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Woody muss rein – zu Besuch bei Hanser

Immer.

„Aus irgendeinem Grund mogelt er sich jedes Mal dazwischen, auch wenn ich gar kein besonders großer Fan von ihm bin.“, sagt Annika Reich. Auch wenn Lektoren diese Art von Verweisen nicht gern lesen, wenn sie Zitate und Anspielungen gern rigoros aus dem Textfluss reißen, Woody Allen muss rein. In jedes ihrer Bücher. Nur ganz kurz und flüchtig, so wie Hitchcock in nahezu jedem seiner Filme beiläufig die Szenerie kreuzt. Wir sitzen in trauter Runde an einem großen gedeckten Tisch, die Teelichter brennen, der Rotwein geht um. Es ist ein gemütliches und ungezwungenes Beisammensein in den Räumen des Hanser Verlages, in denen in diesem Augenblick ein bisschen Woody Allen ist. Und Schubert. Ein bisschen Tahirplatz und das Fenster zum Hof. All das und freilich noch viel mehr sind Zutaten von Annika Reichs neuem Roman ,Die Nächte auf ihrer Seite’, das am 23. Februar bei Hanser erscheinen wird. Es geht um Paare, Partnerschaft und Selbstverständnis, die Arabische Revolution, die deutsche Wiedervereinigung. Wir verfolgen unmittelbar, durch die lebendige Schilderung Annika Reichs, den Entstehungsprozess eines Romans, der die bisher schwerste Geburt in ihrer schriftstellerischen Laufbahn war. Wo sich normalerweise rasch ein Ton einstellt, der dem Buch eigen und dem Erzählten angemessen ist, gab es bei ,Die Nächte auf ihrer Seite’ nur kleine Fragmente, Ideen, grundsätzliche Fragen. Sie schreibe, sagt Annika Reich, nicht organisiert wie mancher Kollege, mit dem gesamten Personenensemble und einem bis ins kleinste Detail aufgefächerten Lageplan jedes Handlungselements vor Augen. Zuerst kommt etwas anderes, zuerst ist da ein insistierendes Gefühl, eine drängende Frage. Zuerst sind da Bilder, die nicht verschwinden wollen.

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Mit den Bildern dieses stimmungsvollen Abendessens noch vor den sich langsam gen Boden neigenden Lidern steigen wir in ein Großraumtaxi. In einer kleineren Ausführung steckten jetzt wahrscheinlich hinter Fahrer – und Beifahrersitz ein Playboy und die Bunte. Die Münchner sind da pragmatisch und lebensnah. Hier sitzen nur wir. Jemand macht einen Witz über die deutsche Literaturblog-Elite. Es gibt noch etwas Gelächter und die letzte, sich aufbäumende Kraft des Tages führt uns kurz an die Hotelbar. Klein, gemütlich und mit einer ansehnlichen Bücherwand, die sofort inspiziert und neu geordnet wird. Der Nachtportier und Barmann in Personalunion, ursprünglich Theologe, hat nichts dagegen. „Machen Sie mal, wenn Sie finden, dass es danach besser aussieht“, sagt er. Über das Regal verstreute Stefan Zweigs werden wiedervereinigt.

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Als wir am nächsten Tag eintreffen, gibt es Croissants und Ingwertee, Kaffee und Orangensaft. Ein Grußwort von Jo Lendle, der sich sehr für die Entwicklung von Literaturkritik interessiert. Nicht nur im Verlag, ganz generell ist es immer wieder Thema, welche Kanäle sich dauerhaft in der Zeit von Social Media und Literaturblogs zur Literaturvermittlung eignen und bewähren. Niemand kann das wissen, aber wer offen für neue Entwicklungen ist, kann Entdeckungen machen und sich ausprobieren. Literaturvermittlung ist nicht statisch, sie läuft zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise ab. Dem wird Rechnung getragen an diesem Tag, als Mitarbeiterinnen des Verlags, Tatjana Michaelis und Lena Däuker, sowie Susanne Rössler, die in der Presseabteilung für Zsolnay & Deuticke arbeitet, einzelne Highlights vorstellen. Auf ganz klassische aber nicht minder leidenschaftliche Weise, mit einem Buch, den leuchtenden Augen und den richtigen Worten. Es ist schön, diese Begeisterung mitzuerleben. Es geht um das, was wir alle lieben.

Eine Auswahl der Titel, über die gesprochen wurde:

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Die kleine Wanderung durch den Verlag führt vorbei an gefüllten Bücherregalen, Vertrieb, Marketing und Presse, schließlich hin zu Christina Knechts Autorenfotowand und dem Büro des Verlegers. Wer hätte gedacht, dass dort ein mit Schweinsleder bespannter Schreibtisch steht, noch von früher. Eine Reminiszenz an alte Traditionen, mit ausziehbarer Platte für eine stenographierende Sekretärin. Er stand schon vorher in diesem Büro. Auf dem Tisch ein Manuskript, unveröffentlicht. Von oben fällt das Tageslicht in den breiten Flur, von dem die Büros abzweigen. Hier herrscht, trotzdem doch meistens knallharte weltliche Arbeit verrichtet wird, etwas Magisches, das so manchen Verlagsfluren anhaftet. Vielleicht ist es die Leidenschaft für Literatur, die hier und da über den Teppich flirrt. Ursprünglich ist das, was wir so beeindruckt durchschreiten das Wohnhaus Carl Hansers. Wir sind auf dem Weg zurück ins „Schwimmbad“, wie der Konferenzraum, in dem wir zuvor saßen aufgrund früherer Verwendungszwecke noch immer liebevoll genannt wird. Fraglos klingt „Gehen wir ins Schwimmbad“ deutlich erfrischender als “Gehen wir zum Meeting.”

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Zurück im Konferenzschwimmbad reden wir über Satz, Typographie, farbige Vorsatzpapiere, Kapitalbändchen und die Grammatur von Papier. Herstellungsleiterin Stephanie Schelleis ist da und weiß uns eine Menge darüber zu erzählen, wie das stoffliche Buch zu seiner Form gelangt. Mitnichten einfach und unkompliziert, unzählige Dinge müssen bedacht, vieles getestet werden, bevor so ein Buch selbstverständlich auf den Präsentationstischen der Buchhandlungen liegt. Allein deshalb gehört das schöne Buch wertgeschätzt, liebgehabt, weiterempfohlen. Weil viele Überlegungen und Liebe zum Detail in ihnen steckt. Peter Hassiepen ist der letzte an diesem Tag, der Einblick in seine Arbeit gewährt. Er ist Art Director und als solcher zuständig für die Covergestaltung. Wie wichtig das Cover für ein Buch ist, wie sehr es vielfach den Ausschlag gibt, sich überhaupt näher mit einem Buch zu befassen, wissen wir alle, kennen wir aus eigener Erfahrung. Und bis so ein Coverentwurf alle Hürden genommen hat, braucht es manches Mal viel Geduld. Einmal, erzählt Peter Hassiepen, hatte ein Cover zwar alle internen Verlagshürden genommen, wurde aber von der Frau eines Autors in seinem Lauf am Ende scharf ausgebremst. Sie möge keine Pferde. Und die Arbeit beginnt von vorn.

Je erfolgreicher ein Buch werden soll, desto heftiger wird sein Gewand diskutiert. Je mehr Menschen es ansprechen soll, desto kontroverser wird die Debatte, desto enger werden die experimentellen Spielräume. Ein Bestseller also ist schwierig – und ohnehin nicht berechenbar. Versuchen kann man es aber.

Der Nachmittag neigt sich dem Ende, die Uhr tickt unaufhörlich dem Aufbruch entgegen. Erlebt habe ich einen unheimlich aufgeschlossenen, zuvorkommenden und freundlichen Verlag, der an einer Kommunikation auf Augenhöhe interessiert ist. Einen Verlag, der, trotz seiner traditionellen Verhaftung im klassischen Feuilleton, die Türen für eine neue Form der Literaturvermittlung öffnet, der in Dialog treten möchte. Es waren intensive und beeindruckende Stunden, die positiv stimmen. Für den Moment sowieso, aber auch für die Zukunft. Danke!

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