Alle Artikel in: Sachbuch

Chimamanda Ngozie Adichie – Liebe Ijeawele…

Was bedeutet Feminismus heute? Wie können Kinder möglichst unbeeindruckt von Rollenklischees aufwachsen, die ihre Selbstbestimmung beschneiden? Chimamanda Ngozie Adichie hat ihrer Freundin Ijeawele auf Wunsch fünfzehn Ratschläge zur feministischen Erziehung gegeben. Wie kann die heute aussehen und worum geht es im Besonderen? Chimamanda Ngozie Adichie ist in den letzten Jahren zu einer wichtigen feministischen Stimme geworden. Weniger in theoretisch-wissenschaftlicher als in vermittelnder Hinsicht. Sie will jeden ansprechen, der bereit ist, zuzuhören. Sie will überzeugen, nicht mit Dogmatismus und Fachvokabular, sondern mit dem Anschluss an das tägliche Leben und Situationen, denen alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Feminismus geht uns alle an, davon ist Adichie überzeugt, deshalb sollten seine Anliegen auch für alle verständlich sein. Demzufolge adressieren die Briefe an ihre Freundin Ijeawele ganz grundsätzliche Fragestellungen. Welche Wertvorstellungen vermittle ich meinem Kind? Welche Freiheiten gestehe ich ihm zu? Welche Maßstäbe lege ich an mich selbst an? Dabei geht es oft um überkommene Rollenbilder und überhöhte Erwartungen. Mädchen zu früh in ein Korsett zu drängen, das ihnen typisch weibliche Verhaltensweisen und Vorlieben als natürlich und zwangsläufig verkauft, mindern Chancen …

Mohamed Amjahid – Unter Weissen

Wer als Weißer heutzutage gebeten wird, sich seiner Privilegien bewusst zu werden, verbindet damit häufig die implizite Absicht des Gegenübers, ihm diese Privilegien entweder zum Vorwurf zu machen oder zu entreißen. Beides erzeugt eine massive Abwehrreaktion, die sich nicht selten in Beschreibungen des eigenen beschwerlichen Daseins ausdrückt. Dabei kann das Bewusstsein der eigenen Vorrechte auch nutzbringend sein, ohne, dass man sie reflexartig von sich weisen muss. Mohamed Amjahid, selbst marokkanischstämmiger Journalist bei der ZEIT, erklärt, wieso. Was soll das schon sein, der „privilegierte Weiße“? Also ICH habe keine Privilegien, ICH bekomme keine Extrawurst und mich auf meine Hautfarbe zu reduzieren – ist das nicht irgendwie unfair? Die meisten werden so reagieren, wenn man ihnen eröffnet, sie seien als Weiße privilegiert. Privilegien werden allerdings erst im Vergleich zu denen erfahrbar, die nicht in ihren Genuss kommen. Wer sich ausschließlich mit Menschen umgibt, deren Lebensrealität bis auf marginale Kleinigkeiten mit der eigenen übereinstimmt, wird sich nicht als privilegiert wahrnehmen. Mohamed Amjahid macht jedoch bereits sein Leben lang Erfahrungen, die den meisten Weißen naturgemäß erspart bleiben. Es sind …

J.D. Vance – Hillbilly Elegy

J.D. Vances Memoir hat in den Staaten für reichlich Aufregung und Jubel gesorgt. Ein Mann, der es von der ärmlichen Region der Appalachen, im Rücken eine typische Hillbillyfamilie, bis nach Yale geschafft hat, ist eine Sensation. Seine frühe Lebensgeschichte steht exemplarisch für die vieler anderer, denen entscheidende Beteiligung am Wahlsieg Donald Trumps nachgesagt wird. Hillbilly Elegy soll nun, so heißt es, zum Verständnis dieser Menschen beitragen. Es wird viel über sie gesprochen dieser Tage. Über die Armen und die Abgehängten, die längst kein Vertrauen mehr in Politik und Medien haben. Über die „Vergessenen“, wie Donald Trump sie nennt, die einfachen Leute. J.D. Vance hat lange zu diesen Menschen gehört und er fühlt sich ihnen noch immer stark verbunden, obwohl sein Leben mittlerweile kaum in größerem Kontrast zu ihrem stehen könnte. Er wächst u.a. in Jackson, Kentucky auf, das stark von der Kohleindustrie geprägt ist. In der Stadt gibt es nicht viel außer vereinzelten Fastfoodketten, Trailerparks und kleinen Bauernhäusern. Das Leben ist einfach, die Menschen sind es auch. Seine Großeltern gingen bereits in den 40er-Jahren nach …

Utopien für Hand und Kopf

Brauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft. Mit den Utopien für Hand und Kopf bringt die Hamburger Edition Nautilus eine neue Reihe auf den Weg. Im Mittelpunkt stehen Texte, die eine bessere Welt zu denken wagen und sich damit bewusst gegen herrschende Interpretationsrahmen auflehnen. Sie denken die Welt weiter, erwägen die Möglichkeit der Veränderung und Entwicklung, statt bloß der Wahrung des Status Quo. Auch wenn es nach dem Diktum mancher kein Zeichen geistiger Gesundheit ist, Visionen zu haben, kann es für eine Vorwärtsentwicklung hilfreich sein, abseits ausgetretener Pfade zu denken, outside the box, sozusagen. Aus einer anderen Perspektive auf die Dinge zu schauen, vielleicht auch mit einer gewissen kindlichen Naivität und Offenheit, eröffnet manchmal Wege, wo zuvor keine waren. Das Design der Nautilus-Reihe …

Margarete Stokowski – Untenrum frei

Muss das sein oder kann das weg? Über den Feminismus grassieren eine ganze Reihe haarsträubender Vorurteile und Mythen, die sich am Ende häufig in der Idee von barbusigen „Feminazis“ erschöpfen, die am liebsten die Männer abschaffen würden. So oder so ähnlich kann man es in Diskussionen immer wieder beobachten, die sich um Feminismus drehen oder feministische Themen berühren. Margarete Stokowski räumt mit vielen dieser Fantasien auf und zeigt, zitiert nach Chimamanda Ngozie Adichie, warum wir alle Feministen sein sollten. In Diskussionen dieser Tage geht es häufig um die Angst, etwas könne einem weggenommen werden. Die Freiheit, die finanziellen Mittel, das Recht auf eine eigene Meinung oder die Kultur. Überall lauert die Angst vor Verlust, dem man sich mit immer schärferem Vokabular und immer unbarmherzigerem Auftreten entgegenstellen muss. Gegen Feminismus, gegen diese ominöse „Political Correctness“, die vermeintlich Denk- und Sprechverbote produziert. Dabei geht es weder beim Feminismus noch bei politischem Engagement für Minderheiten darum, dem einen etwas wegzunehmen, sondern jenen, denen Zugang verwehrt wird, etwas zu geben. Es geht um eine Ausweitung, nicht um eine Beschneidung …

Torsten Woywod – In 60 Buchhandlungen durch Europa

Torsten Woywod, Buchhändler, hat getan, was wohl die wenigsten von uns jemals tun werden. Er hat erschreckend spontan seine Wohnung und seinen Job gekündigt, um sich einen Traum zu erfüllen. Zu sämtlichen Buchhandlungen der Welt wolle er reisen, sich dort umsehen und andere Literaturbegeisterte treffen, die an vorderster Front für das Buch kämpfen. Auf der Facebookseite Around the World in 100 Bookshops konnte man ihm wenigstens aus der Ferne dabei zusehen. Den europäischen Teil dieser Reise gibt es nun in Buchform. Buchhandlungen sind ein Sehnsuchtsort. Sowas wie eine bedrohte Tierart, deren Schönheit und Kraft man erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, da sie von der Bildfläche zu verschwinden drohen. Plötzlich spielen unzählige Romane in kleinen, urigen Buchhandlungen mit diesem ganz eigenen unbeugsamen Charme. Nicht nötig zu erwähnen, dass solche romantischen Fantasien in aller Regel wenig mit der Realität zu tun haben, ja, nicht selten eine Form von Buchhandlung heraufbeschwören, wie sie heute nur noch selten überleben könnte. Nichtsdestotrotz haben Buchhandlungen aber eine besondere Anziehungskraft, wohnt da ein gewisser Zauber in ihnen. Das wird kaum jemand …

Miriam Stein – Das Fürchten verlernen

Miriam Stein wächst als Adoptivkind aus Südkorea mit mehreren Geschwistern in einer deutschen Familie auf. Ihre Mutter leidet unter Angst und Panikattacken, die den Bewegungsradius aller auf ein Minimum beschränken. Der Vater ist viel unterwegs, die Kinder übernehmen unterdessen die Elternrolle. Alles, was die Mutter überfordern und Attacken auslösen könnte, wird vermieden. Das Leben schrumpft zusammen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Angst und Normalität. Miriam rebelliert und muss schließlich feststellen, dass auch in ihr die Angst ihrer Mutter Wurzeln geschlagen hat. Etwa 14 % der Europäer leiden unter Angststörungen. Darunter fallen nicht nur generalisierte Angst- und Panikstörungen ohne einen konkreten Angstauslöser, sondern auch spezifische Phobien, die sich auf spezielle Reize (Spinnen, Höhe, Flugreisen, Enge etc.) beziehen. Angststörungen sind nicht selten, sondern neben Depressionen vermutlich eine der am häufigsten auftretenden psychischen Krankheiten. Miriam Steins Mutter leidet unter Schwindelanfällen und Panikattacken, ohne dass es konkrete Auslöser gibt. Manchmal löst Zurückweisung das Zittern und Schwanken aus, manchmal auch allgemeiner Stress, die Unvertrautheit fremder Situationen oder Menschen, ein anderes Mal das Gefühl, eine Umgebung im Falle aufsteigender Angst …