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Warum wir den Buchhandel brauchen

ocelot – not just another bookstore in Berlin, Foto: Klappentexterin

Mitte dieser Woche gab es traurige Nachrichten aus Berlin. Die Szene – und Vorzeigebuchhandlung ocelot hat Insolvenz angemeldet und sucht nun nach einem Investor. Für die Branche ein schwerer Schlag, galt der 2012 eröffnete Laden doch als großes Vorbild im Hinblick auf die Verschmelzung von digital und analog, als ein Vorzeigeprojekt für zukünftige Neulinge, die noch so wagemutig sein könnten, mit der Idee einer Buchhandlung ihren Lebensunterhalt bestreiten zu wollen. Die Anforderungen an Buchhändler haben sich verändert, längst genügt es nicht mehr, Titel vorrätig oder aber mithilfe der Barsortimente schnell zur Hand zu haben. Der Buchhändler muss heute auf vielen Hochzeiten tanzen. Er muss online vernetzt und mit digitalen Inhalten vertraut sein, er muss professioneller Leser und Kulturveranstalter sein, offen für Neues, ohne sich dabei zu verzetteln. Er muss, wie die meisten von uns, immer erreichbar sein; sei es nicht im Laden, so doch aber online. Das Anforderungsprofil hat sich mit amazon und den zahlreichen Möglichkeiten von Social Media und E-Commerce gewandelt. Nicht jeder macht das mit in einer Branche, die über Jahrhunderte eher gemächlich und gesetzt daherkam.

Die Insolvenz ocelots hat im Netz viele Solidaritätsbekundungen provoziert (so auch bei mir – siehe rechts), aber nicht alle können Mitgefühl aufbringen. Ja, einige sehen im vermeintlichen Scheitern ocelots gar den endgültigen Todesstoß für ein aussterbendes Gewerbe (dazu auch, was ich gerade unabhängig von ocelot fand: 9 Gründe, warum ich keine Buchhandlung mehr brauche). Wenn selbst so eine Buchhandlung nicht überleben kann, welche dann? Nun wird der Buchhandel wahrscheinlich schon fast so lange totgesagt wie es ihn gibt. Auch das Aufkommen des Massenbuchmarktes im 18.Jh. hat zur damaligen Zeit heftigen Protest hinsichtlich der “Lesesucht” der Leute hervorgebracht – knapp 7000 Neuerscheinungen im Jahr empfand man damals fast als ungehörig, in jedem Falle aber entschieden maßlos. Hätte zu dieser Zeit einer von über 90.000 p.a. zu sprechen gewagt, vermutlich wäre er wegen Größenwahns vorsichtig an die zuständige medizinische Einrichtung verwiesen worden. Aller Unkenrufe zum Trotz aber ist der Buchmarkt immer weiter gewachsen, hat der Buchhandel überlebt – und das hat Gründe, die nicht bloß in den spinnerten Fantasien einiger weniger ihren Ursprung haben.

collageFotos von: Der bibliophile Reiseführer

1. Buchhandlungen sind kulturelle Begegnungsstätten, in ihnen treffen passionierte Leser aufeinander, die eine Leidenschaft teilen. In ihnen treffen Autoren und ihr Publikum aufeinander. In ihnen wird diskutiert und gestritten über guten und schlechten Geschmack, über Mitreißendes und Todlangweiliges. In ihnen wird geschwärmt und verrissen, in ihnen wird Literatur greifbar und Verbindungen zwischen Menschen entstehen. In einer Gesellschaft, die immer mehr ihrer Kontakte und Kommunikation vielfach virtuell abhandelt, ist so ein Ort schon in sozialer Hinsicht bedeutsam. Oder käme jemand ernstlich auf die Idee, die Kneipen totzusagen? Die Theater? Die Kinos? Konzertsäle?

2. In Buchhandlungen wird nicht nach Schema F empfohlen. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Algorithmus mitteilt, dass ihm ein Buch nicht gefallen hat; er es aber, wie er ehrlicherweise sagen muss, trotzdem als Empfehlung ausgibt, um Geld in die Kassen zu spülen? Ein Algorithmus mag wirtschaftlich (!) effizienter sein, weil er im Hinblick darauf programmiert wurde. Vielfach wird der Algorithmus von amazon und anderen Onlinehändlern gelobt und in einer Hinsicht ist er wirklich hervorragend: Er bringt einen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Mehr eigentlich nicht. In einer Buchhandlung aber gibt es nicht nur ein menschliches Gegenüber, sondern ehrliche und unmittelbare Worte. Auch wenn von Entwicklern hart daran gearbeitet wird: Ein Mensch wird einen anderen und seinen Geschmack immer besser und differenzierter kennenlernen können als eine Maschine.

3. Buchhandlungen verschönern das Stadtbild undzwar insofern als sie sich oft wohltuend von dem abheben, was ohnehin in jeder Stadt zu finden ist. Auch wenn der buylocal-Gedanke von so manchem als naiv und überholt betrachtet wird, stellt er implizit doch eine wichtige Frage: Wie wollen wir zukünftig leben? In nicht wenigen Städten ist die Peripherie der Stadtzentren bereits verwaist, verfallene Häuser reihen sich aneinander, leere Ladengeschäfte, Siff und Dreck. Nur im Zentrum des Zentrums isses noch hübsch, da sind McDonalds, Rossmann, H&M, Starbucks, Rewe und – vielleicht, womöglich auch nicht mehr lange – Karstadt. Damit ein Stadtbild weiterhin lebt und nicht nur die Wiederholung des ewig Gleichen ist, braucht es auch Buchhandlungen.

Kelly-Cummings-A-Year-of-Lettering-BookshopFoto: ohsobeautifulpaper.com

4. Irgendwie “kulturdarwinistisch” anzunehmen, eine neue Entwicklung müsse das zuvor Gewesene zwangsläufig auslöschen. So wird es dem gedruckten Buch prohezeit, seit es E-Books gibt und so wird es dem Buchhandel prophezeit, seit der Onlinehandel so großen Raum in unserem Alltag eingenommen hat. Survival Of The Fittest. Wer am besten an die Gegebenheiten angepasst ist, gewinnt den Kampf ums Überleben. Das ist vielleicht bei Darwinfinken so, davon aber abgesehen sind wir in der Lage, jeweils beide Angebote sinnvoll für uns zu nutzen. Warum sollte ich völlig auf Print verzichten, weil ich auch E-Books lese? Warum sollte ich nie mehr eine Buchhandlung betreten, weil ich auch mal online ein Buch bestelle? Bisher deutet nichts auf derlei Entwicklungen hin. Vielmehr deutet sich eine diversifiziertere Nutzung von verschiedenen Medien an.

5. Wir brauchen Entschleunigung; hin und wieder. Und was ist entschleunigter als eine Buchhandlung? Höchstens eine Bibliothek vielleicht. Man kann die Zeit vergessen, man kann sich durch die Bücher lesen, mal hier und da hineinschauen, Geschichten antesten. Vielleicht bekommt man auch eine Tasse Kaffee oder Tee serviert, vielleicht wird man sich wohlfühlen, so konzentriert und fokussiert auf eine Sache. Buchhändler verkaufen nicht nur Bücher wie andere Gebrauchsgegenstände, sie verkaufen mit dem gegenständlichen Buch auch noch etwas anderes: die Einladung, durch Geschichten die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ganz abgesehen davon, was Geschichten für unser Miteinander, unsere Entwicklung und unser Verständnis der Welt bedeuten.

6. Wir brauchen Idealismus. Eine Gesellschaft, die außer nackten Zahlen und kühlem Pragmatismus nichts mehr für erstrebenswert oder überlebensfähig hält, die nichts mehr schätzt, weil alles für wenig Geld sofort zu haben ist, ist zu bedauern. Jedem Buchhändler ist schon vor Antritt seiner Ausbildung vollumfänglich bewusst, dass er niemals zu den Besserverdienern gehören wird, dass er wenig Chancen hat, irgendwelche Karriereleitern zu erklimmen, Konkurrenten aus dem Rennen zu schlagen, sich zu beweisen. Er wählt seinen Job aus Liebe und Hingabe zur Literatur und Kultur. Menschen, die ihren Beruf noch ausüben, weil sie ehrlich Freude daran haben und ihn als ihre Berufung begreifen, dürfen nicht aus ihren Refugien vertrieben werden.

carlvonossietzkyCarl von Ossietzky Buchhandlung, Flensburg

Nun ist mutmaßlich unstrittig, dass längst nicht alle Buchhandlungen das oben in schönen Farben skizzierte Bild erfüllen (bevor hier wieder jemand brüllt, dass seine Buchhändlerin am Ort aber total zickig und inkompetent sei!). Viele haben einiges nachzuholen oder bewegen sich nur äußerst behäbig von der Stelle. Das ist dem Buchhandel sicherlich anzulasten, er ist etwas schwerfällig. Macht ihn das aber gleich per se überflüssig? Sind schlechte Erfahrungen mit dem Buchhändler vor Ort eine legitime Grundlage für die Verwünschung einer ganzen Branche? Viele versuchen sich bereits an neuen Konzepten, verweigern sich keineswegs den neuen Medien oder dem Verkauf von Readern und E-Books. Das Bild des eingerosteten Buchhändlers, der verzweifelt versucht, die alten Zeiten zwischen Buchdeckeln zu konservieren, ist so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Frage ist nicht: Wird es weiterhin Buchhandlungen geben? Die Frage ist doch: Wie werden Buchhandlungen künftig aussehen? ocelot hat als Laden eine Möglichkeit präsentiert, die sicherlich in Teilen nachjustiert werden muss. Es ist einfach, eine Sache totzureden. Viel anspruchsvoller ist es, neue Ideen zu entwickeln, die den Gegebenheiten der Zeit Rechnung tragen.

In Anlehnung an die oben verlinkten Gründe, weshalb es keine Buchhandlungen mehr braucht, ein paar diskussionswürdige Fragen: Muss eine Buchhandlung im klassischen Sinne eine Marke sein, mit der ich mich identifiziere? Empfindet ihr gedruckte Bücher auch tatsächlich als zu teuer oder greift hier womöglich wieder überhöhtes Anspruchsdenken, das den Produktionsprozess und seine Kosten rigoros ausblendet? Sind wir nicht durchaus willens, für Dinge, von deren Qualität wir überzeugt sind, auch etwas mehr als Appel und Ei zu bezahlen? Kennt ihr Leute, die tatsächlich aus Prinzip keine Buchhandlung mehr besuchen?

Gute Nachricht an dieser Stelle: Der ocelot-Onlineshop funktioniert wieder und ist fortan nutzbar für jeden, der seinen Beitrag zum Erhalt dieser Buchhandlung leisten möchte. Ihr findet ihn hier. Das ist die Gelegenheit, mit dem einen oder anderen Weihnachtsgeschenk vielleicht gleichzeitig auch ein gutes Werk zu tun!

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