Alle Artikel in: Kultur

Berichte vom Besuch kultureller Veranstaltungen

Blogbuster und Hundstage

© Jake Melara. Stocksnap.io. Beinahe vier Wochen sind seit der offiziellen Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse vergangen. Blogbuster läuft, konstant, in etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit. Will sagen: da geht noch was. Mehr zum Beispiel. Für alle, die jetzt noch rätseln, was denn „Blogbuster“ sein soll, dem sei geraten, sich auf der Homepage des Projekts umzutun, an dessen Ende hoffentlich eine vielversprechende neue Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur steht. Wie ergeht es mir nun also, als Bloggerjurorin in den ersten vier Wochen? Mich haben bislang neun Manuskripte ganz unterschiedlicher Thematik und Qualität erreicht. Ausuferndes, Post-Postmodernes mit unzähligen Versatzstücken aus Philosophie und Popkultur samt Fußnoten, Hyperrealismus, der sich in Beschreibungen jeder noch so kleinen Belanglosigkeit erschöpft, Liebesgeschichten von Verflossenen, Verlorenen und Verschmähten, Digital-Hogwarts 2.0, ein Jugendroman. Es ist eine besondere Erfahrung, plötzlich nicht mehr über die Tauglichkeit eines Textes im Endstadium zu entscheiden, sondern sich beim Lesen auch die Frage zu stellen: was könnte daraus noch werden? Braucht es Feinschliff? Ist es originell? Ist es lesbar außerhalb eines elitären Kreises von Eingeweihten, die die Codes darin entziffern und ironisch …

Kurz und knapp rezensiert im November!

Länger hat das k & k-Format pausiert, es wird Zeit, es aus der Mottenkiste zu holen! Margriet de Moor – Schlaflose Nacht Eine Frau wandert nachts in ihrer Wohnung umher, schlaflos, ruhelos. Es ist der Normalzustand seit Jahren. Um sich zur Ruhe zu bringen, tut sie Bodenständiges: sie bäckt. In Rückblenden legt Margriet de Moor die größte Verletzung dieser Frau offen, deren Nachbeben noch immer jede Nacht zu spüren sind: der Selbstmord ihres Mannes. Scheinbar grundlos kam er über sie wie eine Naturgewalt und wirkt in seiner Unbegreiflichkeit lange nach. Sinnlich und einfühlsam rollt de Moor die Geschichte dieser kurzen Ehe und ihrer Nachwrkungen in einer einzigen Nacht auf, am Himmel schließlich doch ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht kann es trotz dieses allumfassenden Endes einen neuen Anfang geben, nach der Einsamkeit wieder Gemeinsamkeit. Das Ganze kommt sehr zart daher und melancholisch, gedämpft wie die Nacht eben so ist, weshalb es einen Satz gibt, der besonders hervorsticht: Ton bumste wirklich nicht wie ein Stoffel. Davon abgesehen: ein lesenswertes Buch über eine menschliche Tragödie, Verlust und Morgengrauen in metaphorischer wie …

10 Lieblingsbücher aus Indie-Verlagen

Der ein oder andere hat vielleicht die Diskussionen rundum das VG (Verwertungsgesellschaft)- Wort Urteil und die daraus resultierenden Rückzahlungsforderungen an Verlage verfolgt. Tilman von 54books hat in zwei separaten Beiträgen (Teil 1 & Teil 2) die juristischen Entscheidungen und deren Grundlagen detailliert dargelegt – wer sich nochmal genau informieren möchte, worum es geht, dem seien diese Texte dringend ans Herz gelegt. Rechtlich steht also fest: eine über Jahre gängige Praxis hat sich als rechtswidrig erwiesen. Die Folgen sind für viele Verlage, insbesondere die kleineren und konzernunabhängigen, bislang noch unüberschaubar. Es steht nur fest, dass sie womöglich einige von ihnen die Existenz kosten werden. Die Kurt-Wolff-Stiftung schreibt dazu in einer Stellungnahme: Die Rückzahlungsforderungen, die nun anstehen, lassen bereits die größten deutschen Verlagsgruppen schwitzen. Sie werden einige unserer unabhängigen Kolleginnen und Kollegen jedoch derart treffen, dass sie wahrscheinlich in die Insolvenz gehen müssen. Dieses Urteil hat vor allem auch deshalb diese katastrophale Wirkung, weil die Stundung der Forderungen abgelehnt wurde. Nun sind wir uns sicherlich darin einig, dass die von einem Urteil wie diesem am meisten Bedrohten …

Who You Gonna Call: Blogbuster 2017.

Denis Scheck geht mit Bloggern auf Talentsuche/ Klett-Cotta verlegt den Blogbuster 2017 Die Idee erinnert ein wenig an die einschlägigen TV-Castingshows, nur diesmal geht es nicht um Gesang oder gutes Aussehen, sondern um schriftstellerisches Talent. 16 Literaturblogger*, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster-Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen. Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potential des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Vorsitzenden Denis Scheck, entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und der Blogger und Initiator der Aktion, Tobias Nazemi, über den Blogbuster-Gewinner. „Wir wollen damit zeigen, dass Blogs nicht …

Woanders: Der Deutsche Buchpreis im Ausland

© Mike Birdy. Stocksnap. Mit dem Deutschen Buchpreis wird seit 2005 der „beste Roman des Jahres“ ausgezeichnet. Jedes Jahr zieht die Verkündung der Longlist hitzige Diskussionen über die Auswahl der Titel und den Preis im Allgemeinen nach sich. Wie Jörg Sundermeier jüngst in einem Artikel herausstellte, gehören auch diese Diskussionen unweigerlich zum Geschäft. Sie beleben das Gespräch über Literatur, legen Kriterien und Schwachpunkte jeder Juryentscheidung – für welchen Preis auch immer – bloß und rücken Titel in den Fokus, die gerade weil sie (unverdientermaßen) nicht zu den Nominierten gehören, einen Blick wert sind. Was aber bewirkt der Deutsche Buchpreis im Ausland? Es gibt wohl keine Buchpreisträgerin, deren Roman mehr Auslandslizenzen verkauft hat, wie die 2007 prämierte Autorin Julia Franck. Insgesamt 33 Auslandslizenzen von „Die Mittagsfrau“ wurden verkauft, damit ist der Roman auch nach acht Jahren noch ungeschlagener Spitzenreiter. Und das, obwohl er sich in den zwei Monaten nach der Preisverleihung in Deutschland selbst z.B. deutlich schleppender verkaufte (266.000 Exemplare) als Tellkamps „Der Turm“ (450.000), der mit nur 11 Auslandslizenzen eher im unteren Drittel angesiedelt ist. …

Poetische Experimente in Düsseldorf: Vortrag

© Luca Bravo, Stocksnap.io Den gestrigen Tag habe ich auf der diesjährigen Tagung der Autorinnenvereinigung e.V. im Kulturbahnhof Gerresheim zugebracht. Motto der Veranstaltung lautete: „Poetische Experimente„. Es gab lyrische Sechzig-Sekunden-Lesungen, Workshops zu Kollaborativem Schreiben und dem kreativen Collagieren von Bild und Text sowie abends eine Lesung mit Lydia Daher, die ich leider aus Zeitgründen nicht mehr besuchen konnte. In wirklich angenehmer und persönlicher Atmosphäre habe ich auch einen Vortrag zum Thema „Literaturblogs halten dürfen, den ich hier auf mehrfachen Wunsch zum Download zur Verfügung stelle. → Vortrag Literaturblogs Spoiler: Das Nervenflattern hat sich am Ende wirklich gelohnt. Bald gehts los mit meinem Vortrag in #Düsseldorf. Ein bisschen Nervenflattern, aber wird schon werden! #fromwhereistand Ein von Sophie Weigand (@literatourist) gepostetes Foto am 24. Sep 2016 um 0:36 Uhr Höre gerade einen sehr guten Buchblog-Erklärvortrag von Sophie @Literatourismus Weigand. Einladetipp für Buchblog-Erklärvortragsbedürftige! — Kathrin Passig (@kathrinpassig) 24. September 2016

Über Apollokalypse: Ein Streitgespräch

„Apollokalypse“ ist ein polarisierender Longlistkandidat. Entweder, man bricht angesichts seiner verwinkelten und überdrehten Machart in Lobeshymnen aus oder man lehnt seine Maniriertheit und zahllosen Anspielungen auf Literatur, Kultur und Historie ab. Mit dem begeisterten Buchpreisbloggerkollegen Gérard Otremba habe ich über das sprachgewordene Enfant terrible gesprochen. Er ist voll des Lobes, ich bin von den überkandidelten Spirenzchen des Romans ermüdet. Sophie: Was würdest du als größte Qualität des Romans bezeichnen? Gérard: Die intellektuelle Herausforderung, die „Apollokalypse“ zweifellos darstellt. S: Ja, ich gebe dir insofern Recht, dass der Text seinen Lesern durch den Anspielungsreichtum eine Menge abverlangt. Ihn zu dechiffrieren, ist schon eine Herausforderung. Ab irgendeinem Punkt aber waren mir all diese Anspielungen und Verweise zu anstrengend, zu gewollt, zu konstruiert. Als wollte jemand unbedingt all sein Wissen in einen einzigen Roman pressen und alles auf wahnwitzige Weise miteinander verbinden. Falkner hat sehr lange an diesem Roman gearbeitet, ein paar Jahrzehnte, – so liest er sich. Als hätte er zu viel Zeit zum Reifen gehabt und wäre dadurch ungenießbar geworden. G: Deine Ausführungen sind vollkommen richtig, bis …