Kultur
Kommentare 18

Diskussionskulturen in der Petrischale

Sibylle Lewitscharoff macht von sich reden. Diesmal nicht, weil sie ihrer beachtlichen Sammlung an renommierten Literaturpreisen (Büchner-Preis, Kleist-Preis, Preis der Leipziger Buchmesse, Bachmannpreis) einen neuen hinzuzufügen hätte. Auch nicht, weil sie sich über den Online-Giganten Amazon auslässt – für den dort zu verortenden Imageschaden kann sie nicht verantwortlich gemacht werden. Wohl einer der Gründe, weshalb ihre Schmährede auf das Unternehmen, das sie als ,widerlich’ bezeichnete, größtenteils wohlwollend bis gleichgültig aufgenommen wurde. Irgendwie hat sie ja Recht, sagte man.

Nein, diesmal reicht ihr rhetorischer Fauxpas wesentlich weiter. Kann man es, angesichts weithin bekannter Geschäftsmethoden, noch plausibel bis notwendig finden, ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter zu Billiglöhnen unter denkbar schlechten Arbeitsbedingungen beschäftigt, widerlich zu heißen, ist es bedenklich, bestimmten Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Am 02. März hielt Sybille Lewitscharoff im Dresdner Schauspielhaus eine Rede, in der sie künstliche Befruchtung aufs Schärfste kritisierte. Menschen, die aus einer künstlichen Befruchtung hervorgingen, seien für sie ,Halbwesen’ und, obwohl diese für ihre Herkunft wohl am wenigsten könnten, werde sie hier von ihrer Abscheu übermannt. Wider die Vernunft.

Sie zog Vergleiche zu ,nationalsozialistischen Kopulationsheimen‘ und ließ in diese Rede offensichtlich so einige krude Ressentiments einfließen, so manch schiefes Gedankengebäude wurde dargeboten. Hier ist die ganze Rede der Sibylle L. nachzulesen, die wohl künftig an dieser jener Entgleisung gemessen werden wird, die sie sich In Dresden erlaubte. Sowohl der Chefdramaturg des Dresdner Schauspielhauses Robert Koall als auch der Suhrkamp Verlag, in dem Lewitscharoffs Bücher erscheinen, distanzierten sich ausdrücklich von dieser Tirade. Menschenfeindlich sei sie, menschenverachtend, widerlich, so Koall.

Erst langsam beginnt die Welle der medialen Resonanz sich zu ihrer vollen Größe aufzurichten, – viel spannender als Lewitscharoffs Fehltritt aber sind die Diskussionen, die ganz am Rande geführt werden und ein interessantes Stimmungsbild unserer Gesellschaft widergeben. Es ist vermutlich völlig unstrittig, dass Bezeichnungen wie ,halbkünstliche Weißnichtwas’ und die Idee eines Onanieverbots indiskutabel sind, nah am Rande der Absurdität. Abseits der Debatte aber wird einmal wieder die Diskussion um Meinungsfreiheit entfacht. Was darf man sagen? Und was nicht? Darf man alles sagen, was einem – egal in welchem Zustand – so durch die Gehirnwindungen poltert?

Ganz grundsätzlich darf ja erstmal jeder alles sagen. Sagen die meisten. Eine der größten Errungenschaften unserer Kultur sei doch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Häufig und gern eingeleitet mit der Floskel ,Man wird doch wohl noch sagen dürfen ..‘ Ultra-orthodoxe Meinungsliberalisten sind indessen allerdings gleichzeitig der Ansicht, jede noch so abseitige Meinung müsse auch kommentarlos hingenommen werden. Jeden kräftigen Rückenwind verstehen sie als Versuch, Zensur zu üben und Rechte zu beschneiden. Gemäß dieser Argumentation wäre auch jede halbwegs diplomatisch dargebrachte Beleidigung eben bloß eine Meinung.

Andere forden einen journalistischen Aufschrei auf allen Kanälen (sowas wie ein reinigendes Gewitter?), so etwas könne man doch nicht so stehenlassen, widerwärtig, eine abartige Person, ihre Bücher waren sowieso schon immer doof. Plötzlich kanalisiert sich alle Abneigung, aller Frust, alle Fassungslosigkeit angesichts der weltlichen Ungerechtigkeiten und entlädt sich geballt über dem Haupte Sibylle Lewitscharoffs, die zwar fraglos mit dieser Rede in die Annalen des schlechten Geschmacks eingehen dürfte, aber doch in diesem Falle bloß wieder Stellvertreter ist. Stellvertreterfigur für eine Gesellschaft, die sich gern strohfeuerartig empört, um ebenso schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen.

tu gutes

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren und im Schwäbischen aufgewachsen, mutmaßlich zu dieser Gruppe von Menschen, die qua ihrer vergleichsweise fundamentalistischen Einstellung alles abseits des natürlichen Zeugungsaktes für widerlich und abscheulich halten. Das ist engstirnig, ohne Frage – und darüber zu berichten, ist Aufgabe der Medien. Viel wichtiger wäre aber ganz offenbar angesichts all der aufgebracht durcheinanderbrüllenden Massen: das Erlernen einer Diskussionskultur, die mehr kennt als schwarz oder weiß. Einer Kultur, in der die Mistgabeln und Fackeln getrost im Schrank verbleiben können. Einer Kultur, in der man sich keinem herbeiorakelten Schreckgespenst einer “Sittenpolizei” gegenübersehen muss (verbreitet Tugendterror), die unliebsame Meinungen gnadenlos ausmerzt.

Das, liebe “Opfer” der Tugendterrorzellen, ist eine dramatische Verkennung der Sachlage, die auch im Falle Lewitscharoff wieder einmal zu beobachten ist. Frau Lewitscharoff steht es völlig frei, verschwurbelte Thesen von vorvorgestern in den Äther zu blasen, genauso, wie es anderen überlassen ist, diese Schwurbelei hanebüchen zu finden und dem Ausdruck zu verleihen. Diskussion entsteht nicht etwa dadurch, dass jede Meinung unangetastet wie ein teures Deko-Objekt im Raume steht. Wir müssen wieder lernen, zu diskutieren. Nicht, uns zu empören oder Stillschweigen zu wahren – Diskussion ist anders. Vielleicht ist genau dafür die Lewitscharoff-Debatte gut, – eine Debatte, die innerhalb kürzester Zeit schon zum Eklat aufgestiegen ist.

Foto: Das blaue Sofa/Club Bertelsmann

Weitersagen

18 Kommentare

  1. Pingback: Samstag | Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

  2. Pingback: Der Sonntagsleser – KW #10 März 2014 | Lesen macht glücklich

  3. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 09.03.2014 (KW10) | buecherrezension

  4. Pingback: Sonntagsleserin #KW10 | Wörterkatze

  5. Pingback: Sonntagsgedanken zur Dresdner Rede von Sibylle Lewitscharoff | Über den Kastanien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.