Alle Artikel mit dem Schlagwort: verlag klaus wagenbach

Saphia Azzeddine – Mein Vater ist Putzfrau

Als Jugendlicher in der Pariser Banlieue aufzuwachsen, ist sicherlich kein Zuckerschlecken. Paul, genannt Polo, muss sich behaupten in der Vorstadt, den Problemvierteln, in denen Hoffnungslosigkeit und ein gewisser Fatalismus zum Inventar gehören. Gelegentlich geht er seinem Vater zur Hand. Der ist „Putzfrau“ und es führt ihn in die verschiedensten Gebäude. So auch in die Bibliothek, in der Polo seinen ersten leisen Befreiungsschlag erlebt. Paul ist vierzehn, verliebt in Priscilla, etwas aufmüpfig wie die meisten in seinem Alter und freiwilliger Putzassistent seines Vaters. Er verbringt mit ihm Abende in Bürogebäuden, Cafés, aber eben auch der Bibliothek, die einen ganz besonderen Zweck in „Polos“ Leben erfüllt. Sie ist seine Form der Abgrenzung, sein erträumtes Sprungbrett in ein besseres Leben, wenn er einmal erwachsen ist. Er liest kreuz und quer, Balzac und Primo Levi, Colette und Anouilh. Aus jedem Buch sucht er sich ein Wort heraus, das ihm unbekannt ist, das er neu lernen kann, um es gelegentlich in Gespräche einzustreuen. Freilich versteht ihn selten jemand, diesen Jungen, der plötzlich von Widrigkeiten, Transzendenz oder Züchtigung spricht. Aber für …

Deborah Levy – Black Vodka

Mit ihren Erzählungen leuchtet Deborah Levy kunstvoll die versteckten Winkel menschlichen Zusammenseins aus – und entdeckt dabei fast immer eine unüberwindliche Distanz. Nach ihrem flirrenden und leicht zwischenweltlichen Roman ,Heimschwimmen‚ erscheinen nun im Verlag Klaus Wagenbach einige ihrer Erzählungen. „,Black Vodka’…“, sagte ich mit leicht düsterem Unterton, „Vodka Noir spricht jene an, die ein Bedürfnis nach stylischer Existenzangst verspüren. Wie Victor Hugo gesagt hätte: Wir sind allein und unbehaust, und die Nacht bricht über uns herein; Black Vodka  trinken heißt, um unser Leben trauern. Insofern ist nur folgerichtig, dass Deborah Levys Erzählsammlung diesen Titel trägt; sind doch alle ihre Protagonisten auch gefangen in einer Einsamkeit, die sie nicht artikulieren, einer Distanz zu anderen, die sie nicht überwinden können. Es ist fast wie in Marlen Haushofers ,Die Wand‘, in der eine Frau durch eine unsichtbare Wand daran gehindert wird, ihre einsame Hütte in den Bergen zu verlassen. Die Menschen in ,Black Vodka‘ suchen Liebe und das Loch in der unsichtbaren Wand, die sie von anderen trennt – und doch fürchten sie nichts so sehr als das. …

Tanguy Viel – Das Verschwinden des Jim Sullivan

Ein Franzose kann einfach keinen amerikanischen Roman schreiben. Einen, in dem es um gescheiterte Existenzen und die großen Fragen des Lebens vor lässigem und irgendwie kosmopolitischem Hintergrund geht. Oder doch? Tanguy Viel beweist in seinem neuen Roman beachtliches Fingerspitzengefühl für ein literarisches Genre, das sich seinen Platz tapfer erkämpft hat. Und er nimmt es dabei nicht immer ganz ernst. Dwayne Kosters Leben meint es im Augenblick nicht gut mit ihm. Der Universitätsprofessor für Literatur (Fachbereich: Moby Dick) hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, während sich seine Frau mit einem seiner Kollegen vergnügt. Er trinkt zu viel und fährt ein klappriges altes Auto, in dem er über das Leben und den Punkt sinniert, an dem sich das Blatt für Dwayne Koster gewendet hat. Eine Geschichte, wie sie viele von uns kennen und lieben, der große amerikanische Roman zusammengedampft auf knapp 120 Seiten. In der Romeo Street, schrieb ich in meinem Roman, gab es nur ein einziges Ding, das nicht an seinem Platz war, das einzige Ding, das Dwayne zufolge nie an seinem Platz sein würde,nämlich …