Alle Artikel in: Romane

Rezensionen zu zeitgenössischen Romanen

Birgit Vanderbeke – Wer dann noch lachen kann

Sie wird von ihrem Vater grün und blau geschlagen. Ihre Mutter dreht in der Küche das Radio lauter. Sie flüchtet sich in Fantasie, in ihre innere ältere Stimme, die es nur geben kann, wenn es eine Zukunft gibt. Das Leben lehrt sie früh, dass man nur selbst auf sich aufpassen kann. Birgit Vanderbekes Roman ist eine Meditation über Gewalt, die Menschen einander antun können. Aber auch über die Mittel und Wege, das zu überwinden, was sie hinterlassen hat. Es gibt nur einen einzigen Menschen, der auf Sie aufpassen kann. Da sind Sie. Sonst niemand. (…) Und wenn Sie es nicht können, kann es niemand für Sie tun. Sie hat keinen Namen. Ihre innere Stimme nennt sie Karline. Ihr Vater nennt sie mein Augenstern. Die Familie stammt aus dem Osten und hat einige Zeit im Flüchtlingslager verbracht, bevor sie endgültig im Westen Fuß fassen kann. Der Vater arbeitet bei Hoechst, einem der drei größten Chemie- und Pharmaunternehmen des Landes. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs. Welche Medikamente ins Haus kommen, bestimmt er. Nicht die von Bayer, …

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Der verhängnisvolle Traum von einem Okapi, ein riesenhafter, unsterblicher Hund, knarzende Psychoanalytikerlederjacken, durch’s Unterholz des Westerwaldes brechende buddhistische Mönche – in Mariana Lekys neuem Roman kollidiert eine ganze Menge auf den ersten Blick Unvereinbares. Aber es gibt Menschen, die können noch das Disparateste in einen harmonischen Zusammenhang bringen. Sieben Jahre nach ihrem letzten Roman hat Mariana Leky nun einen Text veröffentlicht, der sprüht vor Charme und Liebenswürdigkeit. Im Westerwald geht Seltsames vor. Immer, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, folgt in den nächsten Stunden ein Todesfall. Dass vermeintlich harmlose Träume die Lebensdauer von Mitmenschen beeinflussen, hat schon Georg Kreisler in seinem bitterbösen »Geben Sie Acht« besungen. Waren es da noch die Betroffenen selbst, erscheint der Tod, an sich ja schon eine absurde Sache, bei Mariana Leky eben in Form eines absurden Tieres. Auch das Okapi selbst, Mischung aus Zebra und Giraffe, ist ein Beweis für die Vereinbarkeit von scheinbar völlig unvereinbaren Elementen. Das okapibedingt herannahende Lebensende unbekannter Art veranlasst viele Bewohner der Kleinstadt, sich einander gut gehütete Geheimnisse zu offenbaren. Jeden könnte es …

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Manche realen Geschichten verdienen es, zu einem Roman zu werden, weil sie bereits für sich genommen romanhaft genug sind. Man muss wenig an ihnen verändern, eigentlich kaum etwas ausschmücken, man muss nur eine Sprache dafür finden. Was sich im Falle Arno Franks zunächst wie eine absurde Roadnovel liest, ist bittere Realität. Weil Franks Vater in krumme Geschäfte verwickelt ist, gerät er ins Visier der Ermittlungsbehörden und taucht schließlich unter. Mit ihm, so berichtet der Roman, taucht seine Familie inklusive der Kinder und eine Flucht quer durch Europa beginnt. „Jeden Tag“, sagt Arno Franks Vater immer, „steht irgendwo ein Dummer auf.“ Das ist ein Naturgesetz. Und weil das so ist, muss es immer jemanden geben, der von der Dummheit der anderen profitiert. Einen, der gerissen ist, einfallsreich, bis zum Anschlag voll mit Selbstvertrauen und möglichst gewissenlos. Für den jungen Arno ist sein Vater sowas wie ein Magier. Einer, der alles schon irgendwie regelt, auch wenn nie jemand weiß, wie genau er das anstellt. Franks Vater kennt die Schwächen seiner Mitmenschen nur zu gut und er weiß, …

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen

Die Begutachtung eines trainierten Frauenkörpers im öffentlichen Schwimmbad lässt Walter Nowak unsanft mit dem Beckenrand kollidieren. Vielleicht rutscht er aber auch auf den heimischen Badezimmerfliesen aus und schlägt sich den Kopf an. Irgendeine Erschütterung jedenfalls lässt in Walter Nowak, Pensionär, gut in Form, kein Kostverächter, einiges durcheinander geraten. Julia Wolf erschafft mit ihrem zweiten Roman einen ganz eigenen Walter-Sound: verloren, unnachgiebig, versöhnlich. Walter Nowak wollte immer hoch hinaus, Karriere machen. Im Nachkriegsdeutschland verdient er sein Geld mit Hebebühnen; der schmissige Firmenslogan: Wenn hoch, dann Nowak. Walter ist das Kind einer Deutschen und eines in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten, die Liaison ist kurz. Walter wird sich in den letzten Stunden seines Lebens an die Beschimpfungen der Mitschüler erinnern, die sie ihm, dem „Bastard“, auf der Straße hinterherbrüllten. Ohne Vater im hessischen Friedberg aufzuwachsen, als uneheliches Kind, war Ende der 50er Jahre kein Zuckerschlecken. Aber Walter beißt sich durch. Er organisiert seiner Mutter ein Autogramm vom King of Rock’n’Roll, der zum damaligen Zeitpunkt als US-Soldat in Friedberg stationiert ist. Elvis ist ein Fixstern in Walters Leben, mit …

Samuel Selvon – die taugenichtse

Mit The Lonely Londoners hat Samuel Selvon 1956 einen Ton in die Literatur gebracht, der bis dato einzigartig war. In einer kreolisch-englischen Kunstsprache erzählte Selvon von karibischen Arbeitsmigranten und ihrem täglichen Überlebenskampf in der Metropole. Nun ist der Roman, sechzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen, so gekonnt wie lebendig von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt worden. Nicht nur in Deutschland verließ man sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Landes auf Gastarbeiter, auch Großbritannien warb Ende der 40er Jahre massiv um Migranten, da es der heimischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelte. Sie kamen ab 1948 vor allem von den karibischen Inseln, aus Jamaika, Trinidad oder Barbados. Sie arbeiteten vor allem in Fabriken oder im Transportwesen für einen Hungerlohn; der Zugang zur britischen Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen, trotz günstiger Prognosen, überwiegend verschlossen. Der Rassismus, so heißt es auch in Selvons Roman, war ausgeprägt und omnipräsent, jedoch immer ummantelt mit britischer Höflichkeit und Zurückhaltung. Auch Samuel Selvon gehört zu diesen karibischen Arbeitsmigranten. Es verschlägt ihn nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt in dieselben Stadtviertel wie seine Protagonisten: …

Takis Würger – Der Club

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geheimbünde und Clubs an elitären Universitäten unter anderem in Großbritannien und den USA. Auch heute rekrutieren sich Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und ein großer Teil der Finanzeliten aus ihren Reihen. Sie dienen als Karrieresprungbretter und über das Studium hinaus profitable Netzwerke, fordern von ihren Mitgliedern aber auch eine strikte Einhaltung gruppeninterner Regeln und eine unverbrüchliche Treue zu den Kameraden. Vor diesem Hintergrund spielt Takis Würgers raffiniert komponierter Roman von Verbrechen und Korpsgeist. Hans ist ein zurückhaltender, unauffälliger Typ. Innerhalb weniger Monate kommen seine Eltern zu Tode, sein Vater bei einem Autounfall, die Mutter, obwohl sie an Lungenkrebs leidet, am Stich einer Biene. Für beide Todesfälle fühlt er sich verantwortlich: Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf mein Rührei essen wollte. Hans wird aufs Internat geschickt, wo er weiterhin das Boxen trainiert, seine emotional angegriffene Tante Alexandra übernimmt den Erziehungsauftrag – im weitesten Sinne, denn sie überlässt Hans vorrangig sich selbst. So lange jedenfalls, bis sie ihn zu sich nach …

Niah Finnik – Fuchsteufelsstill

Ein bisschen verrückt ist doch eigentlich normal. Und zu viel Normalität ja auch irgendwie verrückt. Der Grad zwischen akzeptabler Andersartigkeit und behandlungsbedürftigem Problem ist oft schmal und uneindeutig. Verrücktheit ist in gewisser Weise immer auch Ausdruck der Zeit, in der sie auftritt; nicht umsonst hat sich der Umfang der fünften Auflage des Diagnostisch-Statistischen Manuals (kurz DSM-V) vervielfacht. Was früher normal war, kann heute schon verrückt sein und umgekehrt. Niah Finnik, selbst Autistin, erzählt in ihrem Debütroman von drei Menschen, deren Diagnosen sie vermeintlich klar als anders kennzeichnen: Autismus, Bipolarität, Schizophrenie. Romane vor dem Hintergrund psychischer Krankheiten begeben sich immer in die Gefahr, das Leiden zu romantisieren. Irgendwie scheint so ein Spleen einen ja besonders zu machen, feinfühliger als andere, origineller, ohne viel mehr dafür tun zu müssen als einfach zu sein. Jeder Hinz und Kunz nennt sich verrückt und crazy, manchmal nur deshalb, weil er gern im Regen tanzt und Nutella mit dem Teelöffel isst. Ganz so einfach ist es eben nicht. Über weite Strecken ist psychische Krankheit nicht cool, der Kampf um (oder wenigstens …