Alle Artikel mit dem Schlagwort: reprodukt

Paco Roca – la casa

Mit Der Winter des Zeichners und Kopf in den Wolken hat sich der Spanier Paco Roca bereits einen Namen gemacht. Einfühlsame Geschichten und Zeichnungen sind sein Steckenpferd, individuelle Erlebnisse, das Kleine und Überschaubare, in dem sich Fragen größerer Relevanz verbergen. Bereits bei Kopf in den Wolken beschäftigte Roca sich mit dem Altern, dem Erinnern und Vergessen, allerdings aus der Perspektive eines Demenzpatienten. la casa wählt den Blickwinkel der Zurückbleibenden. Nach dem Tod ihres Vaters kehren drei ungleiche Geschwister in das Ferienhaus ihrer Kindheit zurück. Dort hat der Vater die letzten Jahre allein verbracht, die Beete umgegraben und den Garten gepflegt. Eigentlich treffen die Geschwister bloß aufeinander, weil sie das Haus entrümpeln und verkaufen wollen. Doch im Zuge der gemeinsamen Arbeit, der gemeinschaftlichen Erinnerung an den Verstorbenen kommen sie sich nicht nur untereinander wieder näher, sie entdecken auch Facetten ihres Vaters, die ihnen zu seinen Lebzeiten verborgen geblieben sind. So hegte und hätschelte der Vater einen Feigenbaum wie kaum ein anderes Gewächs in seinem Garten, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte. Wie auch in seinen …

Barbara Yelin – Irmina

Irmina von Behdinger ist Teil eines Austauschprogramms, das sie 1934 aus Deutschland nach London führt. Sie macht an der Commercial School eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin und lernt auf einer wenig amüsanten Cocktailparty den schwarzen Jurastudenten Howard kennen. Ihrer beider Außenseiterposition schweißt sie zusammen, aber der Lauf der Dinge trennt sie und weist beiden in den nächsten Jahren ganz verschiedene Rollen zu. Irmina ist Deutsche und wird, ganz gleich, welches Gespräch sie führt, in England unweigerlich auf Hitler angesprochen. 1934 stirbt Hindenburg und Hitler übernimmt auch noch das Amt des Reichspräsidenten, Irminas Anwesenheit in England wird abwechselnd als deutsche Infiltration oder politische Flucht betrachtet. Man fragt sie, ob sie Kommunistin sei. Oder Jüdin. Oder auf der Suche nach einem reichen englischen Mann. Nein, eigentlich möchte sie nur in London ihre Ausbildung absolvieren, mit der großen Politik hat sie wenig zu schaffen. Irmina ist weitgehend unpolitisch, sie steht den Ereignissen in Deutschland passiv bis gleichgültig gegenüber, ja, ist sogar genervt von den ständigen Fragen und Gesprächen über Hitler. Sie verkennt, wie viele Deutsche damals, jedenfalls fraglos die …

Lukas Jüliger – Vakuum

Die Jugend ist gemeinhin ein Zustand, den man oft verflucht, wenn man sich mitten in ihm befindet, aber nostalgisch verklärt, wenn der Abstand groß genug ist. In Lukas Jüligers ,Vakuum‘ wird es langsam Sommer, etwas liegt in der Luft, blüht und knospt. Es ist nicht nur der Sommer oder der Schulabschluss, es ist mehr. Eine brodelnde Bewegung unter der Oberfläche, die kaum jemand wahrzunehmen scheint. Außer vielleicht der Junge, dessen Freund all seine Pflanzen verschenkt und Elektrogeräte verbrennt. Er, dessen Name nicht genannt wird, ist etwas einsam und melancholisch. Sein japanischer Freund Sho ist bereits seit Monaten nicht mehr derselbe, mutmaßlich seit sie gemeinsam die Blüten einer besonderen Pflanze zu Tee verarbeitet haben. Sho verschwindet immer wieder, ist geistesabwesend, beinahe leblos, sieht man von den notwendigsten Verrichtungen ab. Sho verschenkt seine gesamte Habe. Was dem einen wie ein Neuanfang erscheinen will nach dem Zusammenbruch, erscheint manch anderem wie ein letztes Abschiednehmen. Zur gleichen Zeit lernt der Junge ein Mädchen kennen. Sie ist ebenso einsam wie er, beobachtet menschliches Miteinander mehr als dass sie selbst Teil …

Paco Roca – Kopf in den Wolken

Paco Roca gilt als einer der erfolgreichsten Comiczeichner Spaniens. Hat er mit ,Der Winter des Zeichners‚ einen Blick auf fünf leidenschaftliche Zeichner und deren Versuch geworfen, ein eigenes Magazin zu veröffentlichen, begleitet ,Kopf in den Wolken‘ den alten Emilio auf seinem Weg ins Vergessen. Ein anrührendes und einfühlsames Werk über das das Alter und Demenz. Emilio war einst Leiter einer Bank. Akkurat, vertrauenswürdig, genau. Im Alter jedoch wird er zusehends schusselig. Er vergisst, dass er längst nicht mehr arbeitet und schlägt seinen Kindern im Gespräch aufgrund ihrer finanziellen Lage ein vermeintlich erbetenes Darlehen aus. Immer wieder kann Emilio Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheiden. Seine Kinder entschließen sich, letztlich mit der Situation überfordert, Emilio in ein Pflegeheim zu bringen, wo er fachkundige Betreuung erfährt. Und sie selbst nicht allzu oft auftreten müssen. Zwar verabschieden sie sich mit der Beteuerung, ihn oft zu besuchen; diese guten Absichten bleiben aber weit mehr Lippenbekenntnis als dass sie in die Tat umgesetzt werden. Schade, im Pflegeheim, das Paco Roca zeichnet, aber nicht ungewöhnlich. Mancher versucht verzweifelt, seinen Optimismus beizubehalten und …

Wortreiche Geschenke

Das Weihnachtsfest naht schnellen und festen Schritts. Und wieder einmal stellt sich jeder von uns die bange Frage nach dem passenden Weihnachtsgeschenk. Trotzdem immer wieder hartnäckig der Niedergang des Lesens, des gedruckten Buches insgesamt, prophezeit wird, landen jedes Jahr eine Menge literarische Geschenke unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Allen Unkenrufen zum Trotz verschenken wir immernoch Eintrittskarten in fremde Welten, Passierscheine für die Brücken, die aus dem Alltag hinausführen und uns andere Perspektiven eröffnen. Dennoch alljährlich dieselbe Frage: Welche Bücher verschenken? Bei rund 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr fällt die Entscheidung nicht leicht – und da sind noch nicht einmal die zahlreichen Klassiker eingerechnet, die bereits seit Jahrzehnten beliebt und begehrt sind. Von mir nun ein kleiner Überblick schenkenswerter Werke, von humorvoll bis tragisch, von unterhaltsam bis literarisch. Was Weihnachten unter der nadelnden Nordmanntanne liegen darf, kann, muss oder sollte. Der Einfachheit halber in Kategorien eingeteilt. Geschichte Bücher, die sich historischen Gegebenheiten widmen oder ihre Erzählung bewusst in einer bereits vergangenen Epoche ansiedeln, gibt es viele. Ich habe drei verschiedene zusammengetragen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise …

Ein Bücherherbst

… wie er im Buche steht Wer im Buchhändlerischen oder Verlegerischen tätig ist, wird die letzten Wochen vor allem mit dem Wälzen und Sichten von Verlagsvorschauen verbracht haben. Vorfreude und die bange Frage, in welcher Zeit man sich eigentlich mit all dem beschäftigen soll, was da wieder auf einen einströmen wird, wechselten sich regelmäßig ab. Vieles steht dieses Jahr im Zeichen des diesjährigen Gastgeberlandes der Frankfurter Buchmesse – Brasilien. Ich habe mal eine kleine (!) Auswahl von Büchern zusammengestellt, die auf Anhieb mein Interesse geweckt haben – und erhebe natürlich keinerlei Anspruch auf „Vollständigkeit“. Man könnte mit den teils doch hochinteressanten Herbstprogrammen vermutlich einen eigenen Blog füllen! Bei Rowohlt erscheint ein neuer Roman von Daniel Kehlmann, ein Roman über drei Brüder, die alle auf ihre Art und Weise Hochstapler und Betrüger sind. Ein Roman im unmittelbaren Umfeld der Finanzkrise, ein Familienroman der besonderen Art. Auch von Horst Evers („Wäre ich du, würde ich mich lieben„) dürfen wir einen neuen Erzählband erwarten, ebenso wie von Paul Auster. Im Wallstein Verlag erwartet uns ein Roman, der zum …

David Zane Mairowitz & Robert Crumb – Kafka

David Zane Mairowitz ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literaturgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Neben seinen journalistischen Arbeiten hat er auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Hörspiele verfasst. Seit 1966 lebt Mairowitz in Europa, in Avignon und Berlin. Robert Crumb ist ein amerikanischer Künstler und gehört wohl zu den bekanntesten und bedeutendsten Illustratoren und Comickünstlern der letzten Jahrzehnte. Gerade im Bereich der Underground-Comics, der Comics, die in Klein – oder Selbstverlagen veröffentlicht wurde, wirkte er schon in den 60ern tatkräftig mit. 1999 wurde Crumb auf dem Comic-Festival in Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Lange war dieses Werk über Kafka nicht mehr erhältlich, nun hat der Berliner Reprodukt Verlag es in neuem Gewand wieder veröffentlicht. An Kafka scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die einen halten den tschechisch-.deutschen Schriftsteller für überschätzt, die anderen für genial. Die einen sehen sein Werk als nahezu zwanghafte Auseinandersetzung mit verschiedensten Autoritäten, die anderen einen kleinen Jungen, der verzweifelt gegen die Übermacht seines Vaters kämpft. In allem mag vielleicht ein Körnchen Wahrheit stecken. Aber was wohl nahezu jeden erfasst, der Kafka liest – und …