Kultur
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Meine Highlights 2017

Zugegeben: in den nächsten vier Wochen kann noch viel passieren. Ich könnte noch DAS Buch des Jahres entdecken und mich ärgern, es nicht in meine Hitliste aufgenommen zu haben. Grundsätzlich ist der beginnende Dezember aber ein guter Moment zur Rückschau, ganz abgesehen vom netten Nebeneffekt, gleichzeitig Geschenktipps geben zu können, die bis zum Fest noch in Reichweite sind. Für mich war es, spätestens ab der zweiten Jahreshälfte, auch ein Jahr des Zauderns und Zweifelns, weshalb ich Vieles nicht geschafft habe, was auf der Agenda stand. Viele Bücher sind liegen geblieben und sehen mich vorwurfsvoll an, viele Wochen sind zwischendurch ohne Beitrag verstrichen, weil es in meiner zarten Bloggerinnenseele gerade sinnkriselte. Vielleicht bringt das nächste Jahr die nötige Frische und das unverzichtbare Zutrauen, das es braucht, um das Tal hinter mir zu lassen. Bis dahin bringe ich aber erst einmal Buchtipps an Mann und Frau, die mich in diesem Jahr begeistert haben und die sich natürlich hervorragend zum Verschenken eignen!


Elias Hirschl – Hundert schwarze Nähmaschinen
Ein Zivildienstleistender kommt in eine betreute Wohngruppe für Schizophrene. Er versucht, die Krankheit, die ihre ganz eigene Logik entfaltet, mit klassischer Logik zu begreifen, schreibt mögliche Lebensläufe der Patienten nieder und dokumentiert irrwitzige Dialoge zwischen den Pflegern wie auch den Patienten. Hirschl schreibt so lässig und abgedreht, so unheimlich klug und witzig, dass es eine Freude ist, ihm bei jeder Abzweigung ins Absurde und Diskussionstheorische Gesellschaft zu leisten. Man muss das nachts lesen und laut in die Stille lachen, um die Schatten zu vertreiben.
Elias Hirschl: Hundert schwarze Nähmaschinen. Jung & Jung. 24, 00 €.

Anthony Marra – Letztes Lied einer vergangenen Welt
Ist zwar schon von 2016, hat aber kein Verfallsdatum. Marre verwebt seine Erzählungen von Verschwinden und Verlust sehr kunstvoll miteinander. Mal geht es um einen Retuscheur, der unliebsame Menschen in politischem Auftrag aus Bildern entfernt, dann um eine langsam verschwindende Stadt, von deren einstiger Größe nichts geblieben ist oder um ein Gemälde, das Vergangenheit und Verlust gleichermaßen symbolisiert. Beeindruckend und berührend erzählt, sind es Geschichten, die bleiben.
Anthony Marra: Letztes Lied einer vergangenen Welt. Aus dem Amerikanischen von Stephanie Jacobs und Ulrich Blumenbach. Suhrkamp Verlag. 22,95 €.

Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune
Wer sich mal kulturgeschichtlich und kurzweilig mit den positiven und produktiven Effekten der schlechten Laune beschäftigen möchte, liegt mit Andrea Gerk goldrichtig. Was ist schlechte Laune überhaupt? Und warum ist ein Optimismusdiktat nicht förderlich für das seelische Wohlbefinden? Diese und viele andere Fragen stellt Andrea Gerk in ihrem wirklich launigen Streifzug durch die Niederungen des Grantelns und Moserns. Love it!
Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune. Kein & Aber. 24,00 €.

Pankaj Mishra – Zeitalter des Zorns
Nicht wenige Bücher versuchen sich dieser Tage an einer Zeitdiagnose. Warum ist alles, wie es ist? Weshalb so viel Wut und Zorn? Wo liegen die Ursprünge? Pankaj Mishra geht diese Fragen geistesgeschichtlich an, verortet einen Bruch schon in der Französischen Revolution, in der Aufklärung und ihrem Vernunftdiktat, exemplarisch dargestellt an der Rivalität zwischen Voltaire und Rousseau. Damit ist das Buch aber mitnichten anti-aufklärerisch, es stellt bloß universalistische Glaubenssätze vor dem Hintergrund von Terrorismus, Globalisierung und Extremismus in Frage. Ein hochinteressantes, unheimlich beredtes Buch, das neue Gedanken anstößt!
Pankaj Mishra: Zeitalter des Zorns. Aus dem Englischen von Michael und Laura Su Bischoff. Fischer Verlag. 24,00 €.

Samuel Selvon – die taugenichtse
Ein Klassiker, der erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt mit Drive und einem von Miriam Mandelkow grandios übersetzten Idiom von karibischen Gastarbeitern und ihren Schwierigkeiten im London der 50er Jahre. Es geht um schwelenden Rassismus, kulturelle Differenzen und das Bemühen, sich unter widrigen Umständen in der Fremde ein Leben aufzubauen. Hochaktuell also, noch heute.
Samuel Selvon: die taugenichtse. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. dtv Verlag. 18,00 €.

Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen
Es war und ist Liebe zwischen dem renitenten Chauvi und Biedermann Walter Nowak und mir. Das Buch ein einziger Bewusstseinsstrom, aber sein Leben ein steter Mangel an Reflexion. Es ist der Ton dieses Buches, der mich mitreißt. Es ist Julia Wolfs Behutsamkeit ihrer Figur gegenüber, sie, trotz zahlloser Gelegenheiten, nicht gänzlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein Buch, das nicht erzählt wie alle anderen.
Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. FVA. 21,00 €.


Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann
Wirklich kein Geheimtipp, aber eines meiner Highlights eben. Dieser leichtfüßigen, bildhaften Sprache wegen, die ganz neue Arten entfaltet, etwas auszudrücken. Liebevoll gestaltete Figuren, skurrile Momente, eine fast märchenhafte Geschichte. Sie kommt ganz leichtverdaulich daher, einfach „schön“ und warmherzig, deshalb aber in keinem Moment kitschig.
Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont Verlag. 20,00 €.

Marc-Uwe Kling – QualityLand
Wer Klings Känguru-Chroniken mochte, der wird auch der Zukunftsvision von QualityLand etwas abgewinnen können. Ein Land in nicht allzu ferner Zukunft, das vor allem von Algorithmen gelenkt wird. Jeder wird nach seiner Nützlichkeit bewertet, Onlinekommentare zu schreiben ist ein einträglicher Beruf, ein Roboter kandidiert für ein politisches Amt. Alles ist perfekt getaktet und aufeinander abgestimmt, man muss im Onlineshop nichts mehr bestellen, weil der ohnehin bereits weiß, was man sich wünscht. Bis dem Protagonisten Peter Arbeitsloser eines Tages ein pinkfarbenen Delfin-Vibrator geliefert wird, den er wirklich nicht haben will. Der kleine Fehler im System stellt das System infrage.
Marc-Uwe Kling: QualityLand. Ullstein Verlag. 18,00 €.

Karan Mahajan – In Gesellschaft kleiner Bomben
Wie man zum Terroristen werden kann, zeichnet Mahajan in seinem hochgelobten Roman ganz unprätentiös anhand der Biographie eines Jungen, der selbst Opfer eines Anschlags wurde. Es sind die Beschreibungen der Dynamik solcher Verbrechen, die satten und bildhaften Schilderungen Neu-Delhis und der unbedingte Wille zur Differenzierung, die diesen Roman reizvoll machen. Mahajan findet eine Sprache, die einen nicht mehr vom Haken lässt.
Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Culturbooks. 25,00 €.

Jan Kjaerstad – Das Norman-Areal
Ein gefeierter Verleger kann plötzlich keine Manuskripte mehr lesen, ohne sich zu übergeben. Er zieht sich auf eine einsame Insel zurück, rekapituliert sein besinnungsloses Lesen und hinterfragt den Stellenwert der Literatur in seinem Leben, verliebt sich und scheitert an der Wirklichkeit, die ihm im Gegensatz zur Literatur schal erscheint. Dieser Roman entfaltet einen unfassbaren Sog, eine mitreißende Strömung, der man sich schwer entziehen kann. Er wirft Fragen auf zu Literatur und Leben und ihrem Verhältnis zueinander. Er ist glänzend erzählt. Ein Genuss.
Jan Kjaerstad: Das Norman-Areal. Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. Septime Verlag. 24,00 €.

Lena Grossmüller – Reiseführer des Zufalls
Wer einfach mal ohne Erwartungen und Pläne durch die eigene oder eine fremde Stadt flanieren möchte, findet in diesem ganz in blau-weiß gestalteten Büchlein ein adäquates Geleit. Es schlägt Möglichkeiten vor, dem Zufall zu begegnen, ganz unvoreingenommen. Es ist total gegen YOLO und Druck und Zwang. Ein Reiseführer ohne Führungsanspruch, sehr charmant und voller guter Ideen!
Lena Grossmüller: Reiseführer des Zufalls. Kommode Verlag. 23,00 €.

Emmanuel Carrère – Ein russischer Roman
Wahrscheinlich liebt oder hasst man Carrère, dazwischen gibt es nichts. Die einen schätzen seine schonungslose Offenheit, die anderen sind genervt von dem, was sie als Nabelschau und unangenehme Selbstbezüglickeit empfinden. Auch dieser Roman erzählt natürlich von Carrère, vom Dreh eines Dokumentationsfilms im russischen Kotelnitsch, vom Verschwinden seines Großvaters und dem Ende einer Liebe. Carrère weist mit dem, was er erzählt, immer auch über sich hinaus, hat sich aber radikal auf seine Sicht auf die Welt zurückgezogen. Nichts könne er besser sehen und beschreiben als das, was er selbst empfinde. Das geht manchmal über Schmerz- und Schamgrenzen. Aber gerade deshalb ist es so gut.
Emmanuel Carrère: Ein russischer Roman. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz. 22,00 €.

Foto: Stocksnap.io

2 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Meine Highlights 2017 – #Bücher

  2. Ich habe gerade „Das Norman-Areal“ gelesen und war genauso wie du, Sophie, sehr angetan. Manchmal machte John mir fast etwas Angst, da auch ich dazu neige, Leseerlebnisse über alles andere zu stellen …
    Viel Wiedererkennungswert also. Und John (also Jan) ist ein Genießer guter Literatur. Viele großartige Werke finden Erwähnung. Alles eingesponnen in einen packenden Roman.
    Liebe Lesegrüße
    Martina

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