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Der Kretin ist immer der Buchhändler

buchBei SteglitzMind entspinnt sich gerade eine hitzige Debatte, ausgelöst von einer Streitschrift aus Kundensicht, einem Pamphlet gegen die Uniformität des stationären Buchhandels. In jeder Buchhandlung stünde nur noch der Historienschinken an den Regionalkrimis, liebevoll umarmt von den Dora Helds und Hera Linds, den SMS von gestern Nacht und Schatten von Grau. Eine Beschwerde, die man durchaus nicht als vollkommen ungerechtfertigt abtun kann. Statt sich in der Breite aufzufächern, setzen viele auf ein nahezu krisensicheres Sortiment, so tief, dass man mitunter meinen könnte, es gäbe keinen Erotikroman auf dieser weiten Welt, der nicht in diesem Regal stünde, gemeinsam mit den Grauschatten. 80 Days’, Crossfires, Fire After Darks … was einmal ankommt, wird gnadenlos ausgeschlachtet.

Diese Beobachtung ist zunächst einmal mitnichten schwer zu machen oder gar zu formulieren. Die wichtigere Frage, die sich beim Anblick des literarischen Einheitsbreis stellt, ist doch: Wer rührt ihn an? Wer serviert ihn? Und wer isst ihn? Auch, wenn man versucht ist, alle drei Fragen mit einer Antwort zu erledigen, die nur lauten kann: Der Buchhändler, der Buchhändler! – ist es wohl nicht so einfach wie man es gern hätte. Der Buchhändler – und hier unterscheidet sich ja auch nochmal der Sortimenter einer inhabergeführten Buchhandlung von dem einer Kette – entscheidet selbstverständlich im Idealfalle, was in seinen Regalen landet, was er gern in seinem Laden platziert. Diese Entscheidung hängt natürlich, abgesehen vom eigenen Geschmack, noch von einigen anderen Faktoren ab: Welche Kunden kaufen bei mir ein? Was bevorzugen die? Und wo muss ich mich, so weh es tut, einfach beschränken, weil niemand es kaufen würde? Man könnte meinen, das wären simpelste betriebswirtschaftliche Überlegungen, einige Kunden sind aber offensichtlich der Auffassung, ihr persönlicher Geschmack – undzwar nur der ihrige – wäre richtungsweisend für die Gestaltung eines Sortiments.

Wenn man nicht gerade bei den großen Filialisten ein und aus geht, die ihren Einkauf ohnehin zentral erledigen und denen es egal ist, ob nun in Norddeutschland Bayernkrimis verkauft werden oder nicht, sie haben eben dort auszuliegen, muss man gute Menschenkenntnis beweisen. Kundenstrukturen verändern sich. In Touristengegenden bevorzugt man oft leichte Lektüre, will man “nur mal eben was für den Urlaub zum Schmökern“. Dort liebevoll Dostojewski zu dekorieren, liefe schlicht und ergreifend an der Realität vorbei. Stellen wir uns vor, alle, die das Literarische schätzen, die sich gern mit Büchern aus Nischenverlagen eindecken, die das Besondere schätzen, setzten ab morgen keinen Fuß mehr in eine stationäre Buchhandlung, aus Enttäuschung und vielleicht auch aus Trotz. Unweigerlich passierte Folgendes: Die Masse, die kauft, was eben im Angebot ist, ohne nach links und rechts zu schauen, übernähme das Ruder. Ergebnis: Auch die letzten etwas exklusiveren Titel verschwänden aus den Auslagen, wer sollte sie jetzt noch kaufen? Obwohl der Buchhändler mit Kulturgütern “handelt” ist er wie jeder andere Unternehmer doch daran interessiert, sein Geschäft zu erhalten. Der Buchhändler allein kann es nicht sein, dem der schwarze Peter zuzuschieben ist.

Sind es die Verlage? Auch in deren Programmgestaltung hat sich über die Jahre natürlich einiges verändert. Waren Titel wie “SMS von letzter Nacht – Du hast mich auf dem Balkon vergessen” , “Ich bleib so scheiße wie ich bin” oder “Chantal, tu ma die Omma winken” eher randständig, machen sie bei einigen Verlagen nun den Großteil der Programme aus. Bücher, die nur mit viel Wohlwollen als solche zu bezeichnen sind, rangieren unter dem Begriff “Sachbuch”. Und die Menschen greifen zu. Zu literarischem Fast Food. Das aber ist mitnichten eine Entwicklung, unter der allein die Buchbranche leidet. Schon nach 10 Minuten deutschem Fernsehen wird einem bewusst, dass es auch dort so läuft. Schaltet man das Radio an, wird man von einem musikalischen Einerlei beschallt, das man irgendwann allerhöchstens noch als stetig gleichen Klangteppich, aber nicht mehr als Musik wahrnimmt. Nicht, dass es nichts anderes mehr gäbe, in der breiten Öffentlichkeit wird nur nicht darüber berichtet. Nun ist es nicht meine Aufgabe oder mein Anliegen, in aller epischen Breite darzulegen, weshalb das so ist – dumme TV-Formate, dumme Musik und dumme Bücher gab es schon immer. Man muss sich bloß sehr anstrengen, um den Eindruck loszuwerden, es werde immer und immer mehr.

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Verlage sind Unternehmen, sie beobachten Trends, versuchen darauf zu reagieren. Orientieren sich an den Wünschen ihrer Kunden und wenn das nicht ausreicht, geht es darum, dem Kunden glaubhaft zu machen, dass er sich das, was er da bekommt, schon immer gewünscht hat. Nachdem also der Buchhändler mit seiner Auslage und der Verlag mit seinem Programm ihren Teil dazu beigetragen haben, kommen die Kunden. Kunden, die überwiegend Liebhaber der seichten Unterhaltung sind. Dagegen ist nichts zu sagen, denn diese Kunden sorgen für Einnahmen, die unerlässlich sind, wenn man sich dafür entscheidet, teure und/oder bibliophile Exemplare einzukaufen, auszulegen und damit auch die Kunden zufriedenzustellen, denen am Buch als Kulturgut gelegen ist. Kunden aus der Mittelschicht und darunter sind es, die das Darüber finanzieren. Viele dieser Menschen arbeiten hart und viel oder haben, wenn es weiter abwärts geht, wenig berufliche Perspektive. In ihrer Lebenwirklichkeit ist das Bücherlesen noch immer irgendwie anrüchig und uncool, es sei denn, es ist gar nicht wirklich ein Buch, sondern “ein Buch zur Fernsehserie “How I met your mother“. Andere sind von ihrem Job so beansprucht, dass sie, selbst, wenn sie willens wären, nicht mehr in der Lage sind, sich auf Hochliterarisches einzulassen. Wie schon oben beschrieben, dieser Trend greift nicht nur in der Buchbranche, sondern im gesamten kulturellen Bereich, was einen irgendwann zu dem Ergebnis kommen lässt, dass es eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist, die von vielen Faktoren bestimmt wird. Faktoren, die ich in diesem Rahmen natürlich bloß anreißen kann.

Nur den Buchhändler zum Schuldigen, zum Buhmann in diesem Spiel zu machen, greift zu kurz. Freilich entfacht es erstmal eine Debatte, das ist der positive Nebeneffekt einer solchen Schrift. Lösung kann jedenfalls nicht sein, sich als Kunde aus dem stationären Handel zurückzuziehen, weil der Buchhändler ein Buch nicht vorrätig hatte, was man für unerlässlich hält. Man kann vom eigenen Geschmack noch so überzeugt sein – wenn es die anderen paar hundert Kunden nicht sind, die regelmäßig über die Schwelle des Buchladens treten, hat man schlechte Karten. Das aber ist nicht etwa Ausdruck einer unhöflich-schnodderigen Art des Buchhändlers, sondern notwendige und intelligente Einkaufspolitik! Vielleicht steht da auch demnächst am Tresen ein Buchhändler, der keine Ahnung hat, wie man “Madame Bovary” schreibt. Das ist schade, das ist traurig. Vielleicht aber auch einfach menschlich. Vielleicht ist auch das Buch, das Sie als Kunde bestellt haben, morgen nicht im Abholfach, obwohl ihr serviceorientierter Buchhändler Ihnen das versprochen hat. Hinter allen Prozessen des Buchhandels stehen Menschen, die Fehler machen, an allen erdenklichen Stellen. Beim Verlag, beim Barsortiment, bei der Verlagsauslieferung, bei der Spedition und eben auch bei Ihrer Buchhandlung. Uns wäre allen ein bisschen geholfen, wenn so etwas vorkommen dürfte.

Fakt ist: Der Einheitsbrei im Buchhandel wird von vielen angerührt, von vielen serviert und von den meisten gegessen. Aber: Es gibt im Augenblick genügend Gegenwind, genügend Initiativen, die gegen diese Entwicklung arbeiten. Die Debatte ist in Gang gesetzt, das Gespräch findet statt, die beste Voraussetzung, um etwas zu verändern. Sprüche wie: “Dem Buchhändler bin ich doch völlig egal, dann isser mir eben auch schnuppe” zeugen von so verhärteten Fronten, dass es allerhöchste Eisenbahn ist, hier und da ein bisschen von dieser steinernen Trennwand abzutragen!

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