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Abbas Khider – Ohrfeige

Karim hat seine Sachbearbeiterin von der Ausländerbehörde überwältigt und geohrfeigt. Kurz vor seiner Abreise nach Finnland will er ihr von den drei Jahren in Deutschland erzählen und seinen vergeblichen Versuchen, Fuß zu fassen. Er zündet einen Joint an und genießt den Moment der Macht über die Vertreterin eines übermächtigen Systems. “Ohrfeige” erzählt von einer anderen Art der Willkommenskultur, die vor allem Ausschluss bedeutet.

Abbas Khider, wie sein Protagonist Karim in Bagdad geboren, kam 2000 nach Deutschland, nachdem er als Illegaler in verschiedenen anderen Ländern, darunter Libyen und Jordanien, gelebt hatte. Wegen politischer Aktivitäten gegen das Regime war er  von 1993 bis 1995 inhaftiert, 1996 gelang ihm schließlich die Flucht aus dem Irak. Anders als Karim gelingt es ihm in Deutschland jedoch recht schnell, dem ewigen Zirkel aus Asylheimen und Gelegenheitsjobs zu entkommen. Er studiert Literatur und Philosophie in München und Potsdam, 2008 erscheint sein Debütroman ,Der falsche Inder‘. Karim weiß, als er mit zwei anderen Flüchtlingen von einem Schleuser irgendwo an einer Landstraße im Schnee abgesetzt wird, nicht einmal wo er sich befindet. Er wollte zu seinem Onkel Murad nach Paris, stattdessen steht er in der winterlichen Kälte nahe Dachau. Ein geschichtsträchtiger Ort, von dessen Bedeutung für das Land, in das er mehr zufällig geraten ist, er noch nichts weiß. Von dort geht es für ihn nach Zirndorf, nach Bayreuth, nach Niederhofen an der Donau. Eine Unterkunft reiht sich an die nächste, jede von ihnen so gelegen, dass ein Kontakt mit Einheimischen zwar nicht verunmöglicht, mindestens aber deutlich erschwert wird. Einen Deutschkurs darf Karim erst dann machen, wenn er ein Jahr lang gearbeitet hat. Wie er Arbeit finden soll, ohne die Sprache zu beherrschen, bleibt ihm selbst und seiner Kreativität überlassen.

Die Tarnung als Leser hat schon an vielen Bahnhöfen funktioniert. Normalerweise beachten mich die Polizisten dann nicht. Offensichtlich denken sie, dass ein Illegaler aus einem dieser unterentwickelten Länder sicher nicht lesen kann. Mit der Süddeutschen Zeitung in der Hand trägt man als Illegaler in Bayern gewissermaßen Tarnfarben.

Er schlägt sich durch mit Gelegenheitsjobs auf dem Wertstoffhof, in einer Fabrik am Fließband, als Reinigungskraft. Nebenbei bereitet er sich auf seine Verhandlung vor, bei der er die Gründe für seine Flucht nachvollziehbar darlegen muss. Werden sie anerkannt, wird Karims Asylantrag bewilligt. Ihm wird jedoch von anderen Flüchtlingen nahegelegt, die Wahrheit, wie sie auch aussehen mag, zu modifizieren. Wer in der Heimat nicht politisch verfolgt und an Leib und Leben bedroht wird, wer nicht homosexuell ist oder einer Minderheit im Land angehört, hat um 2000 schlechte Karten, in Deutschland Bleiberecht zu erhalten. Karim hat andere Gründe, ein Geheimnis, das seinen Körper betrifft. Um in der Verhandlung zu bestehen, borgt er sich die Geschichte eines ehemaligen Mitschülers aus, der nach einem Witz über Saddam Hussein und dessen Frau spurlos verschwunden ist. Abbas Khider kennt die Mühlen der Bürokratie aus eigener Erfahrung, es sind Mühlen, die geduldig und beständig Hoffnungen auf ein besseres Leben zermahlen. Wie gut oder schlecht es den Flüchtlingen ergeht, hängt nicht nur von ihrem Betragen oder ihrem “Integrationswillen” ab, sondern nicht selten auch von der Gemütslage ihrer Sachbearbeiter. Es ist ein “Glücksspiel”, jedes Mal.

Um zu überleben und nicht vollständig wahnsinnig zu werden, brauchen wir die Vermittler, die Mafiosi, die Geldgeilen, die Schmuggler, die bestechlichen Polizisten und Beamten, wir benötigen all die Blutegel, die von unserer Situation profitieren wollen. Wir brauchen sie viel mehr als alle Mitarbeiter vom AMNESTY INTERNATIONAL zusammen.

Khider schildert einfühlsam, realistisch und aufrüttelnd von der Ohnmacht, die die Flüchtenden aus ihrer Heimat vertreibt – und der sie im Exil wiederbegegnen. Zur Untätigkeit verdammt lungern manche in Gruppen herum, klauen oder verkaufen sich an reiche Einheimische, sogenannte “Wochenendbesucher”. Hier hat auch Rudolph Moshammer als Wolfram Maria von Richthausen einen Gastauftritt, zwar mit einem Ferrari statt mit einem Rolls Royce und einer gepflegten Katze statt eines Hundes, die Parallelen aber sind unübersehbar. Auch Moshammer erkaufte sich gelegentlich sexuelle Leistungen im Umkreis eines Asylbewerberheims, schließlich wurde er von einem irakischen Asylbewerber erdrosselt. Von Richthausen wird von einem seiner jüngeren Lover erstochen. Sie sind die Spielbälle von Gesetz und Ordnung, von pauschalen Bürgerängsten nach dem 11. September, von Profiteuren ihrer Situation. Zu keinem Zeitpunkt sind die Geflüchteten selbst Herr ihrer Lage und frei, über sich selbst zu bestimmen. Karims Aufbegehren gegen ein anonymes und übermächtiges System bleibt eine Phantasie. Abbas Khiders Roman ist angesichts der politisch-gesellschaftlichen Lage natürlich hochaktuell, aber sicherlich nicht nur deswegen lesenswert. Im Mittelpunkt stehen die Flüchtlinge – entgegen mancher Überzeugung nicht nur die Engel unter ihnen – und ihr Versuch, sich in der Fremde ein Leben aufzubauen. Bereits 2013 sagte Abbas Khider anlässlich einer Lesung aus seinem Roman Briefe in die Auberginenrepublik, ihm sei daran gelegen, die Menschen ins Zentrum seines Erzählens zu stellen. Die, über die vielfach allenfalls abstrakt diskutiert würde. Auch “Ohrfeige” holt die Menschen und ihre individuellen Geschichten zurück in den Fokus und erteilt Diskussionen, die auf der Basis von Vorverurteilungen stattfinden, eine angenehm klare Absage!

"buchhandel.de/Abbas Khider: Ohrfeige
Hanser,
224 Seiten
19,90 €

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