Alle Artikel in: Graphic Novel

Riad Sattouf – Esthers Tagebücher

Die zehnjährige Esther führt ein Leben zwischen Iphone und YouPorn, auch wenn sie ersterem erfolglos hinterherschmachtet und von zweiterem bloß weiß, dass die Jungs in der Schule davon reden. Riad Sattouf dokumentiert in seiner als langfristiges Projekt angelegten ersten Reportage das Aufwachsen und den Alltag eines französischen Mädchens an der Schwelle zum vielzitierten Ernst des Lebens. Wie lebt es sich heutzutage als zehnjähriges Mädchen? Was ist wichtig und hip? Riad Sattouf, der u.a. mit seinen autobiographischen Comics Der Araber von morgen bekannt geworden ist, richtet sein Augenmerk nun auf eine ganz andere Lebenswirklichkeit. Als Chronist von Esther setzt er ihre Alltagsgeschichten grafisch um. Dabei geht es um die Spiele mit ihren Freundinnen, die Jungs in der Klasse, angesagte Musik und die allmähliche Orientierung in der Welt. Esther ist ein Papakind und voller Bewunderung für ihren starken Beschützer. Im Gegensatz zu ihrem Bruder besucht sie eine Privatschule, die die Eltern sich einiges kosten lassen. Sattoufs Aufzeichnungen sind aber nicht nur Einblicke in die ganz normalen Sorgen und Nöte einer Zehnjährigen, sie sind auch Zeitdokument und Spiegel …

10 Graphic Novel Tipps Part 2

2014 habe ich zum ersten Mal empfehlenswerte Graphic Novels in einem Beitrag gesammelt. Mit dabei waren Klassiker wie Marjane Satrapi, Will Eisner, Art Spiegelman und der leider kürzlich verstorbene Jiro Taniguchi. Es ist Zeit für einen zweiten Teil. Paco Roca – Kopf in den Wolken Mit Paco Roca kann man eigentlich nie viel falsch machen. Ob mit Der Winter des Zeichners, la casa oder Kopf in den Wolken; Roca beweist stets einen Blick für die Details und Widrigkeiten menschlichen Miteinanders. Kopf in den Wolken erzählt auf mitfühlende und humorvolle Art von Emilio, dessen beginnende Demenz ihm langsam, aber stetig alle Selbstverständlichkeiten seines Lebens nimmt. Was bedeutet es, alt zu werden? Was bleibt von uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren? Paco Roca: Kopf in den Wolken, aus dem Spanischen von André Höchemer, Reprodukt Verlag, 104 Seiten, 18 € Richard McGuire – Hier Dass die Vergangenheit immer auch in der Gegenwart präsent ist, zeigt Richard McGuires Meisterwerk Hier. Es kommt beinahe gänzlich ohne Text aus, von den Datumsangaben abgesehen und bildet ein Haus im Wandel der Zeit …

Richard McGuire – Erzählende Bilder

Bereits mit „Hier“ hat Richard McGuire bewiesen, dass er ein ungewöhnlicher, ein überraschender und experimentierfreudiger Künstler ist. Seit 2005 entwirft er neben Coverbildern auch Vignetten für The New Yorker, der es sich charmanterweise nach wie vor erlaubt, dieser Kunstform aus früheren Tagen eine Bühne zu bieten. Einige dieser Vignetten liegen nun in dem Band Erzählende Bilder gesammelt vor. Die einzelne Vignette ist leicht zu übersehen. Sie trennt gleichsam Textabschnitte und verziert das Dazwischen. Und sie unterliegt gewissen Regeln, insbesondere hinsichtlich ihrer Größe. Als künstlerische Dekoration sollte sie den Text umspielen und umschmeicheln, nicht etwa durch zu augenfällige Präsenz in den Schatten stellen. Sie muss, so schreibt Luc Sante in seiner Einleitung zu McGuires Arbeiten, für sich selbst und allein stehen können, da oft mehrere Seiten zwischen den einzelnen Vignetten liegen. Richard McGuire hat es in den über zehn Jahres seines Schaffens als Textdekorateur unbestritten zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Seine Bilder funktionieren sowohl ganz separat für sich als auch im Verbund. Sie erzählen Geschichten oder nehmen sich eines speziellen Motivs an, das in den aufeinanderfolgenden …

Paco Roca – la casa

Mit Der Winter des Zeichners und Kopf in den Wolken hat sich der Spanier Paco Roca bereits einen Namen gemacht. Einfühlsame Geschichten und Zeichnungen sind sein Steckenpferd, individuelle Erlebnisse, das Kleine und Überschaubare, in dem sich Fragen größerer Relevanz verbergen. Bereits bei Kopf in den Wolken beschäftigte Roca sich mit dem Altern, dem Erinnern und Vergessen, allerdings aus der Perspektive eines Demenzpatienten. la casa wählt den Blickwinkel der Zurückbleibenden. Nach dem Tod ihres Vaters kehren drei ungleiche Geschwister in das Ferienhaus ihrer Kindheit zurück. Dort hat der Vater die letzten Jahre allein verbracht, die Beete umgegraben und den Garten gepflegt. Eigentlich treffen die Geschwister bloß aufeinander, weil sie das Haus entrümpeln und verkaufen wollen. Doch im Zuge der gemeinsamen Arbeit, der gemeinschaftlichen Erinnerung an den Verstorbenen kommen sie sich nicht nur untereinander wieder näher, sie entdecken auch Facetten ihres Vaters, die ihnen zu seinen Lebzeiten verborgen geblieben sind. So hegte und hätschelte der Vater einen Feigenbaum wie kaum ein anderes Gewächs in seinem Garten, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte. Wie auch in seinen …

Riad Sattouf – Der Araber von morgen

Riad Sattouf, Marjane Satrapi, Zeina Abirached – sie alle sind in Regionen aufgewachsen, die wir heute überwiegend mit Terror, Krieg und Leid assoziieren. Sattouf in Syrien und Libyen, Satrapi im Iran, Abirached im Libanon. Und nicht nur ihre Herkunft eint sie, sondern auch die Tatsache, dass sie sich ihrer Biographie zeichnerisch annähern. Für seine auf fünf Bände angelegte Reihe „Der Araber von morgen“ wurde Sattouf 2015 beim Comicfestival in Angoulême als Bestes Album ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich zeigt, denn Sattouf gelingt ein unverstellter Blick auf den Nahen Osten und die Menschen. Der kleine Riad ist ein Charmeur. Wegen seiner ungewöhnlich blonden Haare und seiner großen Augen wird er von Verwandten und Bekannten wie Fremden bei jeder Begegnung getätschelt und bewundert als sei er eine vom Aussterben bedrohte Spezies.  Seine Eltern Clémentine und Abdel-Razak lernen sich in Frankreich kennen, während sein aus Syrien stammender Vater an der Sorbonne studiert. Da er aus einer illiteraten Familie stammt, ist er besessen von seiner medizinischen und akademischen Karriere. E will es zu etwas bringen, aus seinen Möglichkeiten etwas …

Prudhomme & Rabaté – Rein in die Fluten

Ein einziger Tag am Strand bringt notgedrungen ganz verschiedene Arten von Menschen zusammen. Alte, Junge, Kinder, Künstler, Dynamische, reglose Sonnenanbeter und -beterinnen, alte Herren mit Bauch und Hund, hochgeschlossen Gekleidete und ganz Freizügige, ganz grob gesagt: einen passablen Querschnitt der Lebensform Mensch. Einfühlsam, witzig und mit einer fantastischen Beobachtungsgabe führen David Prudhomme und Pascal Rabaté durch den heißen Sand. Man kennt das ja. Im Hochsommer sind die Züge und Straßen voll von Ausflüglern, die sich mit Sand zwischen den Zehen die Sonne auf’s Haupt brennen lassen wollen. Es sind Familien und alte Ehepaare, Jugendliche oder Einzelgänger, die es alle gleichermaßen ans Meer zieht. Prudhomme und Rabaté öffnen in ihrer Graphic Novel den so heterogenen Mikrokosmos „Strand“, in dem sich auf vergleichsweise engem Raum alles arrangieren kann und muss. Ein Vater sucht nach Meeresfrüchten für die nächste Mahlzeit, ein schmerbäuchiger Alter flaniert mit seinem Hund durch die Badegäste, in einem Wettbewerb wird die schönste Sandskulptur gekürt. An der Promenade sind gerade Pfannensets im Angebot und im Café kämpft eine Frau mit der richtigen Formulierung für die …

Zeina Abirached – Das Spiel der Schwalben

Zeina Abiracheds Graphic Novel spielt 1984 in Beirut, mitten im libanesischen Bürgerkrieg. Sie ist damals drei Jahre alt und kennt die Welt ausschließlich im Kriegszustand. Zurückgezogen in einem Wohnhaus, das durch Sandsäcke und Stacheldraht weitgehend isoliert in einer künstlichen Sackgasse liegt, lebt sie mit ihrem Bruder, ihren Eltern und den Nachbarn in ständiger Anspannung. Einer Anspannung aber, die längst zum Alltag gehört und von den Bewohnern immer wieder durchbrochen wird. Mit Humor, Witz und Geschichten begegnen sie den Grauen des Krieges. Zeina Abiracheds Eltern besuchen an diesem Tag 1984 gerade Zeinas Großmutter, als die Bombardements in der Stadt so massiv werden, dass sie vorerst nicht nach Hause zurückkehren können. Obwohl ihr Wohnhaus nur wenige Straßen von ihrer Mutter entfernt liegt, wäre die Gefahr auf offener Straße viel zu groß. Während man im Viertel bereits recht pragmatisch Strategien entwickelt hat, dem günstig positionierten Heckenschützen auszuweichen – eine penibel einstudierte Choreographie aus Rennen, Warten, Klettern und Springen -, zwingen die Bombardements noch immer zum Rückzug. Der Krieg ist allgegenwärtig, keine unsägliche Ausnahmeerscheinung mehr, sondern eine dauerhafte Lebenswirklichkeit …