Autor: literaturen

Utopien für Hand und Kopf

Brauchen wir eigentlich Utopien? „Utopisch“ wird gemeinhin das genannt, was unerreichbar erscheint, überambitioniert, versponnen. Der Duden gibt als Synonyme Worte wie Kopfgeburt und Luftschloss an. Also eher etwas für die Träumer, die lieber in ihren Visionen schwelgen statt realistische Maßnahmen anzustoßen. Tatsächlich erfüllt die Utopie aber einen sinnvollen Zweck in ihrer wagemutigen, manchmal vielleicht auch naiven Vorstellung der Zukunft. Mit den Utopien für Hand und Kopf bringt die Hamburger Edition Nautilus eine neue Reihe auf den Weg. Im Mittelpunkt stehen Texte, die eine bessere Welt zu denken wagen und sich damit bewusst gegen herrschende Interpretationsrahmen auflehnen. Sie denken die Welt weiter, erwägen die Möglichkeit der Veränderung und Entwicklung, statt bloß der Wahrung des Status Quo. Auch wenn es nach dem Diktum mancher kein Zeichen geistiger Gesundheit ist, Visionen zu haben, kann es für eine Vorwärtsentwicklung hilfreich sein, abseits ausgetretener Pfade zu denken, outside the box, sozusagen. Aus einer anderen Perspektive auf die Dinge zu schauen, vielleicht auch mit einer gewissen kindlichen Naivität und Offenheit, eröffnet manchmal Wege, wo zuvor keine waren. Das Design der Nautilus-Reihe …

Auf der Couch nach anderswo: die Fernlese-Onlinebuchhandlung

Vor einigen Monaten stieß ich zufällig auf die Fernlese, eine Online-Buchhandlung für Reiselektüre. Ich war sofort von der Idee begeistert, kleine Bücherbündel passend zu verschiedenen Reisezielen zu schnüren. Für jede Region gibt es das richtige Buch, das einführt in die Fremde. Initiatorin Cindy Ruch studierte Internationale Literaturen und arbeitet seit fünf Jahren als Reisejournalistin, Übersetzerin und Fotografin. Sie wohnt in Berlin, wenn sie nicht gerade die Taschen packt. Reisen und Literatur bedeuten ihr viel, die Fernlese ist also die Verschmelzung zweier Leidenschaften. „Fernlesen“, schreibt Cindy in ihrer Einleitung zum Fernlesen, „geschieht, wie jede Reise und jeder Urlaub, in drei Schritten: Vorfreude, Dortsein und Erinnern. Fernlesen kann eine Endlosschleife sein.“ Weil ich von der Idee so entzückt bin, habe ich Cindy ein paar Fragen zu ihrem – hoffentlich bald noch viel bekannteren – Projekt gestellt. Wie ist das Projekt der Fernlese entstanden? Als ich nach Australien ging, hatte ich Bruce Chatwins „Traumpfade“ in meinem Rucksack, in Argentinien las ich Julio Cortázars „Rayuela“ und in Barcelona Mercè Rodoredas „Plaça del diamant “ – schon immer versuche ich meine …

Margarete Stokowski – Untenrum frei

Muss das sein oder kann das weg? Über den Feminismus grassieren eine ganze Reihe haarsträubender Vorurteile und Mythen, die sich am Ende häufig in der Idee von barbusigen „Feminazis“ erschöpfen, die am liebsten die Männer abschaffen würden. So oder so ähnlich kann man es in Diskussionen immer wieder beobachten, die sich um Feminismus drehen oder feministische Themen berühren. Margarete Stokowski räumt mit vielen dieser Fantasien auf und zeigt, zitiert nach Chimamanda Ngozie Adichie, warum wir alle Feministen sein sollten. In Diskussionen dieser Tage geht es häufig um die Angst, etwas könne einem weggenommen werden. Die Freiheit, die finanziellen Mittel, das Recht auf eine eigene Meinung oder die Kultur. Überall lauert die Angst vor Verlust, dem man sich mit immer schärferem Vokabular und immer unbarmherzigerem Auftreten entgegenstellen muss. Gegen Feminismus, gegen diese ominöse „Political Correctness“, die vermeintlich Denk- und Sprechverbote produziert. Dabei geht es weder beim Feminismus noch bei politischem Engagement für Minderheiten darum, dem einen etwas wegzunehmen, sondern jenen, denen Zugang verwehrt wird, etwas zu geben. Es geht um eine Ausweitung, nicht um eine Beschneidung …

Joost Zwagerman – Duell

Jelmer Verhooff ist ein aufstrebender Star am Himmel der niederländischen Kunstszene. Mit nur vierzig Jahren wird er zum Direktor des Hollands Museums; eine der zentralen Anlaufstellen für moderne Kunst. Er wird gefeiert, hofiert, bewundert. Er hat ein Händchen. Und dieses Händchen wird es auch sein, das im Verlauf einer hochnotpeinlichen Angelegenheit die Leinwand eines 30 Millionen Euro teuren Rothko-Gemäldes durchschlägt. Auf vergnügliche und skurrile Art verhandelt Joost Zwagerman die Frage nach dem Wesen der Kunst. Kunst kann heute alles sein, was man mit einer zündenden Rede dazu erklärt. Die Grenzen sind offen. Das erleichtert und erschwert die Sache gleichermaßen. Als Jelmer Verhooff im Hollands Museum eine Ausstellung plant, die zeitgenössische Künstler in Dialog mit alten Meistern treten lassen soll, wird ihm das schmerzlich bewusst. Im Gegensatz zu den jungen Künstlern, die Verhoof scherzhaft „Installateure“ nennt, entscheidet sich Emma Duiker als eine der wenigen für die klassische Malerei. Ihr künstlerischer Dialog besteht in der originalgetreuen Kopie des Meisterwerks, in der akribischen Nachbildung bis ins Detail. Farbe, Komposition und Materialien orientieren sich am Vorbild und werden am …

Die Angst vor dem Abgrund

Frei nach dem Diktum Nietzsches, wer mit Ungeheuern kämpfe, möge zusehen, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird, gibt es im Literarischen immer wieder Berührungsängste. Viele schrecken zurück vor „Problembüchern“, die offensichtliche Unbilden des Lebens allzu plastisch thematisieren. Ein Plädoyer für den Abgrund. Sie suche ein Buch für ihre Freundin, aber es dürfe nicht um Probleme gehen. Nicht um Beziehungsquerelen, Scheidungen, Krankheit, Tod oder gar Familie: seit Generationen das Epizentrum von Leid und Verderben. Und einem Kind ein Buch schenken, in dem es um Scheidung geht? Undenkbar! Es geht in dem Roman um häusliche Gewalt. Nein, danke. Psychische Krankheit, nein danke. Körperliche Krankheit, nein danke. Tod oder mindestens Vergänglichkeit, lieber nicht. Die ablehnenden Reaktionen im unmittelbaren Beratungsgespräch kommen prompt, im weniger unmittelbaren Rahmen offener Empfehlungsveranstaltungen sind sie verhaltener. Meistens finden sie ihren Ausdruck in höflichem Desinteresse. Es ist tatsächlich als fühlte man sich vom Abgrund des anderen bedroht, als fürchte man, selbst hineinzustürzen oder mindestens gefährlich davon angezogen zu werden. Als sei das Leid des anderen auf eine kaum fassliche Weise ansteckend, kaum, dass man …

Jürg Halter & Tanikawa Shuntarõ – Das 48-Stunden-Gedicht

Jürg Halter ist ausgesprochen umtriebig, seine Denkanstöße auf Twitter (@halterjuerg) allemal eine Lektüre wert. Der Schweizer Lyriker, jahrelang als Rapper Kutti-MC unterwegs und im letzten Jahr auch beim Bachmannpreis zu sehen, schreibt seit kurzem auch für die Theaterbühne. Mit dem 48-Stunden-Gedicht aber widmet er sich in Kooperation mit dem japanischen Lyriker Tanikawa Shuntarõ wieder dem Gedicht und seiner grenzüberschreitenden Kraft. Das 48-Stunden-Gedicht ist gleichsam eine Fortsetzung liebgewonnener Gewohnheiten. Bereits zwischen 2007 und 2011 entstand mit Sprechendes Wasser ein Kettengedicht der beiden Lyriker, die neunundvierzig Jahre und zwei verschiedene Kulturen voneinander trennen. Ein Hindernis ist das mitnichten. Entstand ihr erstes Projekt noch rein virtuell durch regen E-Mail Kontakt zwischen Tokyo und Bern, haben sie sich 2014 in Japan getroffen, um gemeinsam an einem dynamischen und experimentellen Gedicht zu arbeiten. Die Arbeitsweise ist dabei so ungewöhnlich wie essentiell für diese Art des Schreibens. Die Dichtenden sitzen nicht allein in abgeschlossenen Räumen und arbeiten ihre Texte aus, sie reagieren aufeinander, regen sich gegenseitig unmittelbar an. In Begleitung von zwei Übersetzern, die jeweils eine Passage ins Deutsche bzw. Japanische …

Blogbuster: Phase zwei.

Die erste Phase des Blogbuster-Projekts ist abgeschlossen. Will sagen: alle Manuskripte sind eingereicht und auf die jeweiligen Wunsch-Blogger verteilt. 252 Beiträge gehen ins Rennen, 40 davon sind auf meinem virtuellen Schreibtisch gelandet. Was ist bisher passiert und wie geht es jetzt weiter?  Schon vor Einsendeschluss versuche ich immer wieder, einen Überblick über das zu behalten, was mir vertrauensvoll zur Begutachtung überlassen wird; nicht immer gelingt das. Manches kann ich schnell aussortieren, weil es nicht den Teilnahmebedingungen entspricht, an anderem knabbere ich länger. Ist es gut? Ist es originell? Kann man daraus etwas machen? Schnell fällt mir auf, dass meine öffentlich bekundete Vorliebe für das Abseitige offenbar besonders eine Sorte Text anzieht: die Lebensüberdrussbewältigungsliteratur. Man findet seinen Platz im Leben nicht, ist orientierungslos und demonstrativ gleichgültig; Protagonist versucht gelegentlich erfolglos zu schriftstellern. Literatur wie diese fußt vielleicht häufig auf dem Missverständnis, dass das Abseitige nicht allein durch seine Abseitigkeit Tiefe und Qualität erhält. Mit mehr oder weniger gelungenen Referenzen auf Popkultur und Philosophie versucht mancher seinen Text irgendwie aufzuwerten, meistens erfolglos. Ich verstehe den Gedanken dahinter, …