Kultur, Sonstiges
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Da steh’ ich nun, ich armer Thor ..

und bin so klug als wie zuvor. (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

Unbestritten hat sich unsere Wissenskultur und vorallendingen der Zugang zu Informationen seit Goethes Zeit drastisch verändert. Seit das Internet nahezu standardmäßig zur Ausstattung deutscher Haushalte gehört und sich dank Smartphones auch angenehm portabel gestaltet, ist kaum eine Information noch zu abseitig, um sie zu finden, kaum eine Frage bleibt länger als einen Klick unbeantwortet. Wikipedia hat den guten alten Brockhaus abgelöst,der früher noch in epischer Breite die Schrankwand im Wohnzimmer okkupierte wie einst die großen Entdecker fremde Länder. Er gehörte zur Inneneinrichtung und wurde wohlwollend von Generation zu Generation weitergereicht. Wir alle, auch Goethe, waren uns schon immer im Klaren darüber, dass es so viel mehr zu wissen gibt als wir jemals lernen und begreifen können. ,Ich weiß, dass ich nichts weiß‘ war zu Sokrates’ Zeiten womöglich noch ein demütiges Eingeständnis, eine Verbeugung vor der Welt und all ihren kleinen und großen Rätseln und Geheimnissen. Heute stünde dieser Satz mutmaßlich am Ende einer jeden erfolgreichen Selbstreflexion. Ich weiß nichts – und will auch gar nicht wissen.

collagewissenSeit kurzem gibt es im Bereich des “Sachbuchs” einen unübersehbaren Hang zu Titeln, die Wissen versprechen, stattdessen aber eher eine skurille Sammlung nutzloser Fakten präsentieren, die mit Wissen oder Bildung so viel zu tun haben wie die RTL2-Nachrichten mit seriöser Berichterstattung. Begonnen hat es mit der NEON-Reihe Unnützes Wissen,die ursprünglich vermutlich eher der Belustigung denn der Belehrung dienen sollte und so drängende Fragen wie die nach dem Namen der lila Milka-Kuh aus der Werbung beantwortete. Doch spätestens, seit sich bei Deutschlands erfolgreichster Quiz-Show herausgestellt hat, dass dieses “Wissen” bares Geld wert sein kann, stehen Tür und Thor – Verzeihung, Tor (!) – offen für weitere Folgeproduktionen identischen Formats.

12 % des Gewichts eines Hühnereis entfallen auf die Schale, botanisch gesehen sind Bananen Beerenfrüchte, Hitchcocks Psycho war der erste Film, in dem eine Toilettenspülung betätigt wurde – liest man und meint, irgendwas von der Welt zu begreifen. Für mehr bleibt keine Zeit. Nicht nur im Bereich des unnützen Wissens vermehren sich die Veröffentlichungen bedenklich, auch die Crashkurse und Leitfäden zu Meditation, Buddhismus, Philosophie und der Weltgeschichte im Allgemeinen erfreuen sich größter Beliebtheit. Bloß nicht zu lange in ein Thema vertiefen, nur die oberste Schicht abtragen muss genügen. Auch unser Bildungssystem fördert solchen Umgang mit Informationen. Für Klassenarbeiten und Klausuren werden stur Fakten auswendig gelernt, die in keinerlei Kontext gestellt oder näher beleuchtet werden, kurz danach fallen sie ganz natürlich, weil nur vorübergehend im Kurzzeitgedächtnis zwischengelagert, wieder dem Vergessen anheim. Was man sich früher noch mühevoll anlesen, wofür man recherchieren musste, “googelt” man heute mal schnell. Wer hat es noch nicht erlebt, dass er mit Freunden bei lebhafter Diskussion über eine Frage zusammensaß, die irgendjemand jäh mit seinem Smartphone beendete. “Moment, ich googel’ mal eben..’, das Gespräch verebbt, Blicke schweifen im Raum umher, bis der Suchende stolz aus Wikipedia zitiert.

Der ein oder andere wird nun anbringen, dass diese Titel im Bereich des Sachbuchs lediglich unterhalten und erfreuen sollen. Ähnlich wie auch einschlägig bekannte “Wissensmagazine” im Fernsehen nicht ernstlich den Anspruch erheben, die Menschen zu bilden. Viel mehr sollen die Zuschauer lediglich den Eindruck haben, sich Wissen anzueignen. Sei es auch oft noch so fehlerhaft, prätentiös, fragmentarisch oder belanglos. Denn wir sind uns dennoch bewusst: Wissen bedeutet, sich tiefgreifend mit einer Materie auseinanderzusetzen, es bedeutet, Zeit für ein Thema zu opfern, dessen man sich annehmen will. Es bedeutet, in einer Sache aufzugehen,die Welt um sich herum einen Augenblick in der Beschäftigung mit einem Kleinstpartikel ihrer selbst zu vergessen. Und an dieser Zeit,dieser Muße muss man vielleicht schon sagen, fehlt es in der Schnellebigkeit und Hektik unserer Tage. Hat man mal Zeit, will man ausspannen, entspannen, aber nicht dicke Fach – und Sachbücher wälzen. Die Wissensaneignung ist zusehends zu einer unliebsamen Notwendigkeit geworden, die man, um Zeit zu sparen, schlussendlich radikal vereinfacht hat. Bildungs-Fast-Food. Schmeckt, macht glücklich, unterhält und ist unkompliziert. Aber hat eben auch wenig gemein mit tatsächlichem Wissen und nachhaltiger Bildung.

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