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Die vermeintliche Ewiggestrigkeit

Sie ist derzeit das Sorgenkind des deutschen Feuilletons. Eingerostet, bewegungsunfähig, steril und lebensfern. Von WELT und ZEIT gescholten, müsste sie nun eigentlich auf die stille Treppe – die deutsche Gegenwartsliteratur. Der eine sieht das Problem in einer homogenen Gruppe von Wohlstandskindern ohne jede Lebenserfahrung, der andere vermisst die fremdartigen Stimmen und die Vielfalt in der deutschtümelnden Heimeligkeit. Zwischen Schrankwand und falschem Parkett fehlt das pulsierende Leben. Dieser journalistische Aufschrei zeigt abseits von der Frage, wie es denn nun tatsächlich um die kränkelnde deutsche Literatur bestellt ist, vorallendingen eines: Man ist unzufrieden mit ihr und ihren Themen.

Trotzdem sie sich ,Gegenwartsliteratur’ schimpft, enthalte sie, nach landläufiger Auffassung, viel zu wenig Gegenwart. Lieber ziehe man sich auf historische Stoffe zurück oder lasse einen Protagonisten geschichtlich relevante und politische Themen der Vergangenheit in der Gegenwart aufarbeiten. Familiengeschichten der Nazi-Zeit, Familiengeschichten in der DDR stehen hier hoch im Kurs. Das zu leugnen, wäre eine Aufgabe, der auch ich mich nicht gewachsen fühle. Damit gleichzeitig zu behaupten, es gäbe nichts anderes mehr auf dem Buchmarkt, wäre wiederum eine Verallgemeinerung, an der ich mich nicht beteiligen möchte.

Während wir noch an der deutschen Gegenwartsliteratur herumzerren, einer hält sie links am Arm gepackt, der andere rechts, stellt sich implizit die Frage: Was soll Literatur überhaupt bewirken? Darüber kann man bekanntlich geteilter Ansicht sein, dem einen soll der Roman bloß Unterhaltung nach bester Popcornmanier sein, der andere will sich in seiner Wahrnehmung erschüttert, in seiner Realität verändert finden. Was erwarten wir von der deutschen Literatur? Und an welchen ausländischen Beispielen orientieren wir uns? Davon wird überraschend wenig gesprochen. Wo wir denn die Lebendigkeit finden, die wir in der deutschen Literatur so vermissen.

Autoren wie David Wagner, Katharina Hartwell, Olga Grjasnowa (auch sie mischte sich jüngst in die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur ein, zu lesen hier), Vea Kaiser, Michael Weins, Lisa Kränzler, Abbas Khider und so einige andere bereichern durchaus unsere deutsche Literaturlandschaft – jedoch werden sie zugunsten dieses Rundumschlags oft an den Rand der Debatte gedrängt. Großmütige “Jaja, die gibts schon auch, aber…’-Sätze ersticken jedes weitere Gespräch über literarische Alternativen zum vermeintlichen Einheitsstil deutscher Autoren, gut ausgebildet an renommierten Literaturinstituten, handwerklich perfekt, inhaltlich ein Kartenhaus. Sagt man.

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Ich glaube nicht, dass wir uns ernstlich Sorgen um deutsche Nachwuchsautoren machen müssen. Es gibt sie, die interessanten Neuerscheinungen, die erfrischenden Perspektiven, man muss sie bisweilen bloß etwas länger suchen (und das (!) war schon früher nicht anders). In kleinen und experimentierfreudigen Verlagen, die neue Wege abseits der Straße beschreiten. Es mangelt nicht an guten deutschen Literaten, vielfach fehlt es im gesamten Kulturbetrieb – jedenfalls so er ein breiteres Publikum zu bedienen versucht – an der Freude Neues auszuprobieren. Da geht es der Literatur wie dem Fernsehen, dem Radio und sämtlichen Printmedien. Vielfach werden Projekte nicht in Angriff genommen, weil man sie dem Publikum nicht zumuten kann und will. Ähnlich wie in der Debatte um den Einheitsbrei in Buchhandlungen geht es hier nicht nur darum, wie dröge die deutsche Literatur geworden ist, sondern für wie dröge man ihre Leserschaft hält. Und manches Mal basiert diese Annahme auf einem gefährlichen Fehlurteil.

Höchstwahrscheinlich gab es auch früher nur eine handvoll Autoren, die dem Feuilleton schmeichelten. Hochgebildete Feingeister, die für hochgebildete Feingeister schrieben. Genau das also, was jetzt plötzlich als zu anämisch und langweilig gilt. Jahrzehntelang ist es hauptsächlich diese Literatur gewesen, die sich der guten Presse in einschlägigen Zeitungen gewiss sein konnte. Selten fand mal ein Ausbruch in etwas experimentellere Gefilde statt und wenn doch, wurde das von der Leserschaft sofort abgestraft. (zuletzt gesehen bei ,Die letzte Amerikanerin‘ von Elizabeth Ellen, eine auf ZEIT Online veröffentlichte Erzählung rief dort nicht gerade freundliche Kommentatoren auf den Plan, die ihren intellektuellen Elfenbeinturm prompt durch den ein oder anderen Fäkalausdruck beschmutzt sahen) Kann es nicht sein, liebes Feuilleton, dass es euch nun ein bisschen wie Goethes Zauberlehrling ergeht? Schließlich seid doch auch ihr es, die die deutsche Literaturlandschaft entscheidend mitgestaltet. Da beschwört ihr, neben Verlagen und Preiskomitees, also jahrelang flussauf- wie -abwärts eine Landschaft voller Quasi-Buddenbrooks in unterschiedlichen Epochen – und nun ist sie langweilig geworden.

Es ist sicherlich richtig, die junge deutsche Gegenwartsliteratur hin und wieder auf ihre Kinderkrankheiten zu untersuchen. Sie auch ein bisschen mit ausländischer Literatur spielen zu lassen, damit deren schlimmste Gebrechen möglichst schnell über sie hinwegfegen. Man kennt sie ja noch, diese Masern-Partys, zu denen möglichst viele Kinder geschleppt wurden, damit sie es hinter sich hatten. Geholfen ist aber wahrscheinlich niemandem mit der bloßen Feststellung, dass alles immer schlimmer werde. Ob es nun an der Uckermark liegt, den Arztvätern, Rosamunde Pilcher oder dem Tatort – es liegt in unser aller Hand, dieses verkrustete Wohlstandsgefühl hier und da mal abzukratzen und einen Blick auf deutsche Literatur zu gewähren, wie sie auch sein kann. So zum Beispiel:

Kathrin Aehnlich – Wenn die Wale an Land gehen
Björn Bicker – Was wir erben
Jan Christophersen – Schneetage
Daniela Dröscher – Pola
Ralph Dutli – Soutines letzte Fahrt
Milena Michiko Flašar – Ich nannte ihn Krawatte
Katharina Hartwell – Das fremde Meer
Martin Kordic – Wie ich mir das Glück vorstelle
Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren
Inger-Maria Mahlke – Rechnung offen
Frédéric Valin – In kleinen Städten
Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
David Wonschewski – Geliebter Schmerz

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