Alle Artikel in: Kultur

Berichte vom Besuch kultureller Veranstaltungen

Irgendwas mit Afrika

In den letzten Jahren wird immer häufiger junge afrikanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Die Autorinnen und Autoren erzählen von ihrem Selbstverständnis, ihrer Zerrissenheit zwischen den Welten, von Alltagsrassismus und ihrem Kontinent. Damit scheint allerdings mittlerweile oft ganz automatisch ein bestimmter Phänotyp einherzugehen. Ich erkenne auf einige Meter Entfernung vermutlich mühelos das neue afrikanische Wunderkind der Literatur, wenn es in einer Verlagsvorschau angepriesen oder auf einem Buchtisch drapiert wird. Warum? Afrika ist bunt! Das muss sich dringend auch in der Covergestaltung spiegeln, deshalb kommt dieser Tage kaum eine Neuerscheinung aus dem afrikanischen Raum ohne aparte Muster, typographischen Besonderheiten und gewagte Farbkombinationen aus. Das Buch soll schon von Ferne ausstrahlen, dass es afrikanisch und mithin exotisch ist, man soll die Trommeln schon dröhnen hören und die Löwen brüllen. Früher war mehr Savanne und Giraffe. Heute ist das Gewand afrikanischer Frauen auf die Buchcover übergesprungen. Es ist immer eine kleine Herausforderung für’s Auge, für’s Hirn indessen nicht. Während manche sich darüber freuen können, dass die Gestaltung ihrer Bücher wenigstens gelegentlich variiert, hat Chimamanda Ngozie Adichie das Afrika-Cover auf …

Auf der Couch nach anderswo: die Fernlese-Onlinebuchhandlung

Vor einigen Monaten stieß ich zufällig auf die Fernlese, eine Online-Buchhandlung für Reiselektüre. Ich war sofort von der Idee begeistert, kleine Bücherbündel passend zu verschiedenen Reisezielen zu schnüren. Für jede Region gibt es das richtige Buch, das einführt in die Fremde. Initiatorin Cindy Ruch studierte Internationale Literaturen und arbeitet seit fünf Jahren als Reisejournalistin, Übersetzerin und Fotografin. Sie wohnt in Berlin, wenn sie nicht gerade die Taschen packt. Reisen und Literatur bedeuten ihr viel, die Fernlese ist also die Verschmelzung zweier Leidenschaften. „Fernlesen“, schreibt Cindy in ihrer Einleitung zum Fernlesen, „geschieht, wie jede Reise und jeder Urlaub, in drei Schritten: Vorfreude, Dortsein und Erinnern. Fernlesen kann eine Endlosschleife sein.“ Weil ich von der Idee so entzückt bin, habe ich Cindy ein paar Fragen zu ihrem – hoffentlich bald noch viel bekannteren – Projekt gestellt. Wie ist das Projekt der Fernlese entstanden? Als ich nach Australien ging, hatte ich Bruce Chatwins „Traumpfade“ in meinem Rucksack, in Argentinien las ich Julio Cortázars „Rayuela“ und in Barcelona Mercè Rodoredas „Plaça del diamant “ – schon immer versuche ich meine …

Die Angst vor dem Abgrund

Frei nach dem Diktum Nietzsches, wer mit Ungeheuern kämpfe, möge zusehen, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird, gibt es im Literarischen immer wieder Berührungsängste. Viele schrecken zurück vor „Problembüchern“, die offensichtliche Unbilden des Lebens allzu plastisch thematisieren. Ein Plädoyer für den Abgrund. Sie suche ein Buch für ihre Freundin, aber es dürfe nicht um Probleme gehen. Nicht um Beziehungsquerelen, Scheidungen, Krankheit, Tod oder gar Familie: seit Generationen das Epizentrum von Leid und Verderben. Und einem Kind ein Buch schenken, in dem es um Scheidung geht? Undenkbar! Es geht in dem Roman um häusliche Gewalt. Nein, danke. Psychische Krankheit, nein danke. Körperliche Krankheit, nein danke. Tod oder mindestens Vergänglichkeit, lieber nicht. Die ablehnenden Reaktionen im unmittelbaren Beratungsgespräch kommen prompt, im weniger unmittelbaren Rahmen offener Empfehlungsveranstaltungen sind sie verhaltener. Meistens finden sie ihren Ausdruck in höflichem Desinteresse. Es ist tatsächlich als fühlte man sich vom Abgrund des anderen bedroht, als fürchte man, selbst hineinzustürzen oder mindestens gefährlich davon angezogen zu werden. Als sei das Leid des anderen auf eine kaum fassliche Weise ansteckend, kaum, dass man …

Blogbuster: Phase zwei.

Die erste Phase des Blogbuster-Projekts ist abgeschlossen. Will sagen: alle Manuskripte sind eingereicht und auf die jeweiligen Wunsch-Blogger verteilt. 252 Beiträge gehen ins Rennen, 40 davon sind auf meinem virtuellen Schreibtisch gelandet. Was ist bisher passiert und wie geht es jetzt weiter?  Schon vor Einsendeschluss versuche ich immer wieder, einen Überblick über das zu behalten, was mir vertrauensvoll zur Begutachtung überlassen wird; nicht immer gelingt das. Manches kann ich schnell aussortieren, weil es nicht den Teilnahmebedingungen entspricht, an anderem knabbere ich länger. Ist es gut? Ist es originell? Kann man daraus etwas machen? Schnell fällt mir auf, dass meine öffentlich bekundete Vorliebe für das Abseitige offenbar besonders eine Sorte Text anzieht: die Lebensüberdrussbewältigungsliteratur. Man findet seinen Platz im Leben nicht, ist orientierungslos und demonstrativ gleichgültig; Protagonist versucht gelegentlich erfolglos zu schriftstellern. Literatur wie diese fußt vielleicht häufig auf dem Missverständnis, dass das Abseitige nicht allein durch seine Abseitigkeit Tiefe und Qualität erhält. Mit mehr oder weniger gelungenen Referenzen auf Popkultur und Philosophie versucht mancher seinen Text irgendwie aufzuwerten, meistens erfolglos. Ich verstehe den Gedanken dahinter, …

Das Debüt-Bloggerpreis: Mein Preiskandidat

Fünf Debütromane haben es auf die Shortlist des erstmalig von Bloggerseite ausgelobten Preises für das beste Erstlingswerk des Jahres geschafft. Stilistisch ganz unterschiedlich, einen sie doch alle die Themen Macht und Gewalt in der einen oder anderen Form: persönliche und private Gewalt, politische Verfolgung, Diktatur, Mord, Korruption, Ideologie. Die Entscheidung für einen Favoriten aus diesen fünf AnwärterInnen war keine, die sich aus dem Ärmel schütteln ließ. Katharina Winklers Roman um die junge Filiz, die den grausamsten Formen häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, geht unter die Haut. Nicht nur wegen des Themas, sondern vor allem wegen der zurückgenommenen und bildhaften Sprache, die den Versuch wagt, das Unbeschreibliche zu beschreiben, das Unsagbare zu sagen. Indem Blauschmuck tief in die Gedankenwelt der Betroffenen eintaucht, legt der Roman destruktive Dynamiken und Selbstbilder bloß,  die bereits den Boden für die Gewalt ebnen. Auch Sonja Harters Weißblende spielt nicht zufällig in einem Tal, in dem die umliegenden Berge bereits die Begrenzung der Welt darstellen. Kaum einem Dorfbewohner gelingt es, diese Enge zu überwinden, die wenigsten haben Interesse daran. Es ist „eine unwegsame …

Blogbuster und Hundstage

© Jake Melara. Stocksnap.io. Beinahe vier Wochen sind seit der offiziellen Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse vergangen. Blogbuster läuft, konstant, in etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit. Will sagen: da geht noch was. Mehr zum Beispiel. Für alle, die jetzt noch rätseln, was denn „Blogbuster“ sein soll, dem sei geraten, sich auf der Homepage des Projekts umzutun, an dessen Ende hoffentlich eine vielversprechende neue Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur steht. Wie ergeht es mir nun also, als Bloggerjurorin in den ersten vier Wochen? Mich haben bislang neun Manuskripte ganz unterschiedlicher Thematik und Qualität erreicht. Ausuferndes, Post-Postmodernes mit unzähligen Versatzstücken aus Philosophie und Popkultur samt Fußnoten, Hyperrealismus, der sich in Beschreibungen jeder noch so kleinen Belanglosigkeit erschöpft, Liebesgeschichten von Verflossenen, Verlorenen und Verschmähten, Digital-Hogwarts 2.0, ein Jugendroman. Es ist eine besondere Erfahrung, plötzlich nicht mehr über die Tauglichkeit eines Textes im Endstadium zu entscheiden, sondern sich beim Lesen auch die Frage zu stellen: was könnte daraus noch werden? Braucht es Feinschliff? Ist es originell? Ist es lesbar außerhalb eines elitären Kreises von Eingeweihten, die die Codes darin entziffern und ironisch …

Kurz und knapp rezensiert im November!

Länger hat das k & k-Format pausiert, es wird Zeit, es aus der Mottenkiste zu holen! Margriet de Moor – Schlaflose Nacht Eine Frau wandert nachts in ihrer Wohnung umher, schlaflos, ruhelos. Es ist der Normalzustand seit Jahren. Um sich zur Ruhe zu bringen, tut sie Bodenständiges: sie bäckt. In Rückblenden legt Margriet de Moor die größte Verletzung dieser Frau offen, deren Nachbeben noch immer jede Nacht zu spüren sind: der Selbstmord ihres Mannes. Scheinbar grundlos kam er über sie wie eine Naturgewalt und wirkt in seiner Unbegreiflichkeit lange nach. Sinnlich und einfühlsam rollt de Moor die Geschichte dieser kurzen Ehe und ihrer Nachwrkungen in einer einzigen Nacht auf, am Himmel schließlich doch ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht kann es trotz dieses allumfassenden Endes einen neuen Anfang geben, nach der Einsamkeit wieder Gemeinsamkeit. Das Ganze kommt sehr zart daher und melancholisch, gedämpft wie die Nacht eben so ist, weshalb es einen Satz gibt, der besonders hervorsticht: Ton bumste wirklich nicht wie ein Stoffel. Davon abgesehen: ein lesenswertes Buch über eine menschliche Tragödie, Verlust und Morgengrauen in metaphorischer wie …