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Anna Kim – Anatomie einer Nacht

Anna Kim ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie ist in Südkorea geboren und kam mit einem Jahr nach Westdeutschland. Sie studierte Philosophie und Theaterwissenschaften. 2012 erhielt sie den Literaturpreis der Europäischen Union für ihren Roman Die gefrorene Zeit. Heute lebt sie in Wien.

Jede versäumte Gelegenheit, sagt man in Amarâq, ist ein kleiner Tod.

Auch Anna Kim hat hier leider die Gelegenheit versäumt, einen atmosphärisch dichten Roman zu schreiben. Anatomie einer Nacht erzählt die Geschichte von sechzehn Bewohnern der gröndländischen Kleinstadt Amarâq, von denen sich elf in einer einzigen Nacht aus unterschiedlichen Gründen das Leben nehmen. Sie sind unterschiedlichen Alters, jugendlich wie erwachsen, bettelarm und durchschnittlich betucht, aus behüteten oder zerrütteten Familien. Ich fand die Idee spannend, den Selbstmord wie einen Virus über die Menschen kommen zu lassen, die Verflechtungen mitzuerleben, die es zwischen den Bewohnern der Stadt gibt, einen Teil ihrer Geschichte kennenzulernen. Das ist leider kaum gelungen.

…aber Armut in Amarâq ist relativ, solange der Einzelne keine Freiheit fordert und in der Gemeinschaft glücklich ist, dann wird alles geteilt, und alle besitzen ausschließlich das eine, nämlich sich selbst. Und dieser Besitz, der akkurat durch die Grenzen der Haut abgesteckt ist, wird lediglich im Schlaf in Frage gestellt, wenn die Seele des Schlafes den Körper verlässt und einen Zustand verursacht, der jenem der Einsamkeit ähnelt: Betäubung.

Kim stellt Amarâq wie ein Paralleluniversum dar, in dem Einsamkeit und Leere vorherrschen. Amarâq als Ende der Welt, Amarâq als Schemen in der Dunkelheit, Amarâq als gefräßiges Monster jeden Glücks, Amarâq als Magnet der Unglücklichen. Und so wiederholen sich Beschreibungen über diese Kleinstadt auch immer wieder, am Ende kann man sich die Stadt fast genauer vorstellen als ihre Bewohner. So schafft Kim zwar Atmosphäre, aber da die nicht im Zusammenspiel mit ihren Protagonisten wirkt, macht es eher den Anschein einer Theaterkulisse ohne Stück.

Die Kapiteleinteilungen geschehen nach den Uhrzeiten der Nacht, beginnend mit der Stunde zwischen 22:00 und 23:00 Uhr. Innerhalb dieser Kapitel gibt es jeweils nummerierte Abschnitte in denen die Perspektiven ungefähr ein dutzendmal wechseln. Bei keinem Protagonisten verweilt Kim besonders lange. Auch zeitlich ist das Ganze sehr unstet, mal befinden wir uns in der Vergangenheit, mal in der Gegenwart. Manchmal liest man einen Abschnitt und wundert sich, bis einem bewusst wird, dass es nicht nur bereits um eine ganz andere Person geht,sondern das Geschehen auch noch in einer ganz anderen Zeit angesiedelt ist.

Als wären sechzehn Personen nicht genug, tauchen auch immer wieder Namen auf, die im Personenregister am Anfang des Buches nicht zu finden sind. Welche Rolle diese Leute spielen? Keine Ahnung. Irgendwas müssen sie wohl mit denen zu tun haben, die sich das Leben nehmen. Über drei oder vier Ecken. Vielleicht laufen sie auch gerade nur die gleiche Straße ‘runter. Es ist nahezu unmöglich, in dieser Wirrnis an Personen und Perspektiven und Zeiten den Überblick zu behalten. Durch diese ständige hektische Bewegung wird der Erzählfluss, für mein Empfinden, dauerhaft gestört.

Ich entwickle keine Emotionen für die Protagonisten, mir fehlt der Zugang zu ihnen, weil ich gar nicht genug Zeit habe, mit ihnen zu verweilen und sie kennenzulernen. Und so berührt es mich auch eigenartig wenig, wenn ich von ihren Selbstmorden lese. Manchmal muss ich sogar zurückblättern, weil ich mich nicht erinnere, welche Geschichte hinter dieser Person steckte. Ein bisschen Entschlackung hätte dem Roman so gut getan! Gen Ende verliere ich völlig den Faden, weil zwei Protagonisten plötzlich wieder auftauchen, die sich vorher das Leben genommen haben. Und man fragt sich – hab ich das nur geträumt? Haben die das geträumt? WAS SOLL DENN DAS? Ich halte es auch für durchaus möglich, dass ich am Ende nicht mehr die nötige Konzentration habe aufbringen können, um mich durch diesen inhaltlichen Urwald zu kämpfen. Zwischendurch wird auch immer mal wieder die Frage nach der grönländischen Unabhängigkeit, bzw. der Feindschaft zwischen Grönländern und Dänen aufgeworfen, ohne jedoch tiefer behandelt zu werden.

Ich glaube, dieses Buch wollte einfach viel zuviel. Sprachlich ist es durchaus ansprechend, wenngleich man ab einem bestimmten Zeitpunkt auch manchmal das Gefühl hat, die Autorin versucht gezwungen intellektuell und schwülstig daherzukommen. Manchmal ist es mehr heiße Luft als ein tatsächlich gekonnter Umgang mit Sprache. Alles in allem kann ich dieses Buch leider nicht weiterempfehlen. Die letzten vierzig Seiten haben mich wirklich gequält und gegeben hat mir dieses Buch rein gar nichts. Ich habe ihm meine Zeit geben. Aber das Cover ist schön.

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