Autor: literaturen

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen

Die Begutachtung eines trainierten Frauenkörpers im öffentlichen Schwimmbad lässt Walter Nowak unsanft mit dem Beckenrand kollidieren. Vielleicht rutscht er aber auch auf den heimischen Badezimmerfliesen aus und schlägt sich den Kopf an. Irgendeine Erschütterung jedenfalls lässt in Walter Nowak, Pensionär, gut in Form, kein Kostverächter, einiges durcheinander geraten. Julia Wolf erschafft mit ihrem zweiten Roman einen ganz eigenen Walter-Sound: verloren, unnachgiebig, versöhnlich. Walter Nowak wollte immer hoch hinaus, Karriere machen. Im Nachkriegsdeutschland verdient er sein Geld mit Hebebühnen; der schmissige Firmenslogan: Wenn hoch, dann Nowak. Walter ist das Kind einer Deutschen und eines in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten, die Liaison ist kurz. Walter wird sich in den letzten Stunden seines Lebens an die Beschimpfungen der Mitschüler erinnern, die sie ihm, dem „Bastard“, auf der Straße hinterherbrüllten. Ohne Vater im hessischen Friedberg aufzuwachsen, als uneheliches Kind, war Ende der 50er Jahre kein Zuckerschlecken. Aber Walter beißt sich durch. Er organisiert seiner Mutter ein Autogramm vom King of Rock’n’Roll, der zum damaligen Zeitpunkt als US-Soldat in Friedberg stationiert ist. Elvis ist ein Fixstern in Walters Leben, mit …

Samuel Selvon – die taugenichtse

Mit The Lonely Londoners hat Samuel Selvon 1956 einen Ton in die Literatur gebracht, der bis dato einzigartig war. In einer kreolisch-englischen Kunstsprache erzählte Selvon von karibischen Arbeitsmigranten und ihrem täglichen Überlebenskampf in der Metropole. Nun ist der Roman, sechzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen, so gekonnt wie lebendig von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt worden. Nicht nur in Deutschland verließ man sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Landes auf Gastarbeiter, auch Großbritannien warb Ende der 40er Jahre massiv um Migranten, da es der heimischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelte. Sie kamen ab 1948 vor allem von den karibischen Inseln, aus Jamaika, Trinidad oder Barbados. Sie arbeiteten vor allem in Fabriken oder im Transportwesen für einen Hungerlohn; der Zugang zur britischen Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen, trotz günstiger Prognosen, überwiegend verschlossen. Der Rassismus, so heißt es auch in Selvons Roman, war ausgeprägt und omnipräsent, jedoch immer ummantelt mit britischer Höflichkeit und Zurückhaltung. Auch Samuel Selvon gehört zu diesen karibischen Arbeitsmigranten. Es verschlägt ihn nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt in dieselben Stadtviertel wie seine Protagonisten: …

Bitte übernehmen Sie, Niah Finnik!

Das Schreiben begann für mich,.. als ich wissen wollte, was in den anderen vorgeht. Und was ich selbst davon halte. Ein Buch muss.. was mit mir machen. Wenn ich keine Bücher schreiben würde,.. könnte ich noch Betten, Brillen und Tische bauen. Ein Kindheitstraum von mir war.. zu fliegen. Ganz ohne Flugzeug, Fallschirm und Funkturm. Wenn ich nicht schlafen kann,.. zieh ich mir etwas über und laufe durch die Stadt. Völlig unterschätzt wird: Loslassen. Wenn ich Musik höre,.. verheddern sich meine Gedanken nicht mehr ineinander. Ich erfülle folgendes charmantes Autorenklischee: Brille und blass. Ob das charmant ist, kann ich nicht sagen. Eine meiner seltsamsten Angewohnheiten ist es,.. dass Normale seltsam zu finden. In der Literatur.. kann ich alles tun, womit ich sonst nicht so leicht durchkommen würde. Foto: Niah Finnik Niah Finnik wurde 1988 geboren und studierte Produktdesign, bevor sie begann zu schreiben. Sie ist Asperger-Autistin. Ihre Texte kennzeichnet eine besondere Sicht auf die Welt. Ihr Debüt Fuchsteufelsstill ist im Ullstein Verlag erschienen.

Takis Würger – Der Club

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geheimbünde und Clubs an elitären Universitäten unter anderem in Großbritannien und den USA. Auch heute rekrutieren sich Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und ein großer Teil der Finanzeliten aus ihren Reihen. Sie dienen als Karrieresprungbretter und über das Studium hinaus profitable Netzwerke, fordern von ihren Mitgliedern aber auch eine strikte Einhaltung gruppeninterner Regeln und eine unverbrüchliche Treue zu den Kameraden. Vor diesem Hintergrund spielt Takis Würgers raffiniert komponierter Roman von Verbrechen und Korpsgeist. Hans ist ein zurückhaltender, unauffälliger Typ. Innerhalb weniger Monate kommen seine Eltern zu Tode, sein Vater bei einem Autounfall, die Mutter, obwohl sie an Lungenkrebs leidet, am Stich einer Biene. Für beide Todesfälle fühlt er sich verantwortlich: Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf mein Rührei essen wollte. Hans wird aufs Internat geschickt, wo er weiterhin das Boxen trainiert, seine emotional angegriffene Tante Alexandra übernimmt den Erziehungsauftrag – im weitesten Sinne, denn sie überlässt Hans vorrangig sich selbst. So lange jedenfalls, bis sie ihn zu sich nach …

Niah Finnik – Fuchsteufelsstill

Ein bisschen verrückt ist doch eigentlich normal. Und zu viel Normalität ja auch irgendwie verrückt. Der Grad zwischen akzeptabler Andersartigkeit und behandlungsbedürftigem Problem ist oft schmal und uneindeutig. Verrücktheit ist in gewisser Weise immer auch Ausdruck der Zeit, in der sie auftritt; nicht umsonst hat sich der Umfang der fünften Auflage des Diagnostisch-Statistischen Manuals (kurz DSM-V) vervielfacht. Was früher normal war, kann heute schon verrückt sein und umgekehrt. Niah Finnik, selbst Autistin, erzählt in ihrem Debütroman von drei Menschen, deren Diagnosen sie vermeintlich klar als anders kennzeichnen: Autismus, Bipolarität, Schizophrenie. Romane vor dem Hintergrund psychischer Krankheiten begeben sich immer in die Gefahr, das Leiden zu romantisieren. Irgendwie scheint so ein Spleen einen ja besonders zu machen, feinfühliger als andere, origineller, ohne viel mehr dafür tun zu müssen als einfach zu sein. Jeder Hinz und Kunz nennt sich verrückt und crazy, manchmal nur deshalb, weil er gern im Regen tanzt und Nutella mit dem Teelöffel isst. Ganz so einfach ist es eben nicht. Über weite Strecken ist psychische Krankheit nicht cool, der Kampf um (oder wenigstens …

Arthur Rundt – Marylin

Chicago, Roaring Twentys. Ein junger Mann hat ein Auge geworfen auf eine Frau, die ihm jeden Morgen im Hochbahnzug auf dem Weg zur Arbeit begegnet. Er verfolgt sie unauffällig, umkreist sie und ihr Leben wie ein geduldiges Raubtier, das der entscheidenen Gelegenheit harrt. Nichts zeugt von stürmischer Romantik, als Marylin und Philip schließlich zusammenfinden und in New York ein gemeinsames Leben aufbauen. Zwischen ihnen bleibt eine Distanz, die aufs Engste mit dem schwelenden Rassismus der amerikanischen Gesellschaft verknüpft ist. Arthur Rundt kennt dieser Tage wohl kaum noch jemand. Zu seiner Lebenszeit war er an der Volksbühne und dem Deutschen Theater beschäftigt, verkehrte in Wien u.a. mit Robert Musil und arbeitete als Auslandskorrespondent für verschiedene Zeitungen. Seine Reisen insbesondere nach Amerika haben großen Eindruck auf Rundt gemacht; so erschien 1926 Amerika ist anders und schließlich 1928 Marylin als Fortsetzungsroman. Beide Texte gründen auf seinen Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft und dem ihr immanenten Rassismus. Mutmaßlich hat es in der Literatur kaum eine leidenschaftslosere Beziehung gegeben als die zwischen Marylin und Philip. Sie ist eine zierliche Frau von …

Die große Regression

Allerorten ist dieser Tage die Rede von einem Rückfall hinter bereits etabliert geglaubte gesellschaftliche und politische Standards. Vieles, was in der Öffentlichkeit vor einigen Jahren noch unsagbar gewesen wäre, hat sich vom Stammtisch gelöst und nimmt Kurs auf die gesellschaftliche Mitte. Globalisierungsgegner, Protektionisten, Nationalisten und Extremisten sind, so scheint es, überall in Europa und darüber hinaus auf dem Vormarsch. Wohin führt diese Entwicklung und, mindestens ebenso wichtig, woher kommt sie? Die große Regression versucht sich an Antworten. There is no such thing as society. – Margaret Thatcher Die Große Regression erscheint zeitgleich in dreizehn Sprachen. Der Essayband vereint Texte von intellektuellen Größen wie dem Anfang des Jahres verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman, Eva Illouz, Slavoj Žižek oder Ivan Krastev. Er ist als grenzübergreifendes, zeitdiagnostisches Projekt angelegt und greift als solches auch über die Grenzen Europas hinaus. Der Blick geht nicht nur in Richtung Trumps Amerika, sondern auch nach Israel und Indien. Die weitreichende Verbreitung von Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit und Protektionismus legt nahe, dass es neben jeweils individuellen und lokalen Ursachen eine Begründung geben muss, die globalerer Natur …