Alle Artikel in: Sachbuch

Miriam Stein – Das Fürchten verlernen

Miriam Stein wächst als Adoptivkind aus Südkorea mit mehreren Geschwistern in einer deutschen Familie auf. Ihre Mutter leidet unter Angst und Panikattacken, die den Bewegungsradius aller auf ein Minimum beschränken. Der Vater ist viel unterwegs, die Kinder übernehmen unterdessen die Elternrolle. Alles, was die Mutter überfordern und Attacken auslösen könnte, wird vermieden. Das Leben schrumpft zusammen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Angst und Normalität. Miriam rebelliert und muss schließlich feststellen, dass auch in ihr die Angst ihrer Mutter Wurzeln geschlagen hat. Etwa 14 % der Europäer leiden unter Angststörungen. Darunter fallen nicht nur generalisierte Angst- und Panikstörungen ohne einen konkreten Angstauslöser, sondern auch spezifische Phobien, die sich auf spezielle Reize (Spinnen, Höhe, Flugreisen, Enge etc.) beziehen. Angststörungen sind nicht selten, sondern neben Depressionen vermutlich eine der am häufigsten auftretenden psychischen Krankheiten. Miriam Steins Mutter leidet unter Schwindelanfällen und Panikattacken, ohne dass es konkrete Auslöser gibt. Manchmal löst Zurückweisung das Zittern und Schwanken aus, manchmal auch allgemeiner Stress, die Unvertrautheit fremder Situationen oder Menschen, ein anderes Mal das Gefühl, eine Umgebung im Falle aufsteigender Angst …

Julia Shaw – Das trügerische Gedächtnis

Wer bislang glaubte, er könne sich, im Großen und Ganzen, auf sein Gedächtnis verlassen, den nötigt Rechtspsychologin Julia Shaw mit ihren Ausführungen zu demütiger Zurückhaltung. Unser Gedächtnis ist zwar einerseits ein biologisches Wunder, andererseits aber auch extrem stör- und fehleranfällig. Es funktioniert mitnichten wie ein linearer und dem chronologischen Ablauf verpflichteter Zettelkasten voller Erlebnisse; das Gedächtnis verfährt selektiv und rekonstruktiv. Und unter bestimmten Umständen ist es möglich, sich an Ereignisse zu erinnern, die niemals geschehen sind. Wir erleben Wahrnehmung nur deshalb als kohärenten und fließenden Prozess, weil unser Gehirn fortwährend begründete Vermutungen anstellt und damit die Informationslücken füllt. Jeder von uns kennt Menschen, die im Brustton der Überzeugung behaupten, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern. Oder gar an die Zeit vor der Geburt, an die wohlige Geborgenheit im Bauch der Mutter. Neurowissenschaftlich gesehen ist so eine Aussage unhaltbar, so real sie sich auch anfühlen mag. Zu einem so frühen Zeitpunkt des Lebens ist das Gehirn nicht in der Lage, andauernde Erinnerungen zu produzieren. Wie können aber so viele Menschen dennoch sicher sein, sich an …

Carolin Emcke – Gegen den Hass

Wer bislang glaubte, mit Carolin Emcke sei in diesem Jahr eine Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels gekürt worden, die allseits geachtet und für ihre Kolumnen ebenso wie für ihre Essays und Berichte respektiert und angesehen ist, der durfte spätestens nach ihrer Rede in der Frankfurter Paulskirche gegenteilige Beobachtungen machen. Emcke wird als mittelmäßig verunglimpft, als banal, als kleinster gemeinsamer Nenner gutsituierter Moralisten oder schlicht: als Gutmensch. Je nachdem, wen man fragt. Inhaltliche Kritik an Emckes Analysen hingegen ist Mangelware. Der Jurist Thomas Fischer wettert in seiner Kolumne: „Wir möchten unbedingt ebenfalls den Friedenspreis des deutschen Kuscheltuchhandels. Und spenden ihn dann an ein Waisenkind auf Haiti. Wir melden uns hiermit an auf der Warteliste der zehn verfolgtesten lesbischen Friedenskämpferinnen ohne eigene Meinung.“ Auf Facebook wird der polemische, unsachliche und zynische Artikel bejubelt. Bei Emcke handle es sich um „das gute Gewissen der deutschen Mittelmäßigkeit“. Und etwas suggestiv wird gefragt: „Ist sie tatsächlich eine derart banale, selbstgerecht jammernde, postkoloniale Weltenbemutterungsschwurblerin?“ Ein Kommentator schreibt: „In meiner Welt muss niemand kämpfen, der sich selbst akzeptiert.“ Und vielleicht liegt bereits dort …

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Durch dieses Buch heizt man wie elektrisiert, mit Höchstgeschwindigkeit, gefangen von der Klarheit und Schonungslosigkeit, der Wahrhaftigkeit jedes einzelnen Satzes. Thomas Melle leidet unter einer bipolaren Störung, er ist, wie man früher sagte, manisch-depressiv. Die Bipolarität ist gierig, wenn es darum geht, Identität und Leben des Betroffenen zu zerstören; sei es in den Hochstimmungen der Manie oder den Abstürzen der Depression. Dieses Buch ist gleichzeitig Zeugnis eines Krankheitsverlaufs und ein literarischer Bannzauber. Seit einigen Jahren steht Thomas Melle nun permanent unter dem Einfluss von Medikamenten. Zuerst Lithium, dann Valproinsäure. Sie verhindern starke Stimmungsausschläge in die eine oder andere Richtung, sie glätten und ebnen, was jahrelang ein Schlachtfeld war. Seit dem ersten Ausbruch der Krankheit 1999 hat Thomas Melle nahezu alles durchlebt, was in Verbindung mit Bipolarität möglich ist: Wahn, Selbstmordversuche, unzählige Psychiatrieaufenthalte, impulsive Reisen, exzessive Partys, den wirtschaftlichen Ruin. In den manischen Phasen ist Melle nicht nur ausnehmend aktiv und risikofreudig, er rutscht regelmäßig in psychotische Zustände, die sich mit denen eines Schizophrenen vergleichen lassen. Plötzlich verschiebt sich seine Wahrnehmung ins Überdrehte, alles scheint mit …

Frank Berzbach – Formbewusstsein

Wir neigen gemeinhin zu der Annahme, dass unser Alltag etwas ist, das unvermeidlich und gleichförmig wie ein Strom an uns vorüberzieht. Wir sind mittendrin, aber genau deshalb nehmen wir ihn nicht nur als selbstverständlich wahr, sondern allenthalben auch als etwas, in das uns die Gegebenheiten unseres Lebens hineindrängen – ob wir wollen oder nicht. Frank Berzbach zeigt anhand zentraler Themenbereiche unseres alltäglichen Lebens – Ernährung, Liebe, Medien, Kleidung und Besitz – wie wir zu aktiv Gestaltenden werden können. Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik. Das Trendthema dieser Tage – neben Superfoods und naheliegenden Sensationen wie Infused Water – ist Achtsamkeit; worunter einige fälschlicherweise entweder das Achtgeben auf sich selbst oder eine spezielle Art der Meditation verstehen. Vielmehr ist mit dem Begriff aber eine spezielle Haltung gemeint, bei der es darum geht „annehmend und geduldig zuzulassen, was geschieht, präsent, neugierig und sanftmütig zu bleiben und bedacht statt reflexhaft reagieren“. Laut Berzbach, der selbst Psychologie und Kulturpädagogik unterrichtet und seit Jahren Zen-Praktizierender ist, liegt ein zentrales Problem vieler Menschen in der Formlosigkeit und Beliebigkeit ihrer alltäglichen Entscheidungen. Statt bewusste …

Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Bücher über Bücher gibt es viele. Sie handeln von der heilsamen Wirkung der Literatur (Lesen als Medizin, Die Romantherapie) oder frischen unsere Kenntnisse der Weltliteratur auf. Sie alle behandeln die überzeitlichen Vorteile des Lesens, die Kulturtechnik, das Buch als bewahrenswerte Erfindung. Tim Parks wiederum nimmt sich in seinen Essays ganz aktuelle Themen in Zusammenhang mit Büchern vor. Brauchen wir wirklich Geschichten? Wie steht es mit Ebooks und dem Urheberrecht? Wie verändert der Zwang zur Selbstvermarktung die literarische Arbeit eines Autors? Parks‘ Betrachtungen sind anregend, kritisch und unbequem – ein echter Gewinn! Es wird viel romantisiert, wenn es um Bücher geht. Angefangen bei Lobliedern auf Geruch und Haptik über das Beschwören fremder Welten bishin zu nachweisbaren neurologischen Lerneffekten. Schließlich, heißt es, werden im Gehirn beim Lesen des Wortes „laufen“ dieselben Areale aktiviert wie wenn wir tatsächlich laufen. Das muss doch was bedeuten! Tim Parks hat da einen deutlich pragmatischeren Standpunkt: Was für ein Unsinn! Als könnte uns das Lesen über Sex oder Gewalt auch nur annähernd auf die Erfahrung ihrer Intensität vorbereiten. Wenn ein Roman aber …

Carolin Emcke – Von den Kriegen

Unlängst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, gehört Carolin Emcke unbestritten zu den intelligentesten, bedachtesten und analytisch fähigsten Autorinnen und Publizistinnen, die sich derzeit in Deutschland finden lassen. Ihre pointierten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung sind eigentlich Pflichtlektüre, im Oktober 2016 erscheint ihr neuer Essay Gegen den Hass. Als Journalistin hat Emcke aber auch zahlreiche Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt besucht, eines ihrer großen Themen ist die Zeugenschaft, das Miterleben und Kommunizieren von Gewalt und Leid. 2004 erschien „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“, das Berichte u.a. aus dem Kosovo, Nicaragua, Kolumbien oder dem Irak vereint. Wie kann man unaussprechliche Gewalt und Grausamkeit in Worte fassen? Wie überwindet man das Schweigen und das Verdrängen, die Sprachlosigkeit? Carolin Emcke entscheidet sich als Journalistin mit ihrem Buch gegen die nüchterne Reportage und stattdessen für die Briefform. Ursprünglich in englischer Sprache tatsächlich für Freunde und Intellektuelle aus aller Welt verfasst, legen diese Briefe nicht nur strukturelle und kriegsbedingte Gewalt, sondern auch die gelegentlichen Zweifel der Autorin bloß. Die Form erlaubt einen persönlichen Zugang zu Erlebnissen und Geschichten …