Autor: literaturen

Mohamed Amjahid – Unter Weissen

Wer als Weißer heutzutage gebeten wird, sich seiner Privilegien bewusst zu werden, verbindet damit häufig die implizite Absicht des Gegenübers, ihm diese Privilegien entweder zum Vorwurf zu machen oder zu entreißen. Beides erzeugt eine massive Abwehrreaktion, die sich nicht selten in Beschreibungen des eigenen beschwerlichen Daseins ausdrückt. Dabei kann das Bewusstsein der eigenen Vorrechte auch nutzbringend sein, ohne, dass man sie reflexartig von sich weisen muss. Mohamed Amjahid, selbst marokkanischstämmiger Journalist bei der ZEIT, erklärt, wieso. Was soll das schon sein, der „privilegierte Weiße“? Also ICH habe keine Privilegien, ICH bekomme keine Extrawurst und mich auf meine Hautfarbe zu reduzieren – ist das nicht irgendwie unfair? Die meisten werden so reagieren, wenn man ihnen eröffnet, sie seien als Weiße privilegiert. Privilegien werden allerdings erst im Vergleich zu denen erfahrbar, die nicht in ihren Genuss kommen. Wer sich ausschließlich mit Menschen umgibt, deren Lebensrealität bis auf marginale Kleinigkeiten mit der eigenen übereinstimmt, wird sich nicht als privilegiert wahrnehmen. Mohamed Amjahid macht jedoch bereits sein Leben lang Erfahrungen, die den meisten Weißen naturgemäß erspart bleiben. Es sind …

Ulrike Anna Bleier – Schwimmerbecken

Luise und Ludwig sind wie Pech und Schwefel, unzertrennlich, unteilbar. Er ist nur „Bruderherz“, beim Namen nennt Luise ihn selten. Aufgewachsen im niederbayerischen Kollbach, durchzogen vom Fluss gleichen Namens, werden die Geschwister geprägt vom Schweigen und der Abgeschlossenheit des dörflichen Umfelds. Alles geht seinen Gang, bis Ludwig verschwindet und nach seiner Rückkehr ausschließlich Indonesisch spricht. Das Dörfliche ist bei Ulrike Anna Bleier nicht idyllisch, es ist durchzogen von Trostlosigkeit, Tragödien und der nimmermüden Bestrebung, auch in kleinstem Kreise das Gesicht zu wahren. Man weiß zwar vieles, aber spricht über nichts und wenn: hinter vorgehaltener Hand. Zwei Mädchen sind vom Kirchturm in den Tod gesprungen. Im Oberpfälzer Wald nahebei hat die Konnesreuther Resl einst aus den Augen geblutet und Stigmata gehabt an Händen und Füßen. Im Fasswirtl trifft man sich, jeder kennt jeden. Luises Bruder Ludwig ist vor einigen Jahren spurlos verschwunden und nun zurückgekehrt. Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß niemand so genau, denn Ludwig, den Luise immer nur „Bruderherz“ nennt, verweigert die deutsche Sprache. Er gibt Worte von sich, die Indonesisch sein sollen, …

J.D. Vance – Hillbilly Elegy

J.D. Vances Memoir hat in den Staaten für reichlich Aufregung und Jubel gesorgt. Ein Mann, der es von der ärmlichen Region der Appalachen, im Rücken eine typische Hillbillyfamilie, bis nach Yale geschafft hat, ist eine Sensation. Seine frühe Lebensgeschichte steht exemplarisch für die vieler anderer, denen entscheidende Beteiligung am Wahlsieg Donald Trumps nachgesagt wird. Hillbilly Elegy soll nun, so heißt es, zum Verständnis dieser Menschen beitragen. Es wird viel über sie gesprochen dieser Tage. Über die Armen und die Abgehängten, die längst kein Vertrauen mehr in Politik und Medien haben. Über die „Vergessenen“, wie Donald Trump sie nennt, die einfachen Leute. J.D. Vance hat lange zu diesen Menschen gehört und er fühlt sich ihnen noch immer stark verbunden, obwohl sein Leben mittlerweile kaum in größerem Kontrast zu ihrem stehen könnte. Er wächst u.a. in Jackson, Kentucky auf, das stark von der Kohleindustrie geprägt ist. In der Stadt gibt es nicht viel außer vereinzelten Fastfoodketten, Trailerparks und kleinen Bauernhäusern. Das Leben ist einfach, die Menschen sind es auch. Seine Großeltern gingen bereits in den 40er-Jahren nach …

Marcellus Emants – Ein nachgelassenes Bekenntnis

„Meine Frau ist tot und längst begraben“. So beginnt Marcellus Emants‘ Psychogramm eines Mannes, der, zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung gleichermaßen, seine Frau ermordet. Was ihn dazu gebracht hat? Das enthüllt in psychologischem Detailreichtum schließlich das nachgelassene Bekenntnis des Mörders selbst. Gibt es Menschen, die von grundauf böse sind? Menschen, die nicht gesellschaftsfähig sind aufgrund ihrer eigentümlichen Art, zu denken und zu fühlen? Willem Termeer jedenfalls, Emants‘ Protagonist, setzt viel daran, die LeserInnen seines Bekenntnisses von dieser Perspektive zu überzeugen. Schon früh ist Termeer ein Außenseiter, der sich nicht an den gleichen Dingen erfreuen kann wie andere. Seine Eltern verhalten sich ihm gegenüber gleichgültig, aufrichtig empfundene Zuneigung kennt er von ihnen nicht. Was ihm hingegen sehr geläufig ist, ist ein feststehendes und in die Zukunft weisendes Selbstkonzept. Termeer weiß genau, wie er gern wäre, was er gern genießen könnte und wohin ihn das Leben treiben sollte – bloß bringt er nichts davon zustande. Statt eines Lebemanns in der Mitte der Gesellschaft bleibt er ein Sonderling, der sich seine Erfahrungen zusammenfabuliert, um vor anderen damit anzugeben. …

Irgendwas mit Afrika

In den letzten Jahren wird immer häufiger junge afrikanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Die Autorinnen und Autoren erzählen von ihrem Selbstverständnis, ihrer Zerrissenheit zwischen den Welten, von Alltagsrassismus und ihrem Kontinent. Damit scheint allerdings mittlerweile oft ganz automatisch ein bestimmter Phänotyp einherzugehen. Ich erkenne auf einige Meter Entfernung vermutlich mühelos das neue afrikanische Wunderkind der Literatur, wenn es in einer Verlagsvorschau angepriesen oder auf einem Buchtisch drapiert wird. Warum? Afrika ist bunt! Das muss sich dringend auch in der Covergestaltung spiegeln, deshalb kommt dieser Tage kaum eine Neuerscheinung aus dem afrikanischen Raum ohne aparte Muster, typographischen Besonderheiten und gewagte Farbkombinationen aus. Das Buch soll schon von Ferne ausstrahlen, dass es afrikanisch und mithin exotisch ist, man soll die Trommeln schon dröhnen hören und die Löwen brüllen. Früher war mehr Savanne und Giraffe. Heute ist das Gewand afrikanischer Frauen auf die Buchcover übergesprungen. Es ist immer eine kleine Herausforderung für’s Auge, für’s Hirn indessen nicht. Während manche sich darüber freuen können, dass die Gestaltung ihrer Bücher wenigstens gelegentlich variiert, hat Chimamanda Ngozie Adichie das Afrika-Cover auf …

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Auf dem Cover ein Mann, dessen ambivalente Mimik nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln ist, dessen Widerspruch man aushalten muss. Ist es Schmerz? Ist es Lust? Wut? Trauer? Von allem etwas vielleicht. „Ein wenig Leben“ trägt in sich diesen unauflösbaren Widerspruch von Schmerz und Glück. Es ist ein Roman von besonderer Tiefe und Wahrhaftigkeit. Ich lese wie im Rausch, notiere ich nach einem Tag, an dem ich knapp 500 Seiten gelesen habe. Zwischen mich und Yanagiharas Geschichte passt kaum das Blatt Papier, auf dem sie gedruckt ist. Ich befinde mich, eingeladen vom Hanser Verlag*, in einem etwas abgelegenen Häuschen nahe Berlin. Um mich herum liegen nur wenige andere Häuser, herbstlich gefärbtes Laub, ein See. Ich soll mich zurückziehen, soll mich einzig dem Roman widmen können; so die Idee des Retreats. Regelmäßig blättere ich um, ein Automatismus wie das Schuhebinden. Ich nehme es nicht einmal wahr, obwohl es wieder und wieder geschieht, schreibe ich weiter, es ist schon Abend und mein Kopf summt wie eine Maschine, die sich nicht abschalten lässt. Ich bin versunken in …

Claudia Vamvas – Sitze im Bus

Claudia Vamvas verdanke ich den ausgesprochen praktikabeln Ratschlag, vor dem Verlassen meiner Wohnung den Herd zu fotografieren, um unterwegs sicherzugehen, dass er ausgeschaltet ist. Ihrem Twitteraccount @akkordeonistin folgen mittlerweile rund 12.800 Menschen, Tendenz steigend. Wer bislang (oder: noch immer, trotz zahlreicher Gegenbeispiele) glaubte, Twitter wäre aufgrund seines Zwangs zur Kürze nichts für Feingeister, ungeeignet fürs Literarische, der wird durch die Schweizerin Vamvas eines Besseren belehrt. Eigentlich fährt sie nur Bus. Doch Claudia Vamvas lässt es in ihren pointierten und warmherzigen Beobachtungen mehr nach einer Schicksalsgemeinschaft aussehen, die jeden Tag zur gleichen Zeit in einem Gelenkbus mit Faltenbalg zusammentrifft. Kurz oder auch länger sind sie, einander zwar unbekannt, aber durch das Leben und Menschsein verbunden, Gefährten mit unbestimmtem Ziel. Sie beraten gemeinsam über wichtige Fragen. Warum hat der Busfahrer nicht angehalten? Sollte nach dem aufdringlichen Geplapper einer mittlerweile aus dem Bus gestiegenen Frau einmal durchgelüftet werden? Wird ein zweiter Bus gebraucht angesichts der Fülle an Utensilien, die eine Frau auf der Suche nach etwas Wichtigem aus ihrer Handtasche zutage fördert? Allgemeine Ratlosigkeit herrscht angesichts eines Gesprächs, …