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Joachim Meyerhoff – Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Mit seiner autobiographischen Reihe Alle Toten fliegen hoch hat Joachim Meyerhoff in den letzten Jahren viele begeistert. Er schrieb über seinen Auslandsaufenthalt in Amerika, das Aufwachsen auf dem Gelände der Schleswiger Psychiatrie, persönliche Verluste, seine Schauspielausbildung und nun – dem Gesetz der linearen Biographie folgend – über seine Engagements an Provinzbühnen und erste Lieben. Das tut er, wie immer, gewinnend und ausgesprochen humorvoll. An der einen oder anderen Stelle aber gerät ihm seine Rückschau zu überdreht.

Nach der Beendigung seiner Schauspielausbildung und dem schmerzlichen Tod der exaltierten, aber liebenswürdigen Großeltern hat es Meyerhoff an ein Bielefelder Theater verschlagen. Dort spielt er lustlos seine Rollen, es sinnkriselt. Soll das alles gewesen sein? In diesem Ensemble? An dieser Bühne? Er träumt von Flucht und Ausbruch, ist dafür aber am Ende zu pflichtbewusst. Er verflucht seine Geradlinigkeit, seine »Harmlosigkeit«, mit Anfang zwanzig verlangt es ihn nach einem Exzess, der nicht in Aussicht ist. Auf der Premierenfeier eines Shakespeare-Stücks lernt er Hanna kennen, die sein bis dato beschaulich-bräsiges Leben mit ihrer unkonventionellen Art in Bewegung bringt. Hanna ist intellektuell, äußerst belesen, eigenwillig und eine Aufgabe. Sie gibt wenig über sich preis und liebt es, alternative Biographien für sich zu erfinden. In ihr brodelt es, das reißt die Meyerhoff-Figur unwillkürlich mit. Er blüht auf, wechselt das Theater und lernt eine andere Frau kennen, die sich von Hanna kaum mehr unterscheiden könnte. Eine gefährliche Dreiecksbeziehung beginnt, wobei die Damen selbstredend nichts voneinander wissen und Meyerhoff des Öfteren in Erklärungsnöte gerät.

»Willst du dich umbringen?« Das war der erste Satz, den sie zu mir sagte, und ich habe mich später noch oft gefragt, ob mir das eine Warnung hätte sein sollen.

Mit Hanna ist alles Intellekt und Unberechenbarkeit, mit Franka ist es Party, ist es unkomplizierte und hemmungslose Liebelei mit wenig Worten. Jede bedient einen anderen Teil in ihm und seine Fähigkeit, beide Beziehungen in zwei verschiedenen Städten miteinander zu vereinbaren, macht ihn, trotz des schlechten Gewissens, das er empfindet, seltsam stolz. Wie jeder Meyerhoff-Roman steckt auch dieser voller Anekdoten und skurriler Figuren: u.a. die Dortmunder Bäckersfrau Ilse, mit der Meyerhoff in der morgendlichen Dämmerung Brotteig knetet und Schnaps trinkt. Ilse, die ihm bei der ersten Zusammenkunft geraten hat, ihre Backwaren nicht zu kaufen. Man muss Ilse mit ihrem Hang zur lokal gefärbten Schnodderschnauze lieb gewinnen, auch wenn sich sicher nicht alle Begebenheiten so zugetragen haben, wie Meyerhoff sie schildert. Verliefen die Grenzen in den Vorgängerbüchern so fließend, dass man sich nicht ganz sicher sein konnte, was hinzugedichtet oder dem Werk zuliebe überzeichnet worden ist, hat man hier des Öfteren den Eindruck, den Moment zu spüren, in dem es ins etwas Klamaukhafte kippt.

Vielleicht, dachte ich später, trägt jeder Mensch so ein paar Sätze in sich, von denen er gar nichts weiß, die unbemerkt in ihm schlummern und das ganze Leben verändern können.

Meyerhoffs Sprache ist nach wie vor treffsicher, schlägt aber hier und dort verzichtbare Kapriolen. Um mit seiner Freundin Franka mitzuhalten, nimmt er gelegentlich ein Aufputschmittel ein, das ihn länger wach und bei Laune hält. Mitunter liest sich das Buch, als habe Meyerhoff das Medikament auch beim Schreiben eingenommen. Es ist ein hyperaktives Schreiben und Formulieren, das die Sätze manchmal übervoll geraten lässt, zu geschmückt. Immer wieder gewinnt man kurzfristig den Eindruck, man beträte ein Haus, in dem es jemand mit der Dekoration ein bisschen zu gut gemeint hat. Wer Meyerhoff einmal reden gehört hat, weiß, dass das auch Teil seines Charmes ist; das Ungebremste, das Überbordende, zum Teil auch das Assoziative, das auch diesen Roman immer mal wieder in die frühe Kindheit und Jugend abschweifen lässt. Es sind Sätze wie »Wie ein ungebetener Gast, den man durch den Türspion betrachtet, spiegelte sich verzerrt mein kahl rasierter Eierkopf in der dunklen Iris« oder erläuternde Nebensatz-Appendixe und Kreationen (»Ephebenschweben«, »Demenzdeserteur«), die etwas zu viel wollen. Einmal schweift er ab, völlig gefangengenommen von einer spanischen Theatertruppe und ihrer archaischen Vorführung. Trotz alledem kann Meyerhoff immer noch mit seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe und seinem Witz begeistern und Anekdoten hervorzaubern, die mancher womöglich von sich selbst kennt. Sich an der Fleischtheke z.B. zwanzig Schaschlikspieße einpacken zu lassen, weil man die Fachfrau nicht in ihrem akustischen Irrtum zu korrigieren wagt. Für Meyerhoff-Fans ist auch der vorerst letzte Band der Reihe ein Vergnügen, mit kleinen Abstrichen!

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch. 416 Seiten. 24,00 €.

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