Allgemein
Kommentare 2

Jan Terlouw – Kriegswinter

article5_1_large1

Jan Terlouw ist ein niederländischer Autor, Physiker und Politiker. Er studierte Naturwissenschaften und beschäftigte sich in jungen Jahren mit Forschungsprojekten im Bereich der Plasmaphysik. Seit 1967 engagiert er sich auch immer wieder politisch. Er gewann zweimal den niederländischen Jugendbuchpreis Gouden Griffel und den Österreichischen Staatspreis für Kinder – und Jugendliteratur. Kriegswinter wurde in den Niederlanden bereits 1972 veröffentlicht. Dieses Exemplar wurde mir freundlicherweise von Blogg dein Buch und dem Urachhaus Verlag zur Verfügung gestellt!

Kriegswinter hat zu meiner großen Überraschung wirklich lange Zeit gebraucht, bis es auf Deutsch übersetzt wurde. Dabei beschäftigt es sich doch mit einem sehr omnipräsenten Thema der deutschen Geschichte – mit dem zweiten Weltkrieg. Allerdings nicht aus der Sicht der Deutschen, sondern aus der Sicht der neutralen Niederlande, die 1940 von den Deutschen besetzt wurden. Vielleicht hielt man das nicht für besonders erfolgversprechend in Deutschland. Aber der Urachhaus Verlag hat sich ja dieses schmalen, aber dennoch soliden Jugendbuchs, völlig zu Recht angenommen!

Protagonist dieser Geschichte, die im Winter 1944/1945 spielt, ist der fünfzehnjährige Michiel van Beusekom. Er lebt mit seiner Familie in einem kleinen holländischen Dorf, seine Eltern nehmen immer wieder vorübergehend Flüchtlinge und halb Verhungerte bei sich zuhause auf und geben sie, um sie zu schützen, als alte verschollene Verwandte aus. Sie sind nicht aktiv in einer der zahlreichen kleinen Widerstandsgruppen, von denen man zwar weiß, dass sie existieren, über deren Mitglieder man andererseits aber nur gerüchteweise das ein oder andere hört. Sie tun einfach, was sie können.

Michiel gerät eines Tages aber unversehens mitten hinein in die Widerstandsaktivitäten, als ihm von einem Nachbarsjungen aufgetragen wird, einen streng vertraulichen Brief zu überbringen und der Empfänger von deutschen Soldaten abgeholt wird, bevor das geschehen kann. Er liest den Brief und erlangt so Kenntnis über einen verletzten englischen Soldaten, den der Nachbarsjunge im Wald versteckt und regelmäßig mit Essen versorgt hatte. Nun fühlt sich Michiel natürlich verantwortlich und beginnt, den Soldaten zu verpflegen. Auch seine Schwester muss er einweihen, als die Wunde des Soldaten dringend fachmännischer medizinischer Pflege bedarf. Und so gerät er immer tiefer in einen Strudel, in dem er zwar das Richtige tut, aber nicht mehr weiß, wer die richtigen Menschen sind, um ihn zu unterstützen.

Kriegswinter ist flüssig geschrieben und wartet auch mit manch skurillem Charakter auf – wie der Baronin Weddik Wansfeld, die sich so standhaft gegen eine Verhaftung durch die Deutschen wehrt. Mit einer Vehemenz, die man fast wahnsinnig nennen könnte. Sie hatte nämlich zuvor dafür gesorgt, dass die naheliegende Fähre Flüchtlinge ohne Papiere auf die andere Seite der Ijssel bringen konnte.

So hatte es sich eingebürgert, dass die jeweils neue Wachmannschaft am Montagmorgen im Salon antrat, wo die grauhaarige Baronin kerzengerade auf einem Stuhl saß und den vor ihr strammstehenden Männern sachlich und ohne den geringsten Widerspruch zu dulden aufzählte, was sie in ihrem Hause zu tun und zu lassen hatten. Dem Unteroffizier wies sie ein Zimmer in der Villa zu, seinen Leuten einen Raum im Kutschenhaus. Nach zehn Uhr abends habe absolute Ruhe zu herrschen, und ihren Abfall hätten die Herren in der Tonne neben der Waschküche zu deponieren. “Zwischen drei und halb hier ist Teezeit im Wintergarten”, fuhr sie fort, “Ich erwarte Sie dort täglich um drei Uhr. Später sind meine Dienstmädchen mit anderen Arbeiten beschäftigt, deshalb verlange ich Pünktlichkeit!”

Danach folgten noch weitere Verhaltensregeln. Die Soldaten waren von ihrem bestimmten Auftreten jedes Mal so beeindruckt, dass sie sich allem widerspruchslos fügten. Und weil es sich in Adelskreisen offenbar so gehörte, traten sie täglich zum Teetrinken an. Dass die Fähre dann eine halbe Stunde lang unbewacht war, hatten manche rasch mitbekommen, und man gab den Tipp an gute Bekannte weiter.

Und so tut (fast) jeder was er kann, um einen Beitrag zu leisten. Das Ende des Krieges zeichnet sich ab, doch irgendwie glaubt niemand so wirklich daran. Dieses Buch ist, in meinen Augen, auch hervorragend als Schullektüre geeignet, mal etwas Anderes als Damals war es Friedrich oder wieviele Jugendbücher ähnlicher Prägung schon seit Jahren durch deutsche Klassenzimmer geistern. Michiel ist ein Protagonist, mit dem man sich identifizieren kann, völlig untypisch für sein Alter, unglaublich, was er leistet und welche Risiken er in Kauf nimmt. Teils soll die Geschichte auf eigenen Kindheitserinnerungen Terlouws basieren, also gut möglich, dass Terlouw in einem ähnlichen Klima aufwuchs. In einem Klima des Misstrauens und der Hoffnungslosigkeit, aber doch den Glauben an Gerechtigkeit niemals ganz verlierend.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich Kriegswinter gern gelesen habe. Trotz des Themas, das nunmal keine freudigen Lesestunden verspricht, gelingt es Terlouw, uns in den Bann von Michiels Geschichte zu ziehen. Wir erleben einen ganz kleinen Ausschnitt des Krieges, erhaschen einen Blick auf niederländische Widerstandskämpfer, aber auch niederländische Verräter. Und auf einen ganz besonderen “fast sechzehnjährigen” Jungen! Insgesamt absolut lesenswert für politisch interessierte Kinder – und Jugendliche, die sich dem Thema mal von einer etwas anderen Seite nähern wollen.

Weitersagen

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.