Alle Artikel in: Kultur

Berichte vom Besuch kultureller Veranstaltungen

Kurz und knapp rezensiert im November!

Im November geht es um ein außergewöhnliches Talent, außergewöhnliche Taten und die Rückschau auf ein Leben. Die Lebensgeschichte von William James Sidis hat in diesem Herbst gleich zwei Autoren zu ihren Romanen inspiriert. Neben Morten Brask schreibt auch der deutsche Autor Klaus Cäsar Zehrer über die »wahre Geschichte« eines Wunderkindes, das bereits im Kleinkindalter diverse Fremdsprachen beherrschte, inklusive einer selbst erfundenen, und mit elf Jahren in Harvard Vorlesungen über höhere Mathematik hielt. William James Sidis wird ein IQ zwischen 250 und 300 nachgesagt, sein Geist ist darauf ausgelegt, komplexe Probleme zu lösen. Sidis ist vor allem das Ergebnis eines Erziehungsexperiments, an dessen Ende, wäre es nach seinem Vater Boris Sidis gegangen, ein Patentrezept für Genies gestanden hätte. Leider entwickelt sich nicht alles wie gewünscht. William schert aus, er fällt in Ungnade, weil er zwar hervorragend denken, aber kaum mit anderen interagieren kann. Die Zwischentöne menschlichen Umgangs sind ihm fremd, Humor versteht er nicht. Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Geschichte breit von ihrem Beginn als Idee und Theorie bis zum bitteren Ende, mit viel Einfühlungsvermögen, gefällig, …

Kurz und knapp rezensiert im September!

In der neuesten Ausgabe meines Kurzformates geht es um ein Panorama des 20. Jahrhunderts, den Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit und den Versuch, sich freizuschreiben von einem alles verschlingenden Erlebnis. Lübeck kennt sich aus mit kaputten Familien. Im Mittelpunkt dieses wagemutigen Panoramas steht einerseits ein Familienfluch, weitergegeben durch die Linie der Töchter, andererseits das 20. Jahrhundert. Prominent als Knotenpunkt vertreten ist Lübeck, pittoreske Hansestadt mit weit zurückreichender Geschichte. Svealena Kutschke hat sich viel vorgenommen mit ihrem Roman, begleitet drei Generationen der Familie Hinrichs durch Kaisertreue, Meuterei, Goldene Zwanziger, Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis in die 90er Jahre. »Stadt aus Rauch« spielt mit folkloristischen Elementen wie dem Roggenbuk, lässt den Teufel immer wieder am Rande der Szenerie auftreten und Weichen stellen, gibt Unerklärliches zu Protokoll und greift aber auch immer wieder ganz handfeste politische und historische Ereignisse auf, in die sich die Familie als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt. Bei dieser Überfülle an Handlungssträngen und Ideen droht der Roman sich desöfteren zu verzetteln und zu zerfasern. Er will viel, das Große im Kleinen aufscheinen lassen, Lübecks Geschichte erzählen …

Das holt mich nicht ab.

Vor einiger Zeit habe ich auf dem frisch gelaunchten Blog des Internationalen Literaturpreises den Beitrag Bücher, an denen wir gescheitert sind entdeckt und dachte, ich könnte ein Format wie dieses auch hier auf dem Blog einführen. Welche Lektüre hat mich gebrochen, gelangweilt, befremdet, verwirrt? Weshalb nicht auch das eigene Scheitern thematisieren? Natürlich absichtlich vollkommen subjektiv. Gudrun Büchler – Koryphäen Ja, dieser Roman ist thematisch voll am rasenden Puls der Zeit, topaktuell, er bringt eine gewisse »Dringlichkeit« mit, die man immer gern von Manuskripten fordert. Mit seiner Entkörperlichungsthematik, den entscheidenden Algorithmen, mit Überwachung, Entgrenzung, einem zeit- und raumunabhängigen Bewusstsein und einer Firma, die mit »Wahrnehmungsvernetzung« und Daten von Menschen auf der ganzen Welt irgendwie Geld macht – hoch-bri-sant! Auf einer Insel lebt außerdem ein einsamer Mann, der seine Zimmerpflanze verkabelt und ihre Reaktionen aufzeichnet, um daraus irgendwas Bedeutsames zu schließen. Viel Technik, viel Unerklärliches wie das körperlose Schweben in der Schwerelosigkeit, leider auch viel Langeweile. Vermutlich sollte ich verstört sein, aber bin es nicht. Es mag nicht an Gudrun Büchlers Text liegen, sondern an meinem marginal …

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Im Juni geht es um feministische Essays, ein ungewöhnliches Zoo-Exponat und die russische Schwermut aus französischer Feder. Rebecca Solnits Essayband beginnt mit einer exemplarischen Partysituation: ein Mann belehrt Solnit, ungefragt und zunächst ohne es zu wissen, über ihr eigenes Buch. Es bedarf einiger Anstrengung, um ihn davon zu unterrichten, dass das Buch, aus dessen Besprechung er so übereifrig zitiert, von der Frau stammt, die ihm gegenüber steht. Gelesen hat er es selbst noch nicht. Worum es aber geht: mit dem 2/5-Wissen glänzen und das Revier abstecken. Von da aus reißt Rebecca Solnit mit ihren Essays zahlreiche feministische Themen an: die Marginalisierung von weiblichen Stimmen in Machtpositionen (verbunden mit der Schwierigkeit, als Frau überhaupt in solche Positionen zu gelangen), die Häufigkeit von Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Form von Vergewaltigung, Machtverschiebungen und -differenzen und die eheliche Gleichstellung von Homosexuellen. Solnit ist eine scharfe Beobachterin, die klug und differenziert argumentiert und eigene, auch unkonventionelle Gedanken entwickelt. Am Ende steht eine anregende Sammlung ganz verschiedener Texte zu den Themen Feminismus und Gleichberechtigung, die offen zutage treten lassen, was …

Lübeck: Die Buchmacher 2017

Zum dritten Mal gastierten in diesem Jahr am Wochenende um den 23. April in der Lübecker Petrikirche unabhängige Kleinverlage aus der ganzen Republik*. Sie stellten sich und ihre aktuellen Programme vor und gewährten einen unmittelbaren Einblick in die Verlegertätigkeit abseits der großen Häuser. Mit über zwanzig teilnehmenden Verlagen gab es viel zu entdecken. Lübeck ist bislang bekannt für sein Marzipan, sein gefährlich schiefes Holstentor, für Thomas Mann und Günter Grass. Mit den BUCHMACHERN beginnt sich nun seit 2015 ein Veranstaltungsformat zu etablieren, das Indieverlagen aus der ganzen Republik und darüber hinaus eine Bühne bietet. Glücklicherweise gibt es noch eine sehr diverse und lebendige Kleinverlagslandschaft, in der ein gewisser Hang zum Wagemut und eine ausgeprägte idealistische Leidenschaft für die Literatur als solche Überlebensvoraussetzungen sind. Plattformen wie die BUCHMACHER sorgen dafür, nicht nur den Verlagen Zugang zur lesenden Öffentlichkeit zu schaffen, sondern auch der lesenden Öffentlichkeit Entdeckungen zu ermöglichen, die sie in zentralistisch geführten Buchhandelsketten immer weniger machen können. Mithin stieß man am 22. und 23.April wieder an jedem Stand auf liebevoll und wertig ausgestattete Bücher, wiederentdeckte …

6 Tipps für #verlagebesuchen

Am 23. April wird wieder landauf landab der Welttag des Buches begangen. Bereits im letzten Jahr gab es mit #verlagebesuchen, in noch deutlich kleinerem Rahmen, ein neues Veranstaltungsformat, das Interessierten einen Blick hinter die Kulissen der Verlagsbranche ermöglichte. In diesem Jahr kann man mit über 80 teilnehmenden Verlagen von einer weit größeren Dimension sprechen. Sie sitzen in Berlin, Hamburg und München, aber auch in Paderborn, Bielefeld, Dresden oder Kassel. Die deutsche Verlagslandschaft ist glücklicherweise noch immer vielfältig und das bildet sich in einem Projekt wie #verlagebesuchen ab. Am Wochenende rundum den Welttag des Buches öffnen sich die Türen von Fach- und Sachbuchverlagen, Belletristikverlagen, Kunstbuchverlagen, Digitalverlagen, Kinder- und Jugendbuchverlagen. Als BesucherIn kann man u.a. ein Kochbuch konzipieren, erleben wie Hörbucher entstehen oder einfach eine Menge Fragen stellen, die einem als Außenstehendem so auf der Seele brennen. Ich habe sechs Veranstaltungen herausgepickt, die mich persönlich am meisten interessieren. Hier könnt ihr aber selbst einen Blick auf das vielfältige Gesamtprogramm werfen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei! Reprodukt (Berlin) 21.April; 17:00 – 18:00 Als große Freundin von …

Blogbuster: Anachronismus und Dörflichkeit

Der Blogbusterwettbewerb neigt sich dem Ende entgegen. Am 11.April werden die drei Shortlistkandidaten bekanntgegeben, am 04.Mai findet im Literaturhaus Hamburg die offizielle Preisverleihung statt. Unterdessen haben die teilnehmenden BloggerInnen ihren KandidatInnen Löcher in die Bäuche gefragt, das Longlistlesebuch wurde fleißig heruntergeladen und beurteilt, die Jury hat diskutiert. Ich möchte nochmal einen Blick werfen auf meine Herzenskandidatin Doris Brockmann und ihren Text „In Bhutan steckt Hut“. Während andere zukünftige Welten in düsteren Farben malen, schreibt Doris Brockmann Worte wie „alsdann“ und strickt ihre Geschichte um eine „Putzmacherin“. Nicht, dass es heute keine mehr gäbe, aber man würde sie ModistInnen nennen, Designer womöglich. Während es andernorts um Mord und Totschlag geht, um nutzlos gewordene Gewissheiten und zerfallende Gefüge, herrscht in In Bhutan steckt Hut noch ein Glauben an Althergebrachtes, Traditionelles und Bewährtes. Das Leben kann noch Lehrmeister sein. Es ist viel die Rede von „wir“ und „man“ und obwohl die Erzählstimme stark durchdrungen ist von Rosas Gedanken und Gefühlen, sucht man ein Ich vergebens. Keine Spur von moderner Vereinzelung, von Hektik oder Weltlage. Ort und Geschehen scheinen …