Alle Artikel mit dem Schlagwort: weidle verlag

Niroz Malek – Der Spaziergänger von Aleppo

Niroz Malek ist geblieben. Anders als knapp 5 Millionen SyrerInnen hat er sich dazu entschlossen, seine umkämpfte Heimatstadt Aleppo nicht zu verlassen. Mittels kleiner Miniaturen gewährt er Einblick in den Alltag des Krieges. Es sind Texte voll Trauer, Verbundenheit und Menschlichkeit. Gleich zu Beginn macht Niroz Malek deutlich, weshalb er sich gegen die Flucht aus Syrien entscheidet: Was immer auch geschieht, ich werde nicht fortgehen, heißt es gleich im zweiten Absatz. Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen? […] Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.“ Es geht um mehr als die körperliche Unversehrtheit. Viel wichtiger als das bloße Überleben, das durch eine Flucht dieser Tage mitnichten gesichert wäre, ist die Verbundenheit mit der Heimat als Ort der Prägung, der kulturellen Identifikation, des Wirkens und täglichen Lebens. Dass ein erfülltes Leben mehr bedeutet als die Abwesenheit tödlicher Gefahr, darf auch implizit als Appell für jene Länder gelten, die …

Joost Zwagerman – Duell

Jelmer Verhooff ist ein aufstrebender Star am Himmel der niederländischen Kunstszene. Mit nur vierzig Jahren wird er zum Direktor des Hollands Museums; eine der zentralen Anlaufstellen für moderne Kunst. Er wird gefeiert, hofiert, bewundert. Er hat ein Händchen. Und dieses Händchen wird es auch sein, das im Verlauf einer hochnotpeinlichen Angelegenheit die Leinwand eines 30 Millionen Euro teuren Rothko-Gemäldes durchschlägt. Auf vergnügliche und skurrile Art verhandelt Joost Zwagerman die Frage nach dem Wesen der Kunst. Kunst kann heute alles sein, was man mit einer zündenden Rede dazu erklärt. Die Grenzen sind offen. Das erleichtert und erschwert die Sache gleichermaßen. Als Jelmer Verhooff im Hollands Museum eine Ausstellung plant, die zeitgenössische Künstler in Dialog mit alten Meistern treten lassen soll, wird ihm das schmerzlich bewusst. Im Gegensatz zu den jungen Künstlern, die Verhoof scherzhaft „Installateure“ nennt, entscheidet sich Emma Duiker als eine der wenigen für die klassische Malerei. Ihr künstlerischer Dialog besteht in der originalgetreuen Kopie des Meisterwerks, in der akribischen Nachbildung bis ins Detail. Farbe, Komposition und Materialien orientieren sich am Vorbild und werden am …

Rui Zink – Die Installation der Angst

Es ist eine Binsenweisheit, dass Angst ein außerordentlich wirksames politisches Instrument ist. Ängstliche lassen sich weitaus besser formen und zu „unpopulären Maßnahmen“ überreden, sofern die Rettung vor dem Abgrund verheißen. Rui Zink, in Portugal schon länger ein gefeierter Star, verwandelt diese Weisheit nun in eine bissige Parabel auf unser wachsendes Sicherheitsbedürfnis in einer unsicheren Welt. Stellen wir uns vor, die Angst wäre ein Produkt, an dem so mancher gut verdient. Und stellen wir uns weiterhin vor, man könnte sie in der Wohnung installieren lassen wie einen neuen Internetanschluss oder eine Alarmanlage. Sie zu installieren wäre keine Angelegenheit von ein paar Handgriffen, sondern ein dynamischer Prozess, der niemals an ein Ende gelangte. Angst neigt dazu, in Kopf und Körper zu wuchern und Metastasen zu bilden, auf bisher unberührte Bereiche überzugreifen, ein Bewusstsein zu kontaminieren. Angst expandiert gleichsam wie ein erfolgreiches Unternehmen. Und irgendwann betrifft sie sämtliche Szenarien des Alltags, die wahrscheinlichen und die unwahrscheinlichen. Rui Zink stellt uns eine Frau und Mutter vor, die eines Tages überraschend von zwei Männern besucht wird, die die Angst bei …

Carl Nixon – Lucky Newman

Der neueste Roman von Carl Nixon entstand unter vergleichsweise besonderen Bedingungen. Basiert er doch lose auf einer wahren Geschichte, die ihm von einem älteren Mann zugetragen wurde. Normalerweise ist jeder Autor zu Recht skeptisch, wenn er plötzlich von Fremden dazu animiert wird, deren Lebensgeschichte als Vorlage für ein Buch zu verwenden. In diesem Fall aber hat Carl Nixon seine Skepsis schließlich doch besiegt und mit ,Lucky Newman‘ einen fantastischen Roman geschrieben. 1919 in Mansfield, einer kleinen Stadt, die überregionale Berühmtheit erlangte durch ein vollständig erhaltenes Blauwalskelett: auf dem Weg zur Arbeit wird die Krankenschwester Elizabeth Whitman von einem Fremden angehalten, der ihr aus einer teuren Limousine heraus einen an sie adressierten Brief übergibt. Es handelt sich um ein Gesuch einer Mrs. Blackwell, die von Elizabeth herausragenden Fähigkeiten als Krankenschwester und ihrer Arbeit mit Kriegsheimkehrern gehört hat. Ihr Mann selbst ist noch immer verschwunden, ergilt als verschollen, noch nicht als tot. Die Blackwells sind eine angesehene und gut betuchte Familie und nach kurzer Bedenkzeit entschließt sich Elizabeth, Mrs. Blackwell einen Besuch abzustatten. Es geht um ihren …