Alle Artikel mit dem Schlagwort: kein & aber

Takis Würger – Der Club

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geheimbünde und Clubs an elitären Universitäten unter anderem in Großbritannien und den USA. Auch heute rekrutieren sich Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und ein großer Teil der Finanzeliten aus ihren Reihen. Sie dienen als Karrieresprungbretter und über das Studium hinaus profitable Netzwerke, fordern von ihren Mitgliedern aber auch eine strikte Einhaltung gruppeninterner Regeln und eine unverbrüchliche Treue zu den Kameraden. Vor diesem Hintergrund spielt Takis Würgers raffiniert komponierter Roman von Verbrechen und Korpsgeist. Hans ist ein zurückhaltender, unauffälliger Typ. Innerhalb weniger Monate kommen seine Eltern zu Tode, sein Vater bei einem Autounfall, die Mutter, obwohl sie an Lungenkrebs leidet, am Stich einer Biene. Für beide Todesfälle fühlt er sich verantwortlich: Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf mein Rührei essen wollte. Hans wird aufs Internat geschickt, wo er weiterhin das Boxen trainiert, seine emotional angegriffene Tante Alexandra übernimmt den Erziehungsauftrag – im weitesten Sinne, denn sie überlässt Hans vorrangig sich selbst. So lange jedenfalls, bis sie ihn zu sich nach …

Truman Capote – Andere Stimmen, andere Räume

Truman Capotes 1948 erschienenes Erstlingswerk ist eine verspielte, flirrende Geschichte von Entfremdung und Erwachsenwerden. Auf dem Cover der lasziv und unschuldig in die Kamera blickende Capote, der später behaupten sollte, das vergleichsweise skandalöse Foto sei mit keinerlei Hintergedanken ausgewählt worden. Zwischen den Buchdeckeln der dreizehnjährige Joel Knox, den so manches mit seinem Schöpfer verbindet. Bereits auf den ersten Seiten dieses Debüts entwirft der 24-jährige Truman Capote eine lebendige und sinnliche Szenerie von großer Anziehungskraft. Joel Knox ist auf dem Weg zu seinem Vater nach Noon City, einem Ort, der mit dem Begriff Provinznest vermutlich noch geadelt wäre. Jedenfalls heißt es, „es fahren weder Züge noch Busse dorthin“. Der einzige Weg in die abgelegene Gegend führt über den Beifahrersitz eines Lastwagens, häufig den von Sam Radclif. Dank Capotes eindringlichen Bildern formiert sich sehr früh die Idee einer märchenhaften und verzauberten Parallelwelt, abgeschnitten vom Rest, gastfreundlich zwar, jedoch immer durchzogen mit einer Atmosphäre des Unbegreiflichen und Feindseligen. Schon auf der ersten Seite wird dem Landstrich ein sprachliches Denkmal gesetzt. Ein einsamer Landstrich ist das; und in den …

Åsne Seierstad – Einer von uns

Am 22.Juli 2011 erschüttert der Norweger Anders Behring Breivik die Welt. Weil er sich vor Überfremdung und der Marginalisierung der norwegischen und europäischen Rasse durch Muslime fürchtet, platziert er eine Bombe im Osloer Regierungsviertel und erschießt auf der kleinen Insel Utøya wahllos 69 Menschen, überwiegend Jugendliche. Sie waren dort in einem Sommercamp der norwegischen Sozialdemokraten. Insgesamt fallen ihm 77 Menschen zum Opfer. Åsne Seierstad, Auslandskorrespondentin und Kriegsreporterin, versucht in einem Hybrid aus Roman und Reportage dem Menschen Breivik und seinen Taten nachzuspüren. Kann man Taten wie die von Anders Breivik überhaupt verstehen? Möchte man sie nachvollziehen? Wie nah will man einem Menschen kommen, der in barbarischer Weise für seine kruden politischen Überzeugungen gemordet hat? Verstehenwollen wird zu oft mit Verständnis für den Täter bzw. seine Taten verwechselt; dennoch lohnt es sich in diesem Fall. Anders Breivik wächst allein mit seiner Mutter Wenche und seiner älteren Schwester Elisabeth auf, der Vater verlässt die Familie früh. Anders ist ein unerwünschtes Kind. Seine Mutter, psychisch stark angeschlagen, ist überfordert mit dem Jungen, mit dessen Wut und Launen sie …

Truman Capote – Wo die Welt anfängt

Es war im letzten Jahr eine erfreuliche Überraschung, als sich vernehmen ließ, dass bisher unveröffentlichte Erzählungen Truman Capotes aufgetaucht seien. Ursprünglich waren Anuschka Roshani und Peter Haag bloß auf der Suche nach weiteren Fragmenten von Capotes unvollendetem Opus Magnum ,Erhörte Gebete‚. Stattdessen fand man eben diese Erzählungen, die Truman Capote irgendwann zwischem seinem 14. und 16. Lebensjahr verfasst haben mag. Sie sind voller Wärme und Mitgefühl für die Einsamen und Ausgestoßenen. Das ZEIT-Magazin druckte im letzten Oktober vorab bereits vier Kurzgeschichten als Vorgeschmack auf den nun bei Kein & Aber erschienenen Erzählband ,Wo die Welt anfängt‘. (eine im Magazin vorab bereits gedruckte Geschichte, „Samstagnacht“ fehlt allerdings, sie handelte von der folgenreichen Begegnung eines schwarzen Liebespaars). Viele der Erzählungen sind Erstveröffentlichungen, manche sind bereits in den 40er Jahren in der Highschool Zeitung „The Green Witch“ erschienen. Capote hatte früh den Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden und arbeitete so hart wie diszipliniert an seinem Vorankommen. Mehrmals gewann er Schreibwettbewerbe. Und tatsächlich ist erstaunlich, wie reif seine Erzählungen bereits klingen, wie sehr sie geprägt sind von dem Einfühlungsvermögen …

Truman Capote – Erhörte Gebete

Es sollte sein opus magnum werden, sich an Proust messen und Gesellschaftsporträt der Reichen und Schönen sein. Bei seinem erstmaligen Erscheinen im Esquire 1976 wurde allerdings schnell klar, dass sich Truman Capote, der in den Kreisen der High Society bis dahin ein gern gesehener Gast gewesen war, für viele zu einer persona non grata entwickelte. ,Erhörte Gebete‘ wurde nie beendet. Veröffentlicht wurden letztlich – auch in dieser Ausgabe – drei Kapitel des Gesamtwerks. Zwar sagte Capote seinem Verleger immer wieder, er habe noch mehr geschrieben, gefunden wurde jedoch nach seinem Tod nichts. (Yachten und dergleichen gehörte als Kapitel ursprünglich einmal dazu und wurde mit anderen Erzählungen separat veröffentlicht) Es ist bis heute unklar, ob Truman Capote das nur unter dem steigenden Druck des geschlossenen Vertrages behauptete oder ob bis heute tatsächlich in einem unbekannten Bankschließfach womöglich Teile des Manuskripts unberührt ihrer Entdeckung harren. Gegenstand der Suche jedenfalls sind die vermeintlich verlorenen Kapitel noch immer. Spätestens nach seinem Tatsachenroman ,Kaltblütig‚ war Truman Capote in aller Munde und schon vorher gern gesehener Partygast der New Yorker Upper …

Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken

Bei einer nächtlichen Fahrt nach Dienstschluss überfährt der Neurochirurg Etan Grien mit seinem Jeep einen illegalen Einwanderer. Die Überlebenschancen sind gering und so verlässt er den Ort des Geschehens, ohne den Unfall zu melden oder die Behörden zu informieren. Was dann folgt, wird sein Leben und seine Sicht über sich selbst grundlegend ändern. Ayelet Gundar-Goshen erzählt in ihrem zweiten Roman eine ungewöhnliche Geschichte, die auch politische Themen berührt. Etan Grien ist erfolgreich, glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder. Nichts in seinem Leben ist besonders außergewöhnlich oder bemerkenswert, bis er eines Nachts mit seinem Jeep noch eine Fahrt hinaus in die Wüste unternimmt und dabei einen Eritreer übersieht, der ihm unversehens vor die Motorhaube läuft. Etan kann nicht mehr reagieren, der Mann ist so schwer verletzt, dass selbst eine schnelle Operation ihn nicht mehr retten könnte. Etan weiß das, er ist Neurochirurg, er weiß, wie die Chancen stehen, in so einem Fall zu überleben. Also entschließt er sich, fassungslos und unter Schock, wieder in den Wagen zu steigen und die Sache zu vergessen. Und wenn der …

Phil Hogan – Die seltsame Berufung des Mr.Heming

Das Böse und Abseitige kommt manchmal auf leisen Sohlen. Und manchmal in Gestalt eines harmlosen Immobilienmaklers. William Heming ist das, was man gemeinhin unauffällig nennt. In seiner Stadt kennt zwar jeder die Firma, für die der freundliche Herr im Tweedjacket Häuser verkauft, er selbst aber wird von den wenigsten erkannt, unbemerkt wie ein Geist schlüpft er in die Leben seiner Klienten, einem Luftzug gleich, den man, kaum nimmt man ihn wahr, schon wieder vergisst. Stets, wenn sich ein Verkaufswilliger an das Immobilienbüro wendet und für eine Besichtigung des Hauses seinen Schlüssel abgibt, fertigt William Heming Kopien davon an. Akribisch wie ein Archivar sammelt er all diese Schlüssel – und besucht seine Kunden, wenn die es am wenigsten erwarten. Wenn Sie mir eine Waffe an den Schädel halten und eine Erklärung verlangen, müsste ich vermutlich damit beginnen, dass wir alle Gewohnheitstiere sind. Schon als Jugendlicher spionierte er seine Mitschüler und Lehrer aus, wurde der Schule verwiesen, litt unter der eisigen Atmosphäre seines Elternhauses, das nach dem frühen Tod seiner Mutter aus seinem gebrochenen Vater und seiner …