Alle Artikel in: Rezensionen

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Der verhängnisvolle Traum von einem Okapi, ein riesenhafter, unsterblicher Hund, knarzende Psychoanalytikerlederjacken, durch’s Unterholz des Westerwaldes brechende buddhistische Mönche – in Mariana Lekys neuem Roman kollidiert eine ganze Menge auf den ersten Blick Unvereinbares. Aber es gibt Menschen, die können noch das Disparateste in einen harmonischen Zusammenhang bringen. Zehn Jahre nach ihrem letzten Roman hat Mariana Leky nun einen Text veröffentlicht, der sprüht vor Charme und Liebenswürdigkeit. Im Westerwald geht Seltsames vor. Immer, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, folgt in den nächsten Stunden ein Todesfall. Dass vermeintlich harmlose Träume die Lebensdauer von Mitmenschen beeinflussen, hat schon Georg Kreisler in seinem bitterbösen »Geben Sie Acht« besungen. Waren es da noch die Betroffenen selbst, erscheint der Tod, an sich ja schon eine absurde Sache, bei Mariana Leky eben in Form eines absurden Tieres. Auch das Okapi selbst, Mischung aus Zebra und Giraffe, ist ein Beweis für die Vereinbarkeit von scheinbar völlig unvereinbaren Elementen. Das okapibedingt herannahende Lebensende unbekannter Art veranlasst viele Bewohner der Kleinstadt, sich einander gut gehütete Geheimnisse zu offenbaren. Jeden könnte es …

Uwe Soukup – Der 2.Juni 1967

2017 jährt sich nicht nur der Deutsche Herbst, sondern auch das Vorspiel der 68er-Bewegung und die Initialzündung für ihre Radikalisierung. Die Entwicklungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Am 2.Juni 1967 wird Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schahbesuch in Berlin von Polizisten zusammengeschlagen und schließlich von Karl-Heinz Kurras aus nächster Nähe in den Hinterkopf geschossen. Kurras ging bis zuletzt straffrei aus. Sein Schuss politisierte und radikalisierte in der Folge unzählige Studenten. Wie konnte so etwas wie der 2.Juni 1967 überhaupt geschehen? Welche Folgen für hatte der Mordfall Ohnesorg für die Bundesrepublik? Und weshalb hat es eigentlich so lange gedauert, bis man ihn ohne Umschweife und Schönfärberei einen Mordfall nennen durfte? Lange genug ging die Mär von der Notwehrhandlung um, von einem Schuss, der sich versehentlich gelöst habe, von einer unübersichtlichen Situation und einer angemessenen Härte. Heute wird niemand mehr bezweifeln wollen, dass es sich bei dem Schuss auf Benno Ohnesorg um eine vorsätzliche Tat gehandelt hat; auch wenn Karl-Heinz Kurras, ein Waffennarr und exzellenter Schütze, bis zuletzt weder Reue über den Vorfall gezeigt noch sein …

Zygmunt Bauman – Das Vertraute unvertraut machen

Im Januar dieses Jahres starb der Soziologe Zygmunt Bauman im Alter von 91 Jahren. Er hinterließ Konzepte wie das der „flüchtigen Moderne“, schrieb über Flüchtlinge und die Angst vor dem Fremden, von Konsum und dem „Ende der Eindeutigkeit“, wie er es nannte, dem viele mit einer besorgniserregenden und verklärenden Rückwärtsgewandtheit begegnen. Bei Hoffmann & Campe erscheinen seit 2014 Gespräche mit einflussreichen Denkern und Denkerinnen. Nach Susan Sontag und Georg Steiner ist nun Zygmunt Bauman an der Reihe. Bis zuletzt war Zygmunt Bauman jemand, der rege an den Diskussionen seiner Zeit teilnahm. In welchen Zeiten leben wir? Unter welchen Umständen? Welche Prämissen leiten uns und welchen Aufgaben sehen wir uns gegenüber? Das Nachdenken über diese grundsätzlichen Fragen hat Bauman nie in der Überzeugung aufgegeben, längst die richtigen Antworten zu haben. Er ist neugierig geblieben bis zum Schluss, offen, vielseitig. Wir verlernen, so Bauman gleich zu Beginn, die Fähigkeit, zu lieben. Man mag, selbst wenn man diese Aussage in ihrer Absolutheit für falsch hält, mindestens einige Minuten darüber nachdenken, was die Versachlichung unserer Beziehungen mit der steigenden …

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

Manche realen Geschichten verdienen es, zu einem Roman zu werden, weil sie bereits für sich genommen romanhaft genug sind. Man muss wenig an ihnen verändern, eigentlich kaum etwas ausschmücken, man muss nur eine Sprache dafür finden. Was sich im Falle Arno Franks zunächst wie eine absurde Roadnovel liest, ist bittere Realität. Weil Franks Vater in krumme Geschäfte verwickelt ist, gerät er ins Visier der Ermittlungsbehörden und taucht schließlich unter. Mit ihm, so berichtet der Roman, taucht seine Familie inklusive der Kinder und eine Flucht quer durch Europa beginnt. „Jeden Tag“, sagt Arno Franks Vater immer, „steht irgendwo ein Dummer auf.“ Das ist ein Naturgesetz. Und weil das so ist, muss es immer jemanden geben, der von der Dummheit der anderen profitiert. Einen, der gerissen ist, einfallsreich, bis zum Anschlag voll mit Selbstvertrauen und möglichst gewissenlos. Für den jungen Arno ist sein Vater sowas wie ein Magier. Einer, der alles schon irgendwie regelt, auch wenn nie jemand weiß, wie genau er das anstellt. Franks Vater kennt die Schwächen seiner Mitmenschen nur zu gut und er weiß, …

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen

Die Begutachtung eines trainierten Frauenkörpers im öffentlichen Schwimmbad lässt Walter Nowak unsanft mit dem Beckenrand kollidieren. Vielleicht rutscht er aber auch auf den heimischen Badezimmerfliesen aus und schlägt sich den Kopf an. Irgendeine Erschütterung jedenfalls lässt in Walter Nowak, Pensionär, gut in Form, kein Kostverächter, einiges durcheinander geraten. Julia Wolf erschafft mit ihrem zweiten Roman einen ganz eigenen Walter-Sound: verloren, unnachgiebig, versöhnlich. Walter Nowak wollte immer hoch hinaus, Karriere machen. Im Nachkriegsdeutschland verdient er sein Geld mit Hebebühnen; der schmissige Firmenslogan: Wenn hoch, dann Nowak. Walter ist das Kind einer Deutschen und eines in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten, die Liaison ist kurz. Walter wird sich in den letzten Stunden seines Lebens an die Beschimpfungen der Mitschüler erinnern, die sie ihm, dem „Bastard“, auf der Straße hinterherbrüllten. Ohne Vater im hessischen Friedberg aufzuwachsen, als uneheliches Kind, war Ende der 50er Jahre kein Zuckerschlecken. Aber Walter beißt sich durch. Er organisiert seiner Mutter ein Autogramm vom King of Rock’n’Roll, der zum damaligen Zeitpunkt als US-Soldat in Friedberg stationiert ist. Elvis ist ein Fixstern in Walters Leben, mit …

Samuel Selvon – die taugenichtse

Mit The Lonely Londoners hat Samuel Selvon 1956 einen Ton in die Literatur gebracht, der bis dato einzigartig war. In einer kreolisch-englischen Kunstsprache erzählte Selvon von karibischen Arbeitsmigranten und ihrem täglichen Überlebenskampf in der Metropole. Nun ist der Roman, sechzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen, so gekonnt wie lebendig von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt worden. Nicht nur in Deutschland verließ man sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Landes auf Gastarbeiter, auch Großbritannien warb Ende der 40er Jahre massiv um Migranten, da es der heimischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelte. Sie kamen ab 1948 vor allem von den karibischen Inseln, aus Jamaika, Trinidad oder Barbados. Sie arbeiteten vor allem in Fabriken oder im Transportwesen für einen Hungerlohn; der Zugang zur britischen Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen, trotz günstiger Prognosen, überwiegend verschlossen. Der Rassismus, so heißt es auch in Selvons Roman, war ausgeprägt und omnipräsent, jedoch immer ummantelt mit britischer Höflichkeit und Zurückhaltung. Auch Samuel Selvon gehört zu diesen karibischen Arbeitsmigranten. Es verschlägt ihn nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt in dieselben Stadtviertel wie seine Protagonisten: …

Takis Würger – Der Club

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geheimbünde und Clubs an elitären Universitäten unter anderem in Großbritannien und den USA. Auch heute rekrutieren sich Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und ein großer Teil der Finanzeliten aus ihren Reihen. Sie dienen als Karrieresprungbretter und über das Studium hinaus profitable Netzwerke, fordern von ihren Mitgliedern aber auch eine strikte Einhaltung gruppeninterner Regeln und eine unverbrüchliche Treue zu den Kameraden. Vor diesem Hintergrund spielt Takis Würgers raffiniert komponierter Roman von Verbrechen und Korpsgeist. Hans ist ein zurückhaltender, unauffälliger Typ. Innerhalb weniger Monate kommen seine Eltern zu Tode, sein Vater bei einem Autounfall, die Mutter, obwohl sie an Lungenkrebs leidet, am Stich einer Biene. Für beide Todesfälle fühlt er sich verantwortlich: Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf mein Rührei essen wollte. Hans wird aufs Internat geschickt, wo er weiterhin das Boxen trainiert, seine emotional angegriffene Tante Alexandra übernimmt den Erziehungsauftrag – im weitesten Sinne, denn sie überlässt Hans vorrangig sich selbst. So lange jedenfalls, bis sie ihn zu sich nach …