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All you can read – E-Book Flatrates

Foto: Ole Husby

amazon macht wieder einmal von sich reden. Zur kommenden Frankfurter Buchmesse will das Unternehmen sein E-Book Flatratemodell für Deutschland vorstellen. In den USA gibt es ,Kindle-Unlimited’ bereits. Für 9,99 Dollar können Leser so viele E-Books auf ihre Geräte laden wie sie wollen. Zwar ist die Auswahl mit rund 600.000 Titeln groß genug, um einiges für sich zu entdecken, große US-Verlage allerdings wie Hachette, HarperCollins, Penguin Random House und Simon & Schuster sind nicht Teil des Angebots, Bücher aus diesen Verlagen werden die Leser weiterhin auf gewöhnlichem Weg beziehen müssen. Ähnlich auch in Deutschland: Die meisten großen Verlage partizipieren nicht an der Flatrate, das Verhältnis ist bekanntermaßen angespannt. Das ist wohl auch der Grund, dass nur ein geringer Teil der angebotenen E-Books überhaupt auf Deutsch verfügbar ist. Ein Versäumnis?

E-Book Flatrates sind in Deutschland nichts Neues. Skoobe bietet bereits für 9,99 € monatlich mit der Skoobe-App unbegrenzten Zugang (je nach Modell auf bis zu drei Geräten und auch offline) zu knapp 70.000 E-Books. (Update: Es wurde richtig korrigierend angemerkt, dass man die Bücher auch bei Skoobe nur leiht, nicht tatsächlich auf ewig erwirbt. Sie müssen also früher oder später zurückgegeben werden, wenn das Maximum, das sich je nach Tarif unterscheidet, an “erlaubten” E-Books runtergeladen ist. Erst dann kann man wieder neue laden!) Dennoch, es entsteht ein sehr rasantes Lese-Durchlauf-Geschäft: das Buch wird zur Massenware, das jederzeit und überall konsumierbar ist, jederzeit auch wieder gegen was Interessanteres eingetauscht wird, wenn die ersten Seite nicht packen. Es ist das klassische Trial & Error-Prinzip. Bei Skoobes FAQs heißt es da:

Kann ich wirklich so viele Bücher lesen, wie ich will?

Ja, sie können mit allen Tarifen jeden Monat beliebig viele Bücher lesen. Mit Basic bis zu drei, mit Plus bis zu fünf und mit Premium bis zu 15 Bücher gleichzeitig.

Viele passionierte E-Book Leser heben lobend hervor, dass sie auf ihren E-Readern bedeutend schneller und mehr Bücher lesen als in klassisch analoger Form. E-Book Flatrates laden nun geradewegs dazu ein, auf das Gerät unzählige E-Books zu laden, die im ersten Augenblick interessant erscheinen, ohne sie jedoch jemals danach nochmal aufmerksam anzusehen. Selbst im klassischen Buchbereich ist das Problem passionierten Lesern ja nicht unbekannt: Bücher werden gesammelt, teils gehortet, in Szene gesetzt – doch wann das eigentlich alles lesen? Irgendwann wird sich schon Zeit finden, irgendwas wird der Sammelwut Grenzen setzen und sei es auch nur die begrenzte Quadratmeterzahl der Wohnung. Eine E-Book Flatrate ist noch wesentlich verführerischer. Wie viele dutzend Bücher werden heruntergeladen, die dann ungelesen auf dem Gerät “verstauben” oder wieder gegen neue eingetauscht werden? Was mich heute interessiert, kann morgen schon wieder belanglos sein. Positiv zu bemerken ist natürlich, dass so Entdeckungen gemacht werden können, die es andernfalls wohl nie gegeben hätte. Ein E-Book ist schnell heruntergeladen, wenn es im monatlichen Festpreis inbegriffen ist. Schneller jedenfalls, als man im Buchladen zu einem Autor greift, von dem man noch nie etwas gehört hat.

Was machen Flatratemodelle mit dem einzelnen Kunstwerk?

Flatratemodelle im Bereich Film und Musik sind längst salonfähig. Seiten wie das noch recht frisch in Deutschland eingetroffene Netflix oder Spotify erfreuen sich großer Beliebtheit. Abgesehen von seiner Praktikabilität, die viele sicherlich zu schätzen gelernt haben: Was macht dieses grenzenlose Angebot eigentlich mit der Musik, dem Film, der Literatur? Wenn ich ins Restaurant zum All you can eat-Buffet gehe, genieße ich es, dass ich mir um meinen Geldbeutel keine Gedanken machen muss. Ich kann mich nach Herzenslust satt essen, neue Sachen ausprobieren. Aber auch mein Magen hat ein begrenztes Fassungsvermögen. Ich werde sowieso niemals alles essen können, was angeboten wird. Und was macht diese “Friss, soviel du kannst”-Mentalität eigentlich mit der liebevollen Zubereitung von Speisen, mit der Arbeit des Kochs?

Wir leben jetzt schon in einer Welt, die von allem zuviel im Angebot hat. Zuviele Nahrungsmittel, zuviele Klamotten, zuviele Bücher, Filme, Musikproduktionen, Preise. Sie ist überkomplex und immer schwieriger zu überblicken. Für Menschen, die ihre Wahrnehmung gut nach dem filtern können, was sie interessiert und alles andere schlicht ignorieren, mag diese Komplexität und wahnwitzige Vielfalt von allem kein Problem darstellen. Für Menschen wie mich, die ihre Eindrücke nur schwerlich filtern können, bedeutet dieses Überangebot eigentlich nur eines: Stress. Ich könnte mir also künftig für 9,99 € (ob bei amazon oder Skoobe) sicherlich hundert E-Books herunterladen (nacheinander), deren Wert 9,99 € – nicht nur ideell gesehen – bei weitem übersteigt. Würde ich dazu kommen, sie zu lesen? Wahrscheinlich nicht. Aber ich könnte sie erstmal haben. Und darum geht es. Die Wertschätzung eines einzelnen Kunstwerkes – sei es musikalischer, filmischer oder literarischer Art – tritt durch Flatratemodelle in eklatanter Weise in den Hintergrund.

Schon jetzt habe ich genug zu lesen für die nächsten Jahrzehnte

Die Crux an dieser ganzen Sache: Ich kann auch jetzt schon so viel lesen wie ich will, ja, um ehrlich zu sein will ich so viel lesen, dass meine Zeit dafür gar nicht ausreicht. Ich will Bücher, egal in welcher Form, ob digital oder analog, nicht wegkonsumieren wie ein Fast Food Menü. Ich will mir Zeit lassen, will mich mit einem Buch auseinandersetzen, will es als einzelnes Produkt – im Sinne einer künstlerischen Produktion, nicht im Sinne wirtschaftlicher Rentabilität – wertschätzen. Selbstverständlich verbietet mir keine E-Book-Flatrate dieser Welt, mein Leseverhalten beizubehalten; allerdings glaube ich, dass dieser gewissermaßen maßlose Umgang mit Büchern schleichend zu einer Veränderung im Hinblick darauf führt, wie Bücher gesehen werden. Sie sind Kulturgut, keine Massenware. Dementsprechend möchte ich doch lieber ein Buch richtig lesen, statt fünfzehn gleichzeitig und halbherzig!

Claudia von dasgraufeSofa hat auch einige Gedanken dazu hiergelassen, die wichtige, von mir bisher nur angerissene oder unerwähnte Punkte beleuchten:

Der Vergleich mit dem All-you-can-eat-Bezahlsystem ist mir auch sofort eingefallen, als ich heute morgen von der Flatrate las. Manchmal macht das Ausprobieren an so einem Buffet vielleicht Spaß, aber es MUSS gerade bei billigen Angeboten, einfach etwas darunter leiden: entweder die Gehälter der Mitarbeiter und/oder die Qualität des Essens. Und der Konsument achtet – meistens – eben auch nicht auf die Qualität, da geht es dann oft mehr darum, wer sich wieviele Teller vollschaufeln kann.

Wenn Bibliotheken solche Bezahlmodelle nutzen, ist das aus vielerlei Gründen eine gute Sache. Du hast sie ja in Deinem Beitrag beschrieben. Anders ist das schon, wenn es ein Unternehmen macht, dass mit seinem Geschäftsgebahren eine deutliche Marktdurchdringungs- und Verdrängungsstrategie fährt. Ein Unternehmen ausgerechnet auch noch, das alle Gewinne, die in Europa erwirtschaftet werden, in Luxemburg versteuert. Zu dem Spitzenhebesatz von 1 Prozent auf den Gewinn (Quelle Suüddeutsche Zeitung vom 7.10.2014, es läuft ein EU-Ermittlungsverfahren gegen Luxemburg und amazon!)

Das ist bedenklich, wenn wir auf die schauen, die – bisher – davon gelebt haben, Bücher zu schreiben. Was von der Flatrate kommt dann noch bei Schriftstellern an? Werden sie noch experimentieren, ausprobieren, etwas schreiben, das nicht unbedingt marktkonform ist, das nur wenige Leser interessiert und beeindruckt? Wird es neue, junge Autoren geben, die etwas wagen, uns mit neuen, leider marktunkalkulierbaren, Geschichten unterhalten, nachdenklich stimmen, zum Lachen oder Weinen bringen? Wird es politische Geschichten geben, die unbequem sind, die uns aufklären, Zusammenhänge erklären, unser Sicht verändern?
Und wieviele Daten über unser Leseverhalten fließen an den Anbieter zurück? Was kann der anstellen mit den Daten? Noch mehr marktgängige Stories schreiben lassen?

Julia schreibt auf Julias Buchblog eine Antwort, die sagt: “Bücher sind Kulturgut, eben WEIL sie Massenware sind.”

 Nachdem nun merhfach die Kritik aufgekommen ist: Nein, ich kritisiere keine Bibliotheken, sondern Maßlosigkeit. Ja, ich sehe einen Unterschied zwischen der kommunalen Einrichtung “Bibliothek” und der Online-Flatrate eines profitorientierten Unternehmens, das mit einem Angebot von zigtausenden Büchern wirbt. Nein, ich kann keine meiner Thesen endgültig beweisen, sondern verleihe dem Gefühl Ausdruck, dass durch permanentes Überangebot das einzelne Kunstwerk und die Auseinandersetzung damit zwangsläufig in einer unüberschaubaren Masse untergehen muss, zugunsten schneller Konsumierbarkeit. Oder eben: “Schnell weg und neu.”

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