Alle Artikel in: Klassiker

Samuel Selvon – die taugenichtse

Mit The Lonely Londoners hat Samuel Selvon 1956 einen Ton in die Literatur gebracht, der bis dato einzigartig war. In einer kreolisch-englischen Kunstsprache erzählte Selvon von karibischen Arbeitsmigranten und ihrem täglichen Überlebenskampf in der Metropole. Nun ist der Roman, sechzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen, so gekonnt wie lebendig von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt worden. Nicht nur in Deutschland verließ man sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Landes auf Gastarbeiter, auch Großbritannien warb Ende der 40er Jahre massiv um Migranten, da es der heimischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelte. Sie kamen ab 1948 vor allem von den karibischen Inseln, aus Jamaika, Trinidad oder Barbados. Sie arbeiteten vor allem in Fabriken oder im Transportwesen für einen Hungerlohn; der Zugang zur britischen Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen, trotz günstiger Prognosen, überwiegend verschlossen. Der Rassismus, so heißt es auch in Selvons Roman, war ausgeprägt und omnipräsent, jedoch immer ummantelt mit britischer Höflichkeit und Zurückhaltung. Auch Samuel Selvon gehört zu diesen karibischen Arbeitsmigranten. Es verschlägt ihn nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt in dieselben Stadtviertel wie seine Protagonisten: …

Arthur Schnitzler – Später Ruhm

Eduard Saxberger hat vor gut dreißig Jahren einen Gedichtband geschrieben, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbeeindruckt zur Kenntnis genommen worden ist. „Die Wanderungen“ gerieten, wie ihr Verfasser, in Vergessenheit, bevor sie überhaupt so richtig bemerkt werden konnten. Saxberger wird Beamter und verwirft eine schriftstellerische Laufbahn, bis eines Tages ein junger Mann vor seiner Tür steht, der sich als glühender Verehrer seines Frühwerkes herausstellt. *Rezension enthält Spoiler Unter dem Scheitern seines frühen Lebenstraumes hat Eduard Saxberger nie besonders gelitten. Zwar hat er seine Gedichte in der Jugend mit einiger Verve verfasst, allerdings blieben sie auch seine einzige Veröffentlichung. Er führt ein einfaches Junggesellendasein, trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden in einer Gastwirtschaft zum Billard und verschwendet darüber hinaus keinen Gedanken mehr an seine längst begrabene Dichterkarriere. Als eines Tages aber Wolfgang Meier vor seiner Tür steht, der vor lauter Inbrunst und Ehrerbietigkeit nahezu durch seine Wohnung vibriert, ändert sich einiges. Meier lädt ihn zu seinem Dichterstammtisch ein. Deren Mitglieder würden Saxberger allesamt bewundern und über sein Kommen sicher hocherfreut sein. Der Alte lässt sich überreden und …

Pierre Bost – Bankrott

Bankrott gehen kann man auf ganz unterschiedliche Weise – ganz klassisch finanziell, aber auch persönlich, moralisch. In Pierre Bosts ursprünglich 1928 erschienenen Roman gerät Zuckerfabrikant Brugnon in einen Strudel des Scheiterns, der in einer ganz umfassenden Weise sein bisheriges Leben wie ein zerstörerischer Strom mit sich reißt. Am Ende ist er persönlich und finanziell ruiniert. Das Wort Bankrott geht ursprünglich auf den italienischen Ausdruck „banca rotta“ zurück, der soviel wie „zerschlagener Tisch“ bedeutet. Dem zahlungsunfähigen Schuldner wurde zur Zeit der Renaissance der Tisch zerstört, an dem Geldwechsler ihre Dienste anboten, wenn er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Um Verpflichtungen geht es auch Bosts Protagonist Brugnon in erster Linie. Er übernimmt als Nachfolger seines Vaters den Familienbetrieb und macht sich schnell als windiger, gelegentlich ungestümer Unternehmer einen Namen, dem in der einschlägigen Boulevardpresse der Ruf vorauseilt, verrückt zu sein. Oder psychisch wenigstens verhaltensauffällig. Schon sein Vater hatte Brugnons Eifer nie dämpfen oder in die Schranken weisen können; er ist das, was wir heute einen Workaholic nennen. Stets auf seinen Erfolg bedacht, diszipliniert, bis zur vollständigen …

Sigismund Krzyzanowski – Der Club der Buchstabenmörder

Im Club der Buchstabenmörder treffen Männer unter der Prämisse zusammen, ihre kreativen Einfälle und literarischen Fantasien auf keinen Fall in schriftlicher Form zu Papier zu bringen. Gewissheit tötet Freiheit, Tinte auf Papier Ideen. Indem sie ihnen eine Leine um den Hals legt und sie damit in eine strenge Form nötigt. So treffen sich also diese Herren unter der Schirmherrschaft eines einstmals bekannten und gefragten Schriftstellers samstäglich in trauter Runde, um sich nach Boccaccio-Manier Geschichten zu erzählen. Die Werke Sigismund Krzyzanowskis sind, trotzdem er seinerzeit einige bekanntere Fürsprecher hatte, bis heute den meisten unbekannt. Sie werden aufgrund ihrer phantastisch-düsteren Färbung häufig verglichen mit Kafka, Poe, E.T.A. Hoffmann oder Borges, was sich im Mitte der 1920er geschriebenen „Der Club der Buchstabenmörder“ deutlich widerspiegelt. Durch den Tod seiner Mutter gezwungen, den Großteil seiner Privatbibliothek zu veräußern, um zur Beerdigung zu reisen, sieht sich ein Schriftsteller plötzlich mit der inspirierenden Kraft der Leere konfrontiert. Während er anfangs noch versucht, bekannte Geschichten wie Cervantes‘ Don Quijote so gut es geht vor dem leeren Regal zu rekapitulieren, entwickeln seine Fantasien ein …

Evelyn Waugh – Lust und Laster

Das Leben ist eine niemals endende Party und überhaupt ein Umstand, der nur durch den permanenten Rausch ertragen werden kann. Würde man mit Evelyn Waughs ursprünglich 1930 erschienenen, glänzenden Satire auf die entfesselte Partygesellschaft der Roaring Twenties ein Trinkspiel veranstalten, man könnte innerhalb kürzester Zeit so betrunken sein wie ihre Protagonisten. „Schätzchen, lass uns noch einen Drink nehmen“, ist der mutmaßlich am häufigsten gesprochene Satz in Evelyn Waughs ,Lust und Laster‘, das im Frühjahr in einer Neuübersetzung von pociao erschienen ist. Im Mittelpunkt der Feierwütigen steht Adam Fenwick-Symes, ein junger Schriftsteller, dessen fertiges Manuskript bei einer Einreise nach England als pornographisch konfisziert und vernichtet wird. Nicht nur sein mögliches Ticket zu Ruhm und Reichtum geht damit in Flammen auf, auch seiner losen Hochzeitsabsicht mit Nina können nun keine Taten mehr folgen. Schließlich heiratet Nina nur Männer mit Geld. So gern sie heiraten würde – um des Heiratens willen -, da hat sie ihre Prinzipien, die durch keinen Liebhaber dieser Welt gebrochen werden können. Es beginnt ein höchst amüsantes Spiel, bei dem Adam durch aberwitzige Situationen …

Charles Jackson – Das verlorene Wochenende

Er war die Freundlichkeit in Person, außer zu sich selbst, schrieb Arthur Miller in seinen Erinnerungen über Charles Jackson. Über den Mann, der 1944 mit seinem Alkoholikerdrama ,The Lost Weekend‘ eine Berühmtheit und Anerkennung erlangte, die ihm nach diesem Roman und Billy Wilders Verfilmung nicht mehr zuteil werden sollte. Jackson war bereits 41, als er diesen packenden Debütroman schrieb, sicherlich in vielerlei Hinsicht inspiriert vom eigenen Leben und Leiden. Auch Jackson selbst kämpfte zeitlebens mit seiner Medikamenten – und Alkoholabhängigkeit, bis er sich schließlich im September 1968 das Leben nahm; literarisch weitgehend bedeutungslos und seinen Dämonen niemals Herr geworden. Vieles hat er mit seinem Romanhelden Don Birnam gemein, für dessen Verkörperung Ray Milland 1946 einen Oscar gewann. Er nahm an, dass er nur einer von mehreren Millionen Menschen seiner Generation war, die erwachsen geworden waren und irgendwann um die dreißig die verstörende Entdeckung gemacht hatten, dass das Leben sich nicht so entwickelte, wie sie es sich immer vorgestellt hatten; doch warum diese Erkenntnis ihn umwerfen sollte und nicht sie – oder nicht sehr viele von …

Oscar Wilde – Bunbury

Bunburyismus ist nicht erst seit Oscar Wilde ein zweifelhafter, wenn auch bisweilen notwendiger Charakerzug. Tatsächlich haben wir wohl alle unseren Bunbury, unsere kleine Lebenslüge, unsere Hintertür. Selten aber wurde diese Hintertür auf so amüsante wie absurde Weise in Worte gekleidet. The Importance of Being Earnest ist auch heute noch erschreckend aktuell.