Alle Artikel in: Rezensionen

Marcellus Emants – Ein nachgelassenes Bekenntnis

„Meine Frau ist tot und längst begraben“. So beginnt Marcellus Emants‘ Psychogramm eines Mannes, der, zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung gleichermaßen, seine Frau ermordet. Was ihn dazu gebracht hat? Das enthüllt in psychologischem Detailreichtum schließlich das nachgelassene Bekenntnis des Mörders selbst. Gibt es Menschen, die von grundauf böse sind? Menschen, die nicht gesellschaftsfähig sind aufgrund ihrer eigentümlichen Art, zu denken und zu fühlen? Willem Termeer jedenfalls, Emants‘ Protagonist, setzt viel daran, die LeserInnen seines Bekenntnisses von dieser Perspektive zu überzeugen. Schon früh ist Termeer ein Außenseiter, der sich nicht an den gleichen Dingen erfreuen kann wie andere. Seine Eltern verhalten sich ihm gegenüber gleichgültig, aufrichtig empfundene Zuneigung kennt er von ihnen nicht. Was ihm hingegen sehr geläufig ist, ist ein feststehendes und in die Zukunft weisendes Selbstkonzept. Termeer weiß genau, wie er gern wäre, was er gern genießen könnte und wohin ihn das Leben treiben sollte – bloß bringt er nichts davon zustande. Statt eines Lebemanns in der Mitte der Gesellschaft bleibt er ein Sonderling, der sich seine Erfahrungen zusammenfabuliert, um vor anderen damit anzugeben. …

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Auf dem Cover ein Mann, dessen ambivalente Mimik nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln ist, dessen Widerspruch man aushalten muss. Ist es Schmerz? Ist es Lust? Wut? Trauer? Von allem etwas vielleicht. „Ein wenig Leben“ trägt in sich diesen unauflösbaren Widerspruch von Schmerz und Glück. Es ist ein Roman von besonderer Tiefe und Wahrhaftigkeit. Ich lese wie im Rausch, notiere ich nach einem Tag, an dem ich knapp 500 Seiten gelesen habe. Zwischen mich und Yanagiharas Geschichte passt kaum das Blatt Papier, auf dem sie gedruckt ist. Ich befinde mich, eingeladen vom Hanser Verlag*, in einem etwas abgelegenen Häuschen nahe Berlin. Um mich herum liegen nur wenige andere Häuser, herbstlich gefärbtes Laub, ein See. Ich soll mich zurückziehen, soll mich einzig dem Roman widmen können; so die Idee des Retreats. Regelmäßig blättere ich um, ein Automatismus wie das Schuhebinden. Ich nehme es nicht einmal wahr, obwohl es wieder und wieder geschieht, schreibe ich weiter, es ist schon Abend und mein Kopf summt wie eine Maschine, die sich nicht abschalten lässt. Ich bin versunken in …

Utopien für Hand und Kopf

Brauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft. Mit den Utopien für Hand und Kopf bringt die Hamburger Edition Nautilus eine neue Reihe auf den Weg. Im Mittelpunkt stehen Texte, die eine bessere Welt zu denken wagen und sich damit bewusst gegen herrschende Interpretationsrahmen auflehnen. Sie denken die Welt weiter, erwägen die Möglichkeit der Veränderung und Entwicklung, statt bloß der Wahrung des Status Quo. Auch wenn es nach dem Diktum mancher kein Zeichen geistiger Gesundheit ist, Visionen zu haben, kann es für eine Vorwärtsentwicklung hilfreich sein, abseits ausgetretener Pfade zu denken, outside the box, sozusagen. Aus einer anderen Perspektive auf die Dinge zu schauen, vielleicht auch mit einer gewissen kindlichen Naivität und Offenheit, eröffnet manchmal Wege, wo zuvor keine waren. Das Design der Nautilus-Reihe …

Margarete Stokowski – Untenrum frei

Muss das sein oder kann das weg? Über den Feminismus grassieren eine ganze Reihe haarsträubender Vorurteile und Mythen, die sich am Ende häufig in der Idee von barbusigen „Feminazis“ erschöpfen, die am liebsten die Männer abschaffen würden. So oder so ähnlich kann man es in Diskussionen immer wieder beobachten, die sich um Feminismus drehen oder feministische Themen berühren. Margarete Stokowski räumt mit vielen dieser Fantasien auf und zeigt, zitiert nach Chimamanda Ngozie Adichie, warum wir alle Feministen sein sollten. In Diskussionen dieser Tage geht es häufig um die Angst, etwas könne einem weggenommen werden. Die Freiheit, die finanziellen Mittel, das Recht auf eine eigene Meinung oder die Kultur. Überall lauert die Angst vor Verlust, dem man sich mit immer schärferem Vokabular und immer unbarmherzigerem Auftreten entgegenstellen muss. Gegen Feminismus, gegen diese ominöse „Political Correctness“, die vermeintlich Denk- und Sprechverbote produziert. Dabei geht es weder beim Feminismus noch bei politischem Engagement für Minderheiten darum, dem einen etwas wegzunehmen, sondern jenen, denen Zugang verwehrt wird, etwas zu geben. Es geht um eine Ausweitung, nicht um eine Beschneidung …

Joost Zwagerman – Duell

Jelmer Verhooff ist ein aufstrebender Star am Himmel der niederländischen Kunstszene. Mit nur vierzig Jahren wird er zum Direktor des Hollands Museums; eine der zentralen Anlaufstellen für moderne Kunst. Er wird gefeiert, hofiert, bewundert. Er hat ein Händchen. Und dieses Händchen wird es auch sein, das im Verlauf einer hochnotpeinlichen Angelegenheit die Leinwand eines 30 Millionen Euro teuren Rothko-Gemäldes durchschlägt. Auf vergnügliche und skurrile Art verhandelt Joost Zwagerman die Frage nach dem Wesen der Kunst. Kunst kann heute alles sein, was man mit einer zündenden Rede dazu erklärt. Die Grenzen sind offen. Das erleichtert und erschwert die Sache gleichermaßen. Als Jelmer Verhooff im Hollands Museum eine Ausstellung plant, die zeitgenössische Künstler in Dialog mit alten Meistern treten lassen soll, wird ihm das schmerzlich bewusst. Im Gegensatz zu den jungen Künstlern, die Verhoof scherzhaft „Installateure“ nennt, entscheidet sich Emma Duiker als eine der wenigen für die klassische Malerei. Ihr künstlerischer Dialog besteht in der originalgetreuen Kopie des Meisterwerks, in der akribischen Nachbildung bis ins Detail. Farbe, Komposition und Materialien orientieren sich am Vorbild und werden am …

Jürg Halter & Tanikawa Shuntarõ – Das 48-Stunden-Gedicht

Jürg Halter ist ausgesprochen umtriebig, seine Denkanstöße auf Twitter (@halterjuerg) allemal eine Lektüre wert. Der Schweizer Lyriker, jahrelang als Rapper Kutti-MC unterwegs und im letzten Jahr auch beim Bachmannpreis zu sehen, schreibt seit kurzem auch für die Theaterbühne. Mit dem 48-Stunden-Gedicht aber widmet er sich in Kooperation mit dem japanischen Lyriker Tanikawa Shuntarõ wieder dem Gedicht und seiner grenzüberschreitenden Kraft. Das 48-Stunden-Gedicht ist gleichsam eine Fortsetzung liebgewonnener Gewohnheiten. Bereits zwischen 2007 und 2011 entstand mit Sprechendes Wasser ein Kettengedicht der beiden Lyriker, die neunundvierzig Jahre und zwei verschiedene Kulturen voneinander trennen. Ein Hindernis ist das mitnichten. Entstand ihr erstes Projekt noch rein virtuell durch regen E-Mail Kontakt zwischen Tokyo und Bern, haben sie sich 2014 in Japan getroffen, um gemeinsam an einem dynamischen und experimentellen Gedicht zu arbeiten. Die Arbeitsweise ist dabei so ungewöhnlich wie essentiell für diese Art des Schreibens. Die Dichtenden sitzen nicht allein in abgeschlossenen Räumen und arbeiten ihre Texte aus, sie reagieren aufeinander, regen sich gegenseitig unmittelbar an. In Begleitung von zwei Übersetzern, die jeweils eine Passage ins Deutsche bzw. Japanische …

Torsten Woywod – In 60 Buchhandlungen durch Europa

Torsten Woywod, Buchhändler, hat getan, was wohl die wenigsten von uns jemals tun werden. Er hat erschreckend spontan seine Wohnung und seinen Job gekündigt, um sich einen Traum zu erfüllen. Zu sämtlichen Buchhandlungen der Welt wolle er reisen, sich dort umsehen und andere Literaturbegeisterte treffen, die an vorderster Front für das Buch kämpfen. Auf der Facebookseite Around the World in 100 Bookshops konnte man ihm wenigstens aus der Ferne dabei zusehen. Den europäischen Teil dieser Reise gibt es nun in Buchform. Buchhandlungen sind ein Sehnsuchtsort. Sowas wie eine bedrohte Tierart, deren Schönheit und Kraft man erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, da sie von der Bildfläche zu verschwinden drohen. Plötzlich spielen unzählige Romane in kleinen, urigen Buchhandlungen mit diesem ganz eigenen unbeugsamen Charme. Nicht nötig zu erwähnen, dass solche romantischen Fantasien in aller Regel wenig mit der Realität zu tun haben, ja, nicht selten eine Form von Buchhandlung heraufbeschwören, wie sie heute nur noch selten überleben könnte. Nichtsdestotrotz haben Buchhandlungen aber eine besondere Anziehungskraft, wohnt da ein gewisser Zauber in ihnen. Das wird kaum jemand …