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Mohamed Amjahid – Unter Weissen

Wer als Weißer heutzutage gebeten wird, sich seiner Privilegien bewusst zu werden, verbindet damit häufig die implizite Absicht des Gegenübers, ihm diese Privilegien entweder zum Vorwurf zu machen oder zu entreißen. Beides erzeugt eine massive Abwehrreaktion, die sich nicht selten in Beschreibungen des eigenen beschwerlichen Daseins ausdrückt. Dabei kann das Bewusstsein der eigenen Vorrechte auch nutzbringend sein, ohne, dass man sie reflexartig von sich weisen muss. Mohamed Amjahid, selbst marokkanischstämmiger Journalist bei der ZEIT, erklärt, wieso.

Was soll das schon sein, der “privilegierte Weiße”? Also ICH habe keine Privilegien, ICH bekomme keine Extrawurst und mich auf meine Hautfarbe zu reduzieren – ist das nicht irgendwie unfair? Die meisten werden so reagieren, wenn man ihnen eröffnet, sie seien als Weiße privilegiert. Privilegien werden allerdings erst im Vergleich zu denen erfahrbar, die nicht in ihren Genuss kommen. Wer sich ausschließlich mit Menschen umgibt, deren Lebensrealität bis auf marginale Kleinigkeiten mit der eigenen übereinstimmt, wird sich nicht als privilegiert wahrnehmen. Mohamed Amjahid macht jedoch bereits sein Leben lang Erfahrungen, die den meisten Weißen naturgemäß erspart bleiben. Es sind Erfahrungen mit Rassismus, mit offener Beleidigung, mit Racial Profiling oder dem weißen Retterkomplex. Allein aufgrund seines Namens hält man ihn für arbeitslos, an Bahnhöfen und Flughäfen ist er von Vornherein im Visier von Kontrolleuren und Sicherheitsbehörden. Diese und ähnliche Erfahrungen haben bereits seine Eltern in Deutschland gemacht. Wie groß die Integrationsbemühungen auch waren – und unter Integration wird häufig viel mehr die Assimilation verstanden, eine unterschiedlose Anpassung an die Gepflogenheiten einer anderen Kultur -, sie blieben Fremde, wurden mit Vorbehalten beäugt, belächelt, strukturell benachteiligt. Den Abschluss dieses Kapitels bildet schließlich die Rückkehr nach Marokko.

Es geht mir also explizit nicht um Nazis, NPD-Funktionäre oder Rechtspopulisten und längst nicht bloß um AfD-Wähler. Es ist kinderleicht, über Rechtsextreme zu schimpfen, und Rassisten sind sowieso immer nur die anderen. Wer so denkt und redet, ignoriert bewusst oder unbewusst den eigenen Rassismus.

Vorurteile sind menschlich. Wir alle haben sie und wir alle pflegen sie, bis zu einem gewissen Grad. Sie erleichtern uns die Orientierung in einer komplexen und vielschichtigen Welt. Problematisch wird es dann, wenn Vorurteile nicht mehr reflektiert werden, wenn sie als in Stein gemeißelte Wahrheit über den anderen (häufig Nichtweißen) nicht mehr vorläufiges Urteil sind, sondern feststehende Realität. Das geschieht im öffentlichen Diskurs immer häufiger. Das, was man über den anderen zu wissen meint, ersetzt die tatsächliche Auseinandersetzung vollständig. Längst verläuft ein tiefer Graben zwischen denen und uns, denen, die sich nicht an unsere Werte anpassen wollen, denen, die klauen, vergewaltigen und schmarotzen und uns, die wir aufrechte Bürger und pflichtbewusste Demokraten sind. Dieser Mechanismus der deutlichen Distinktion vom anderen, meist im Kollektiv gedacht, wird auch als Othering bezeichnet und hat spätestens nach den bedauernswerten Vorfällen der Kölner Silvesternacht wieder Hochkonjunktur. Aber nicht nur das Othering, das Andersmachen stört den konstruktiven Diskurs erheblich.

Privilegiert ist, wer freie Entscheidungen treffen kann. Zum Beispiel darüber, wohin er reisen möchte. Ob das möglich ist, hängt in großem Maße von der Farbe des Reisepasses ab. Mohamed Amjahid ist die deutsche Staatsbürgerschaft bislang aufgrund bürokratischer Hürden verwehrt geblieben, sein grüner marokkanischer Reisepass sorgt immer wieder für Komplikationen und Irritationen. Um ihn als Mensch geht es dabei längst nicht mehr. Aber selbst wenn man den vermeintlich “Anderen” gegenüber positiv gestimmt ist, zeitigt diese Aufgeschlossenheit nicht immer positive Ergebnisse. Als Mohamed Amjahid im Sommer 2015 am Münchner Hauptbahnhof Flüchtlingshelferinnen zu befragen versucht, gerät er immer wieder in beschämende Situationen. Trotzdem er akzentfrei Deutsch spricht, wird er immer wieder für einen Flüchtling gehalten, man bietet ihm offensiv Seife an und spricht in einem Ton zu ihm, den man allenfalls bei Kleinkindern für adäquat erachten würde. Es ist die Kehrseite der Willkommenskultur, die aus jedem Flüchtling ein Opfer macht, aus jedem Nichtweißen potentiell jemanden, dem man die Welt erst in all ihren Einzelheiten erklären muss, weil er eigenständig zu nichts in der Lage ist. Dabei wird die gutgemeinte Hilfe viel häufiger an dem ausgerichtet, was man selbst für hilfreich erachtet statt an dem, was wirklich gebraucht wird. Mohamed Amjahid beschreibt, wie ein Flüchtlingshelfer vor dem Berliner LaGeSo einem Kind offensiv Gummibärchen aufdrängt, obwohl es mehrfach ablehnt. Der weiße Retterkomplex ist nicht intentional bösartig, konstituiert aber genauso ein Gefälle zwischen Helfer und Hilfebedürftigem wie der strukturelle Rassist zwischen denen und uns.

Der “mächtigste Pass” weltweit ist rot und mit einem goldenen Bundesadler geschmückt. Deutsche Staatsbürger durften im Jahr 2016 in 177 von offiziell 194 existierenden Staaten auf diesem Planeten ohne jegliche bürokratische Hürden einreisen.

Unter Weißen bietet eine hervorragende Beschreibung nicht nur diskursiver Stolperfallen und den Gepflogenheiten fast ausschließlich weißer Kulturredaktionen, sondern auch gut gemeinter Verhaltensmuster und Rechtfertigungsstrategien. Dafür, dass man Neger sagen können sollte, muss Roberto Blanco herhalten, der das nicht schlimm findet. Dafür, dass der Islam eine schreckliche und von grundauf menschenfeindliche, gewalttätige Religion ist, sind Menschen wie Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samad doch der Beweis, weil sie, aus demselben Kulturkreis stammend, harsche Kritik üben. Und was verletzend ist, entscheiden ohnehin Weiße, die nicht davon betroffen sind. Dabei sollte doch eigentlich der, der durch einen Begriff angesprochen ist, darüber entscheiden dürfen, was er anrichtet. Sehr häufig geschieht genau das nicht, es wird stattdessen den Angesprochenen ausführlich erklärt, wie sie die Ansprache zu verstehen und zu empfinden haben. Diese vielschichtigen Mechanismen weiß Amjahid mit kritischem Blick auf ihre Wirkung zu analysieren, immer mit dem Anspruch, nicht zu verurteilen, sondern Bewusstsein zu schaffen, um Veränderung zu ermöglichen. Es ist ein erhellendes Buch geworden, mitunter auch ein unbequemes, weil es zur Selbstkritik nötigt. Aber wenn es eines sehr deutlich macht in diesen Tagen, dann die Notwendigkeit, denen zuzuhören, die weiße Privilegien nicht genießen, um mit ihnen gemeinsam an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten.

Mohamed Amjahid: Unter Weissen. Hanser Berlin. 192 Seiten. 16,00 €

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