Autor: Sophie

Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune

Wohin mit schlechter Laune in einer Gesellschaft, die positives Denken zur Grundvoraussetzung erfüllten Lebens macht? Überall solle man glücklich sein, konstruktiv, begeistert, voller Tatendrang, das Leben genießen. Ist schlechte Laune also immer ein destruktives Element? Und was ist das überhaupt, »schlechte Laune«? Andrea Gerk hat eine kleine Kulturgeschichte dieser unterschätzten Stimmungslage geschrieben, die implizit auch eine Kritik am Optimismuswahn unserer Zeit ist. Schlechte Laune gilt in diesen Tagen als ein Umstand, den man so schnell wie möglich beseitigen muss. Das Leben ist zu kurz, um mies drauf zu sein. Wie einem das gelingt, verraten unzählige Ratgeber aus dem Bereich optimistischen Lebensführung. Wenn einem das nicht gelingt, ist man wahrscheinlich ein unverbesserlicher, ineffizienter Stinkstiefel, der im Jammertal ganz selbstverantwortlich Rast macht. Was schlechte Laune ist, variiert je nach Definition. Eine kleine Verstimmung ohne akuten Auslöser, ein Leiden an der Verfasstheit der Welt, die so viel besser sien könnte als sie ist, ein eruptives Gebrodel im Inneren. Weltschmerz, Ärger, Wut, Enttäuschung. Andrea Gerk präsentiert einen launigen Querschnitt durch die Niederungen seelischen Missbehagens. Mittels vieler Beispiele aus Literatur …

Laurie Penny – Bitch Doktrin

In den letzten Jahren hat sich Laurie Penny als Stimme des modernen, zeitgenössischen Feminismus einen Namen gemacht. Rotzig und auf den Punkt prangert Penny Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Bequemlichkeit an. Gleichwohl sind es nicht allein feministische Themen, die sie umtreiben. In ihren Essays geht es um Politik, Gewalt, Hass und eine bessere Welt. In »Bitch Doktrin« räumt sie  auf mit missverstandenen Privilegien und der Angst vor Vielfalt und Veränderung. Vor einiger Zeit kursierte in sozialen Medien der Spruch: »Equal rights for others does not mean less rights for you. It’s not pie.« Logisch eigentlich. Und trotzdem erfahren jene, die sich für die Rechte derer einsetzen, die nicht die Mehrheit der Gesellschaft repräsentieren, noch immer scharfen Gegenwind, Hass, zügellose Wut. So auch Laurie Penny. Wut worauf? Man weiß es nicht genau. Vielleicht ist es eine Wut, die sich aus der Angst vor Veränderung speist, aus dem Widerwillen, den Status Quo zu verlassen. Vielleicht ist es die Sorge, etwas abgeben zu müssen. Aber gleiche Rechte und Kuchen, naja, siehe oben. Wie man hört, glauben viele ansonsten anständige Leute, …

Anselm Neft – Vom Licht

Adam und Manda wachsen mit ihren Zieheltern Valentin und Norea auf einem Selbstversorgerhof in der österreichischen Provinz auf. Sie besuchen keine öffentliche Schule, sondern werden von den Eltern zuhause unterrichtet. Ihre religiöse Überzeugung, dass alle Materie böse und falsch ist, die Welt ein schlechter Ort und nur die Heimkehr in ein entmaterialisiertes Lichtreich das Ziel ihrer Existenz sein kann, geben sie an ihre Kinder weiter. Kann man sich in einer Welt zurechtfinden, die einem systematisch vorenthalten wird? Und was ist überhaupt diese »Welt«? Anselm Nefts Roman ist radikal, verkopft und erschütternd. Wer Vom Licht am Ende zuklappt, wird sich vielleicht denken: Was habe ich da eigentlich gerade gelesen? Einen »Aussteigerroman«, wie es auf dem Buchrücken heißt? Eine Abhandlung über religiösen Fanatismus, über Dogmatismus, über Herrschsucht und Weltflucht? Einen Versuch, die Entstehung der Welt – gespalten in Geist und Materie – mittels religiöser Lehren und wissenschaftlicher Forschung fast in sokratischem Dialog zu reflektieren? Einen entwaffnenden Bericht über Ohnmacht und Macht? Vielleicht von allem etwas. Adam und Manda jedenfalls wachsen in dem Glauben auf, dass die Welt …

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

An einem ersten Januar stellt der Tod, unangekündigt und plötzlich, seine Tätigkeit ein. Die Menschen sterben nicht mehr. Niemand wird im Streit von einem erzürnten Widersacher erschlagen, niemand lässt sein Leben bei dem Versuch, eine vielbefahrene Straße zu überqueren, selbst die Alten und Kranken siechen dahin, ohne Erlösung. José Saramago erzählt in poetisch ausgreifender und feinsinnig humorvoller Art vom Ende einer gefürchteten Selbstverständlichkeit. Wer hätte gedacht, dass das Ende der Sterblichkeit nicht von der medizinischen Forschung, sondern von einer Unregelmäßigkeit im Arbeitsablauf des Todes selbst verursacht würde? In einem nicht näher benannten Land der südlichen Hemisphäre jedenfalls wird nicht mehr gestorben. Der Jubel darüber, endlich vom Unausweichlichsten befreit worden zu sein, erschallt nicht überall in gleicher Lautstärke. Die Kirche klagt: Wie kann es eine Auferstehung geben ohne Tod? Wie kann es ein Jenseits geben, wenn das Diesseits nie mehr verlassen wird? Mit welcher Verdammnis soll man nun den Sündern drohen? Auch die Versicherungsanstalten und Bestatter laufen Sturm. Die einen legen in ihrem Aktionismus ein künstliches Todesalter fest, die anderen verlegen sich hilflos auf die Bestattung …

Nellie Bly – Zehn Tage im Irrenhaus

Die Geschichte der Psychiatrie steckt voller grausiger Fehlentscheidungen und medizinischer Irrwege. Lange genug glaubte man, die psychisch Kranken allenfalls verwahren zu können, ruhiggestellt mit Medikamenten und unter erbärmlichen Bedingungen. »Behandlung« meinte unter diesen Umständen eiskalte Bäder, Prügel oder Elektroschocks. Die Reporterin Nellie Bly begibt sich 1887 für die Tageszeitung New York World Undercover auf die Station einer Frauenpsychiatrie. Ihr schockierender Bericht wird grundlegende Veränderungen anstoßen. Nellie Bly ist 23 Jahre alt, als sie den Auftrag erhält, undercover aus der Frauenpsychiatrie auf Blackwell’s Island, einer Insel im East River zwischen Manhattan und Queens, zu berichten. Die junge Frau stammt aus einfachen Verhältnissen in Pennsylvania. Ihre schulische Karriere war kurz und wie der Rest der Familie besuchte sie nie ein College. Bly, die eigentlich Elizabeth Jane Cochran heißt, ist keine Intellektuelle, aber eine Frau mit beneidenswert scharfem Blick und dem nötigen Wagemut, sich ins Ungewisse zu begeben. Sie steckt voller Energie und dem unbedingten Willen zum Erfolg. Bly beschließt, ein Heim für bedürftige Frauen aufzusuchen und sich dort so »verrückt« aufzuführen, wie es ihr möglich ist. Sie …

Kurz und knapp rezensiert im September!

In der neuesten Ausgabe meines Kurzformates geht es um ein Panorama des 20. Jahrhunderts, den Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit und den Versuch, sich freizuschreiben von einem alles verschlingenden Erlebnis. Lübeck kennt sich aus mit kaputten Familien. Im Mittelpunkt dieses wagemutigen Panoramas steht einerseits ein Familienfluch, weitergegeben durch die Linie der Töchter, andererseits das 20. Jahrhundert. Prominent als Knotenpunkt vertreten ist Lübeck, pittoreske Hansestadt mit weit zurückreichender Geschichte. Svealena Kutschke hat sich viel vorgenommen mit ihrem Roman, begleitet drei Generationen der Familie Hinrichs durch Kaisertreue, Meuterei, Goldene Zwanziger, Weimarer Republik und Nationalsozialismus bis in die 90er Jahre. »Stadt aus Rauch« spielt mit folkloristischen Elementen wie dem Roggenbuk, lässt den Teufel immer wieder am Rande der Szenerie auftreten und Weichen stellen, gibt Unerklärliches zu Protokoll und greift aber auch immer wieder ganz handfeste politische und historische Ereignisse auf, in die sich die Familie als Zeitgenossen zwangsläufig verstrickt. Bei dieser Überfülle an Handlungssträngen und Ideen droht der Roman sich desöfteren zu verzetteln und zu zerfasern. Er will viel, das Große im Kleinen aufscheinen lassen, Lübecks Geschichte erzählen …

Bitte übernehmen Sie, Mariana Leky!

Das Schreiben begann für mich … ..mit dem Lesen von „Pitje Puck, der freundliche Briefträger“. Ein Buch muss … ..zumindest ein paar Sätze beinhalten, die man sofort feierlich dem Nachbarn vorlesen möchte. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich.. ..verzweifeln oder umschulen. Ein Kindheitstraum von mir war … ..ein Bart. Dieser Wunsch wird sich vielleicht im Alter erfüllen. Wenn ich nicht schlafen kann … ..sehe ich Gespenster und bewerfe sie mit Fachliteratur (Autogenes Training leicht gemacht, Schlafen leicht gemacht, etc). Völlig unterschätzt wird … ..zumindest in meinem Umfeld, die Musik von Melissa Etheridge. Wenn ich Musik höre … ..scheint, je nach Musik, alles halb so wild oder noch viel wilder. Ich erfülle folgendes Autorenklischee: Ich errichte einwandfreie Schreibblockladen und klage dann darüber. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es… ..vor einer Abreise so lange auf den Herd zu starren, bis ich nicht mehr beurteilen kann, ob er an oder aus ist. Literatur kann … Gespenster treffen. Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die …