Autor: literaturen

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Ein Krieg lagert sich ab, in den Schichten der Persönlichkeit, in den Knochen, in einem Leben. Das muss auch der Junge in Tijan Silas Debüt Tierchen Unlimited feststellen, nachdem er Anfang der Neunzigerjahre mit seinen Eltern aus Bosnien nach Deutschland flieht. Der Krieg ist ein permanenter Alarmzustand selbst in der Stille und selbst im Frieden. Man kann ihn nicht abschütteln. Bereits im ehemaligen Jugoslawien wächst der namenlose Erzähler mit einem Männlichkeitsideal von Härte, Kampf und Rivalität auf. Es geht um Treue, Respekt und Loyalität. Der Krieg ist das Hintergrundrauschen, mit dem man sich zu arrangieren lernt. In den Feuerpausen erledigt man Wege, wenn man auf offener Straße vom Gefecht überrascht wird, gilt es zu improvisieren. Die Kinder vertreiben sich die Zeit mit dem Tausch von Comics, Computerspielen oder der Verbrennung von Müll. Seit Jahren türmt er sich meterhoch, weil niemand ihn mehr abholt. Der brennende, stinkende Müll zieht Tiere an. Hunde, die nach Essensresten wühlen. Eichhörnchen, die Material für den Nestbau suchen und sich an den Kadavern anderer Tiere gütlich tun. Tierchen, lässt Sila, der …

Chimamanda Ngozie Adichie – Liebe Ijeawele…

Was bedeutet Feminismus heute? Wie können Kinder möglichst unbeeindruckt von Rollenklischees aufwachsen, die ihre Selbstbestimmung beschneiden? Chimamanda Ngozie Adichie hat ihrer Freundin Ijeawele auf Wunsch fünfzehn Ratschläge zur feministischen Erziehung gegeben. Wie kann die heute aussehen und worum geht es im Besonderen? Chimamanda Ngozie Adichie ist in den letzten Jahren zu einer wichtigen feministischen Stimme geworden. Weniger in theoretisch-wissenschaftlicher als in vermittelnder Hinsicht. Sie will jeden ansprechen, der bereit ist, zuzuhören. Sie will überzeugen, nicht mit Dogmatismus und Fachvokabular, sondern mit dem Anschluss an das tägliche Leben und Situationen, denen alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Feminismus geht uns alle an, davon ist Adichie überzeugt, deshalb sollten seine Anliegen auch für alle verständlich sein. Demzufolge adressieren die Briefe an ihre Freundin Ijeawele ganz grundsätzliche Fragestellungen. Welche Wertvorstellungen vermittle ich meinem Kind? Welche Freiheiten gestehe ich ihm zu? Welche Maßstäbe lege ich an mich selbst an? Dabei geht es oft um überkommene Rollenbilder und überhöhte Erwartungen. Mädchen zu früh in ein Korsett zu drängen, das ihnen typisch weibliche Verhaltensweisen und Vorlieben als natürlich und zwangsläufig verkauft, mindern Chancen …

Lukas Bärfuss – Hagard

Was ist eigentlich Hagard? Im Französischen jedenfalls bedeutet es „verstört“ und man kann mit Fug und Recht behaupten, sich nach der Lektüre von Bärfuss‘ neuem Roman in einer mindestens artverwandten Stimmung vorzufinden. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 erzählt Lukas Bärfuss die Geschichte eines Ausbruchs, in dem Realität und Obsession miteinander verschwimmen. Ein Mann namens Philip entdeckt nach einem geplatzten Geschäfstermin im Gewimmel der Fußgängerzone die „pflaumenfarbenen Ballerinas“ einer Frau. Einer spontanen Eingebung folgend beginnt er, sich an ihre Fersen zu heften, ohne genau zu wissen, was ihn eigentlich dazu treibt. Er bewundert ihre zierliche und leichtfüßige Gestalt und ihren Duft, den er sich mehr denkt als er ihn aus der sicheren Entfernung, die er beibehält, riechen könnte. Mehr und mehr entwickelt sich eine Art von Beziehung und Dringlichkeit, die in der Wirklichkeit durch nichts gerechtfertigt wäre. Obwohl Philip der Frau bis zu dem Haus folgt, in dem sich mutmaßlich ihre Wohnung befindet, sieht er kein einziges Mal ihr Gesicht. Sie bleibt ein Phantom für ihn, eine leere Fläche, auf die er alles …

„Frauenromane“ oder: eine Konstruktion

Heute ist #Weltfrauentag. Der Tag, an dem landauf, landab die Frauenschaft gelobt wird. An dem Versprechungen gemacht werden, Frauen „auf Händen zu tragen“ und sie „zu verwöhnen“, ihnen also kurzfristig eine besondere Behandlung zukommen zu lassen, um die sie nicht gebeten haben. Hauptsächlich, um den Rest der Zeit wieder Ruhe zu haben vor unangenehmeren Forderungen, die politische Konsequenzen und vertiefende Debatten bedeuten könnten. Ein Thema kommt im Dunstkreis dieses Tages immer wieder auf: sind Bücher von Frauen in den privaten Bücherregalen der Republik unterrepräsentiert? Und wenn ja, warum? Eigentlich, sagt man sich, ist es ja egal, ob Bücher von Männern oder Frauen geschrieben werden; Hauptsache, sie sind mitreißend, klug und lesenswert. Im Mittelpunkt steht immer die Geschichte, nicht das Geschlecht des Autors oder der Autorin. Das ist ein legitimer Standpunkt, dem ich nicht widersprechen würde. Als ich heute Morgen jedoch mein Bücherregal nach Autorinnen durchsucht habe, die ich anlässlich des Weltfrauentags empfehlen könnte, stellte ich wieder ein deutliches Übergewicht hin zur männlichen Autorenschaft fest. Nicht, dass ich das bewusst so ausgewählt hätte, über die Jahre …

Isabelle Autissier – Herz auf Eis

Buchhalterin Louise lässt sich von ihrem Geliebten Ludovic zu einer Weltreise überreden. Sie wollen ausbrechen aus dem Alltagskorsett des Erwartbaren und „Abenteuer erleben“, ungebunden sein. Sie laufen eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn an und sind begeistert von den Gletschern und Gebirgen. Die Friedfertigkeit aber findet ein jähes Ende, als ein Unwetter ihre Yacht „Jason“ fortreißt und die zwei auf der Insel zurücklässt, ohne Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Abenteuerurlaub wird ein Überlebenskampf. Isabelle Autissier weiß, wovon sie spricht. Sie hat als erste Frau im Rahmen einer Segelregatta die Welt allein umrundet. Sie kennt die Gegend. Den Elementen und der eigenen Einsamkeit ausgesetzt, gehört einiges an Risikobereitschaft dazu, eine Reise wie diese zu wagen. Aber auch zu zweit ist die Gefahr nicht restlos gebannt, im Gegenteil; sie liefert das subtile Nervenflattern, das untrennbar zu einer solchen Entscheidung dazu gehört. Louise und Ludovic könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie ist zurückhaltend, präzise, bedacht. Er ein Kindskopf, „Inbegriff der Generation Y“, risikobereit, spontan. Sie plant, er macht währenddessen. Beide eint aber ein gewisser Überdruss gegenüber dem Pariser Stadtleben. …

Bitte übernehmen Sie, Doris Brockmann!

Das Schreiben begann für mich .. mit heimlich in rote Kladden geschriebenen Internatsgeschichten, in denen immer ein Bernhardiner vorkam. Ein Buch muss .. ein Zimmer sein, in das man sich setzt und Vertrautes erkennt, aber als etwas Anderes. Manchmal entdeckt man auch völlig Neues und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mindestens ein Mal muss dieses Zimmer die Lesenden zum Lachen bringen. Mindestens. Wenn ich keine Bücher schreiben würde, könnte ich .. versuchen, endlich damit anzufangen. Ein Kindheitstraum von mir war .. Weltmeisterin im Rollschuhlaufen zu werden. Wenn ich nicht schlafen kann .. neige ich zum Grübeln. Um das zu verhindern, male ich mir Bilder zu Geschichten aus. Dann drücke ich mit festem Augenzudrücken schlechte Zweifel weg und warte darauf, dass sich Bilder einstellen, die mich verwundern und kribbelig machen. Völlig unterschätzt wird .. die Bedeutung von Freundlichkeit. Wenn ich Musik höre .. kann ich ganz schön sentimental werden. Noch lieber aber möchte ich sofort lostanzen. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee .. „Wir müssen allein und von allen verlassen sein, wenn wir eine Geistesarbeit …

Blogbuster Longlist: „In Bhutan steckt Hut“

Nach Wochen der Lektüre und des Abwägens steht meine Favoritin für den Blogbuster 2017 jetzt abschließend fest. Es war nicht einfach, aber eine besondere Erfahrung und, ganz nebenbei, ein lehrreicher Perspektivwechsel. Ich schicke Doris Brockmanns (@DorisBrockmann) In Bhutan steckt Hut ins Rennen, eine märchenhafte kleine Geschichte von Glück, Hingabe und Standhaftigkeit. Es ist ein bisschen so als sei die Zeit stehengeblieben. Es gibt keine Smartphones, keine Hektik, nur einen kleinen Ort, der sich als eigenständig begreift, obwohl er längst einer größeren Gemeinde angeschlossen worden ist. Und es gibt Rosa, die Putzmacherin.  Eine Frau, die Hüte und Mützen aller Art in hingebungsvoller Handarbeit selbst entwirft und herstellt. Rosa war immer schon ein bisschen besonders, ein bisschen eigen. Sie hat den kleinen Ort nicht Richtung Karriere verlassen, vielmehr hat sie sich einen kleinen Mikrokosmos geschaffen, in dem sie regelmäßig modeinteressierte Fashionistas aus dem urbanen Umland begrüßt, die mit Champagner und Luxuswagen vorfahren. Sie fertigt Hüte nach Maß aus diversen Materialien und ist, manchem Schicksalsschlag zum Trotz, glücklich in einer Welt, die sie nur für ihre Zeit auf …