Alle Artikel mit dem Schlagwort: kiepenheuer und witsch

Joachim Meyerhoff – Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Mit seiner autobiographischen Reihe Alle Toten fliegen hoch hat Joachim Meyerhoff in den letzten Jahren viele begeistert. Er schrieb über seinen Auslandsaufenthalt in Amerika, das Aufwachsen auf dem Gelände der Schleswiger Psychiatrie, persönliche Verluste, seine Schauspielausbildung und nun – dem Gesetz der linearen Biographie folgend – über seine Engagements an Provinzbühnen und erste Lieben. Das tut er, wie immer, gewinnend und ausgesprochen humorvoll. An der einen oder anderen Stelle aber gerät ihm seine Rückschau zu überdreht. Nach der Beendigung seiner Schauspielausbildung und dem schmerzlichen Tod der exaltierten, aber liebenswürdigen Großeltern hat es Meyerhoff an ein Bielefelder Theater verschlagen. Dort spielt er lustlos seine Rollen, es sinnkriselt. Soll das alles gewesen sein? In diesem Ensemble? An dieser Bühne? Er träumt von Flucht und Ausbruch, ist dafür aber am Ende zu pflichtbewusst. Er verflucht seine Geradlinigkeit, seine »Harmlosigkeit«, mit Anfang zwanzig verlangt es ihn nach einem Exzess, der nicht in Aussicht ist. Auf der Premierenfeier eines Shakespeare-Stücks lernt er Hanna kennen, die sein bis dato beschaulich-bräsiges Leben mit ihrer unkonventionellen Art in Bewegung bringt. Hanna ist intellektuell, …

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Ein Krieg lagert sich ab, in den Schichten der Persönlichkeit, in den Knochen, in einem Leben. Das muss auch der Junge in Tijan Silas Debüt Tierchen Unlimited feststellen, nachdem er Anfang der Neunzigerjahre mit seinen Eltern aus Bosnien nach Deutschland flieht. Der Krieg ist ein permanenter Alarmzustand selbst in der Stille und selbst im Frieden. Man kann ihn nicht abschütteln. Bereits im ehemaligen Jugoslawien wächst der namenlose Erzähler mit einem Männlichkeitsideal von Härte, Kampf und Rivalität auf. Es geht um Treue, Respekt und Loyalität. Der Krieg ist das Hintergrundrauschen, mit dem man sich zu arrangieren lernt. In den Feuerpausen erledigt man Wege, wenn man auf offener Straße vom Gefecht überrascht wird, gilt es zu improvisieren. Die Kinder vertreiben sich die Zeit mit dem Tausch von Comics, Computerspielen oder der Verbrennung von Müll. Seit Jahren türmt er sich meterhoch, weil niemand ihn mehr abholt. Der brennende, stinkende Müll zieht Tiere an. Hunde, die nach Essensresten wühlen. Eichhörnchen, die Material für den Nestbau suchen und sich an den Kadavern anderer Tiere gütlich tun. Tierchen, lässt Sila, der …

Matthias Brandt – Raumpatrouille

Wem Matthias Brandt vor allem als Schauspieler und Sohn Willy Brandts ein Begriff ist, der wird womöglich angesichts eines von ihm geschriebenen Buches kurz aufstöhnen: wieder einer, der auch noch ein Buch schreiben muss. In diesem speziellen Fall wäre jedes Stöhnen allerdings gänzlich unbegründet, denn mit Raumpatrouille ist Brandt ein fantastisches und warmherziges Buch gelungen. Es ist kein Roman. Es sind keine Kurzgeschichten. Viel mehr sind es kurze Episoden einer besonderen, von der Kanzlerschaft des Vaters überschatteten Kindheit, denen Matthias Brandt in seinem Debüt nachspürt. Ohne Wachschutz darf er das Anwesen nicht verlassen, den vielbeschäftigten Vater sieht er bloß sporadisch. Willy Brandt hat gar einen separaten Hauseingang, der es ihm erlaubt, unbemerkt wie ein Geist ein- und auszugehen. In der Nachbarschaft wohnt Heinrich Lübke, Bundespräsident a.D., den er desöfteren zum Kakaotrinken besucht. Matthias Brandt wächst im Schatten bundesrepublikanischer Politik und ihrer Akteure auf. Regelmäßig kommen alte Herren zu Besuch, die ihm gedankenverloren den Kopf tätscheln. Als er Briefmarken zu sammeln beginnt, stellt er schnell fest, dass viele der auf ihnen Abgebildeten zum unmittelbaren Umfeld seines …

Miranda July – Der erste fiese Typ

Miranda July hat sich als Autorin von Kurzgeschichten, Regisseurin, Schauspielerin und Performancekünstlerin längst einen Namen gemacht. Immer etwas versponnen und verspielt erzählt sie Geschichten von Beziehungen, dem Erwachsenwerden, von der Suche nach Identität und Sexualität. So auch in ihrem ersten Roman, der selbstbewusst mit allerlei Erwartungen und Klischees bricht. Cheryl Glickman ist Mitte vierzig und auf den ersten Blick gut organisiert. Mithilfe eines ausgeklügelten Systems behält sie im Haushalt den Überblick. Gegessen wird direkt aus der Pfanne, der Gebrauch von Geschirr ist auf das Nötigste beschränkt. Was nicht da ist, lässt sich nicht turmhoch stapeln. Die Wäsche landet nicht auf dem berüchtigten Ablagestuhl, sondern direkt in der Waschmaschine. Wenn sie sich doch gezwungen sieht, Dinge in der Wohnung von A nach B zu tragen, bildet sie „Fahrgemeinschaften“. Sie verdient ihr Geld in einer gemeinnützigen Organisation, die sich, einst auf die Produktion von Selbstverteidigungsanleitungen für Frauen, heute weitgehend auf die Herstellung von Fitness-DVDs beschränkt. Zwar geht es noch immer lose um Selbstverteidigung, viel mehr aber darum, die damit einhergehende Bewegung für die körperliche Gesundheit und Fitness …

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

2011 erschien „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“, das vom Auslandsaufenthalt und den Teenagerjahren Meyerhoffs erzählte, 2013 folgte „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war„, mit dem er sogar überrasched auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete – und in diesem Jahr nun „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Der dritte und letzte Teil von Meyerhoffs unwiderstehlich charmant geschriebenen Lebenserinnerungen führt in die Zeit seiner Schauspielausbildung in München. Während Karl Ove Knausgard, so sagt man, unbarmherzig erzählt und dabei weder sich noch andere schont, gelingt Joachim Meyerhoff in seinen Erinnerungen ein weit versöhnlicherer Tonfall. Beschwingt und humorvoll berichtet er insbesondere im zuletzt erschienenen Roman von seinem Scheitern, seinem Nicht-Hineinpassen und seinen Zweifeln an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Dieses stetige Versagen an den eigenen Ansprüchen wie auch an denen anderer steht im Mittelpunkt des Erzählens. Joachim, der eigentlich vorhatte, seinen Zivildienst beim Rehasport in einem Schwimmbad abzuleisten, wird zu seinem Schrecken als Schauspielschüler an der Otto-Falckenberg-Schule in München aufgenommen. Warum, das ist ihm selbst ein Rätsel. Er betrachtet sich selbst nicht als besonders …

Alina Bronsky im Interview!

© Bettina Fürst-Fastré In ihrem aktuellen Roman erzählt Alina Bronsky von der alten Baba Dunja, die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl in die radioaktiv verseuchte „Todeszone“ zurückkehrt. In diesem Dorf hat sie vor dem Unglück gelebt und sie will dort sterben. Alina Bronsky erzählt im Interview, was sie zu der Geschichte einer Rückkehrerin bewegte und wie sich sich selbst an das Unglück erinnert. Frau Bronsky, Sie waren bei dem Reaktorunglück in Tschernobyl acht Jahre alt und lebten noch in Russland. Was haben Sie in Erinnerung von damals? So seltsam es klingt: Ich erinnere mich an gar nichts. Ich kann heute gar nicht sagen, ob das Verdrängung ist oder ob die sowieso eher spärlichen Informationen einfach nicht zu mir durchgedrungen sind. Ich habe erst viel später angefangen, das Ausmaß der Katastrophe, die mit dem Wort Tschernobyl assoziert wurde, zu begreifen Baba Dunja tut mit der Rückkehr in die sogenannte „Todeszone“ ja etwas eigentlich Unbegreifliches. Dennoch gibt es ja auch außerhalb der Fiktion diese Rückkehrer. Was, glauben Sie, bewegt die Menschen dazu, sich dieser Gefahr auszusetzen? Ich …

Alina Bronsky – Baba Dunjas letzte Liebe

Die alte Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Nach der Katastrophe im Reaktor 1986 verwaisten ganze Dörfer und Landstriche, eigentlich sollte niemand in diese Gefahrenzone zurückkehren, von der keiner genau sagen kann, wann und ob sie jemals ungefährlich, gesundheitlich unbedenklich sein wird. Baba Dunja hat Vieles aufgegeben für diese Rückkehr, aber sie tut es im Bewusstsein ihres hohen Alters. Alina Bronsky hat mit diesem Roman ein unheimlich anrührendes Porträt einer Frau gezeichnet, die trotz aller Widrigkeiten Herrin über ihr eigenes Leben bleibt. Baba Dunja war die erste, die sich in dem kleinen Dorf Tschernowo nach dem Reaktorunglück wieder ansiedelte. Die Spinnen hatten ihre Hütte in seidene Fäden gewickelt, es war still. Nur die Vögel zwitscherten lauter als früher. Das, erklärte man ihr später, läge vor allem daran, dass hauptsächlich die männlichen Exemplare der Population überlebt hätten, die nun verzweifelt nach einem Weibchen riefen. Ihre Katze wirft missgestaltete Jungen. Nach und nach kommen auch andere ehemalige Anwohner zurück. Baba Dunjas Nachbarin Marja, deren Hahn jeden Morgen die Idylle in einem Landstrich vernichtet, in dem sonst kein Leben …