Alle Artikel in: Interviews

Offene Regale statt Schubladen: Franziska Seyboldt im Interview!

Vor knapp zwei Wochen erschien Rattatatam mein Herz, Franziska Seyboldts Erfahrungsbericht über das Leben mit einer Angststörung. Im Interview spreche ich als selbst Betroffene mit ihr über ihre Beweggründe, mit ihrer Angst an die Öffentlichkeit zu gehen und wie wir in Zukunft besser über psychische Erkrankungen sprechen können. Was hat für dich den Anstoß gegeben, dich öffentlich zu deiner Angst zu bekennen? Zuerst wollte ich einfach einen „Ich-Text“ schreiben, weil mich das Thema ja schon sehr lange beschäftigt. Ich finde es immer spannend, in fremde Köpfe reinzuschauen und gehe deshalb davon aus, dass es anderen Menschen auch so geht. Bei der Recherche habe ich dann erstens festgestellt, dass viel mehr Menschen von Angststörungen betroffen sind, als ich dachte. Und zweitens, dass Betroffene zwar darüber schreiben, aber so gut wie nie unter ihrem echten Namen. Das hat mich stutzig gemacht, da ich immer gedacht hatte, dass psychische Erkrankungen eigentlich kein Tabu mehr sind – oder zumindest kein so großes wie noch vor zehn Jahren. An dem Punkt wurde mir klar: Wenn ich diesen Text schreibe, dann …

Katharina Winkler im Interview!

© Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag Mit ihrem fulminanten Debüt “Blauschmuck” hat Katharina Winkler einiges Aufsehen erregt. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Türkin Filiz, die sich nach Jahren der Demütigung und Gewalt schließlich aus einer destruktiven Ehe befreien kann. Ich habe Katharina Winkler um ein Interview gebeten, um mehr über ihre Arbeitsweise und die Hintergründe zu erfahren. Frau Winkler, „Blauschmuck“ basiert auf realen Begebenheiten. Was hat Sie dazu bewogen, diese tatsächlichen Erfahrungen literarisch zu verarbeiten? Filiz und ihre Geschichte haben mich tief berührt. Es war mir wichtig, dieser Frau Gehör zu verschaffen, ihr die Wertschätzung entgegenzubringen, die ihr lange nicht entgegengebracht wurde. Der Arbeitsprozess war ein Korrektiv der Realität: die Wiederherstellung von Würde. Hatten Sie Kontakt zu der „wahren“ Filiz und ihren Kindern? Wenn ja, wie empfinden sie dieses Buch? Möglicherweise als befreiend, weil es bedeutet, das Schweigen zu brechen und aus einer anderen Perspektive auf ihre Lebensgeschichte zu blicken? Ich hatte das Privileg, meiner Hauptfigur Filiz zu begegnen, sie jahrelang zu begleiten und ihre Emanzipation miterleben zu dürfen. Filiz wollte, dass das Buch geschrieben …

Abbas Khider im Interview!

© Peter-Andreas Hassiepen Mit seinem Roman “Ohrfeige” hat Abbas Khider gewissermaßen den Roman der Stunde geschrieben. Im Mittelpunkt der Flüchtling Karim, der von Bürokratie und deutschem Asylsystem aufgerieben dem Land den Rücken kehrt. Aber nicht, ohne zuvor mit seiner Sachbearbeiterin von der Ausländerbehörde ein ernstes Wort zu sprechen. Ich habe unterdessen mit Abbas Khider ein paar Worte über persönliche Erfahrungen, die Stimmung in Deutschland und das Gefühl von Heimat gesprochen. Abbas, sicher verfolgst du die gegenwärtigen Debatten rund um das Thema Asyl und Flüchtlinge. Wie erlebst du diese Diskussionen vor dem Hintergrund deiner eigenen Erfahrungen? Ich glaube, wir beschäftigen uns zurzeit mit falschen Inhalten. Die Menschen, die hierher kommen, brauchen Sicherheit. Das ist die erste Phase der Integration. Natürlich ist es eine wichtige Phase, aber die zweite Phase der Integration ist härter, da geht es nicht nur um Sicherheit sondern um die Zukunft. Die Zukunft der einzelnen Personen, der Asylbewerber. In dieser zweiten Phase leben diese Menschen nur in Angst. Und ihre Ängste sind unbeschreiblich, verursacht durch das bürokratische Verwaltungssystem. In der ersten Phase der …

Clemens Setz im Interview!

© Hans Hochstöger/Focus/Suhrkamp Verlag Mit ,Die Stunde zwischen Frau und Gitarre‘ hat Clemens Setz einen der eindringlichsten und originellsten Romane dieses Jahres geschrieben. Im Interview spricht er über Lifehacks, lebenspraktische Tipps in Büchern, die heilsame Kraft des Unsinns und vergessene Autoren. Du sprichst sowohl in Interviews als auch durch Natalie im Roman immer wieder von sogenannten „Lifehacks“. Kleine poetische Abwandlungen des banalen Alltags, die dem Bekannten eine neue Dimension abgewinnen. Das Paare-Teilen, die temporäre Bewunderung und Verehrung einer völlig fremden Person ohne deren Wissen. Was sind deine liebsten Lifehacks? Und was bewirken sie? Ein Lifehack, den jeder machen kann, ist, in einem Buch, das man hasst, die meisten Sätze schwarz zu übermalen, bis eine neue Kombination von Wörtern übrig bleibt, mit der man leichter leben kann. Natalie Reinegger und ihre Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt des Romans, grundieren ihn gleichermaßen. Du hast oft gesagt, sie sei nicht nur intelligenter, sondern auch insgesamt ein besserer Mensch als du. Welche Eigenschaften Natalies empfindest du als beneidenswert? Oder vielleicht besser: erstrebenswert. Ihre Geduld, ihr Einfallsreichtum, ihr Mut. Zu Beginn …

Kathrin Weßling im Interview!

© Yelda Yilmaz Gerade ist Kathrin Weßlings neuer Erzählband ,Morgen ist es vorbei‘ erschienen. Es geht um Liebe und was sie aus uns macht, wenn sie uns verlässt. Mit Kathrin habe ich über Liebeskummer gesprochen, über die Liebesfähigkeit unserer Generation und wer denn eigentlich so richtig fantastisch über Liebe schreiben kann. Kathrin, was tust Du denn gegen Liebeskummer? Das kommt wirklich sehr auf den Liebeskummer an. Manchmal fast gar nichts, weil es okay ist, wie und dass er da ist. Mit den Jahren habe ich jedoch herausgefunden, dass Sport und ein sehr regelmäßiger Lebensrhythmus sehr hilfreich sind. Aber seien wir mal ehrlich: Am Ende hilft doch gar nichts so richtig. Nur Zeit und Geduld mit sich. Was bedeutet Liebe für Dich? Oha. Ich glaube, das kann ich nicht so beantworten. Da bräuchte ich wohl eher 8163548 Seiten. Aber in erster Linie bedeutet sie (extrem kurz gefasst) für mich Freiheit. Wie schreibt man am besten über Liebe? Kann man überhaupt „gut“ darüber schreiben? Am Ende schreibt man ja doch immer nur über sich selber. Und über …

Alina Bronsky im Interview!

© Bettina Fürst-Fastré In ihrem aktuellen Roman erzählt Alina Bronsky von der alten Baba Dunja, die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl in die radioaktiv verseuchte “Todeszone” zurückkehrt. In diesem Dorf hat sie vor dem Unglück gelebt und sie will dort sterben. Alina Bronsky erzählt im Interview, was sie zu der Geschichte einer Rückkehrerin bewegte und wie sich sich selbst an das Unglück erinnert. Frau Bronsky, Sie waren bei dem Reaktorunglück in Tschernobyl acht Jahre alt und lebten noch in Russland. Was haben Sie in Erinnerung von damals? So seltsam es klingt: Ich erinnere mich an gar nichts. Ich kann heute gar nicht sagen, ob das Verdrängung ist oder ob die sowieso eher spärlichen Informationen einfach nicht zu mir durchgedrungen sind. Ich habe erst viel später angefangen, das Ausmaß der Katastrophe, die mit dem Wort Tschernobyl assoziert wurde, zu begreifen Baba Dunja tut mit der Rückkehr in die sogenannte „Todeszone“ ja etwas eigentlich Unbegreifliches. Dennoch gibt es ja auch außerhalb der Fiktion diese Rückkehrer. Was, glauben Sie, bewegt die Menschen dazu, sich dieser Gefahr auszusetzen? Ich …

Manuel Möglich im Interview!

© Regina Schmeken Was ist für Dich deutsch? Gibt es Dinge oder Verhaltensweisen, die du selbst automatisch mit Deutschland verbindest?  Ohne Klischees zu strapazieren, als erstes ganz naheliegend: die deutsche Sprache. Aber auch die Unsicherheit in Sachen patriotischen Gefühlen. Wie kam es zu ,Deutschland überall’, bzw. auch zur Reportagereihe ,Deutschland von außen’? In den letzten 10-15 Jahren bin ich recht viel durch die Welt gereist und habe mehr oder weniger intensiv über meine deutsche Herkunft und Identität nachgedacht. Wenn man beispielsweise in Israel unterwegs ist, setzt man sich automatisch sehr mit solchen Dingen auseinander. Diese Gedanken und der Spaß am Reisen existierten also schon eine Weile. Als ich in einem Spiegel-Artikel über die Stadt Lüderitz in Namibia las, dass es dort noch Leute geben soll, die angeblich den Geburtstag von Adolf Hitler feiern, dachte ich mir: „Das klingt so absurd, daraus könnte eine Geschichte werden. Ich fahr da jetzt einfach mal hin.“ Auf dieser Reise durch die ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika habe ich letztendlich so viele Storys gesammelt; ich war zuversichtlich, dass das auch in anderen …

Julia Tieke im Interview!

Mit dem authentischen Echtzeit-Dialog “Mein Akku ist gleich leer” (erschienen im Digitalverlag mikrotext) bringt Julia Tieke uns das Schicksal eines Flüchtlings auf unmittelbare Weise näher. Hier ist nichts gekünstelt oder literarisch aufbereitet, es gab diesen Dialog zwischen Flüchtling Faiz und Julia Tieke, die selbst Kulturwissenschaftlerin ist und bereits ein Radiofeature über syrische Radiostationen produziert hat. Ich habe ihr dazu und zur ersten Begegnung mit Faiz einige Fragen gestellt. Julia, dein Kontakt zu Faiz ist letztlich aus einem Radiofeature hervorgegangen, das von syrischen Radiomachern und ihren Verbindungen u.a. nach Berlin handelte. Wie bist du auf dieses Thema gestoßen? Freunde von mir arbeiten in der Berliner Nichtregierungsorganisation MICT, die das Radioprojekt „Syrnet“ mit syrischen Radiomachern durchführt. Sie haben mir früh von dem Projekt erzählt, und als Radiomensch war ich begeistert von dem Vorhaben, UKW-Radio in, bzw. für Syrien zu fördern. Und ich war natürlich neugierig, wer dort mit dem Medium Radio arbeitet, und wie das unter Kriegsbedingungen geschieht. Welche Erfahrungen hast du in der Türkei mit dieser Art des Widerstands und der Opposition gemacht? Was kann das …

Kristine Bilkau im Interview!

© Thorsten Kirves Ihr Debütroman ,Die Glücklichen‘ ist ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt, in seinem Zentrum die Ängstlichen, die Lebensoptimierer, für die jeder Fehler den Verlust ihres persönlichen Glücks bedeuten könnte. Scheitern müssen wir wieder lernen, Perfektion ist Stillstand. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich Kristine Bilkau zum Interview getroffen. Sie sind auch Journalistin. Wie sind sie vom journalistischen zum literarischen Schreiben gekommen? Ich habe schon während des Studiums literarisch geschrieben, aber war immer zu schüchtern und zu unsicher, um es irgendjemandem zu verraten. Ich habe das immer schön heimlich gemacht und versucht, mich nebenbei dort zu verwirklichen, wo es eben ging. Zum Beispiel habe ich meine Magisterarbeit so geschrieben, dass sie besonders schön war und mein Professor sagte dann: ,Das war aber angenehm zu lesen’. Ich habe das also irgendwie in andere Kanäle laufen lassen. Im Journalismus habe ich auch gemerkt, dass es mich eingrenzt, dass ich mich an Informationen halten muss und nicht das schreiben kann, was ich gerne schreiben würde. Mit dem ersten Prosatext bin ich 2008 rausgegangen, als ich ihn zum open mike …

Auf Messers Schneide mit Maria Odoevskaya

© Heike Köllzer Maria Odoevskaya ist eine zierliche junge Frau, deren Äußeres zunächst keinerlei Rückschlüsse auf ihre Sprachgewalt zulässt. Sie wirkt manchmal schüchtern, nervös. Nicht unbedingt wie jemand, der gern auf einer Bühne stehend ein Publikum mitreißt. Wie sehr man doch manchmal in der Beurteilung seiner Mitmenschen einer Täuschung unterliegen kann, demonstriert Maria Odoevskaya auf beeindruckende Weise, wenn sie eine Bühne betritt. Man sieht sie oft bei Poetry Slams, im Juni dieses Jahres wird sie Lübeck bei den U20 Poetry Slam Nationals in Regensburg vertreten. Als sie am 30. Januar im Haus der Lübecker Bücherpiraten einen Abend lang Einblick in die Entstehung ihres Debütromans ,By Your Name‘ gibt, wird unweigerlich deutlich, wie gewandt Maria Odoevskaya mit Worten umgeht, welch feines Gespür für Sprache und psychologische Motivationen sie besitzt. Mithilfe einiger – oft ebenfalls schreibender – Freunde bringt sie Ausschnitte des Romans szenisch auf die Bühne. Die Figuren treten aus ihrem fiktionalen Rahmen und werden lebendig. Das fast fertige ,By Your Name‘ ist ein Coming Of Age Roman und wie so oft geht es darin um …