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Keine Angst vor’m Buch

34 % der Deutschen lesen seltener als einmal im Monat ein Buch. Zu anstrengend, zu langweilig, zu wenig Zeit – die Begründungen sind vielfältig. Erst kürzlich bewies ein Artikel auf WELT Online, dass die Weigerung Bücher zu lesen, nicht automatisch mit Banausentum oder mangelnder Bildung gleichzusetzen ist. Die Erforschung des Nichtlesers also erfreut sich großer Beliebtheit und beschäftigt nicht nur die klugen Köpfe der Buchbranche, sondern künftig wohl auch immer mehr Werbefachleute. Um Nichtleser von der “Coolness” des Lesens zu überzeugen, hat man schon letztes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels eine Imagekampagne für das Lesen gestartet. ,Vorsicht Buch‘ lautete das Motto, ausgetüftelt von der Werbeagentur Zum Goldenen Hirsch und der PR-Agentur Z-PR.

Nun ist es vermutlich mindestens strittig, etwas cool aussehen zu lassen, indem ich ihm einen Anstrich des Abenteuerlichen und Gefährlichen verpasse. Im Lieferumfang für Buchhandlungen waren unter anderem Absperrbänder enthalten, die wohl an die berühmten ,Crime Scene – Do Not Cross‘- Bänder erinnern sollten. Außerdem zahlreiche Aufkleber mit der  nämlichen Warnung vor gedrucktem Wort. Vielleicht wollte man sich umgekehrte Pädagogik zunutze machen – bekanntlich wird das meiste ja interessanter, wenn man eindringlich davor warnt. Alkohol, Nikotin, lange wachbleiben und im Winter ohne Jacke rausgehen. So cool ist das Buch. Als problematisch gestaltete sich indessen eher, diese Botschaft an den Mann – oder: den Kunden – zu bringen. Die meisten taten sich schwer mit dem Verständnis dieser Kampagne. Um nun ein für alle Mal klarzustellen, dass Bücher lesen verdammt lässig ist, hat sich die Stiftung Lesen eingeschaltet und jemanden an die Seite gestellt, der wissen muss, was cool und zeitgemäß ist: RTL.

Peter Kloeppel, Frauke Ludowig, Bülent Ceylan, Steffen Hallschka – alle erklären sie, weshalb man lesen sollte. Abgesehen davon, dass es ein kultureller Widerspruch in sich ist, einen Sender wie RTL, der wie kein anderer für hirnlähmende Sendeformate im deutschen Fernsehen steht, für eine solche Kampagne zu verpflichten, stellt sich die Frage: Braucht das Buch solche Missionierungsarbeit? Die, die gern und mit Leidenschaft lesen, werden ignorieren, was sie ohnehin schon wissen. Ihnen muss niemand erklären, weshalb die Lektüre von Büchern bereichernd ist – undzwar weit über den bloßen Wissenserwerb und die schnöde Unterhaltung hinaus.

Und die, die nicht lesen? Die werden vielleicht auch weiterhin nicht lesen. Die Dinge werden nicht dadurch cooler, dass man “Prominenz” sagen lässt, dass es so ist. Selbst wenn die Dschungelcampinsassen morgen überraschend einen Lesekreis veranstalteten, würden nicht etwa mehr Menschen zu Büchern greifen als sonst. Bücher sind keine Markenjeans, die man sich kauft, weil sie bei berühmten Popsängern so gut sitzt und eine schlanke Hüfte macht. Die meisten haben schlussendlich mit dem Lesen begonnen, weil es Teil ihrer Sozialisation war, weil sie mit Büchern aufgewachsen sind, nicht, weil ihnen jemand gesagt hat, sie müssten jetzt aber wirklich dringend mit dem Lesen beginnen. (Ausnahmen bestätigen die Regel, einige sollen auch durch diverse Fantasy-Hypes zum Buch gekommen sein)

,Lesen macht sexy‘, sagt Bülent Ceylan. Alles muss heute sexy sein. Nicht aushaltbar, wenn es anders wäre, niemand traute sich mehr, ein Buch in die Hand zu nehmen, wenn es ihn nicht gleichzeitig ungeheuer schmückte. Aber vielleicht wird man noch träumen dürfen und sich für einen kurzen Augenblick an der Vorstellung erfreuen, dass alle, die nun durch RTL-Gesichter animiert zu lesen beginnen, künftig dem Sender den Rücken zudrehten. Lesen schärft den Verstand. Im Idealfalle.

Würdet ihr einen Nichtleser zu überzeugen versuchen? Und wenn ja, womit?

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