Alle Artikel mit dem Schlagwort: edition nautilus

Utopien für Hand und Kopf

Brauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft. Mit den Utopien für Hand und Kopf bringt die Hamburger Edition Nautilus eine neue Reihe auf den Weg. Im Mittelpunkt stehen Texte, die eine bessere Welt zu denken wagen und sich damit bewusst gegen herrschende Interpretationsrahmen auflehnen. Sie denken die Welt weiter, erwägen die Möglichkeit der Veränderung und Entwicklung, statt bloß der Wahrung des Status Quo. Auch wenn es nach dem Diktum mancher kein Zeichen geistiger Gesundheit ist, Visionen zu haben, kann es für eine Vorwärtsentwicklung hilfreich sein, abseits ausgetretener Pfade zu denken, outside the box, sozusagen. Aus einer anderen Perspektive auf die Dinge zu schauen, vielleicht auch mit einer gewissen kindlichen Naivität und Offenheit, eröffnet manchmal Wege, wo zuvor keine waren. Das Design der Nautilus-Reihe …

Bitte übernehmen Sie, Marie Malcovati!

© Christian Trieloff Das Schreiben begann für mich… seit ich mir eingestehen musste, dass ich als Kellnerin einfach nichts tauge. Ein Buch muss… versuchen, etwas neu zu beleuchten. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich… irgendwelchen anderen Unsinn machen. Ein Kindheitstraum von mir war… schön singen zu können. Wenn ich nicht schlafen kann… werde ich wütend – passiert leider dauernd. Völlig unterschätzt wird… alles, was beginnt. Wenn ich Musik höre,… bin ich manchmal von den merkwürdigsten Dingen überzeugt. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: vor dem Schreiben erstmal herausfinden zu müssen, warum der Stuhl so quietscht, und ob man nicht sowieso am besten erstmal kurz staubsaugen sollte. Aber ob das nun „charmant“ ist…? Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es… lieber im Dunkeln zu sitzen, als ein Deckenlicht anzumachen. Literatur kann… das Geheimnis nicht lüften, aber manchmal vielleicht verschönern oder entwirren. Marie Malcovati, geb. 1982, studierte Drehbuch und Filmwissenschaften in Manchester und an der Filmakademie Baden-Württemberg, sie lebt derzeit in Freiburg i. Br. Sie schreibt Features für den SWR, übersetzt aus dem Französischen und Englischen und veröffentlicht …

Marie Malcovati – Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte

Auf einer Bank vor dem Basler Bahnhof treffen zufällig Lucy und Simon aufeinander. Sie entkräftet und orientierungslos, er ausnüchternd in römischer Legionärskluft. Während das Leben in Form von zielstrebigen Reisenden an ihnen vorbeiströmt, hat es sie herauskatapultiert aus dem nimmermüden Lauf der Dinge. Unsichtbar hinter einigen Überwachungskameras der Kantonspolizei Basel-Stadt sitzt der Beamte Beat Marotti und beobachtet die beiden. Zunächst noch aus Pflichtgefühl, dann aus ganz persönlicher Notwendigkeit. Eigentlich ist Marotti krankgeschrieben. Er hat sich mit kochendem Wasser verbrüht und seine Frau hat ihn verlassen. Dennoch – oder vielleicht auch: deswegen – tut er hinter den polizeilichen Überwachungskameras Dienst, ein reiner Fluchtreflex. Es hat eine Terrorwarnung gegeben und er soll den Bahnhofsbereich auf verdächtige Personen untersuchen. Zu seiner Entäuschung bleibt es ruhig. Nur eine Frau fällt ihm auf, die regungs- und scheinbar ziellos auf einer Bank sitzt und das Wandgemälde eines Alpenpanoramas anstarrt. Sie sieht nicht aus als warte sie auf jemanden oder etwas, vielmehr bringt sie Stunden ohne nennenswerte Lebenszeichen an ein und demselben Ort zu. Zu ihr setzt sich nach einiger Zeit ein …

Laurie Penny – Babys machen

Laurie Penny gilt, spätestens seit „Unsagbare Dinge“ und „Fleischmarkt“ als starke feministische Stimme unserer Zeit. In ihrem jünst erschienenen Erzählband führt sie auf so bitterböse wie treffsichere Art Klischees und Rollenbilder vor, indem sie sie gnadenlos überzeichnet. Eine Frau, die sich selbst ein Baby konstruiert? Mord als Kunst? Industrielle Produktion von Katzenvideos? Alles ist möglich! Wie wäre es, wenn ich mein Baby tatsächlich nach meinen Wünschen gestalten könnte? Nicht nur, indem ich aus einem Katalog auswähle, nein. Selbst ist die Frau! Mittels praktischer Ingenieursfähigkeiten könnte jede Frau in der Garage ihr Baby zusammenschrauben wie die neuen dekorativen Wohnzimmermöbel. Es sähe einem echten Baby täuschend echt und verhielte sich auch so. Bloß verletzen könnte es sich nicht. Und man könnte es abschalten – in intimen Momenten. Die Titelgeschichte „Babys machen“ entwirft mit einiger Ironie ein solches Szenario, unter dem der Vater weit mehr leidet als die Mutter. Eigentlich ist er kaum imstande, diese winzige Menschmaschine als sein Kind zu betrachten. Welche Ansprüche stellen Mütter an sich und welche an ihre Kinder? Wie durchgestylt und geplant darf …

Gail Jones – Ein Samstag in Sydney

Gail Jones ist eine australische Autorin. Sie lehrt als Professorin für Kreatives Schreiben an der University of Western Sydney. Bisher veröffentlichte sie zwei Erzählbände und fünf Romane. Ihr zweiter Roman ,Sechzig Lichter‚ war 2004 für den Booker Prize nominiert. ,Ein Samstag in Sydney‚ schrieb sie als Stadtschreiber-Stipendiatin in Shanghai. Es erschien im August letzten Jahres bei der Edition Nautilus, in der Übersetzung von Conny Lösch. Sie ging los. Mit ihrem Sonnenhut aus Baumwolle, ihrem kleinen Rucksack und diesem unerwarteten Pochen in der Brust trat Ellie hinaus in den lieben langen Tagin Sydney. Sonnenschein wirbelte um sie herum. Der Hafen funkelte fast. Sie hob ihr Gesicht zum Himmel und lächelte in sich hinein. Es kam ihr vor als würde sie – ja, doch, ja – Licht atmen. Nicht nur Ellie tritt in diesem lichtdurchfluteten Morgen auf die Straßen einer langsam erwachenden Metropole. Auch James kommt an, verbittert und übernächtigt und mit Schuldgefühlen, die er in Alkohol ertränkt. Ellie und er kannten sich einst sehr gut, sie waren junge Verliebte, Schulkameraden, Freunde. Nun wollen sie sich wiedersehen, …

[LiteraTour Nord] Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

Am gestrigen Montagabend startete in Lübeck die 22. LiteraTour Nord. Den Anfang machte dieses Jahr der deutsch-irakische Autor Abbas Khider, der aus seinem aktuellen Roman „Brief in die Auberginenrepublik“ (Edition Nautilus) las. 1973 in Bagdad geboren, wurde er mit 19 Jahren aufgrund politischer Aktivitäten unter dem Regime Saddam Husseins inhaftiert, von 1993 bis 1995 saß er im Gefängnis, in dem er auch Folter mit Elektroschocks erlebte. 1996 kam er zwar frei, flüchtete aber aus dem Irak und war als illegaler Flüchtling mehrere Jahre in Libyen und Jordanien „zuhause“. Sofern auf der Flucht und in ständiger Angst vor Entdeckung überhaupt ein Gefühl von Heimat entstehen kann. Im Jahr 2000 wurde ihm in Deutschland Asyl gewährt und er begann in München Philosophie und Literaturwissenschaft zu studieren, sich einzufinden in ein Land, das zunächst, so Khider, eher als Durchgangsstation auf dem Weg zurück in den Irak dienen sollte. In „Brief in die Auberginenrepublik“ erzählt Khider von einem Brief, den der Protagonist und Exilant Salim seiner ehemaligen Geliebten Samia schreibt. Er lebt illegal als Flüchtling im lybischen Bengasi, sie …