Alle Artikel in: Klassiker

Mark Twain – Knallkopf Wilson

Mark Twain (1835-1910, eigentlich Samuel Langhorne Clemens) gehört wohl zu den bekanntesten amerikanischen Realisten. Berühmtheit erlangte er vorallendingen durch seine Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und seine Reisebeschreibungen. Seine humoristischen Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, jedoch gab es auch den gesellschaftskritischen und zynischen Twain, den man neben den gefälligen Abenteuergeschichten leicht vergisst. Knallkopf Wilson ist hierfür ein gutes Beispiel. Mark Twain ist der bei weitem bedeutendste amerikanische Schriftsteller … Ich spreche mehr von dem Soziologen als von dem Humoristen Twain. Sicherlich ist er in fast derselben Lage wie ich. Er muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß. … sagte George Bernard Shaw über Mark Twain und hatte damit vermutlich nicht Unrecht. Knallkopf Wilson ist, trotz seines relativ geringen Umfangs, eine sehr vielschichtige und gewissermaßen auch genreübergreifende Erzählung. Man kann es als Kriminalgeschichte lesen, als bissige Satire auf den Südstaatendünkel zu Zeiten der Sklaverei, man kann es lesen als Streitschrift gegen eben jene Sklaverei oder als Geschichte eines Lebens, das bleibt jedem selbst überlassen. …

Raymond Carver – Würdest du bitte endlich still sein, bitte

Raymond Carver (1938-1988) war ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte am Chicago State College Creative Writing und veröffentlichte zu Lebzeiten in vielen Zeitschriften seine Kurzgeschichten. Carver wird dem literarischen Minimalismus zugerechnet. Zu großer Berühmtheit gelangte Carver durch den Erzählband Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, der auch im Rahmen des Fischer Klassiker Programms neu gestaltet veröffentlicht wurde. Carver thematisierte das Leben des armen, weißen Amerikaners, der verzweifelt und von persönlichen Tragödien gezeichnet an eben diesem Leben zerbricht. Raymond Carver ist ein schwieriges Kapitel. Spricht man von ihm, muss man unweigerlich auch seinen Lektor Gordon Lish erwähnen, der, nach heutigem literaturwissenschaftlichen Stand, mehr als nur kleine Schönheitskorrekturen an Carvers Texten vorgenommen hat. Das behalten wir im Hinterkopf, wenn wir von Carvers lakonischem Stil sprechen. Seine Themen – Alkoholsucht, Verrat, Betrug, Gewalt, Verzweiflung und Einsamkeit – sind Themen, die ihn wohl auch in der ein oder anderen Weise selbst betroffen haben. Carver kam aus dem Milieu, für das er schrieb. Seinen Geschichten haftet eine Schwere an, die schwierig in Worte zu fassen ist. Charakteristisch für diesen oben …

Michail Bulgakow – Hundeherz

Michail Bulgakow (1891-1940) war ein russischer Schriftsteller und gilt als einer der größten Satiriker der russischen Literatur. Eines seiner berühmtesten Werke ist sicherlich Der Meister und Margarita, hier vorliegende Parabel war in der Sowjetunion bis 1987, über fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, verboten. Es ist Mottowoche! „Hunde, die eigentlich keine sind.“ Nein, selbstverständlich nicht, – es passte bloß so hervorragend zu Mr.Chartwell, das ich diese Verbindung kurz hervorheben musste, auch wenn sie tatsächlich bloßer Zufall ist, der mir erst später auffiel. Mit Hundeherz ist es eine ganz interessante Geschichte, denn man hielt es damals für derart brisant, scharfzüngig und gefährlich, dass es unmöglich an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Bulgakows Verleger ließ über ein Parteimitglied ausrichten: Sie ist eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht … Was ist nun also so schlimm daran, dass man diese Parabel jahrzehntelang in der Versenkung verschwinden ließ? Eigentlich finden wir hier den sowjetischen Frankenstein. Der Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski sammelt auf der Straße einen halb verhungerten und verletzten Hund auf und …