Alle Artikel in: Rezensionen

Die große Regression

Allerorten ist dieser Tage die Rede von einem Rückfall hinter bereits etabliert geglaubte gesellschaftliche und politische Standards. Vieles, was in der Öffentlichkeit vor einigen Jahren noch unsagbar gewesen wäre, hat sich vom Stammtisch gelöst und nimmt Kurs auf die gesellschaftliche Mitte. Globalisierungsgegner, Protektionisten, Nationalisten und Extremisten sind, so scheint es, überall in Europa und darüber hinaus auf dem Vormarsch. Wohin führt diese Entwicklung und, mindestens ebenso wichtig, woher kommt sie? Die große Regression versucht sich an Antworten. There is no such thing as society. – Margaret Thatcher Die Große Regression erscheint zeitgleich in dreizehn Sprachen. Der Essayband vereint Texte von intellektuellen Größen wie dem Anfang des Jahres verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman, Eva Illouz, Slavoj Žižek oder Ivan Krastev. Er ist als grenzübergreifendes, zeitdiagnostisches Projekt angelegt und greift als solches auch über die Grenzen Europas hinaus. Der Blick geht nicht nur in Richtung Trumps Amerika, sondern auch nach Israel und Indien. Die weitreichende Verbreitung von Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit und Protektionismus legt nahe, dass es neben jeweils individuellen und lokalen Ursachen eine Begründung geben muss, die globalerer Natur …

Niroz Malek – Der Spaziergänger von Aleppo

Niroz Malek ist geblieben. Anders als knapp 5 Millionen SyrerInnen hat er sich dazu entschlossen, seine umkämpfte Heimatstadt Aleppo nicht zu verlassen. Mittels kleiner Miniaturen gewährt er Einblick in den Alltag des Krieges. Es sind Texte voll Trauer, Verbundenheit und Menschlichkeit. Gleich zu Beginn macht Niroz Malek deutlich, weshalb er sich gegen die Flucht aus Syrien entscheidet: Was immer auch geschieht, ich werde nicht fortgehen, heißt es gleich im zweiten Absatz. Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen? […] Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.“ Es geht um mehr als die körperliche Unversehrtheit. Viel wichtiger als das bloße Überleben, das durch eine Flucht dieser Tage mitnichten gesichert wäre, ist die Verbundenheit mit der Heimat als Ort der Prägung, der kulturellen Identifikation, des Wirkens und täglichen Lebens. Dass ein erfülltes Leben mehr bedeutet als die Abwesenheit tödlicher Gefahr, darf auch implizit als Appell für jene Länder gelten, die …

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Ein Krieg lagert sich ab, in den Schichten der Persönlichkeit, in den Knochen, in einem Leben. Das muss auch der Junge in Tijan Silas Debüt Tierchen Unlimited feststellen, nachdem er Anfang der Neunzigerjahre mit seinen Eltern aus Bosnien nach Deutschland flieht. Der Krieg ist ein permanenter Alarmzustand selbst in der Stille und selbst im Frieden. Man kann ihn nicht abschütteln. Bereits im ehemaligen Jugoslawien wächst der namenlose Erzähler mit einem Männlichkeitsideal von Härte, Kampf und Rivalität auf. Es geht um Treue, Respekt und Loyalität. Der Krieg ist das Hintergrundrauschen, mit dem man sich zu arrangieren lernt. In den Feuerpausen erledigt man Wege, wenn man auf offener Straße vom Gefecht überrascht wird, gilt es zu improvisieren. Die Kinder vertreiben sich die Zeit mit dem Tausch von Comics, Computerspielen oder der Verbrennung von Müll. Seit Jahren türmt er sich meterhoch, weil niemand ihn mehr abholt. Der brennende, stinkende Müll zieht Tiere an. Hunde, die nach Essensresten wühlen. Eichhörnchen, die Material für den Nestbau suchen und sich an den Kadavern anderer Tiere gütlich tun. Tierchen, lässt Sila, der …

Chimamanda Ngozie Adichie – Liebe Ijeawele…

Was bedeutet Feminismus heute? Wie können Kinder möglichst unbeeindruckt von Rollenklischees aufwachsen, die ihre Selbstbestimmung beschneiden? Chimamanda Ngozie Adichie hat ihrer Freundin Ijeawele auf Wunsch fünfzehn Ratschläge zur feministischen Erziehung gegeben. Wie kann die heute aussehen und worum geht es im Besonderen? Chimamanda Ngozie Adichie ist in den letzten Jahren zu einer wichtigen feministischen Stimme geworden. Weniger in theoretisch-wissenschaftlicher als in vermittelnder Hinsicht. Sie will jeden ansprechen, der bereit ist, zuzuhören. Sie will überzeugen, nicht mit Dogmatismus und Fachvokabular, sondern mit dem Anschluss an das tägliche Leben und Situationen, denen alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Feminismus geht uns alle an, davon ist Adichie überzeugt, deshalb sollten seine Anliegen auch für alle verständlich sein. Demzufolge adressieren die Briefe an ihre Freundin Ijeawele ganz grundsätzliche Fragestellungen. Welche Wertvorstellungen vermittle ich meinem Kind? Welche Freiheiten gestehe ich ihm zu? Welche Maßstäbe lege ich an mich selbst an? Dabei geht es oft um überkommene Rollenbilder und überhöhte Erwartungen. Mädchen zu früh in ein Korsett zu drängen, das ihnen typisch weibliche Verhaltensweisen und Vorlieben als natürlich und zwangsläufig verkauft, mindern Chancen …

Lukas Bärfuss – Hagard

Was ist eigentlich Hagard? Im Französischen jedenfalls bedeutet es „verstört“ und man kann mit Fug und Recht behaupten, sich nach der Lektüre von Bärfuss‘ neuem Roman in einer mindestens artverwandten Stimmung vorzufinden. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 erzählt Lukas Bärfuss die Geschichte eines Ausbruchs, in dem Realität und Obsession miteinander verschwimmen. Ein Mann namens Philip entdeckt nach einem geplatzten Geschäfstermin im Gewimmel der Fußgängerzone die „pflaumenfarbenen Ballerinas“ einer Frau. Einer spontanen Eingebung folgend beginnt er, sich an ihre Fersen zu heften, ohne genau zu wissen, was ihn eigentlich dazu treibt. Er bewundert ihre zierliche und leichtfüßige Gestalt und ihren Duft, den er sich mehr denkt als er ihn aus der sicheren Entfernung, die er beibehält, riechen könnte. Mehr und mehr entwickelt sich eine Art von Beziehung und Dringlichkeit, die in der Wirklichkeit durch nichts gerechtfertigt wäre. Obwohl Philip der Frau bis zu dem Haus folgt, in dem sich mutmaßlich ihre Wohnung befindet, sieht er kein einziges Mal ihr Gesicht. Sie bleibt ein Phantom für ihn, eine leere Fläche, auf die er alles …

Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Buchhalterin Louise lässt sich von ihrem Geliebten Ludovic zu einer Weltreise überreden. Sie wollen ausbrechen aus dem Alltagskorsett des Erwartbaren und „Abenteuer erleben“, ungebunden sein. Sie laufen eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn an und sind begeistert von den Gletschern und Gebirgen. Die Friedfertigkeit aber findet ein jähes Ende, als ein Unwetter ihre Yacht „Jason“ fortreißt und die zwei auf der Insel zurücklässt, ohne Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Abenteuerurlaub wird ein Überlebenskampf. Isabelle Autissier weiß, wovon sie spricht. Sie hat als erste Frau im Rahmen einer Segelregatta die Welt allein umrundet. Sie kennt die Gegend. Den Elementen und der eigenen Einsamkeit ausgesetzt, gehört einiges an Risikobereitschaft dazu, eine Reise wie diese zu wagen. Aber auch zu zweit ist die Gefahr nicht restlos gebannt, im Gegenteil; sie liefert das subtile Nervenflattern, das untrennbar zu einer solchen Entscheidung dazu gehört. Louise und Ludovic könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie ist zurückhaltend, präzise, bedacht. Er ein Kindskopf, „Inbegriff der Generation Y“, risikobereit, spontan. Sie plant, er macht währenddessen. Beide eint aber ein gewisser Überdruss gegenüber dem Pariser Stadtleben. …

Mohamed Amjahid – Unter Weissen

Wer als Weißer heutzutage gebeten wird, sich seiner Privilegien bewusst zu werden, verbindet damit häufig die implizite Absicht des Gegenübers, ihm diese Privilegien entweder zum Vorwurf zu machen oder zu entreißen. Beides erzeugt eine massive Abwehrreaktion, die sich nicht selten in Beschreibungen des eigenen beschwerlichen Daseins ausdrückt. Dabei kann das Bewusstsein der eigenen Vorrechte auch nutzbringend sein, ohne, dass man sie reflexartig von sich weisen muss. Mohamed Amjahid, selbst marokkanischstämmiger Journalist bei der ZEIT, erklärt, wieso. Was soll das schon sein, der „privilegierte Weiße“? Also ICH habe keine Privilegien, ICH bekomme keine Extrawurst und mich auf meine Hautfarbe zu reduzieren – ist das nicht irgendwie unfair? Die meisten werden so reagieren, wenn man ihnen eröffnet, sie seien als Weiße privilegiert. Privilegien werden allerdings erst im Vergleich zu denen erfahrbar, die nicht in ihren Genuss kommen. Wer sich ausschließlich mit Menschen umgibt, deren Lebensrealität bis auf marginale Kleinigkeiten mit der eigenen übereinstimmt, wird sich nicht als privilegiert wahrnehmen. Mohamed Amjahid macht jedoch bereits sein Leben lang Erfahrungen, die den meisten Weißen naturgemäß erspart bleiben. Es sind …