Alle Artikel in: Romane

Rezensionen zu zeitgenössischen Romanen

Lukas Bärfuss – Hagard

Was ist eigentlich Hagard? Im Französischen jedenfalls bedeutet es „verstört“ und man kann mit Fug und Recht behaupten, sich nach der Lektüre von Bärfuss‘ neuem Roman in einer mindestens artverwandten Stimmung vorzufinden. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 erzählt Lukas Bärfuss die Geschichte eines Ausbruchs, in dem Realität und Obsession miteinander verschwimmen. Ein Mann namens Philip entdeckt nach einem geplatzten Geschäfstermin im Gewimmel der Fußgängerzone die „pflaumenfarbenen Ballerinas“ einer Frau. Einer spontanen Eingebung folgend beginnt er, sich an ihre Fersen zu heften, ohne genau zu wissen, was ihn eigentlich dazu treibt. Er bewundert ihre zierliche und leichtfüßige Gestalt und ihren Duft, den er sich mehr denkt als er ihn aus der sicheren Entfernung, die er beibehält, riechen könnte. Mehr und mehr entwickelt sich eine Art von Beziehung und Dringlichkeit, die in der Wirklichkeit durch nichts gerechtfertigt wäre. Obwohl Philip der Frau bis zu dem Haus folgt, in dem sich mutmaßlich ihre Wohnung befindet, sieht er kein einziges Mal ihr Gesicht. Sie bleibt ein Phantom für ihn, eine leere Fläche, auf die er alles …

Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Buchhalterin Louise lässt sich von ihrem Geliebten Ludovic zu einer Weltreise überreden. Sie wollen ausbrechen aus dem Alltagskorsett des Erwartbaren und „Abenteuer erleben“, ungebunden sein. Sie laufen eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn an und sind begeistert von den Gletschern und Gebirgen. Die Friedfertigkeit aber findet ein jähes Ende, als ein Unwetter ihre Yacht „Jason“ fortreißt und die zwei auf der Insel zurücklässt, ohne Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Abenteuerurlaub wird ein Überlebenskampf. Isabelle Autissier weiß, wovon sie spricht. Sie hat als erste Frau im Rahmen einer Segelregatta die Welt allein umrundet. Sie kennt die Gegend. Den Elementen und der eigenen Einsamkeit ausgesetzt, gehört einiges an Risikobereitschaft dazu, eine Reise wie diese zu wagen. Aber auch zu zweit ist die Gefahr nicht restlos gebannt, im Gegenteil; sie liefert das subtile Nervenflattern, das untrennbar zu einer solchen Entscheidung dazu gehört. Louise und Ludovic könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie ist zurückhaltend, präzise, bedacht. Er ein Kindskopf, „Inbegriff der Generation Y“, risikobereit, spontan. Sie plant, er macht währenddessen. Beide eint aber ein gewisser Überdruss gegenüber dem Pariser Stadtleben. …

Ulrike Anna Bleier – Schwimmerbecken

Luise und Ludwig sind wie Pech und Schwefel, unzertrennlich, unteilbar. Er ist nur „Bruderherz“, beim Namen nennt Luise ihn selten. Aufgewachsen im niederbayerischen Kollbach, durchzogen vom Fluss gleichen Namens, werden die Geschwister geprägt vom Schweigen und der Abgeschlossenheit des dörflichen Umfelds. Alles geht seinen Gang, bis Ludwig verschwindet und nach seiner Rückkehr ausschließlich Indonesisch spricht. Das Dörfliche ist bei Ulrike Anna Bleier nicht idyllisch, es ist durchzogen von Trostlosigkeit, Tragödien und der nimmermüden Bestrebung, auch in kleinstem Kreise das Gesicht zu wahren. Man weiß zwar vieles, aber spricht über nichts und wenn: hinter vorgehaltener Hand. Zwei Mädchen sind vom Kirchturm in den Tod gesprungen. Im Oberpfälzer Wald nahebei hat die Konnesreuther Resl einst aus den Augen geblutet und Stigmata gehabt an Händen und Füßen. Im Fasswirtl trifft man sich, jeder kennt jeden. Luises Bruder Ludwig ist vor einigen Jahren spurlos verschwunden und nun zurückgekehrt. Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß niemand so genau, denn Ludwig, den Luise immer nur „Bruderherz“ nennt, verweigert die deutsche Sprache. Er gibt Worte von sich, die Indonesisch sein sollen, …

Marcellus Emants – Ein nachgelassenes Bekenntnis

„Meine Frau ist tot und längst begraben“. So beginnt Marcellus Emants‘ Psychogramm eines Mannes, der, zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung gleichermaßen, seine Frau ermordet. Was ihn dazu gebracht hat? Das enthüllt in psychologischem Detailreichtum schließlich das nachgelassene Bekenntnis des Mörders selbst. Gibt es Menschen, die von grundauf böse sind? Menschen, die nicht gesellschaftsfähig sind aufgrund ihrer eigentümlichen Art, zu denken und zu fühlen? Willem Termeer jedenfalls, Emants‘ Protagonist, setzt viel daran, die LeserInnen seines Bekenntnisses von dieser Perspektive zu überzeugen. Schon früh ist Termeer ein Außenseiter, der sich nicht an den gleichen Dingen erfreuen kann wie andere. Seine Eltern verhalten sich ihm gegenüber gleichgültig, aufrichtig empfundene Zuneigung kennt er von ihnen nicht. Was ihm hingegen sehr geläufig ist, ist ein feststehendes und in die Zukunft weisendes Selbstkonzept. Termeer weiß genau, wie er gern wäre, was er gern genießen könnte und wohin ihn das Leben treiben sollte – bloß bringt er nichts davon zustande. Statt eines Lebemanns in der Mitte der Gesellschaft bleibt er ein Sonderling, der sich seine Erfahrungen zusammenfabuliert, um vor anderen damit anzugeben. …

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Auf dem Cover ein Mann, dessen ambivalente Mimik nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln ist, dessen Widerspruch man aushalten muss. Ist es Schmerz? Ist es Lust? Wut? Trauer? Von allem etwas vielleicht. „Ein wenig Leben“ trägt in sich diesen unauflösbaren Widerspruch von Schmerz und Glück. Es ist ein Roman von besonderer Tiefe und Wahrhaftigkeit. Ich lese wie im Rausch, notiere ich nach einem Tag, an dem ich knapp 500 Seiten gelesen habe. Zwischen mich und Yanagiharas Geschichte passt kaum das Blatt Papier, auf dem sie gedruckt ist. Ich befinde mich, eingeladen vom Hanser Verlag*, in einem etwas abgelegenen Häuschen nahe Berlin. Um mich herum liegen nur wenige andere Häuser, herbstlich gefärbtes Laub, ein See. Ich soll mich zurückziehen, soll mich einzig dem Roman widmen können; so die Idee des Retreats. Regelmäßig blättere ich um, ein Automatismus wie das Schuhebinden. Ich nehme es nicht einmal wahr, obwohl es wieder und wieder geschieht, schreibe ich weiter, es ist schon Abend und mein Kopf summt wie eine Maschine, die sich nicht abschalten lässt. Ich bin versunken in …

Utopien für Hand und Kopf

Brauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft. Mit den Utopien für Hand und Kopf bringt die Hamburger Edition Nautilus eine neue Reihe auf den Weg. Im Mittelpunkt stehen Texte, die eine bessere Welt zu denken wagen und sich damit bewusst gegen herrschende Interpretationsrahmen auflehnen. Sie denken die Welt weiter, erwägen die Möglichkeit der Veränderung und Entwicklung, statt bloß der Wahrung des Status Quo. Auch wenn es nach dem Diktum mancher kein Zeichen geistiger Gesundheit ist, Visionen zu haben, kann es für eine Vorwärtsentwicklung hilfreich sein, abseits ausgetretener Pfade zu denken, outside the box, sozusagen. Aus einer anderen Perspektive auf die Dinge zu schauen, vielleicht auch mit einer gewissen kindlichen Naivität und Offenheit, eröffnet manchmal Wege, wo zuvor keine waren. Das Design der Nautilus-Reihe …

Philipp Winkler – Hool

„Intensiv“, „eindringlich“, „wie ein Schlag“ – das sind nur einige der Attribute, mit denen Philipp Winklers Debütroman über Hannoveraner Hooligans journalistisch angepriesen wird. Liest man den Roman selbst, wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass ihm in den Augen mancher bereits die Tatsache zur Ehre gereicht, ein literarisch bisher wenig verwertetes Thema aufgegriffen zu haben. Wie er erzählt ist, gerät plötzlich vor der Begeisterung darüber, von was er erzählt, weit in den Hintergrund. Den wenigsten von uns dürfte bisher ein erhellender und erfahrungsgesättigter Einblick in die deutsche Hooliganszene gelungen sein. Von den meisten noch immer mit Ultras, Neonazis oder anderen organisierten Schlägertrupps gleichgesetzt, sind sie vor allem für ihre Gewaltbereitschaft im Umfeld von Fußballturnieren bekannt. Der gemeine, im Sinne von gewöhnliche, Hooligan ist ein verletzter, verlassener und aus prekären Familienverhältnissen stammender Orientierungsloser, der in der inszenierten und glorifizierten Gewalt Stabilität findet, Sinn und Bedeutung. So stellen wir uns das vor. Und so erzählt Philipp Winkler es uns auch. Heiko Kolbe ist Anfang zwanzig, hat zwei mal den Schulabschluss verpasst und keinerlei Perspektive. Seine On-Off-Freundin …