Alle Artikel in: Rezensionen

Dirk Stermann – Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Schmerz kann vielfältig sein: beißend, pochend, brennend, reißend, dumpf oder auch wohltuend. Der dreizehnjährige Claude erlebt in seinem noch jungen Dasein eine nahezu unaushaltbare Periode schmerzvoller Ereignisse, die ihn formen und verändern. Dirk Stermann hat ein Buch geschrieben, das gleichzeitig skurril, witzig und fast unerträglich traurig ist. Claude ist ein einsamer Dreizehnjähriger. Nicht auf die Art, auf die alle Dreizehnjährigen einsam sind. Bei Claude sitzt die Verlassenheit tiefer. Seine Eltern trennen sich und beschließen, diesem Beziehungsende auch eine räumliche Trennung folgen zu lassen. Claudes Vater und er wohnen nun auf der einen Seite, seine Mutter, ihr neuer Partner und sein Bruder Broni auf der anderen Seite derselben Wohnung. Der Kontakt untereinander ist streng untersagt. Man braucht Abstand voneinander, heißt es lapidar. Claude geht auf eine Eliteschule, in der er nach Kräften von seinen Mitschülern dafür gemobbt wird, dass sein Vater nicht Millionendeals abschließt, sondern bloß in volkstümlichen Bläsercombos in die Posaune pustet. Von seinem Vater ist kein Rückhalt zu erwarten, seine Mutter ist als Ethnologin regelmäßig am anderen Ende der Welt, um wahlweise sich selbst …

Lena Grossmüller – Reiseführer des Zufalls

Wenn es heute heißt, man solle jeden Tag ausschöpfen und jeden Tag genießen, verträgt sich das nur bedingt mit planlosen Dahintreiben oder genussvollem Nichtstun. Auch beim Reisen gibt es ungeschriebene Regeln: Touristenattraktionen besuchen oder eben gerade nicht. Die Zeit engmaschig verplanen, um die richtigen Instagramfotos schießen zu können. Allein reisen, weil das der Selbstfindung dient. Wenige Reisende überlassen sich absichtslos dem Zufall. Lena Grossmüller liefert für alle Zuffallsaspiranten einen Reiseführer und Essayband in Personalunion, ein Plädoyer für Entdeckungen, die man nicht beabsichtigt. Ich gebe zu – ich bin keine Fernreisende. Überhaupt reise ich selten. Da bietet es sich an, dass Lena Grossmüllers Reiseführer des Zufalls auch überall dort Anwendung finden kann, wo man eine Haustür hinter sich zuschlägt und unbekanntes Gebiet betritt. Das Credo lautet eben diesmal nicht: YOLO. Es lautet nicht: Nimm, was du kriegen kannst und pack auch noch was für später ein. Es lautet: Geh halt los, ohne etwas zu erwarten. Und damit sind sowohl Erwartungen an den Ort der Reise als auch an den Reisenden selbst gemeint. Nicht, dass man sich …

Anne Ameri-Siemens – Ein Tag im Herbst

Der »Deutsche Herbst« jährt sich in diesem Jahr zum vierzigsten Mal. Im September 1977 wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt, etwas über vier Wochen später die Lufthansamaschine »Landshut« in Zusammenarbeit mit palästinensischen Terroristen. Ziel ist es, die Inhaftierten in Stuttgart Stammheim aus dem Gefängnis freizupressen. Während die Passagiere der Landshut schließlich von der seinerzeit  jungen Spezialeinheit GSG9 befreit werden können, wird Schleyer von der RAF in einem Waldstück erschossen. Die Bundesregierung hatte sich geweigert, Schleyer gegen die Gefangenen auszutauschen. Anne Amerie-Siemens, die den Deutschen Herbst nicht bewusst erlebt hat, begibt sich mithilfe zahlreicher Zeitzeugen auf Spurensuche und schlägt auch implizit einen Bogen zur terroristischen Gefährdung heute. Terror ist keine Erfindung der letzten Jahre und ganz sicher nichts, auf das radikale Islamisten ein Monopol besäßen. Vom rechts- bis zum linksextremen Lager gibt es in der Geschichte zahlreiche Beispiele für terroristische Aktionen, die Rote Armee Fraktion, hervorgegangen aus einem radikalisierten Teil der 68er-Studentenbewegung, ist eines davon. Seit ihrer Gründung im Mai 1970 hat sie die junge Bundesrepublik entscheidend geprägt und dazu beigetragen, die Gräben …

Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune

Wohin mit schlechter Laune in einer Gesellschaft, die positives Denken zur Grundvoraussetzung erfüllten Lebens macht? Überall solle man glücklich sein, konstruktiv, begeistert, voller Tatendrang, das Leben genießen. Ist schlechte Laune also immer ein destruktives Element? Und was ist das überhaupt, »schlechte Laune«? Andrea Gerk hat eine kleine Kulturgeschichte dieser unterschätzten Stimmungslage geschrieben, die implizit auch eine Kritik am Optimismuswahn unserer Zeit ist. Schlechte Laune gilt in diesen Tagen als ein Umstand, den man so schnell wie möglich beseitigen muss. Das Leben ist zu kurz, um mies drauf zu sein. Wie einem das gelingt, verraten unzählige Ratgeber aus dem Bereich optimistischen Lebensführung. Wenn einem das nicht gelingt, ist man wahrscheinlich ein unverbesserlicher, ineffizienter Stinkstiefel, der im Jammertal ganz selbstverantwortlich Rast macht. Was schlechte Laune ist, variiert je nach Definition. Eine kleine Verstimmung ohne akuten Auslöser, ein Leiden an der Verfasstheit der Welt, die so viel besser sien könnte als sie ist, ein eruptives Gebrodel im Inneren. Weltschmerz, Ärger, Wut, Enttäuschung. Andrea Gerk präsentiert einen launigen Querschnitt durch die Niederungen seelischen Missbehagens. Mittels vieler Beispiele aus Literatur …

Laurie Penny – Bitch Doktrin

In den letzten Jahren hat sich Laurie Penny als Stimme des modernen, zeitgenössischen Feminismus einen Namen gemacht. Rotzig und auf den Punkt prangert Penny Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Bequemlichkeit an. Gleichwohl sind es nicht allein feministische Themen, die sie umtreiben. In ihren Essays geht es um Politik, Gewalt, Hass und eine bessere Welt. In »Bitch Doktrin« räumt sie  auf mit missverstandenen Privilegien und der Angst vor Vielfalt und Veränderung. Vor einiger Zeit kursierte in sozialen Medien der Spruch: »Equal rights for others does not mean less rights for you. It’s not pie.« Logisch eigentlich. Und trotzdem erfahren jene, die sich für die Rechte derer einsetzen, die nicht die Mehrheit der Gesellschaft repräsentieren, noch immer scharfen Gegenwind, Hass, zügellose Wut. So auch Laurie Penny. Wut worauf? Man weiß es nicht genau. Vielleicht ist es eine Wut, die sich aus der Angst vor Veränderung speist, aus dem Widerwillen, den Status Quo zu verlassen. Vielleicht ist es die Sorge, etwas abgeben zu müssen. Aber gleiche Rechte und Kuchen, naja, siehe oben. Wie man hört, glauben viele ansonsten anständige Leute, …

Anselm Neft – Vom Licht

Adam und Manda wachsen mit ihren Zieheltern Valentin und Norea auf einem Selbstversorgerhof in der österreichischen Provinz auf. Sie besuchen keine öffentliche Schule, sondern werden von den Eltern zuhause unterrichtet. Ihre religiöse Überzeugung, dass alle Materie böse und falsch ist, die Welt ein schlechter Ort und nur die Heimkehr in ein entmaterialisiertes Lichtreich das Ziel ihrer Existenz sein kann, geben sie an ihre Kinder weiter. Kann man sich in einer Welt zurechtfinden, die einem systematisch vorenthalten wird? Und was ist überhaupt diese »Welt«? Anselm Nefts Roman ist radikal, verkopft und erschütternd. Wer Vom Licht am Ende zuklappt, wird sich vielleicht denken: Was habe ich da eigentlich gerade gelesen? Einen »Aussteigerroman«, wie es auf dem Buchrücken heißt? Eine Abhandlung über religiösen Fanatismus, über Dogmatismus, über Herrschsucht und Weltflucht? Einen Versuch, die Entstehung der Welt – gespalten in Geist und Materie – mittels religiöser Lehren und wissenschaftlicher Forschung fast in sokratischem Dialog zu reflektieren? Einen entwaffnenden Bericht über Ohnmacht und Macht? Vielleicht von allem etwas. Adam und Manda jedenfalls wachsen in dem Glauben auf, dass die Welt …

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

An einem ersten Januar stellt der Tod, unangekündigt und plötzlich, seine Tätigkeit ein. Die Menschen sterben nicht mehr. Niemand wird im Streit von einem erzürnten Widersacher erschlagen, niemand lässt sein Leben bei dem Versuch, eine vielbefahrene Straße zu überqueren, selbst die Alten und Kranken siechen dahin, ohne Erlösung. José Saramago erzählt in poetisch ausgreifender und feinsinnig humorvoller Art vom Ende einer gefürchteten Selbstverständlichkeit. Wer hätte gedacht, dass das Ende der Sterblichkeit nicht von der medizinischen Forschung, sondern von einer Unregelmäßigkeit im Arbeitsablauf des Todes selbst verursacht würde? In einem nicht näher benannten Land der südlichen Hemisphäre jedenfalls wird nicht mehr gestorben. Der Jubel darüber, endlich vom Unausweichlichsten befreit worden zu sein, erschallt nicht überall in gleicher Lautstärke. Die Kirche klagt: Wie kann es eine Auferstehung geben ohne Tod? Wie kann es ein Jenseits geben, wenn das Diesseits nie mehr verlassen wird? Mit welcher Verdammnis soll man nun den Sündern drohen? Auch die Versicherungsanstalten und Bestatter laufen Sturm. Die einen legen in ihrem Aktionismus ein künstliches Todesalter fest, die anderen verlegen sich hilflos auf die Bestattung …