Rezensionen, Romane
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Gastbeitrag: Die Kamera war schuld. #dbp18

In diesem Jahr wurden erstmals offiziell fünf Lesekreise ausgewählt, die den Deutschen Buchpreis mit Diskussionen und Beiträgen begleiten durften. Nun ist der Buchpreis zwar offiziell verliehen – das Gespräch über die jeweiligen Bücher darf und kann aber ungehindert weitergehen. Es ging bei der Auswahl der Literaturkreise ziemlich international zu, von Bremerhaven über Washington D.C. nach Lübeck. Und weil ich zufällig in der letztgenannten Stadt lebe, bot sich an, Beiträge dieses Lesekreises (“Klappentext” mit Namen) auch auf meinem Blog zur Verfügung zu stellen. Dieses Mal geht es um Gert Loschütz’ Roman Ein schönes Paar.

Samstagabend Ende Oktober Klappentext trifft sich zur Besprechung von Gert Loschütz‘ Roman „Ein schönes Paar“, einem der Titel der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018. Tradition geworden ist es bei den Treffen, für den gemeinsamen Abend kulinarische Referenzen zur Lektüre anzubieten. Es gibt diesmal ostdeutsche Hallorenkugeln, westdeutsches Gemüse und italienischen Wein.

Nach dem Tod seiner Eltern begibt sich der Journalist und Fotograf Philip auf Spurensuche, um die rätselhafte und tragische Beziehung seiner Eltern zu begreifen. Herta und Georg stammen aus der DDR, siedeln Ende der 50er Jahre mit ihrem kleinen Sohn in den Westen über und trennen sich dort nach einem schwerwiegenden Vorfall schon bald, um scheinbar nie wieder zueinander zu finden. Herta verschwindet, Philip wächst bei seinem Vater auf. Von der Mutter erhält er nur sporadisch Postkarten, bei denen nie klar ist, ob sie überhaupt von den Orten stammen, die sie abbilden.

Beim Ausräumen des Nachlasses seiner kurz nacheinander verstorbenen Eltern stößt der Erzähler Philip auf alte Erinnerungen. Damit beginnt eine an vielen Stellen rätselhaft bleibende Rückkehr in den tragischen Lebensweg der Eltern. Der Roman schildert zwei miteinander verflochtene Geschichten. Da ist zum einen die Geschichte von Georg und Herta, die in den 50er Jahren mit ihrem Sohn Philip aus der DDR in die BRD kommen. Und zum anderen Philips eigene Geschichte, in der er nicht nur als Erzähler seiner Eltern in Erscheinung tritt, sondern sich und sein brüchiges und unstetes eigenes Leben immer wieder zum Thema macht.

Die Eltern entschieden sich damals zur Flucht, weil Herta sich nach einem freieren Leben sehnt und Georg aufgrund eines unbedachten Kontakts mit dem westdeutschen Militär Ärger mit der Staatsmacht droht. Georg muss in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in den Westen fliehen, Herta und Sohn Philipp kommen bald nach. Das letzte noch gebliebene Ostgeld investiert Herta in eine Spiegelreflexkamera in der Hoffnung, diese im Westen gegen einen Barwert zurücktauschen zu können. Der nicht gelingende Rücktausch erweist sich als Schlüsselszene für das weitere Leben und bringt Georg schließlich für kurze Zeit ins Gefängnis und wirft Herta voller Scham aus den gesellschaftlichen Bahnen der westdeutschen Kleinstadt. Das schöne Paar trennt sich. Sohn Philip wächst in einem emotionslosen Klima beim Vater auf und wird später reisender Fotograf und Journalist, Italien wird einer seiner Sehnsuchtsorte. Seine Eltern scheinen ihm zeitlebens völlig fremd geblieben zu sein und dennoch drängt es ihn (warum auch immer) nach deren Tod zu begreifen, worin diese Nichtbeziehung seiner Eltern gründete.

Das Gefühl, „einen ergreifenden Roman über Liebe und Vergänglichkeit vor dem Hintergrund der deutschen Teilung vor sich zu haben“ (Zitat des Verlags), hat sich bei den meisten von uns eher nicht eingestellt. Das mag sowohl daran liegen, dass die zeitgeschichtlichen Bezüge sich in überschaubaren Grenzen halten. Als auch daran, dass dieser Erzähler einfach nicht dazu geeignet scheint, diese Geschichte zu schildern. Philip erweist sich als ein mehr als unzuverlässiger und eindimensionaler Erzähler, der sich fotografisch geschult, aber emotional beschädigt auf Spurensuche begibt, den Leser dabei aber an vielen Stellen eher ratlos zurücklässt, weil er nur verklärend nachvollziehen will, aber weder sich noch die vielen Leerstellen reflektiert.

„Ein schönes Paar“ hat unseren Lesekreis insgesamt etwas ratlos zurückgelassen. Die Erwartungen, die wir aufgrund der Auszüge aus dem Band zur Longlist an das Buch hatten, haben sich nicht erfüllt. Bei den kritischen Stimmen überwog vor allem die Enttäuschung über die literarische Umsetzung einer an sich spannenden Konstellation von deutsch-deutscher Flucht- und Liebesgeschichte. Vieles blieb letztlich nebulös, die Aufbereitung des elterlichen Dramas durch den erzählenden Sohn wurde als fade empfunden und sein mit der Erzählung verbundener Versuch der Verarbeitung eines Kindheitstraumas als gescheitert angesehen. Die positiven Stimmen hoben die leise Sprache und die Möglichkeit hervor, in die Geschichte einzutauchen und die zahlreichen Leerstellen selbst auszufüllen. Neben dieser Offenheit schien manchen auch die Darstellung der zwischenmenschlicher Leere bemerkenswert, wenngleich erschütternd. Und führte uns in eine Reflexion über die Aufgabe der Literatur. Die muss nicht immer lebensbejahend und erhellend sein, sie kann vielleicht auch einmal so eine Welt von Nichtbeziehungen und Nichtlebendigkeit zum Thema haben, in der man manch eigenes wiedererkennen mag, die einem aber dann vor allem vor Augen führt, dass man so jedenfalls nicht leben möchte. Vielleicht ist das dann aber auch belanglos.

Irgendwie möchte man zuverlässiger über die tragische Liebesgeschichte von Herta und Georg in Kenntnis gesetzt werden als es dieser Erzähler anbietet. Sohn Philip ist eigentlich der Außenstehende, der am dichtesten an dieser rätselhaften Beziehung dran war. Aber sein Nichtwissen und seine Distanz, die sich in einem Erwachsenwerden im Klima eines Schweigens und Verdrängens herausgebildet haben, sind nicht besonders hilfreich, sondern sie verstärken den Eindruck des Nebulösen eher noch. Nur scheint er eben nicht anders zu können, wie er in einer Passage über die Beziehung zu seinem Vater reflektiert:

„Unsere Gespräche blieben stets an der Oberfläche, und doch glaube ich, dass der Grund dafür nicht Interessenlosigkeit war, sondern etwas anderes, etwas zwischen uns Eingeübtes, eine Gewohnheit, in die wir, ohne es zu wollen, zurückfielen, eine Art Schüchternheit, Rücksichtnahme. Oder täusche ich mich? War dieses Schweigen oder nicht Redenkönnen etwas, das schon vor seiner Trennung von Herta zu ihm gehört hatte und – durch ihn – zu mir? Sodass vielleicht gar nicht das Schweigen das Problem war, sondern die Erwartung, es durchbrechen zu müssen?“ S.221f.

So stößt die Geschichte immer wieder an die Grenzen dieses Erzählers. Für die einen entfaltet sich dann mit diesem ein großer Raum der Phantasie und des Weitersinnens. Für die anderen endet sie da.

Gert Loschütz: Ein schönes Paar. Schöffling Verlag. 240 Seiten. 22,00 €.

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