Alle Artikel in: Erzählungen

Juri Sternburg – Das Nirvana-Baby

Was ist Widerstand in einer Zeit, in der selbst konsum – und gesellschaftskritische Statements als Sticker bei Nanu-Nana verkauft werden? Es ist vergleichsweise gleichgültig, gegen was man zu protestieren gewillt ist, der Protest gehört zum System und kann ihm kaum ernsthaft gefährlich werden. Engagement erschöpft sich nicht selten in energischen Klicks auf Facebook, dem Unterzeichnen von Online-Petitionen oder einem modifizierten Benutzerbild. Der Protagonist in „Das Nirvana-Baby“ hingegen plant etwas Größeres, – einen Anschlag, nackte Gewalt, Sinnlosigkeit. Wenn er nur erstmal das Bekennerschreiben formulieren könnte. Der kürzlich neu gegründete Korbinian Verlag will mit seinen literarischen Schützlingen anecken, wie er auf seiner Homepage zu Protokoll gibt. Katharina Holzmann, Sascha Ehlert und David Rabolt haben den Verlag gegründet, den sie sich selbst wünschen. Frei nach dem Motto: Wenn noch nicht existiert, was du dir vorstellst, mach es selbst. Sie sind sich bewusst, dass eine Verlagsneugründung im Jahr 2015 nicht unbelastet oder leichtfüßig geschieht, aber mit dieser speziellen Mischung aus Leidenschaft und Wahn haben sie dann doch vorerst die Zweifel unschädlich gemacht. Die erste Veröffentlichung, „Das Nirvana-Baby“ von Juri …

F. Scott Fitzgerald – Die Straße der Pfirsiche

Scott und Zelda Fitzgerald waren sowas wie das literarische Glamourpaar der 20er Jahre. Keine Party, die ohne das gewisse Etwas der beiden ausgekommen wäre, kein Drink, den sie von Vernunft und Arbeit getrieben abgelehnt, kein Exzess, den sie ausgelassen hätten. Hinter der glitzernden Fassade aber, die fraglos auch Teil einer Selbstinszenierung war, steckte selbstredend etwas Anderes: Zeldas psychische Erkrankung, Scotts Alkoholproblem. Mit „Diesseits vom Paradies“ landet Fitzgerald beachtliche Erfolge. „Die Straße der Pfirsiche“ wird 1924 ohne viel Aufhebens in einem Magazin namens ,Motor‘ veröffentlicht, um danach in der Versenkung zu verschwinden. Wie man jetzt sich jetzt überzeugen kann, zu Unrecht. Wenn die Frau eines gefeierten Autors und frühes It-Girl der literarischen High-Society eines Morgens aufwacht und sich Biscuits und Pfirsiche wünscht, muss umgehend Abhilfe geschaffen werden. Insbesondere, wenn es nicht um irgendwelche beliebigen Esswaren geht, sondern um eben jene aus Zeldas Heimat Alabama. Die beiden entscheiden sich schließlich so schnell wie unkompliziert zu einer Reise in ihrem alten Expenso, den sie liebevoll und realistisch „Rolling Junk“ (dt. rollender Schrott) nennen. Die Reiseroute ist klar: es …

Kathrin Wessling – Morgen ist es vorbei

Liebe kann so schön sein; erfüllend, neu, prickelnd und wunderbar. Muss sie aber nicht. Sie kann auch ein ziemlich destruktives Arschloch sein. Sie kann mutieren – in Besitzanspruch, in Macht und Übergriffigkeit. Wir können oft nicht mit ihr, aber noch viel öfter nicht ohne sie. Kathrin Weßling erzählt in ihren Geschichten vom Pathos des Verlassenen und Verschmähten, von Selbstzerstörung und von dem Versuch, etwas halten zu wollen, das längst verloren ist. Wie oft hab ich dann mein krankes Herz mit Alkohol betäubt Liebeskummer ist so ein Wort, ich weiß nicht mehr wie man’s schreibt (Rainald Grebe – Mann ohne Gefühle) Wie man Liebeskummer schreibt, ist vielleicht auch zweitrangig, wenn man so einfühlsam über ihn schreiben kann wie Kathrin Weßling. Die Verlassenen, Verlorenen und Verschmähten taumeln allein durch beleuchtete Großstadtstraßen, sie tanzen sich auf gefährlich erhitzten Tanzflächen ihre geschundenen Seelen aus dem Leib, sie trinken bis zur Besinnungslosigkeit. Sie schreien, sie kotzen, sie toben, sie wollen alles zerstören und zerstören doch nur sich selbst dabei. Fraglos muss man einen gewissen Hang zum Pathos und zur großen …

Wolfgang Popp – Die Verschwundenen

Auch wenn wir uns manchmal dessen gar nicht bewusst sind: Jeden Tag verschwinden Menschen aus unserem Fokus, die wir einmal kannten. Manche gut, andere nur flüchtig, in ganz verschiedenen Kontexten. Wenn wir manche davon wiedertreffen, ist Vieles ganz anders geworden, haben sich Leben und Prioritäten plötzlich verschoben. Was früher einmal passte, kann heute Reibung verursachen. Wolfgang Popp erzählt gekonnt von Wiederbegegnung und Verlusten und strickt dabei ein Netz, das über die Grenzen der einzelnen Geschichten hinaus wirkt. Keiner tauscht sich so offen aus, bemerkte ich erstaunt, wie zwei Fremde im Schutz ihrer Fremdheit. Ein Hotelkritiker trifft in Neapel auf einen ehemaligen Lehrer, der damals überraschend und plötzlich gekündigt hatte und aus der Stadt verschwunden war. Ein sterbender Jugendfreund bittet den anderen nach Jahren der Funkstille seine Notizen in Buchform zu gießen und zu veröffentlichen. Nicht Eulen nach Athen, sondern das Foto eines vermeintlich ausgestorbenen Käuzchens wollen zwei alte Freunde aus Griechenland heraustragen, um ein hohes Preisgeld einzustreichen. Ein Mann entscheidet sich mit seinem Liebhaber für eine Expedition zu den südamerikanischen Pequod und wird über die …

Amy Hempel – Was uns treibt

Hochgelobt von Chuck Palahniuk und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, ist Amy Hempel in den USA tatsächlich eine Hausnummer in Sachen Short Story. Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Journalistin und unterrichtet in Florida Kreatives Schreiben. Mit ,Was uns treibt‘ ist nun ihr erster Erzählband, ursprünglich 1985 unter dem Titel ,Reasons To Live‘ veröffentlicht, auf Deutsch erschienen. Es sind minimalistische und schmucklose Geschichten von ganz eigener Kraft. Das Leben spüren wir am stärksten in emotionalen und physischen Grenzsituationen. Dann zeigt sich oft am deutlichsten, dass wir, womöglich trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, daran hängen. In ,Was uns treibt‘ sind viele solcher Grenzsituationen vertreten. Eine schwere Krankheit und das Abschiednehmen, der Verlust eines Kindes. Aber auch alltägliche Gefühle von Angst, Einsamkeit und Ziellosigkeit spiegeln sich in den Erzählungen, die kaum verknappter erzählt sein könnten. Zwei Frauen müssen regelmäßig ihre Wohnung verlassen und an einem nahegelegenen Strand leben, weil immer wiederkehrende Erdrutsche immense Schäden an ihrem Haus verursachen. Zwei Freundinnen sitzen sich im Krankenhaus gegenüber, eine von ihnen todkrank und trotzdem in der Lage, in ihrem unabwendbaren Schicksal …

Michael Weins – Sie träumt von Pferden

In Michael Weins‘ Geschichten mit Tieren kann schonmal ein Wolf mit Mariacron auf seiner Wohnwagen-Ottomane sitzen und den einstigen Ruhm betrauern. Riesige Teddybären aus blauem Plüsch können einen ganz fest ans Herz drücken oder Katzen neben Kindern eine leerstehende Ruine bewohnen. Ihnen allen eigen aber ist die Einfühlsamkeit und Aufrichtigkeit, mit der sie erzählt sind. Man muss sie dafür lieben. Sanfter Regen fällt wie eine Markise vor den Träumen der Welt. Sehr oft in Michael Weins‘ Geschichten geht es um schmerzliche Erfahrungen. Schon in Goldener Reiter drehte sich alles um einen Jungen, der mit der psychotischen Erkrankung seiner Mutter umgehen musste; geschrieben vor einem autobiographischen Hintergrund. Weins arbeitet selbst als Psychologe und kommt so gleichsam ständig in Kontakt mit den leidvollen Erfahrungen anderer. Das Besondere ist die Art, wie er sie in Worte kleidet, wie er Geschichten daraus spinnt, die trotz ihres häufig traurigen Inhalts stärkend und aufbauend sind, wie er aus Individuellem Universelles macht. Eben jenen Zauber kann man nun auch wieder in ,Sie träumt von Pferden‚ entdecken. Hier geht es um einen Jungen, …

Michael Frayn – Streichholzschachteltheater

Michael Frayn hat Humor. Das weiß man spätestens seit ,Willkommen auf Skios‚. Er schreibt auch für die Theaterbühne, wurde 2004 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Für seine Aufarbeitung bedeutender Ereignisse deutscher Zeitgeschichte. Mit ,Streichholzschachteltheater‘ präsentiert Michael Frayn nun dreißig ,zündende‘ Unterhaltungen, weniger für die Bühne als für den Kopf, unheimlich komisch und hochintelligent! Man stelle sich nur einmal vor, man säße im Nobelpreiskomitee in Stockholm und müsse den jeweiligen Gewinnern auf ihrem Fachgebiet die freudige Nachricht überbringen. Eigentlich nichts, was in unserer Vorstellung Komplikationen hervorriefe. Nähmen wir aber weiterhin an, jeder dieser zukünftigen Preisträger legte bereits nach den Worten ,Ich wollte Ihnen mitteilen, dass sie gewonnen haben ..‚ pikiert auf, weil er den Anrufer mindestens für unseriös hält. Eine solche Situation enthält überraschend viel Komik, die Michael Frayn in einem seiner Dialoge brilliant herauszuarbeiten versteht. Überhaupt liebt Frayn das Absurde, das alltäglich Banale, das von Zeit zu Zeit an einen Loriot-Sketch erinnert. So werden wir als „Zuschauer“ der zündenden Dialoge Zeuge zweier Ehepaare in einem Café, von denen sich eines über in der Vergangenheit besuchte …