Alle Artikel in: Graphic Novel

Barbara Yelin – Irmina

Irmina von Behdinger ist Teil eines Austauschprogramms, das sie 1934 aus Deutschland nach London führt. Sie macht an der Commercial School eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin und lernt auf einer wenig amüsanten Cocktailparty den schwarzen Jurastudenten Howard kennen. Ihrer beider Außenseiterposition schweißt sie zusammen, aber der Lauf der Dinge trennt sie und weist beiden in den nächsten Jahren ganz verschiedene Rollen zu. Irmina ist Deutsche und wird, ganz gleich, welches Gespräch sie führt, in England unweigerlich auf Hitler angesprochen. 1934 stirbt Hindenburg und Hitler übernimmt auch noch das Amt des Reichspräsidenten, Irminas Anwesenheit in England wird abwechselnd als deutsche Infiltration oder politische Flucht betrachtet. Man fragt sie, ob sie Kommunistin sei. Oder Jüdin. Oder auf der Suche nach einem reichen englischen Mann. Nein, eigentlich möchte sie nur in London ihre Ausbildung absolvieren, mit der großen Politik hat sie wenig zu schaffen. Irmina ist weitgehend unpolitisch, sie steht den Ereignissen in Deutschland passiv bis gleichgültig gegenüber, ja, ist sogar genervt von den ständigen Fragen und Gesprächen über Hitler. Sie verkennt, wie viele Deutsche damals, jedenfalls fraglos die …

Richard McGuire – Hier

In der Gegenwart zu leben, gilt heute als allgemein anerkannte und empfohlene Art, seine Existenz zu bewältigen. Wer seinen Fokus zu sehr auf die Vergangenheit legt, ist rückwärtsgewandt und starr, wer mit seinen Gedanken immer wieder in die Zukunft abschweift, weiß den Moment nicht zu schätzen. Für die YOLO-Philosophie, so der Begriff „Philosophie“ für dieses Lebenskonzept nicht ein paar Nummern zu groß ist, zählt nur der Augenblick. Dass aber auch alles nebeneinander existieren kann, beweist Richard McGuire mit seiner ungewöhnlichen Graphic Novel „Hier“. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie die Gegend, in der er lebt, früher einmal aussah? Die Antworten darauf geben häufig Archive oder Stadthistorien, vielleicht noch einige Zeitzeugen. Was stand hier, bevor mein Wohnhaus gebaut wurde? Was wird hier einmal in fünfzig oder hundert oder zweihundert Jahren stehen? Immernoch das Haus? Wird sich die Natur womöglich die Fläche zurückerobert haben? Insbesondere die Zukunftsfragen können natürlich allenfalls mit Prognosen beantwortet werden, mit Wahrscheinlichkeiten. In Richard McGuires „Hier“, dessen Idee bereits erstmals 1989 in ihrer Urfassung als Schwarz-Weiß-Comic im RAW-Magazin erschienen ist, dreht …

Lukas Jüliger – Vakuum

Die Jugend ist gemeinhin ein Zustand, den man oft verflucht, wenn man sich mitten in ihm befindet, aber nostalgisch verklärt, wenn der Abstand groß genug ist. In Lukas Jüligers ,Vakuum‘ wird es langsam Sommer, etwas liegt in der Luft, blüht und knospt. Es ist nicht nur der Sommer oder der Schulabschluss, es ist mehr. Eine brodelnde Bewegung unter der Oberfläche, die kaum jemand wahrzunehmen scheint. Außer vielleicht der Junge, dessen Freund all seine Pflanzen verschenkt und Elektrogeräte verbrennt. Er, dessen Name nicht genannt wird, ist etwas einsam und melancholisch. Sein japanischer Freund Sho ist bereits seit Monaten nicht mehr derselbe, mutmaßlich seit sie gemeinsam die Blüten einer besonderen Pflanze zu Tee verarbeitet haben. Sho verschwindet immer wieder, ist geistesabwesend, beinahe leblos, sieht man von den notwendigsten Verrichtungen ab. Sho verschenkt seine gesamte Habe. Was dem einen wie ein Neuanfang erscheinen will nach dem Zusammenbruch, erscheint manch anderem wie ein letztes Abschiednehmen. Zur gleichen Zeit lernt der Junge ein Mädchen kennen. Sie ist ebenso einsam wie er, beobachtet menschliches Miteinander mehr als dass sie selbst Teil …

Raphaela Buder – Die Wurzeln der Lena Siebert

Lenas Mutter glaubt, dass die Welt voller ,Scientogen‘ ist. Und die sind böse und gefährlich. So jedenfalls versteht sie die ständige Angst ihrer Mutter, die sie natürlich in ihrem Alter nicht als Verfolgungswahn identifizieren kann. Nachdem die Situation auf der Straße eskaliert, wird Lenas Mutter in eine Klinik eingewiesen, Lena selbst kommt zu einer Pflegefamilie. Raphaela Buders Comic, das in diesem Jahr mit dem Graphic-Novel-Förderpreis AFKAT ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte aus Lenas kindlicher Sicht. Lena lebt mit ihrer Mutter allein in der Großstadt, in einem dieser bekannten Problemstadtteile, in denen man HartzIV für eine komfortable Sache und Schulen für Unsinn hält. Sie ist gewohnt, dass ihre Mutter sie stets vor den ,Scientogen‘ (also: Scientologen) warnt, die unbemerkt jeden Tag auf der Straße umhergehen. Es könnte jeder sein, man sieht es ihnen nicht an. Lena wächst mit dem Gefühl auf, dass die Welt ein tendentiell bedrohlicher Ort ist, an dem man sich besonders vor Fremden in Acht nehmen muss. Sie hat nicht viele Freunde. Lena aber ist noch viel zu jung, um die Situation zu …

Paco Roca – Kopf in den Wolken

Paco Roca gilt als einer der erfolgreichsten Comiczeichner Spaniens. Hat er mit ,Der Winter des Zeichners‚ einen Blick auf fünf leidenschaftliche Zeichner und deren Versuch geworfen, ein eigenes Magazin zu veröffentlichen, begleitet ,Kopf in den Wolken‘ den alten Emilio auf seinem Weg ins Vergessen. Ein anrührendes und einfühlsames Werk über das das Alter und Demenz. Emilio war einst Leiter einer Bank. Akkurat, vertrauenswürdig, genau. Im Alter jedoch wird er zusehends schusselig. Er vergisst, dass er längst nicht mehr arbeitet und schlägt seinen Kindern im Gespräch aufgrund ihrer finanziellen Lage ein vermeintlich erbetenes Darlehen aus. Immer wieder kann Emilio Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheiden. Seine Kinder entschließen sich, letztlich mit der Situation überfordert, Emilio in ein Pflegeheim zu bringen, wo er fachkundige Betreuung erfährt. Und sie selbst nicht allzu oft auftreten müssen. Zwar verabschieden sie sich mit der Beteuerung, ihn oft zu besuchen; diese guten Absichten bleiben aber weit mehr Lippenbekenntnis als dass sie in die Tat umgesetzt werden. Schade, im Pflegeheim, das Paco Roca zeichnet, aber nicht ungewöhnlich. Mancher versucht verzweifelt, seinen Optimismus beizubehalten und …

Alison Bechdel – Wer ist hier die Mutter?

Nachdem Alison Bechdel in ,Fun Home‚ ihre Kindheit und die Beziehung zu ihrem Vater näher unter die Lupe nahm, beschäftigt sich ,Wer ist hier die Mutter?‘ (Original: „Are you my mother“?) mit einem schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnis, das sich in einem bravourösen Spagat zwischen eigenen Erinnerungen, psychoanalytischen Theorien und Virginia Woolf ein Stück zu klären beginnt. Alison Bechdel wächst in einer Kleinstadt im Nordwesten der USA auf. Ihre Eltern sind Lehrer, die nebenbei ein Bestattungsunternehmen führen, das Verhältnis ist eher unterkühlt. Das bessert sich nicht maßgeblich, nachdem sie ihren Eltern mitteilt, dass sie lesbisch ist. Die Mutter geht zunächst erschrocken auf Abstand, erzählt der Tochter jedoch dann, dass der Vater homosexuell sei und sie bereits mit mehreren Männern betrogen habe. Bechdels Vater stirbt, als sie 19 ist, bei einem Verkehrsunfall. Sie jedoch interpretiert es im Nachhinein als Selbstmord, da ihre Mutter angesichts seiner zahlreichen Affären die Scheidung eingereicht hatte. Ist ,Fun Home‚ eher die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Vater, widmet sich Alison Bechdel in ,Wer ist hier die Mutter‚ mehr ihrer distanzierten und unnahbaren Mutter, von der …

10 Graphic Novel Tipps

Viele würden sich gern mal an das Genre Graphic Novel heranwagen, finden aber den richtigen Einstieg nicht. Die Auswahl ist groß, die Qualität ist, wie überall, schwankend. Kürzlich erst habe ich die eher experimentell gestaltete Graphic Novel ,Jimmy Corrigan‚ vorgestellt, die sich vermutlich mehr an ein etwas geübteres Publikum richtet. Nun habe ich zehn weitere Tipps zusammengetragen, Klassiker und neuere Exemplare, die den Einstieg in die Welt der Comics erleichtern und ihre Vielfältigkeit abbilden. 1. Marjane Satrapi – Persepolis Ein absoluter Klassiker unter den Graphic Novels mit politischem Hintergrund. Marjane Satrapi wächst in Teheran zur Zeit der Islamischen Revolution auf. Viele ihrer Verwandten sind inhaftiert worden, Unruhen bestimmen das Land. Mit 15 verlässt sie den Iran und geht nach Wien, um dort in stabileren Verhältnissen eine Ausbildung zu beginnen. Doch was anfangs wie eine große Chance erscheint, entpuppt sich als sehr viel schwieriger als gedacht. ,Persepolis‘ wurde sogar zu einem Animationsfilm gemacht. Politisch, autobiographisch, authentisch! Marjane Satrapi – Persepolis, Süddeutsche Zeitung Edition, 347 Seiten, 9783866158719, 19,90 € 2. Will Eisner – Ein Vertrag mit Gott …