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Mareike Fallwickl – Dunkelgrün, fast schwarz

Es ist ein bisschen wie in »Das zweite Gesicht« mit Elijah Wood und Macaulay Culkin. In einer asymmetrischen Jungenfreundschaft ist einer zurückhaltend und still, der andere findet Spaß an Gemeinheit und Macht. Raf und Motz sind sehr jung, als sie sich kennenlernen und fortan jede freie Minute miteinander verbringen. Raf ist ein Draufgänger und in späteren Jahren ein Weiberheld, Motz ist allenfalls sein Schatten. Als Johanna schließlich zu ihnen stößt, verändert das nicht nur die Beziehungskonstellation, es verändert Leben.

Es gibt Bücher, die sind außerordentlich unbequem und in diesem körperlich spürbaren Mangel an Komfort liegt ihre größte Kraft. Dunkelgrün, fast schwarz erzählt von einer fatalen Beziehungsgeschichte und davon, was Menschen einander wissentlich und willentlich antun können. Als Raf und Motz (eigentlich Raffael und Moritz) sich kennenlernen, steht schnell fest, wer der Anführertyp von beiden ist. Raf schreckt scheinbar vor nichts zurück und hat bereits im Kindesalter Spaß daran, seine Macht  anderen gegenüber auszuspielen. Wie ein Detektor macht er die Schwachstellen seiner Mitmenschen ausfindig, um genüsslich in ihnen herumzubohren. Er liebt das Extrem und die Provokation, da ergeht es seinem Freund Motz nicht anders als allen anderen. Mit Motz kann man es machen. Er ist sensibel, reserviert und mit einer besonderen Wahrnehmung ausgestattet. Als Synästhetiker haben Menschen für ihn bestimmte Farben, Worte riechen oder schmecken nach etwas, Sinneneindrücke werden in seinem Kopf auf ganz verschiedenen Ebenen verarbeitet. Raf hatte immer schon eine dunkelgrüne Farbe. Als Johanna im Jugendalter zu den Jungs stößt, bringt sie das eingespielte Beziehungsgefüge in Bewegung – und stellt damit die Weichen für eine katastrophale Entwicklung.

Sie lächelt, als sie ankommt, es geschieht ganz von selbst, und das Lächeln verzieht das Gesicht auf ungewohnte Weise. Sie geht schell hinein, solange sie das Lächeln noch hat, um es herzuzeigen. Drinnen riecht es nach Haben und Wollen, aber ein bisschen mehr nach Wollen als nach Haben.

Mareike Fallwickl, bekannt auch durch ihren Literaturblog Bücherwurmloch, erzählt die Geschichte multiperspektivisch und nonlinear. In der Gegenwart haben Raf und Motz längst keinen Kontakt mehr zueinander, doch das ändert sich, als der Jugendfreund plötzlich vor Motz Wohnungstür steht. Als einziger ist er in Hallein, einem kleinen Ort nahe Salzburg, geblieben, während es die anderen in die Welt hinausgezogen hat. In schrittweisen Rückblenden erzählt der brillant geschriebene Roman aus wechselnden Perspektiven vom Entstehen der Freundschaft und der abgeschiedenen Umgebung der Berge, die als Setting noch deutlich mehr Unbehagen und Einsamkeit spürbar macht. Geschichten wie diese geschehen nicht in überfüllten Großstädten oder hippen Szenevierteln. Das Zurückgeworfensein auf die eigenen Abgründe vermittelt sich viel eher an einem Ort der Stille und Verlassenheit. Mareike Fallwickl kann glänzend beobachten und in ihre Figuren nahezu hineinkriechen. Das macht den Roman so beklemmend und gleichzeitig so einnehmend. Er ist intensiv, in der Sprache und ihren Bildern, intim fast. Er nimmt kein Blatt vor dem Mund. Wie viele kleine Nadelstiche wirken die Schritte hin zum Abgrund, eigentlich sieht man das Elend schon kommen, auch wenn man nicht genaz weiß, worin es besteht. Der Roman ist so geschickt konstruiert, dass ihm der große Knall gen Ende tatsächlich glückt, ohne, dass man schon hunderte Seiten zuvor weiß, was passieren wird.

Ich schlinge meine Arme um meine Beine, den Kopf auf meinen Knien. All die Dinge, die wir nicht sagen, legen sich um uns wie Schichten, wir werden darin eingewickelt, bis wir unbeweglich sind und kaum noch sehen können. […] Ich hätte Raffael abbrechen müssen wie einen faulenden Ast, an dem der gesamte Baum krankt.

Dunkelgrün, fast schwarz ist ein hochspannender, psychologischer Beziehungsroman! Einnehmend, vereinnahmend und sprachlich zupackend, ein strahlendes Debüt.

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz. Frankfurter Verlagsanstalt. 480 Seiten. 24,00 €.

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