Alle Artikel mit dem Schlagwort: luchterhand literaturverlag

Bitte übernehmen Sie, Saša Stanišić!

© Katja Sämann Das Schreiben begann für mich.. mit Liebesgedichten und Partisanengeschichten und vorlesen für Opa, auf der Couch stehend und laut deklamierend. Ein Buch muss.. so vieles nicht, das man von ihm von außen verlangt. Wenn ich keine Bücher schreiben würde,.. wäre ich vielleicht eine Wahrsagerin. Ein Kindheitstraum von mir war es,.. die Nacht unbemerkt im Supermarkt zu verbringen. Wenn ich nicht schlafen kann,.. frage ich mich, wie es kommt, dass ich auf einmal nicht schlafen kann. Völlig unterschätzt wird.. Neid und seine destruktive Kraft. Wenn ich Musik höre,.. wünsche ich, ich wäre eine Trompete. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: Ich sage vor Beginn jeder Lesung: „Freue mich, hier zu sein“, ganz egal, wo ich bin. Ist das charmant? Es ist sehr opportunistisch. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es,.. seltsame Angewohnheiten zu meiden. Literatur kann,.. schafft es aber zu selten. Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert begeisterte Leser und Kritik gleichermaßen und wurde in 31 Sprachen übersetzt. …

Kathrin Wessling – Morgen ist es vorbei

Liebe kann so schön sein; erfüllend, neu, prickelnd und wunderbar. Muss sie aber nicht. Sie kann auch ein ziemlich destruktives Arschloch sein. Sie kann mutieren – in Besitzanspruch, in Macht und Übergriffigkeit. Wir können oft nicht mit ihr, aber noch viel öfter nicht ohne sie. Kathrin Weßling erzählt in ihren Geschichten vom Pathos des Verlassenen und Verschmähten, von Selbstzerstörung und von dem Versuch, etwas halten zu wollen, das längst verloren ist. Wie oft hab ich dann mein krankes Herz mit Alkohol betäubt Liebeskummer ist so ein Wort, ich weiß nicht mehr wie man’s schreibt (Rainald Grebe – Mann ohne Gefühle) Wie man Liebeskummer schreibt, ist vielleicht auch zweitrangig, wenn man so einfühlsam über ihn schreiben kann wie Kathrin Weßling. Die Verlassenen, Verlorenen und Verschmähten taumeln allein durch beleuchtete Großstadtstraßen, sie tanzen sich auf gefährlich erhitzten Tanzflächen ihre geschundenen Seelen aus dem Leib, sie trinken bis zur Besinnungslosigkeit. Sie schreien, sie kotzen, sie toben, sie wollen alles zerstören und zerstören doch nur sich selbst dabei. Fraglos muss man einen gewissen Hang zum Pathos und zur großen …

Michail Bulgakow – Ich bin zum Schweigen verdammt

Die vermutlich schwerste Bürde eines Schriftstellers ist die erzwungene Sprachlosigkeit, das von außen oktroyierte Schweigen. Zwar ist Michail Bulgakow heute einer der bekanntesten russischen Satiriker und Dramatiker, doch zu Lebzeiten hatte er immer wieder mit der Zensur seiner Stücke und Kurzgeschichten zu kämpfen. Seine Tagebucheinträge und Briefe zwischen 1921 und 1940 geben Einblick in ein fremdbestimmtes Schaffen unter sowjetischer Regierung. Es war einer seiner größten Wünsche, einmal mit seiner Frau nach Europa zu reisen. Er sollte ihm bis zu seinem Tod 1940 von der Regierung verwehrt bleiben, die immer befürchten musste, eine Ausreise zöge, im Falle einer Rückkehr, möglicherweise auch das Einschleppen konterrevolutionären Gedankenguts nach sich. Michail Bulgakow, geboren 1891, studiert, bevor er sich engültig für die Literatur entscheidet, Medizin und arbeitet einige Zeit als Landarzt. Womöglich in Anbetracht des Leids, mit dem er sich konfrontiert sieht, beginnt er selbst, seine eigenen Medikamente einzunehmen, er wird morphiumsüchtig. Auf der Basis dieser Erfahrungen entstanden nicht nur seine Arztgeschichten, sondern auch die humorig-morbide Miniserie ,A Young Doctor’s Notebook‚ mit Daniel Radcliffe und Jon Hamm. Das aber nur …

Kristine Bilkau im Interview!

© Thorsten Kirves Ihr Debütroman ,Die Glücklichen‚ ist ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt, in seinem Zentrum die Ängstlichen, die Lebensoptimierer, für die jeder Fehler den Verlust ihres persönlichen Glücks bedeuten könnte. Scheitern müssen wir wieder lernen, Perfektion ist Stillstand. Auf der Leipziger Buchmesse habe ich Kristine Bilkau zum Interview getroffen. Sie sind auch Journalistin. Wie sind sie vom journalistischen zum literarischen Schreiben gekommen? Ich habe schon während des Studiums literarisch geschrieben, aber war immer zu schüchtern und zu unsicher, um es irgendjemandem zu verraten. Ich habe das immer schön heimlich gemacht und versucht, mich nebenbei dort zu verwirklichen, wo es eben ging. Zum Beispiel habe ich meine Magisterarbeit so geschrieben, dass sie besonders schön war und mein Professor sagte dann: ,Das war aber angenehm zu lesen‘. Ich habe das also irgendwie in andere Kanäle laufen lassen. Im Journalismus habe ich auch gemerkt, dass es mich eingrenzt, dass ich mich an Informationen halten muss und nicht das schreiben kann, was ich gerne schreiben würde. Mit dem ersten Prosatext bin ich 2008 rausgegangen, als ich ihn zum open mike …

Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Isabell und Georg sind junge Eltern. Sie Cellistin und er Journalist. Beide werden immer wieder von Versagensängsten und Leistungsdruck geplagt, die nach und nach ihr Leben zum Erliegen bringen. Wohin führt der Anspruch, alles im Leben richtig, besser machen zu wollen als die Eltern? Und wie nützlich kann das Scheitern sein? Kristine Bilkau erzählt in ihrem Debütroman eine hochaktuelle Geschichte zweier Menschen, deren größte Angst das Verlieren und Scheitern ist. Es beginnt damit, dass Isabells Bogenhand zittert. Schon beim Stimmen ihres Instruments fühlt sie sich von ihren Orchesterkollegen beobachtet, kritisch gemustert. Was, wenn sie sich verspielt, ihren Einsatz verpasst? Was, wenn die anderen ihr Zittern, ihre Unzulänglichkeit bemerken und ein harsches Urteil fällen? Nicht nur über sie als Musikerin, sondern über sie als Mensch. Sie liest über Musiker und Musikerinnen, die nach einem psychischen Zusammenbruch nie mehr auf die Bühne zurückkehren konnten. Was denken wohl die anderen Mütter über sie, wenn sie ihren kleinen Sohn aus der Kita abholt? Auch Georg als Journalist sieht sich dem Umbruch in seiner Branche vergleichsweise hilflos gegenüber, ständig stehen …

Bitte übernehmen Sie, Ulrike Draesner!

Das Schreiben begann für mich.. …mit sechs: Briefe an eine erfundene Frau Aussprache. War nicht sehr erfolgreich und half überhaupt nicht. Ich machte dann ein paar Jahre Pause. Ein Buch muss.. …es wagen, so frei sein, nichts mehr zu müssen. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. …Affenforscherin oder Astronautin sein. Ein Kindheitstraum von mir war,.. …vier Kinder zu bekommen und mit Tieren zusammenzuleben. Wenn ich nicht schlafen kann,.. …schlafe ich bereits. Völlig unterschätzt wird.. …die Wirkung von Kaugummi auf das Schreibgehirn. Wenn ich Musik höre, dann.. …flüchten alle. Ich singe mit. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: renne völlig geistesabwesend durch die Straßen, sehe niemanden und grüße daher auch nicht. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es,.. …partout keine Kaffeemaschine anzuschaffen, um nicht zu viel Kaffee zu trinken, und dennoch zu viel, dann auch noch teuren Café-Kaffee zu trinken. Literatur kann.. …fies sein: wirkt manchmal nach Jahren, aus dem Hinterhalt. Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen, lebt in Berlin. Ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Essayistik, Hörspiel. Für ihre Gedichte und …

George Saunders – Zehnter Dezember

Ein Hauen und Stechen um die gesellschaftlichen Logenplätze, in George Saunders neuer Kurzgeschichtensammlung ,Zehnter Dezember‘ geht es nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich zur Sache. Lassen Sie mich durch, ich habe Ellbogen. George Saunders gilt in den USA als großer Satiriker. Ins Groteske, manchmal Wahnsinnige gesteigerte Geschichten erzählen von einer Welt, in der wir morgen leben, von einer Zukunft, die womöglich schon Gegenwart geworden ist – ohne, dass es von vielen bemerkt worden wäre. Gleichförmige Konsumkultur, Wettbewerbskämpfe auf allen erdenklichen Positionen, eine durchökonomisierte Gesellschaft ohne Mitgefühl – in George Saunders Kurzgeschichten, für die er bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, ist diese Welt bereits Realität. Darüber kann man lachen, schmunzeln bestenfalls – muss man aber nicht. Denn in dieser haltlosen Übersteigerung bildet sich nur literarisch eine Gesellschaft ab, die das Streben nach Mehr zur sinnstiftenden Prämisse ihres Lebens erkoren hat. Ein schlaksiger Junge, der eine Entführung beobachtet und im letzten Moment entscheidet, gegen die Anweisungen des Vaters das heimische Grundstück zu verlassen, um dem Entführer den Kopf einzuschlagen. Ein Familienvater, der seiner Tochter im Konkurrenzkampf mit anderen …