und den Hauch Nostalgie, die bisweilen etwas kauzigen, aber kompetenten Buchhändler, die sie bewohnen. Die meisten von uns besuchen solche Buchhandlungen gern und regelmäßig wird von Branchenkennern ihr Untergang prophezeit. Sie hätten keine Chance gegen amazon, gegen große Unternehmen, der Zug sei abgefahren, es sei denn, sie schafften es noch, aufzuspringen. Ich habe mir nun Folgendes überlegt: Ich möchte eine Reihe mit dem Namen ,Die Kleinsten werden die Größten sein‘ ins Leben rufen. In loser Folge möchte ich kleine (inhabergeführte) Buchhandlungen aus ganz Deutschland (vielleicht auch Österreich & Schweiz?) vorstellen und ihnen damit eine Plattform geben. Ein bisschen inspiriert ist das von der Klappentexterin, die auf ihrer Seite auch die Adressen solcher Buchhandlungen sammelt. Ich möchte den Buchhandlungen einen Artikel widmen. Ich hätte gern Fotos, Geschichten und Anekdoten rund um die Kleinen. Dazu brauche ich aber natürlich eure Hilfe, ich kann ja nicht in ganz Deutschland gleichzeitig präsent sein. Logisch. Kennt ihr eine kleine Buchhandlung, in die ihr liebend gern …

Gérard Otremba – Die geheimen Aufzeichnungen des Buchhändlers

Gérard Otremba entnimmt seine herrlichen Anekdoten dem Arbeitsalltag einer großen Frankfurter Buchhandlung, in der er tätig ist. In zwei Kladden hat er über längere Zeit witzige bis absurde Begegnungen zwischen Kunde und Verkäufer zusammengetragen, die er in diesem kleinen Heftchen (39 Seiten) und dessen Nachfolger Ein weiterer Tag im Leben des Buchhändlers präsentiert. Dieses Heftchen ist eine Besonderheit, die ich der lesenden Bevölkerung, insbesondere denen, die irgendwie beruflich mit dem Buchhandel verbandelt sind, nicht vorenthalten möchte, denn es ist einfach urkomisch und dabei überraschend authentisch. Wer sich schon immer einmal fragte, wie es wohl ist, in einer Buchhandlung zu arbeiten, der wird mit Gérard Otremba einen Einblick gewinnen, der ihm hoffentlich das nächste Mal ein bisschen Warmherzigkeit und Verständnis gegenüber seinem Buchhändler abnötigt. Ich habe bei der Lektüre merhfach schallend gelacht und war hin und wieder nahezu schockiert von … dem, was manche Kunden so fragen. Aber spätestens, nachdem mich ein Kunde fragte: ‘Ich suche das Buch ‘Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und starb’, können Sie mir da helfen? habe ich keinerlei Zweifel …