Alle Artikel mit dem Schlagwort: piper verlag

Birgit Vanderbeke – Wer dann noch lachen kann

Sie wird von ihrem Vater grün und blau geschlagen. Ihre Mutter dreht in der Küche das Radio lauter. Sie flüchtet sich in Fantasie, in ihre innere ältere Stimme, die es nur geben kann, wenn es eine Zukunft gibt. Das Leben lehrt sie früh, dass man nur selbst auf sich aufpassen kann. Birgit Vanderbekes Roman ist eine Meditation über Gewalt, die Menschen einander antun können. Aber auch über die Mittel und Wege, das zu überwinden, was sie hinterlassen hat. Es gibt nur einen einzigen Menschen, der auf Sie aufpassen kann. Da sind Sie. Sonst niemand. (…) Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie tun. Sie hat keinen Namen. Ihre innere Stimme nennt sie Karline. Ihr Vater nennt sie mein Augenstern. Die Familie stammt aus dem Osten und hat einige Zeit im Flüchtlingslager verbracht, bevor sie endgültig im Westen Fuß fassen kann. Der Vater arbeitet bei Hoechst, einem der drei größten Chemie- und Pharmaunternehmen des Landes. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs. Welche Medikamente ins Haus kommen, bestimmt er. Nicht die von Bayer, …

Nathan Hill – Geister

Hills Debütroman ist das, was man im besten Sinne einen Pageturner nennt. Geschmeidig geschrieben, fluffig zu lesen, wortgewandt, humorvoll und geschickt komponiert. Samuel Anderson, der typische Literaturprofessor amerikanischer Machart, begibt sich aus finanziellen Gründen auf die Suche nach seiner Mutter. Die hat ihn und die Familie von einem Tag auf den anderen verlassen und tritt nun als sogenannter „Packer-Attacker“ steinewerfend ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Was folgt, ist nicht nur die Erkundung einer mütterlichen Biographie, sondern auch ein Stück amerikanische Geschichte. Samuel Anderson ist gelangweilt und desillusioniert. Er muss sich mit Schülern herumplagen, die an Hamlet im Speziellen und der Literatur im Allgemeinen kein Interesse haben. Mit Schülerinnen, die ihre Seminararbeiten fälschen, daran nichts Verwerfliches finden können und um keine dumme Ausrede verlegen sind. Vor einigen Jahren hatte er selbst schriftstellerische Ambitionen, die ihm zwar einen Buchvertrag mit gewaltigem Vorschuss eingebracht, aber kein Buch gezeitigt haben. Nun steht sein windiger Verleger Periwinkle auf der Matte und verlangt den längst verjubelten Vorschuss zurück. In seiner Notlage gesteht er, die Frau zu kennen, die allerorten als „Packer-Attacker“ von …

Arthur Schnitzler – Später Ruhm

Eduard Saxberger hat vor gut dreißig Jahren einen Gedichtband geschrieben, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbeeindruckt zur Kenntnis genommen worden ist. „Die Wanderungen“ gerieten, wie ihr Verfasser, in Vergessenheit, bevor sie überhaupt so richtig bemerkt werden konnten. Saxberger wird Beamter und verwirft eine schriftstellerische Laufbahn, bis eines Tages ein junger Mann vor seiner Tür steht, der sich als glühender Verehrer seines Frühwerkes herausstellt. *Rezension enthält Spoiler Unter dem Scheitern seines frühen Lebenstraumes hat Eduard Saxberger nie besonders gelitten. Zwar hat er seine Gedichte in der Jugend mit einiger Verve verfasst, allerdings blieben sie auch seine einzige Veröffentlichung. Er führt ein einfaches Junggesellendasein, trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden in einer Gastwirtschaft zum Billard und verschwendet darüber hinaus keinen Gedanken mehr an seine längst begrabene Dichterkarriere. Als eines Tages aber Wolfgang Meier vor seiner Tür steht, der vor lauter Inbrunst und Ehrerbietigkeit nahezu durch seine Wohnung vibriert, ändert sich einiges. Meier lädt ihn zu seinem Dichterstammtisch ein. Deren Mitglieder würden Saxberger allesamt bewundern und über sein Kommen sicher hocherfreut sein. Der Alte lässt sich überreden und …

Heinrich Steinfest – Das grüne Rollo

Heinrich Steinfest ist bekannt für seine überbordende Fantasie, seinen einmaligen Humor und seine trotz aller Verrücktheiten doch geerdete und pointierte Sprache. Das brachte ihm u.a. im letzten Jahr eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis ein. ,Der Allesforscher‚ schaffte es sogar auf die Shortlist. Auch mit ,Das grüne Rollo‘ erzählt Steinfest eine aberwitzige Geschichte, die mit Anklängen an Michael Ende begeistert und bis zum Schluss darüber im Unklaren lässt, was wirklich vor sich geht. Spannend, witzig, nachdenklich – von Heinrich Steinfest lässt man sich viel erzählen. Es brauchte eine geistige Verfassung jenseits von frisch gepreßtem Orangensaft. Theo März ist eigentlich ein ganz normaler zehnjähriger Junge. Er ist gerade auf das Gymnasium gewechselt, hat einen Bruder und eine Schwester und lebt in einer intakten Familie. Alles hat seine Ordnung, bis er eines Abends plötzlich vor seinem Fenster ein flaschengrünes Rollo erblickt. Das ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Einerseits natürlich, weil es wie aus dem Nichts auftaucht und eine ganz eigentümliche Anziehungskraft entfaltet. Andererseits aber auch, weil seine Eltern sich immer äußerst strikt gegen jede Art von Fensterverkleidung …

Versuch über ungeschriebene Bücher

Hinter jedem Buchtitel steckt eine Möglichkeit. Und auf jede druckgewordene Realität kommen unzählige Bücher, die entweder niemals das Licht der Welt erblickt oder vor ihrem Auftritt in der Öffentlichkeit noch ein neues Titelkleid bekommen haben. Nicht immer zur Freude des Autors, manches Mal zugunsten der Publikumswirksamkeit. Anette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben 71 Autoren der Gegenwart zu ihren ungeschriebenen, umgetitelten Büchern befragt. Als ob es nicht schon genug geschriebene Bücher gäbe, erblickt nun auch noch eine Sammlung von Büchern das Licht, die nie geschrieben wurden. Flüchtige Ideen, Sätze, die einen ungeheuer griffigen Titel abgeben, zu dem allerdings noch die Geschichte fehlt, Gedanken, die sich über Jahre hinweg immer wieder leise zu Wort melden. Das sind die Stoffe, aus denen ungeschriebene Bücher bestehen. Der Titel als wichtiger Bedeutungsrahmen, als Gedankenstütze und als Kaufanreiz macht einen wesentlichen Teil eines eines Buches aus. Auch wenn er, auf das Gesamtwerk bezogen, höchstens ein Kleinstpartikel einer Geschichte ist, kann er von großer Bedeutung für einen Autoren sein. Ja, für manchen steht er sogar fest, bevor die dazugehörige Erzählung …

Bitte übernehmen Sie, Heinrich Steinfest!

Foto: Christian Hass Das Schreiben begann für mich.. …,als ich mit dem Malen aufhörte. Ein Buch muss.. …so beschaffen sein, daß es in der Sauna, im Dschungel, im Badezimmer und sonstwo nicht auseinanderfällt. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. …Bücher verlegen? Nein, der Verzicht aufs Schreiben würde mir einzig und allein eine Lücke bescheren. Ein Kindheitstraum von mir war.. …absolute Sicherheit. Wie gesagt, ein Traum. Wenn ich nicht schlafen kann,.. …bleibe ich wach. (Das ist ein Motto aus meinem Roman „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ und stammt wiederum aus dem Film „Die Dolmetscherin“, als Frau Kidman Herrn Penn genau diese Frage stellt). Völlig unterschätzt wird.. …die tiefe Zufriedenheit, die sich aus der Hausarbeit ergibt. Wenn ich Musik höre, dann.. …spüre ich meistens das Bedürfnis, mich zu bewegen (ich meine damit nicht tanzen, sondern einfach, auf kleinem Raum unterwegs zu sein). Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: Ich trage eine Brille, mag Whisky und höre schlecht. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es,.. …vor dem Schlafgehen unter dem Bett nachzusehen, ob da jemand liegt (wenn …

Heinrich Steinfest – Der Allesforscher

Wenn Wale explodieren und der Grund für einen völlig ungeplanten Krankenhausaufenthalt sind, wenn Flugzeuge abstürzen, Manager plötzlich Bademeister werden und Kinder adoptieren, die eine Sprache sprechen, an denen sich selbst der gewiefteste Linguist die Zähne ausbeißt – dann muss man sich in einem Roman von Heinrich Steinfest befinden. Unterhaltsam und angereichert mit allerlei kleinen philosophischen Alltagsexkursen, abgedreht und einzigartig. Sixten Braun hat Pech, als er in seiner Eigenschaft als Manager in Taiwan gerade zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Direkt vor seinen Augen explodiert ein riesiger Wal und von den in die Umgebung katapultierten Überresten des Meeressäugers getroffen, wird Sixten ins Krankenhaus eingeliefert. Es hat ihn hart getroffen – was vom Wal es auch immer war, das ihn erwischte. (Für alle übrigens, die glauben, Heinrich Steinfest hätte sich etwas so Absurdes wie eine Walexplosion ausgedacht – nö. Gibt es. Gab es. 2004 eben dort, wo Sixten sich aufhält) Wer gesundheitlich, im wahrsten Sinne des Wortes, (durch einen Wal) angeschlagen ist, wird kritisch beäugt. Wie wahrscheinlich ist es schon, dass einem sowas passiert? „Oha!“ Ein …