231 Suchergebnisse für: Vor dem Fest

Lawrence Norfolk – Das Festmahl des John Saturnall

Lawrence Norfolk ist ein englischer Autor. Er studierte Englisch und arbeitete als Lehrer und freier Autor. In Norfolks Romanen verbinden sich meistens historische Elemente gekonnt mit fiktiven, so auch in Das Festmahl des John Saturnall, das in England zu Zeiten Oliver Cromwells spielt. Jeder Rezensent kennt vermutlich das Gefühl, das einen befällt, wenn man über ein Buch schreiben will, das man weder beeindruckend gut noch bedrückend schlecht fand. Ein Buch, das sich so im gesunden Mittelfeld bewegt, ein Buch, das mitnichten inhaltlich oder handwerklich schlecht, aber doch irgendwie mittelprächtig geraten ist. So geht es mir mit Lawrence Norfolks neuem Roman Das Festmahl des John Saturnall. Nun muss ich vielleicht dazu erwähnen, dass ich gewöhnlich kein Leser historischer Romane bin. Zwar habe ich ein großes Interesse an Geschichte, allerdings weniger in Gestalt von Romanen. Eher lese ich dann Sachbücher als fiktive Geschichten über Geschichtliches. Und so mag mein Urteil vielleicht davon getrübt sein, dass ich um den historischen Roman gewöhnlich einen Bogen mache. John Sandall, wie er uns zunächst vorgestellt wird, wächst gemeinsam mit seiner Mutter …

Kurz und knapp rezensiert im Juli!

Im Juli sitzen zwei Soldaten in einem Boot, steht eine Dorfgemeinschaft vor einschneidenden Veränderungen, erzählt von Schirach wieder Kriminalgeschichten und findet ein Schreibender zu sich selbst. Nichts in Sicht ist ein Klassiker der Nachkriegsliteratur. Gelobt von Größen wie Gottfried Benn oder Siegfried Lenz, von Reich Ranicki geadelt als “zeitgeschichtliches und künstlerisches Dokument”. Anlässlich von Rehns 100. Geburtstag (am 18.September) veröffentlicht der Verlag eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Ursula März. Was geschieht nun also in diesem Klassiker? Ein amerikanischer Pilot und ein deutscher U-Boot Matrose treiben gemeinsam in einem Schlauchboot auf dem Atlantik. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht vorüber, sie müssten Feinde sein, aber bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Einer von ihnen ist schwer verletzt, die Entzündung in seinem Armstumpf schreitet rasend voran. Sie haben nichts außer Whiskey, Schokolade und Zigaretten. Umgeben von Wasser drohen sie zu verdursten. Und es ist “nichts in Sicht”, keine Rettung, kein Land, kein Mensch. Jens Rehn beschreibt das Vegetieren, das einsame Dahinsiechen in so messerscharfer Sprache, dass man unweigerlich glaubt, mit in diesem Boot zu sitzen. So intim, so unerträglich, …

Bitte übernehmen Sie, Saša Stanišić!

© Katja Sämann Das Schreiben begann für mich.. mit Liebesgedichten und Partisanengeschichten und vorlesen für Opa, auf der Couch stehend und laut deklamierend. Ein Buch muss.. so vieles nicht, das man von ihm von außen verlangt. Wenn ich keine Bücher schreiben würde,.. wäre ich vielleicht eine Wahrsagerin. Ein Kindheitstraum von mir war es,.. die Nacht unbemerkt im Supermarkt zu verbringen. Wenn ich nicht schlafen kann,.. frage ich mich, wie es kommt, dass ich auf einmal nicht schlafen kann. Völlig unterschätzt wird.. Neid und seine destruktive Kraft. Wenn ich Musik höre,.. wünsche ich, ich wäre eine Trompete. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: Ich sage vor Beginn jeder Lesung: „Freue mich, hier zu sein“, ganz egal, wo ich bin. Ist das charmant? Es ist sehr opportunistisch. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es,.. seltsame Angewohnheiten zu meiden. Literatur kann,.. schafft es aber zu selten. Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert begeisterte Leser und Kritik gleichermaßen und wurde in 31 Sprachen übersetzt. …

Saša Stanišić – Fallensteller

Nach dem prämierten Uckermarkmärchen Vor dem Fest sind unlängst neue Erzählungen von Saša Stanišić erschienen. Ihr Ton changiert, mal ist er humorvoll und lakonisch, mal verspielt und romantisch, gelegentlich bodenständig. Ihnen allen gemein ist ein gekonntes Spiel mit Wirklichkeit und Fremdheit, das neben dem titelgebenden Fallensteller in einer Erzählung noch mindestens einen weiteren in gleicher Mission enttarnt: den Autor selbst. Ein Zauberer bei seinem ersten Auftritt im Holz – und Hobelwerk Klingenreiter, der Mikrokosmos um eine Snookerpartie, eine syrische Surrealistin, christliche Menschenrechtsaktivisten, eine seufzende Fabrik auf der Romanija in Bosnien – Stanišićs Erzählungen sind gewandt und in vielen Tonlagen, an vielen verschiedenen Orten angesiedelt. Wie ein gekonnter Kostümwechsel geht das vonstatten, eben war man noch auf dem Rhein und vermisste den Häppchenkäse, jetzt ist man mit Georg Horvarth im falschen Taxi irgendwo in Rio und freut sich, dass man entführt wurde. Oder verwechselt. Oder beides, mit Zustimmung, “weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte.” Die kleinsten Abweichungen können die größten …

Das war 2014

Die Highlights Jedes Jahr steht man als Vielleser wieder vor der Retrospektiv-Frage. Was war dieses Jahr besonders beeindruckend, bewegend, der Erinnerung wert? Bei über neunzig gelesenen Büchern ist die Frage nicht immer ganz so leicht zu beantworten, aber ich habe euch sechzehn Bücher herausgepickt, die ich guten Gewissens (und auch noch nächstes Jahr) mit Verve empfehlen kann, wenn jemand fragt! Giwi Margwelaschwili – Das Leseleben Stewart O’Nan – Die Chance Berthoud & Elderkin – Die Romantherapie Karen Köhler – Wir haben Raketen geangelt Mason Currey – Musenküsse Jon Bauer – Steine im Bauch Stephen Collins – Der gigantische Bart, der böse war Charles Jackson – Das verlorene Wochenende Nino Haratischwili – Das achte Leben Chris Ware – Jimmy Corrigan Robert Seethaler – Ein ganzes Leben Saša Stanišić – Vor dem Fest Phil Klay – Wir erschossen auch Hunde Michael Maar – Heute bedeckt und kühl Gail Jones – Ein Samstag in Sydney Jonathan Cott/Susan Sontag – The Doors und Dostojewski Bitte übernehmen Sie Im Juni überkam mich die Lust auf eine Interviewreihe mit zeitgenössischen Autoren, …

Die Longlist des Deutschen Buchpreises

Es ist wieder soweit, das Rennen um den Deutschen Buchpreis 2014 beginnt. Gerade wurde die Longlist veröffentlicht und die Arena zur lebhaften Diskussion freigegeben. Viel Kritik musste der Deutsche Buchpreis seit seiner Einführung 2005 schon einstecken, besonders Buchhändler bemängeln immer wieder, dass so manch ein Buch zwar literarisch wertvoll sein mag, in ihren Läden jedoch kaum über den Ladentisch geht. Zu artifiziell, zu sehr geschrieben für ein ausgewählt intellektuelles Publikum. Letztes Jahr gewann Terézia Mora mit ,Das Ungeheuer‘ den Preis und setzte sich damit gegen literarische Größen wie Urs Widmer, Daniel Kehlmann und Clemens Meyer durch. Die diesjährige Jury des Deutschen Buchpreises – hat sich für folgende Kandidaten entschieden: ·        Lukas Bärfuss: Koala (Wallstein, März 2014) ·        Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand, März 2014,) ·        Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom (Droschl, Februar 2014) ·        Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr (S. Fischer, August 2014) ·        Thomas Hettche: Pfaueninsel (Kiepenheuer & Witsch, September 2014)  ·        Esther Kinsky: Am Fluß (Matthes & Seitz Berlin, August 2014) ·        Angelika Klüssendorf: April (Kiepenheuer …

,Literaturen’ feiert Geburtstag.

13.03.2014, Buchmesse Leipzig: Kurzes Zusammentreffen mit Jo Lendle, der mich fragt, ob ich mich mit dem Namen meines Blogs nicht mindestens in einer rechtlichen Grauzone bewege, schließlich gäbe es ja dieses gleichnamige Printmagazin. Vielleicht, ja, doch, irgendwie, habe darüber nachgedacht, es wieder verworfen, leide unter Schweißausbrüchen beim Anblick beanzugter Männer, die potentielle Anwälte nämlichen Printmagazins sein könnten. Finde heraus, dass ,Literaturen’ ein durchaus gängiger Plural ist. Atme aus. Drei Jahre gibt es ihn nun schon, diesen durchaus gängigen Plural in Form eines Literaturblogs. Literaturblogs gibt es viele, das war auch schon vor drei Jahren nicht bedeutend anders. War mir aber egal, es sollte ja zunächst nur eine Art Gedächtnisstütze sein, dementsprechend war auch das Publikum. Ich führte einen schier endlosen literarischen Molonog, bis die erste tatsächlich kommentierende Leserin in mein Bloggerleben trat. Es war Mara von Buzzaldrins, die da eines Tages einfach auf der Bildfläche auftauchte und aus dem Monolog wenigstens streckenweise einen Dialog werden ließ. Dafür danke ich an dieser Stelle einfach nochmal herzlich. Aus ein paar vereinzelten Folgenden sind nun auf Facebook, Twitter und …

Rezensionen

A Adichie,Chimamanda Ngozi – Americanah Aehnlich, Kathrin – Wenn die Wale an Land gehen Ahmad, Jamil – Der Weg des Falken Allende, Isabel – Das Geisterhaus Altarriba, Antonio – Die Kunst zu fliegen Ambjørnsen, Ingvar – Den Oridongo hinauf Anouk, Misha – Goodbye Jehova Austen, Jane – Emma Ausubel,Ramona – Der Anfang der Welt B Bachmann,Stefan – Die Seltsamen Bärfuss, Lukas – Koala Bargum, John – Septembernovelle Barlow,Toby – Baba Jaga Barth, Stephanie – Deutscher Meister Bauer, Jon – Steine im Bauch Baum/Shanower/Young – Der Zauberer von Oz Bechdel, Alison – Wer ist hier die Mutter? Bell, Madison Smartt – Die Farbe der Nacht Bengtsson, Jonas T. – Wie keiner sonst Berthoud & Elderkin – Die Romantherapie Bicker, Björn – Was wir erben Bradley, Alan – Flavia de Luce 5, Schlussakkord für einen Mord Bradley, Alan – Flavia de Luce 4, Vorhang auf für eine Leiche Bradley, Alan – Flavia de Luce 2, Mord ist kein Kinderspiel Bradley, Alan – Flavia de Luce 1, Mord im Gurkenbeet Brasch, Marion – Wunderlich fährt nach Norden Brookmyre, …

Dorothee Elmiger – Aus der Zuckerfabrik #baybuch

Mit “Aus der Zuckerfabrik” ging die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger nicht nur ins Rennen um den Deutschen Buchpreis, sie ist auch für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Ich war sehr gespannt, es im Rahmen des letzteren Preises zu lesen und bin schlussendlich leider am Text gescheitert. “Martin, der Lektor, sagt, im Falle einer Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen müsse auf jeden Fall ,Roman‘ auf dem Umschlag stehen”, heißt es in einem der Dialoge zwischen der Erzählerin und einer Außenstehenden. Einen Roman, das ist unstrittig, hat Dorothee Elmiger nicht geschrieben, das Etikett allerdings verhilft oft gerade bei experimentelleren Texten zu mehr Aufmerksamkeit. Unter ,Roman‘ mag sich eine*r eine einigermaßen kongruente Geschichte vorstellen. “Aus der Zuckerfabrik” aber ist ein hybrider, ein mäandernder Text. Er ist Essay, Gegenwartsbetrachtung, Collage, Recherche. Er legt sich nicht fest, er ist vor allem Gleichzeitigkeit von Eindrücken und Ideen. Oder wie es der Text selbst sagt: “Es handelt sich eher um flackernde, schwierige Konstruktionen, denke ich, um dunkle Strudel, in denen sich mit ohrenbetäubendem Lärm alles, also auch alles Periphere, für immer um ein instabiles Zentrum …

Max Czollek – Gegenwartsbewältigung

Mit Desintegriert euch schrieb der Lyriker und Theatermacher Max Czollek 2018 einen vielbeachteten Essay über das sogenannte Gedächtnistheater und die festgeschriebene Rolle jüdischer Menschen innerhalb der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Gegenwartsbewältigung, auch Titel einer Lesereihe im Berliner Maxim Gorki Theater, wirft nun, mit Rückbezug auf Thesen des Vorgängerbuches, einen Blick auf gesellschaftliche und künstlerische Bewältigungsstrategien angesichts aktueller Krisen. Wie kann Solidarität in einer Gesellschaft gelingen, in der Menschen sich zunehmend vor allem mit denen solidarisieren, die genauso sind wie sie? Wie kann Kunst aussehen, die ihre Entstehungsbedingungen reflektiert und an aktuelle Diskurse anschließt? Was kann Kunst überhaupt leisten in diesen Tagen? Wenn die gegenwärtige Pandemie uns eines gezeigt hat, dann ist es die Tatsache, dass vieles politisch möglich ist, wenn ein unbedingter Wille zur Umsetzung existiert. Innerhalb kürzester Zeit wurden Milliarden ausgegeben, um die Auswirkungen des Lockdowns abzufedern. Es wurden Maßnahmen ergriffen, die tief in unser aller Alltagsleben eingreifen, um besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen vor einer Infektion zu schützen. Warum war all das so schnell umsetzbar, während andere Brandherde seit Jahren schwelen, ohne einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit zu …