Alle Artikel mit dem Schlagwort: familie

A.M. Homes – Auf dass uns vergeben werde

A.M. Homes‚ neuer Roman – ein Wechselbad der Gefühle. Von anfänglicher Fassungslosigkeit über das schrittweise Hineingleiten in eine Welt und eine Familie bishin zu Identifikation mit und Anerkennung für ein Buch, das unter keinen Umständen nach seinem ersten Eindruck beurteilt werden darf. Ein bösartig-schamloses, liebevolles, zutiefst menschliches und humorvolles Erlebnis. Ein erfolgreicher Fernsehproduzent und sein unscheinbarer Bruder. Ein Autounfall, bei dem zwei Menschen ums Leben kommen und einen Sohn zurücklassen. Ein Mord mit einer Nachttischlampe. Ehebruch. Nicht weniger als das geschieht auf den ersten fünfzig Seiten des neuen Romans der amerikanischen Autorin A.M. Homes, für den sie mit dem Woman’s Prize of Fiction ausgezeichnet wurde. Was manch anderer in einem ganzen Roman mühevoll zu einem Geflecht von Ereignissen verwebt, explodiert in ,Auf dass uns vergeben werde‚ sofort zu Beginn. Keine Umschweife. Kein Mitgefühl. Die Leute reden immer von der Kernfamilie als der vollkommenen Einheit, aber niemand erwähnt die Kernschmelze. Eben jene nimmt ihren fatalen Anfang, als George Silver, ganz und gar Medienmann und schon von Kindesbeinen an jähzornig, in einen Unfall verwickelt wird, bei dem …

Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Ulrike Draesner ist eine deutsche Autorin. In München aufgewachsen studierte sie Rechtswissenschaften, Anglistik, Germanistik und Philosophie an verschiedenen Universitäten im In – und Ausland. Seit 1994 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin und veröffentlicht außer Prosatexten und Essays auch Lyrik. Sie wirkt gemeinsam mit bildenden Künstlern auch an intermedialen Projekten mit. ,Sieben Sprünge vom Rand der Welt‚, ein Roman über Vertreibung und das Schwelen von Erinnerung unter der Oberfläche, erscheint im Luchterhand Verlag. Vater, glücklicher Raum, schlurft durchs Institut. Hose, Lederjacke, Seminar. Seine alte Gartenjacke. Wie er aussieht, ist ihm egal. Der Rundrücken, die Hosenträger, die Karl-Valentin-Beine. Verrückt war er schon immer, auf seine Weise: exakt, kühl, kalkuliert. Eustachius Grolman, Verhaltensforscher und zweiundachtzigdreiviertel Jahre, ist ein renommierter Wissenschaftler. Seit Jahrzehnten forscht er mit Affen, vorzugsweise Schimpansen und Bonobos. Wo andere versuchen, den Menschen im Affen zu entdecken, versucht er, den Affen im Menschen zu entlarven. Seine Lebensgeschichte gleicht der vieler anderer Kriegskinder. Der Vater kämpft an der Front und Eustachius muss mit seiner Mutter und dem älteren, behinderten Bruder Emil im Winter 1945 aus …

Gail Jones – Ein Samstag in Sydney

Gail Jones ist eine australische Autorin. Sie lehrt als Professorin für Kreatives Schreiben an der University of Western Sydney. Bisher veröffentlichte sie zwei Erzählbände und fünf Romane. Ihr zweiter Roman ,Sechzig Lichter‚ war 2004 für den Booker Prize nominiert. ,Ein Samstag in Sydney‚ schrieb sie als Stadtschreiber-Stipendiatin in Shanghai. Es erschien im August letzten Jahres bei der Edition Nautilus, in der Übersetzung von Conny Lösch. Sie ging los. Mit ihrem Sonnenhut aus Baumwolle, ihrem kleinen Rucksack und diesem unerwarteten Pochen in der Brust trat Ellie hinaus in den lieben langen Tagin Sydney. Sonnenschein wirbelte um sie herum. Der Hafen funkelte fast. Sie hob ihr Gesicht zum Himmel und lächelte in sich hinein. Es kam ihr vor als würde sie – ja, doch, ja – Licht atmen. Nicht nur Ellie tritt in diesem lichtdurchfluteten Morgen auf die Straßen einer langsam erwachenden Metropole. Auch James kommt an, verbittert und übernächtigt und mit Schuldgefühlen, die er in Alkohol ertränkt. Ellie und er kannten sich einst sehr gut, sie waren junge Verliebte, Schulkameraden, Freunde. Nun wollen sie sich wiedersehen, …

John Cheever – Ach, dieses Paradies

John Cheever (1912-1982) war ein amerikanischer Autor. Bekannt wurde er zunächst mit seinen Kurzgeschichten, die im New Yorker veröffentlicht wurden und ihm 1979 den Pulitzerpreis eintrugen. Seine Geschichten spielten häufig in amerikanischen Vororten und behandelten das Leben ihrer Bewohner auf hintersinnige und subtil ironische Weise. Nicht alles ist, wie es scheint, hinter den Spitzenvorhängen der Frömmigkeit spielten sich nicht selten ganz andere Szenarien ab als die glatte Oberfläche vermuten ließ. Ach, dieses Paradies (‚Oh what a paradise it seems‘) ist Cheevers letzter Roman, erschienen im DuMont Verlag und übersetzt von Thomas Gunkel. Manch ein Autor beherrscht die Kunst der Auslassung, des pointierten Skizzierens, das aus scheinbar lose und hastig zu Papier gebrachten Linien ein eindrucksvolles Bild entstehen lässt. John Cheever ist so ein Autor. Ist sein letzter Roman mit knapp 120 Seiten doch wahrlich nicht ausufernd, birgt er doch so einige beachtenswerte Momente und Gedanken. Lemuel Sears ist ein alter Mann. Alleinstehend und mit seiner Tochter auf der Basis einer gewissen beiderseitigen Skepsis verbunden, liebt er es, gelegentlich zum Schlittschuhfahren zum Beasley’s Pond zu fahren. …

Lisa O’Donnell – Bienensterben

Lisa O’Donnell ist eine amerikanische Autorin. Für ihr Drehbuch „The Wedding Gift“ wurde sie mit dem Orange Screenwriting Prize ausgezeichnet. Mit Bienensterben hat sie sich, nach dem Drehbuchschreiben, das erste Mal einem Roman zugewandt, der sogleich mit dem Commonwealth Book Prize bedacht wurde. In Deutschland erschien er kürzlich in der Übersetzung von Stefanie Jacobs im DuMont Verlag. Schon die ersten Sätze von Lisa O’Donnells Debütroman lassen keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass wir es mit einer Geschichte zu tun haben, die an die Nieren gehen wird. Es ist eine Geschichte aus prekären und unwirtlichen Verhältnissen, aus einem Umfeld, das wir mehrheitlich, glücklicherweise, nicht aus eigener Erfahrung kennen. Marnie und ihre kleine Schwester Nelly haben gerade ihre Eltern begraben. Nicht konventionell auf einem Friedhof, sondern heimlich im Garten hinter dem Haus. Es tut ihnen nicht leid, denn abgesehen von der rein biologischen Verwandtschaft sind die den beiden Mädchen niemals Etern oder Stütze gewesen. Drogenabhängig und verwahrlost haben sie die Kinder meistens sich selbst überlassen, unfähig, ihr eigenes Leben zu gestalten, ganz zu schweigen von dem ihrer Töchter. …

Andreas Schäfer – Gesichter

Andreas Schäfer ist ein deutscher Autor und Journalist. Er studierte Germanistik sowie Kunst – und Religionswissenschaft und arbeitete für die Berliner Zeitung. Seit 2006 schreibt Schäfer für den Tagesspiegel. 2009 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil, 2010 stand er mit seinem Roman „Wir vier“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. ,Gesichter‘ ist sein neuester Roman und Ende August im DuMont Verlag erschienen. Gabor Lorenz ist ein erfolgreicher Neurologe. In einer Berliner Klinik forscht er auf dem Gebiet der Prosopagnosie, der Gesichtsblindheit. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein hübsches Haus. Die Unfähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen – eine Fähigkeit, die die meisten von uns für so selbstverständlich halten wie das Binden von Schuhen – treibt im Augenblick wohl viele Literaten um. Vielleicht, weil ihre Ursachen weitgehend ungeklärt sind, weil noch immer nicht klar bestimmbar scheint, welche Hirnareale dafür zuständig sind, Menschen auch nach Jahren noch aus einer Masse Fremder heraus erkennen zu können, trotzdem Zeit oder Krankheit womöglich einige Veränderungen am Antlitz des geliebten Menschen vorgenommen haben. Wie nehmen gesunde Menschen Gesichter wahr? Wonach unterscheiden sie? Mit …

Daniel Galera – Flut

Daniel Galera ist ein brasilianischer Autor und Übersetzer. Er gründete gemeinsam mit zwei Freunden den Verlag Livros do Mal, der vorwiegend junge Autoren publiziert. Er übersetzte bereits Bücher von Zadie Smith, David Foster Wallace und Jonathan Safran Foer ins Portugiesische. Mit Flut, seinem vierten Roman und dem ersten, der auf Deutsch erscheint, gelang ihm in Brasilien der große Durchbruch. Mittlerweile gilt er als einer der wichtigsten jungen brasilianischen Autoren. Flut erschien unlängst in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner im Suhrkamp Verlag. Es ist eine nahezu surreale Szene, mit der Galera diesen poetisch-magischen Roman eröffnet. Ein namenloser Erzähler besucht seinen Vater und findet den, mit einer Waffe hantierend, in seinem Sessel vor, flankiert von seiner Hündin Beta, die ihn viele Jahre seines Lebens treu begleitete. Die Fragen des Erzählers nach der Pistole werden beiseitegeschoben, er komme schon noch zu dem Punkt, an dem dieselbe eine Rolle spiele, erwidert der Vater. Nur Geduld. Zuerst erzählt der von seinem Vater, dem Großvater des Erzählers, den der nie kennenlernen konnte. Eines Tages sei er einfach verschwunden, so jedenfalls …