Kultur
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Kurz und knapp rezensiert im Februar!

Im Februar geht es um Einwanderung, die kulturelle Wurzeln kappt und Spuren verwischt. Um Positionen zwischen Kulturen.

Emilia Smechowski, heute freie Journalistin und ausgebildete Sängerin, wandert 1988 mit ihren Eltern von Polen nach Westdeutschland aus. Gegenüber dem tristen Grau des Ostblocks scheint die Bundesrepublik das Versprechen auf ein besseres Leben zu sein. Die Smechowskis brechen ihre Zelte ab, werden als Aussiedler anerkannt und machen sich daran, sich die deutsche Lebensart wie eine zweite Haut überzustreifen. Als polnische Einwanderer leben sie so angepasst, dass sie fast nirgendwo als solche erkannt werden. Was zählt, ist Leistung. Auf der Straße sollen Emilia und ihre Schwester kein Polnisch mehr sprechen, möglichst nichts soll mehr auf ihre Wurzeln hindeuten. Es ist eine radikale Neuerfindung, deren zerstörerische Kraft erst viel später sichtbar wird. Emilia Smechowski nähert sich ihrer Geschichte mit Humor und Offenherzigkeit, im Zentrum die implizite Frage: Was bedeutet Integration? Ist jemand gut integriert, wenn er möglichst unterschiedlos in der deutschen Bevölkerung aufgeht? Weshalb sollte das überhaupt so erstrebenswert sein? Und welche individuellen Verletzungen gehen mit der Unterdrückung kultureller Prägungen einher? Zwar nimmt Wir Strebermigranten vornehmlich die Unsichtbarkeit polnischer Einwanderer in den Blick, öffnet den Raum aber vor diesem Hintergrund auch für weit grundsätzlichere Fragen. Ein sehr lesenswertes Buch und eine wichtige Perspektive in der fortdauernden Debatte.

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten. Hanser Verlag. 224 Seiten. 22,00 €.

Was bedeutet es für das eigene Schaffen, zwischen den Kulturen zu stehen oder in mehreren Kulturen zuhause zu sein? Wie lebt es sich mit innerfamiliären Traumata, die Generationengrenzen überwinden, Spuren hinterlassen? Sudabeh Mohafez ist deutsch-iranischer Herkunft, Enkelin »überzeugter Nationalsozialisten«, wie sie selbst schreibt und Tochter der Kriegskindergeneration, mit Wurzeln sowohl in Deutschland als auch im Nahen Osten. In ihren Erzählungen klingen diese vielstimmigen Perspektiven immer an; ob sich nun ein Dschinn in einem Kürbis einnistet, der von der Türkei ins Schwabenland rollt oder die alte Heimat sich immer wieder wie eine Folie über die neue schiebt. Sudabeh Mohafez erzählt behutsam, zart, von Wendepunkten und Anfängen, Begegnungen und Gemeinsamkeiten. Manchmal deutet sie nur an, was dann nach dem Lesen weiterarbeitet; das Kind im Dirndl, dessen Mutter als Deutsche im Iran mit »Heil Hitler« begrüßt wird, innerfamiliäre Gewalt und das ihr folgende Schweigen. Die Geschichten lassen Raum, erzählen nicht alles aus, bleiben manchmal rätselhaft. Aber sie stecken voller lichter und heller Momente der Mitmenschlichkeit. Nicht alle Erzählungen konnten mich überzeugen, manches war mir zu schwerfällig, anderes unverständlich. Das Lesen lohnt sich dennoch, oft gerade wenn und weil sich etwas auf den ersten Blick nicht erschließt.

Sudabeh Mohafez: Behalte den Flug im Gedächtnis. edition azur. 128 Seiten. 17,90 €.

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