Alle Artikel mit dem Schlagwort: Fischer Verlag

Chimamanda Ngozie Adichie – Liebe Ijeawele…

Was bedeutet Feminismus heute? Wie können Kinder möglichst unbeeindruckt von Rollenklischees aufwachsen, die ihre Selbstbestimmung beschneiden? Chimamanda Ngozie Adichie hat ihrer Freundin Ijeawele auf Wunsch fünfzehn Ratschläge zur feministischen Erziehung gegeben. Wie kann die heute aussehen und worum geht es im Besonderen? Chimamanda Ngozie Adichie ist in den letzten Jahren zu einer wichtigen feministischen Stimme geworden. Weniger in theoretisch-wissenschaftlicher als in vermittelnder Hinsicht. Sie will jeden ansprechen, der bereit ist, zuzuhören. Sie will überzeugen, nicht mit Dogmatismus und Fachvokabular, sondern mit dem Anschluss an das tägliche Leben und Situationen, denen alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Feminismus geht uns alle an, davon ist Adichie überzeugt, deshalb sollten seine Anliegen auch für alle verständlich sein. Demzufolge adressieren die Briefe an ihre Freundin Ijeawele ganz grundsätzliche Fragestellungen. Welche Wertvorstellungen vermittle ich meinem Kind? Welche Freiheiten gestehe ich ihm zu? Welche Maßstäbe lege ich an mich selbst an? Dabei geht es oft um überkommene Rollenbilder und überhöhte Erwartungen. Mädchen zu früh in ein Korsett zu drängen, das ihnen typisch weibliche Verhaltensweisen und Vorlieben als natürlich und zwangsläufig verkauft, mindern Chancen …

Carolin Emcke – Gegen den Hass

Wer bislang glaubte, mit Carolin Emcke sei in diesem Jahr eine Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels gekürt worden, die allseits geachtet und für ihre Kolumnen ebenso wie für ihre Essays und Berichte respektiert und angesehen ist, der durfte spätestens nach ihrer Rede in der Frankfurter Paulskirche gegenteilige Beobachtungen machen. Emcke wird als mittelmäßig verunglimpft, als banal, als kleinster gemeinsamer Nenner gutsituierter Moralisten oder schlicht: als Gutmensch. Je nachdem, wen man fragt. Inhaltliche Kritik an Emckes Analysen hingegen ist Mangelware. Der Jurist Thomas Fischer wettert in seiner Kolumne: „Wir möchten unbedingt ebenfalls den Friedenspreis des deutschen Kuscheltuchhandels. Und spenden ihn dann an ein Waisenkind auf Haiti. Wir melden uns hiermit an auf der Warteliste der zehn verfolgtesten lesbischen Friedenskämpferinnen ohne eigene Meinung.“ Auf Facebook wird der polemische, unsachliche und zynische Artikel bejubelt. Bei Emcke handle es sich um „das gute Gewissen der deutschen Mittelmäßigkeit“. Und etwas suggestiv wird gefragt: „Ist sie tatsächlich eine derart banale, selbstgerecht jammernde, postkoloniale Weltenbemutterungsschwurblerin?“ Ein Kommentator schreibt: „In meiner Welt muss niemand kämpfen, der sich selbst akzeptiert.“ Und vielleicht liegt bereits dort …

Carolin Emcke – Von den Kriegen

Unlängst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, gehört Carolin Emcke unbestritten zu den intelligentesten, bedachtesten und analytisch fähigsten Autorinnen und Publizistinnen, die sich derzeit in Deutschland finden lassen. Ihre pointierten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung sind eigentlich Pflichtlektüre, im Oktober 2016 erscheint ihr neuer Essay Gegen den Hass. Als Journalistin hat Emcke aber auch zahlreiche Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt besucht, eines ihrer großen Themen ist die Zeugenschaft, das Miterleben und Kommunizieren von Gewalt und Leid. 2004 erschien „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“, das Berichte u.a. aus dem Kosovo, Nicaragua, Kolumbien oder dem Irak vereint. Wie kann man unaussprechliche Gewalt und Grausamkeit in Worte fassen? Wie überwindet man das Schweigen und das Verdrängen, die Sprachlosigkeit? Carolin Emcke entscheidet sich als Journalistin mit ihrem Buch gegen die nüchterne Reportage und stattdessen für die Briefform. Ursprünglich in englischer Sprache tatsächlich für Freunde und Intellektuelle aus aller Welt verfasst, legen diese Briefe nicht nur strukturelle und kriegsbedingte Gewalt, sondern auch die gelegentlichen Zweifel der Autorin bloß. Die Form erlaubt einen persönlichen Zugang zu Erlebnissen und Geschichten …

Franz Friedrich – Die Meisen von Uusima singen nicht mehr

In seinem verschachtelten Debütroman erzählt Franz Friedrich von den so plötzlich und unerklärlich schweigenden Lapplandmeisen der finnischen Landschaft Uusima, von einer amerikanischen Studentin, einer verschwundenen Dokumentarfilmerin und einem Flugzeugabsturz. Alles zwar in sich logisch und miteinander verwoben, doch man hätte aus diesem Roman mühelos mehrere einzelne machen können. Man munkelte, die Meisen hätten ihren Gesang auf den Weg zu den Sternen verloren. Wer zu hoch hinaus will, muss Verluste in Kauf nehmen. Tatsächlich sind sich aber die Wissenschaftler in höchstem Maße uneins darüber, weshalb der kleine Vogel im Federkleid des Alters plötzlich so still geworden ist. Weil man eine vom Menschen verursachte Umweltkatastrophe vermutet, wird der Landstrich evakuiert. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, bleiben im Unklaren darüber, ob und wann sie zurückkehren können. Einzig die Forscher und Dokumentarfilmerin Susanne Sendler dürfen sich in Uusima aufhalten, Messungen durchführen und die kleinen Vögel beobachten, denen es mit ihrem plötzlichen Schweigen, letztlich mit ihrer Untätigkeit gelungen ist, viele Menschen auf einmal zu vertreiben. Susanne Sendler, die kurz darauf verschwindet, nennt ihren Dokumentarfilm: Die Meisen von Uusima singen nicht …

Marion Brasch im Interview

Foto: Jörg Steinmetz Gerade erschien ihr neuer Roman ,Wunderlich fährt nach Norden‚. Eine fast mystische Reise an die Grenzen des Erklärlichen und letztlich doch wieder ein Ankommen bei sich selbst. Marion Brasch spricht mit mir über den Roman, Wunderlichs Ursprünge und das Schreiben. 1.Marion, wie kommt man vom Radio zum Bücherschreiben? War das schon lange ein Traum von Dir oder eher ein spontaner Entschluss? Ich schreibe eigentlich schon lange, allerdings passierte das früher eher sporadisch; meist waren es kleine absurde Geschichten – nichts, das in die Welt hinaus musste. Das „ernsthafte“ Schreiben kam erst durch meinen ersten Roman „Ab jetzt ist Ruhe“. Da musste ich mal etwas länger bei der Sache bleiben, was sonst nicht so meine Art war. 2.Du bist noch immer beim Radio tätig, mittlerweile bei Radio Eins. Was ist das Schöne am Radio? Radio ist eine großartige Sache, weil es schnell, unmittelbar, unaufwendig und trotzdem ein sinnliches Medium ist; durch die Musik, aber auch durch die Leute, die hinterm Mikrofon sitzen und die man mögen kann oder auch nicht. Ich habe das …

Marion Brasch – Wunderlich fährt nach Norden

Irgendwann kommt in jedem Leben der Moment, in dem Veränderung unerlässlich, das bisherige Dasein zu eng geworden ist. Zeichenlehrer Wunderlich trifft es ganz klassisch am Ende einer Beziehung, die ihm Halt und Boden war. Er beschließt, nach Norden zu fahren und wird auf dem Weg dorthin – fast mag man es ein Wunder nennen – ein ganz neuer Wunderlich. Wunderlich hat sich in seinem Leben eingerichtet. Er mag keine Veränderungen und plant rigoros, um nichts dem Zufall zu überlassen. Doch dann trennt seine Freundin Marie sich von ihm. Unmöglich, so etwas zu planen. Es passiert einfach und bringt Wunderlich völlig aus dem Gleichgewicht. Als ob das allein nicht schon genug wäre, beginnt plötzlich sein Handy mit ihm zu kommunizieren. Ein gewisser (oder eine gewisse?) Anonym schickt Wunderlich mysteriöse Nachrichten und es beginnt mit: „Guck nach vorn.“ Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielt das für eine Rolle, wenn das Unglück größer ist als man selbst. Das kann nun auf vielerlei Arten, sinnbildlich oder wortwörtlich, verstanden …

Andrew Sean Greer – Ein unmögliches Leben

Zeitreisen sind aller Orten in der Kunst ein beliebtes Thema. Was wäre, wenn wir Geschehenes ungeschehen machen könnten? Wenn wir bereits heute wüssten, was morgen passiert, weil wir einen Sprung in die Zukunft gewagt haben? Und wie vorteilhaft wäre dieses Wissen für uns? Andrew Sean Greer geht in seinem neuen Roman ,Ein unmögliches Leben‘, der unlängst im Fischer Verlag erschien, noch einen Schritt weiter. Was, wenn es parallele Realitäten gäbe, in denen die Toten wieder leben und unsere Lieben uns noch nicht verlassen haben? Das Unmögliche passiert uns allen ein Mal. Bei mir war es 1985 kurz vor Halloween zuhause am Patchin Place. Selbst für New Yorker ist die Häuserzeile schwer zu finden: Eine schmale Gasse westlich der Sixth Avenue, wo die Stadt trunken ins Gefüge des achtzehnten Jahrhunderts kippt und Kuriosa hervorbringt, wie dass die West Fourth die West Eighth kreuzt und Waverly Place sich selbst. So beginnt die eigentlich höchst romantische Geschichte um Greta Wells, die, so unwissentlich wie unbeabsichtigt, die Grenzen von Zeit und Raum überwindet. Als ihr geliebter Bruder Felix stirbt …